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Anreise Freitag, 21. 5.
»Was wäre
die Person, wenn sie Du wäre?«
»Verwirrt!«
Allgemeines Lachen. Bei solchen Spielen kann man nicht nur die
anderen Schreibenden kennenlernen, sondern auch sich selbst,
was viel Spaß machen, aber auch zu einigen Überraschungen
führen kann.
Doch bevor wir uns am Abend zur geselligen Runde in der Harder
Jugendherberge zusammensetzen konnten, mußten noch einige
hundert Kilometer per Bahn und Bus überwunden werden.
Für mich begann der Tag sehr früh 6.00 Uhr Aufstehen
tue ich mir sonst nicht freiwillig an, aber ich dachte, daß
auch die anderen TeilnehmerInnen zeitig aufbrechen würden,
selbst wenn Graz (Steiermark), Schiltern (Niederösterreich)
und Bludenz (Vorarlberg) zum Beispiel nicht so weit vom Bodensee
entfernt sind wie Halle (Sachsen-Anhalt).
Ich weiß nicht mehr, wie ich mich schlaftrunken zum Bahnhof
schleppte, den Rucksack auf dem Rücken, den Schirm in der
Hand und literarische Vorboten im Kopf. In Naumburg beim ersten
Umsteigen wurde ich dann endlich etwas wacher und bemerkte voll
Freude, daß mein Englischseminar gerade angefangen hatte.
Einmal werden sie auch ohne mich auskommen, dachte ich, schob
diesen Gedanken schnell beiseite und fuhr weiter nach München.
Als ich aus dem Fenster blickte, bemerkte ich, daß das
Wasser noch immer unaufhörlich der Erde entgegenstrebte,
und ich freute mich, im Warmen und Trockenen zu sitzen. Ich habe
nur gehofft, daß es bis Hard aufgehört hätte
zu regnen.
Draußen am Fenster des Eisenbahnwaggons zogen einzelne
Häuser vorbei, Städte, grüne Wiesen, Burgen auf
hohen Felsen, Schafe an Berghänge gedrückt, schwarzweiße
Kühe und viel Wasser überall.
Dann wechselte ich vom kroatischen Kunstmäzen (EC Mimare)
zum genialen Physiker (EC Albert Einstein) und machte mich auf
Österreich gefaßt, doch noch immer war kein Stückchen
Blau am Himmel zu entdecken. Aber ich konnte ja nicht ahnen,
mit wieviel mehr Wasser ich konfrontiert werden würde. Es
hatte noch nicht aufgehört zu regnen, als wir uns alle in
Bregenz am Bahnhof versammelt hatten, den Bus nach Hard bestiegen,
und so wurde der Weg von der Haltestelle zur Jugendherberge ziemlich
lang.
Nach einem späten Abendessen bei den »Sternen«
versammelten wir uns verbotenerweise, wie wir am anderen Morgen
von der etwas genervten Herbergstochter erfuhren, im Vereinsraum,
der diversen ortsansässigen Gemeinschaften vorbehalten war,
und versuchten, uns besser kennenzulernen. Doch bis heute weiß
ich noch nicht, was ich wäre, wenn ich ein Baum oder
passender ein Gewässer wäre.
Bettina Hübner
Samstag, 22. 5.
Its raining
cats and dogs. Es war zu erwarten, dass das Wetter nicht immer
auf unserer Seite sein würde, aber an diesem Tag war es
absolut gegen uns. Es regnete den ganzen langen Tag und sammelte
sich auf den Straßen, in den Gärten und auch in den
Kellern.
Nichtsdestotrotz ließen wir uns unsere Produktivität
nicht nehmen.
Unmenschlicherweise wurde das Frühstück auf 8 Uhr 30
angesetzt, so verließ ich um 8 Uhr 29 notgedrungen mein
Bett, um noch etwas von dem abwechslungsreichen Frühstücksangebot
à la Semmeln und zwei Marmeladesorten abzubekommen.
Ein Dornbirnerin, die in der Früh zu uns gestoßen
war, hörte sich nach dem Frühstück die erste Themenvergabe
an, packte ihre Sachen und ging. Der Vorwand ihrer Abreise war
eine Erkältung, jedoch weiß jeder, dass nicht alle
Themen jedermanns Sache sind.
Den Vormittag nützten wir, um neue Ideen aufs Papier zu
bringen. Das größte Problem war jedoch nicht, neue
Geschichten oder Gedichte zu erfinden, sondern den trockensten
Weg zu dem Gasthaus zu finden, wo wir zu Mittag essen wollten.
Und deshalb wählten wir statt dem überschwemmten, direkten,
einen trockenen, aber längeren Umweg.
Der Nachmittag stand ganz im Zeichen der ersten Textbespre-chung.
In verschiedenen Bereichen wurden wir neu belehrt, unter anderem
erfuhren wir, daß nicht alle Gedichte von jedem verstanden
werden, daß nicht jede Frau auch körperlich eine Frau
ist, und daß man auch auf Erdbeerfeldern Karriere machen
kann. Höchst interessant war auch eine plötzlich über
uns einfallende Wolke von Musik, denn den Radio aus dem Nebenzimmer
konnten wir durch die brutal dünnen Wände sehr gut
hören. Und für mich war es doch sehr schwer, zu Britney
Spears mörderisch gutem »Baby one more time«
nicht aufzustehen und dazu zu tanzen.
