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Samstag, 10. Juni
Schwitzen
macht schlank, hoffentlich.
Nach langer, schweißtreibender Anfahrt am vorigen Tag war
heute am Samstag erst einmal ausschlafen angesagt. Jedoch, der
Nachgeschmack des Schulalltags war noch mit größter
Vehemenz in unseren Köpfen verankert, so dass selbst der
längste Langschläfer sein Bett bereits um 7.45 Uhr
verließ; und dass, wo doch das Frühstück, welches
von Volksmusik begleitet wurde, erst um 8.30 Uhr angesetzt war.
Nach der morgendlichen Nahrungsaufnahme kam es nach dem "Morgenappell"
zur allseits beliebten Kritikrunde. Im Laufe der Zeit hatten
sich schon etliche Texte angesammelt, die auf unsere Kritik warteten
und um dieser, mehr oder weniger erfreulichen, Tätigkeit
nachzugehen und gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen,
setzten wir uns hinaus in die Sonne ins Gras.
Diese Entscheidung
erwies sich als sehr ratsam, da man sich in halb sitzender, halb
liegender Stellung viel besser vor Lachen "kugeln"
kann. Da las man einerseits von einem Fanatiker, der bei (fast)
allen seinen Texten Gott eine bedeutungsvolle Rolle beimaß,
wie auch Liebesgedichte, die zwar für den Autor von größter
Wichtigkeit sein dürften, einem Außenstehenden aber
nicht besonders zugänglich sind. Um vor dem Mittagessen
noch etwas Zeit zum Schreiben zu haben, beendeten wir die Kritikrunde
mit der Erkenntnis, dass (seltsamerweise) in letzter Zeit wenig
für uns Interessantes eingetroffen ist. Doch diesen Passus
werden wir den Verantwortlichen überlassen, da alle in der
Zeit bis zum Essen auch nur auf der Veranda saßen und Spiele
spielten!? Diese Phase der fehlenden Inspiration wurde am Nachmittag
jedoch von einer äußerst kreativen Produktion abgelöst,
so dass man wieder sah: "Um gute Texte zu schreiben, muß
man sich erst akklimatisieren!" Beim Abendessen widmeten
wir dann unsere gesamte Aufmerksamkeit dem Großbildfernseher
und der EM- Eröffnung, über die auch im Anschluß
sehr viel diskutiert wurde. Den Tag, oder besser, die Nacht ließen
wir dann mit Schreiben, ein bißchen Kritik und viel Gelächter
ausklingen.
Eva- Maria Kampitsch
Sonja Harter
Sonntag, 11. Juni
Auch
den Unchristlichsten unter uns (ich, mit Abstand) befiel am Pfingstsonntag
eine gewisse Besinnlichkeit, die sich dann schlagartig in starke
Müdigkeit weiterentwickelte, mit der Dichter, so wie wir,
nichts anfangen können. Verträumt saßen wir nachmittags
am See, uns mit hochliterarischen Wortfetzen, die wir uns zuwarfen,
beglückend, suchten zwischen Gräsern, Büschen,
Federvieh eine Person namens Inspiration. "Inspiration ist
nichts", so Johannes, der Leipziger unter uns, den es sehr
erfreut stimmen würde, könnte er einmal mit der Hauptdarstellerin
aus Sonjas Erzählung schlafen. Und das fiel ihm ein, als
sie ihn um ein wenig Kritik bat.
Am Abend, beim Bier, hatten die naturblonde Sonja und ich Gelegenheit,
die türkische Sprache leider auch samt Mentalität kennen
zulernen. Denn als wir uns so ergötzten an der Gestik der
ebenfalls türkischen Wirtin, wollte die doch ihren Hund
auf uns hetzen. Das brave Vieh verstand zum Glück nur Deutsch
und wir suchten das Weite.
Das ist alles.