Nach drei Stunden intensiven Zuhörens und aktiven Kritisierens
war es wieder Zeit für das Abendessen, und unser Stammgasthaus
»Sternen« erwartete uns mit offenen Armen und einer
leckeren Gemüselasagne, für die jedoch nur mehr die
wenigsten Platz in ihren Mägen fanden.
Am Abend vergnügten wir uns mit der »Erlesenen Leiche«
einem Fortsetzungsspiel, bei dem jeder einen Satz aufs
Papier bringen muss, dieses umfalten muss, damit der nächste
nur das letzte Wort zu lesen bekommt. Dieser muss dann zu diesem
Wort einen passenden Satz anfügen, und so ergibt sich eine
recht kuriose Geschichte. Mit Bill Clinton und Hard am Bodensee
als festgelegten Fixpunkten entstanden die aufregendsten Geschichten,
und welch Wunder es doch ist, daß Monica Lewinsky auch
Mittelpunkt des Geschehens wurde ...
Nach diesem höchst »anstrengenden« Spiel sehnten
wir uns nach etwas Abwechslung und wanderten einen Stock tiefer
ins Gasthaus und den hauseigenen Bowlingcenter. Da jedoch keine
Bahn frei war, setzten wir uns bei einem Gläschen Rotwein
zusammen und sprachen über Gott und seine Philosophen.
Christian Kohlhofer
Sonntag, 23. 5.
Tag des heiligen
Geistes. Wir hoffen alle, daß er uns inspirieren wird,
aber vorerst hat er nur Wasser geschickt. Der Bodensee kennt
keine Grenzen mehr, und so ereignet sich in Hard die größte
Hochwasserkatastrophe, die das Dorf seit hundert Jahren gesehen
hat. Glücklicherweise haben wir Barbara, die Kapitän
spielt, und uns trockenen Fußes ins Gasthaus chauffiert.
Am Rückweg jedoch ist das Wasser derart gestiegen, daß
sogar ihre Kräfte versagen, und uns nichts anderes übrig
bleibt, als den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Nun heißt
es Schuhe aus, Hose hoch und mitten durch die Fluten.
Von solcher Anstrengung geplagt, verläßt uns Jennifer
und kehrt heim nach Bludenz (schon wieder eine Lyrikerin weniger!).
Doch die Hinterbliebenen lassen sich nicht entmutigen, und obwohl
vom heiligen Geist noch immer nichts zu sehen ist, machen wir
uns eifrig ans Schreiben.
Immerhin lässt sich am Nachmittag die Sonne bereits soweit
blicken, daß wir es wagen können, draußen nach
einem trockenen Plätzchen zu suchen. Dafür wird das
Gasthaus in der Herberge wegen Überflutung der Zufahrtsstraße
geschlossen, was besonders für Martin ein harter Schlag
ist, da wir auf unseren Kaffee verzichten müssen. Am Abend
gings dann zum Italiener Wein trinken, und einige aßen
außerdem »Miratisu« (Johannes weigerte sich
konsequent, »Tiramisu« zu sagen, so daß sogar
Christian das Wort übernahm und damit den Kellner irritierte.)
Wir kamen sogar trockenen Fußes nach Hause, mußten
nur über eine halbüberflutete Straße springen,
und waren, endlich daheim, dementsprechend müde.
Christof Capellaro
Lydia Scherenzel
Montag, 24. 5.
Da Pfingsten ist,
war der heutige Montag auch frei. Sowohl für die stressgeplagten
Schüler, als auch für die berufstätige Bevölkerung.
Nach einem mehr oder weniger verschlafenen Frühstück
bemühten sich die Teilnehmer der Werkstatt noch, den einen
oder anderen Verbesserungsvorschlag für ihre Texte zu bekommen,
bevor es schließlich, diesmal Gott sei Dank trockenen Fußes,
zum Mittagessen ging.
Kinder tollten auf der überfluteten Straße umher,
die an der Kirche vorbeiführte, und quietschten dabei vor
Vergnügen. Es war richtig schön anzusehen, dass es
wenigstens ein paar gab, die sich über die Wassermassen
freuten. Der große Regen hatte noch nicht einmal 24 Stunden
Pause gemacht, doch das kleine Strandcafé war schon bis
zum Bersten voll. Und überhaupt, die ganze Gemeinde wirkte
wie vom Auswanderungszwang befallen. Überall sah man Radfahrer
und im Wasser halb versunkene, langsam dahinfahrende Autos, die,
so wie es schien, nur durch den Ort fuhren, um sich die Überflutungen
und die damit verbundenen Schäden zu betrachten.
Nach einem guten Mittagessen im »del Lago« machte
sich ein Teil von uns auf den Weg zum Bodensee, um sich dort
aus allen Posen photographieren zu lassen. Der Nachmittag verlief
im Großen und Ganzen eher ruhig. Das gleiche Symptom war
auch am Abend zu beobachten. Doch wer die Werkstattcrew kennt,
der weiß, dass das nicht normal sein kann. Mit Recht
denn was wäre ein Werkstatt-Tag ohne UNO, das bis spät
in die Nacht, und zum Ärger der eher müden Bevölkerung
mit viel Gelächter, gespielt wurde. So spielten wir, spielten
und spielten, bis uns die Augen zufielen, und wir es nur noch
mit knapper Not ins Bett schafften.
Eva-Maria Kampitsch
Dienstag, 25. 5. Abreise 26. 5.
Schon frühmorgens
ist der Computer dauernd besetzt, was wohl daran liegt, dass
heute Abend die Abschlusslesung stattfindet, und jeder seine
Texte zur besten Lesbarkeit mit unserem Drucker ausdrucken, jeder
die von Johannes und Martin durchbesprochene letzte Version vorlesen
will. Noch am Vormittag waten Martin und ich Richtung Schiff,
nein, Richtung Rathaus, aber in Hard ist das ja dasselbe, ein
sehenswertes Gebäude. Wir wollen uns über diverse Dinge
erkundigen, etwa, ob trotz des Hochwassers die Lesung wie geplant
stattfindet. Im Rathaus werden wir dermaßen beruhigt, dass
wir beide am Ende der Meinung sind, es sei alles in Ordnung so,
das müsse fast so sein, das habe seine Regelmäßigkeit
mit dem Hochwasser.
Im Rathaus ist man sowieso äußerst heiter, trotz strengen,
aber sehr beliebten Bürgermeisters, der seinen Bediensteten
nicht gestattet, Zeitungen mit ins Büro zu nehmen. Ob man
deswegen so heiter ist?
Es passiert noch etwas Unglaubliches: Wir bekommen ohne Probleme
und sofort die von der Gemeinde Hard zugesprochene Förderung
(zumindest einen Teil) bar auf die Hand ausbezahlt! Das rauhe
Katastropenklima, das aber normal ist, scheint auch das alles
in Schwung zu versetzen, was die Öffentlichkeitsarbeit betrifft.
Gerne würde ich etwas davon mit in den Osten nehmen (nicht
von den Katastrophen)!
Zum Mittagessen geht es normal, durchs Wasser nämlich. Zum
Glück sinkt zu dieser Zeit der Wasserstand enorm, so weit,
dass ich gleich nach dem Essen wage, mein Auto von Marlenes geschützter
Anhöhe zu holen.
Die für 15 Uhr geplante Leseprobe verzögert sich etwas,
da Martin nur einen einzigen Laptop zu Verfügung stellen
kann (Schäm dich!). Aber vielleicht werden wir eines Tages
finanziell so weit gefördert, dass jeder seinen eigenen
Computer auf den Werkstätten benutzen kann ... ist ja gut,
man wird ja wohl noch träumen dürfen!
15 Uhr ist ein Zeitpunkt für eine weitere Sensation: Martin
erhält einen Anruf vom ORF-Landesstudio Vorarlberg, obwohl
er nur ein B-Free Handy hat, kein offizielles, wo die Nummer
überall aufscheint, keines, wo man per Zufallsgenerator
ausgewählt und angerufen wird, um Fragen zu beantworten,
etwa, ob man mit den Wiener Linien zufrieden sei. Auf jeden Fall
bekommt Martin einen Anruf, eine Einladung zu einem Interview
für das Radio Vorarlberg, für den nächsten Tag,
den 26. Mai.
Um 16 Uhr stelle ich mein Auto zu Verfügung, damit wir nicht
auch zur Lesung durch das Wasser waten müssen, fahren zu
dem Ort, wo die Lesung stattfindet, ein Jugendkulturzentrum in
Hard namens »Kammgarn«, wo wir auch die Leseeinteilung
machen, bevor wir zu unserem Gasthof fahren, um zu Abend zu essen.
Nach dem Abendessen beginnt langsam die Nervosität zu steigen,
für viele ist es ja der erste öffentliche Auftritt,
das erste Preisgeben von selbst Geschriebenem! Aber dank der
professionellen Leseproben zusammen mit Johannes sinkt der Nervenkitzel
wieder, denn jeder hat nun ein Bild davon, wie er am besten seinen
Text präsentiert.
Die Lesung selbst wirkt eher familiär, wohl nicht nur dadurch,
dass die Zuhörer zu einem großen Teil aus Marlenes
Familie stammen.
Danach kommt es zum Umtrunk, zum Gespräch mit den Zuhörern,
zur Diskussion über die vorgetragenen Texte, zur Reise nach
Lustenau, Billiardspiel, Tischfussball und Dart, einfach ein
toller Abend!
Auch der Heimreisetag, der 26. Mai, ist toll, zumindest hat er
toll begonnen, als wir zum ORF-Landesstudio fahren, dort alle
die Möglichkeit haben, abermals unsere Texte vorzutragen
und ein Interview zu geben. Die Heimreise selbst verzögert
sich etwas durch das Hochwasser, ist also weniger toll, aber
das Wichtigste: Jeder kommt gut zu Hause an.
Barbara Hanfstingl
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