Sebastian Vigl
Montag, 12. Juni
Es regnete in Strömen,
als wir aufwachten. Die allgemeine Stimmung war düster und
bedrückend. Doch als wir uns am Frühstückstisch
zusammenfanden, bereits etwas gealterte Semmeln (wegen der Pfingstfeiertage)
aßen und den Schlagern lauschten, war die Welt wieder in
Ordnung.
Gestärkt und motiviert machten wir uns an die Arbeit. Um
halb zwölf hielten wir eine kurze Kritikrunde ab, bevor
wir uns dem wie gewohnt überaus üppigen Mittagessen
im Gasthof Sternen widmeten.
Das Wetter war mittlerweile besser geworden. Und so verlangte
es einigen der Gruppe nach einem Ortswechsel, auf der Suche nach
Inspiration und Abenteuern. Während die einen pflichtbewusst
auf der Merry Ranch blieben, um an ihren Texten weiterzuarbeiten,
brachen die anderen zum Harder Hafen auf, um eine Schiffsfahrt
nach Lindau zu machen. Das Pech war nur, dass das gewünschte
Schiff lediglich von Bregenz aus in See stach. Also machten wir
uns auf den Weg nach Bregenz, teils zu Fuß, teils mit Taxi.
Dort angekommen mussten wir feststellen, dass das Schiff erst
in zwei Stunden fahren würde. Das veranlasste uns, ein Café
am Seeufer aufzusuchen (das allerdings etwas teuer war). Als
wir schließlich auch noch von einem animalen Verlangen
nach Eis heimgesucht wurden, begaben wir uns, geleitet von unserer
ortskundigen Dani, in ein etwas billigeres Etablissement, wo
wir genussvoll "Heiße Liebe" schlemmten, in welcher
wir auch tatsächlich die gesuchte Inspiration fanden.
Schließlich
traten wir gegen sieben unsere Heimreise mit dem Bus an.
Auf der Merry Ranch hatten bereits unsere talentierten Köchinnen
Marlies und Katrin begonnen, das Abendessen vorzubereiten. Wir
wurden mit einer köstlichen Spargelcremesuppe und einem
noch köstlicheren Sugo à la Marlies plus Spaghetti
verwöhnt.
Dann machten sich alle noch einmal an die Arbeit, in dem Bewusstsein,
dass am nächsten Tag die große Lesung sein würde.
Anna K. Wohlgenannt
Daniela Welte

Mittwoch, 14. Juni
Ein letztes Mal aufwachen. Mit Kopfweh, vielleicht.
Gedrückte Stimmung am letzten sonnigen Morgen auf der Merry
Ranch. Niemand will so richtig aus dem Bett, einpacken, zurücklassen.
Nach dem letzen Frühstück sitzen wir betroffen in unseren
Bungalows, versuchen uns mit MTV abzulenken, letzte Gedichte
werden geschrieben, vorgelesen, kritisiert. Adressen werden ausgetauscht,
die Abfahrt rückt immer näher. Zurück in die Zivilisation?
Keiner will so recht.
Schlussendlich treten wir die Heimreise an. Am Bahnhof Bregenz
trennen wir uns von Dani. In Innsbruck verlassen uns unsere Süd-Tiroler
Freunde und Anna. Umarmungen, Küsse, fast Tränen. Immer
stiller wird es.
Hungrig (nein, kein Speisewagen im ungarischen Zug) und müde
(vom Vorabend vielleicht) hängen wir bis Bruck in unseren
Sesseln, Worte werden kaum gewechselt. Wie schön diese paar
Tage doch waren. Da sind wir uns einig. In Bruck trennen wir
uns schließlich von Eva-Maria. Nun sind Martin und ich
in unserem schon sich im Anfangsstadium befindenden Post-Schreibzeit-Trauma.
Ein letztes Händeschütteln am Grazer Hauptbahnhof,
die Wege trennen sich. Doch nicht für immer.
Sonja Harter

Lesetip: Das Werkstatt-Tagebuch
zur Schreibzeit Hard 1999
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