Gwendolyn Meisinger (11)

Wynniepegs Geheimnis
oder Die Schwingen des Pferdes

Wynnie und Tony saßen in ihrem Baumhaus. Daran war nichts Ungewöhnliches, Wynniepeg Asussan, zwölf Jahre alt, Tochter französischer Einwanderer, und Tony Verlace, dreizehn Jahre alt, die Familie seit vier Generationen in Summerville ansässig, saßen meistens in ihrem Baumhaus. Wohl aber ungewöhnlich war ihr Gesprächsthema. Denn seit einer Woche wurde die Kleinstadt Summerville, ein 5.000-Seelen-Dorf im Cheerwood-Forest, regelrecht von Schaulustigen belagert.
Es hatte nämlich dick und fett in den Cheerwood Daily News gestanden:

Pegasus in Summerville gesichtet
Am Samstag, dem neunundzwanzigsten Juli, wurde im Cheerwood-Forest, nördlich von Summerville, ein Pegasus gesichtet. Janice P., Augenzeugin, beschreibt das Wesen als »gut einssiebzig groß, weiß, pferdeartig, mit befiederten Flügeln.«
Der Pegasus – eine Sagengestalt, die einem geflügelten Pferd gleicht, soll laut alter Überlieferungen ein Kind des Poseidon und der Gorgone Medusa sein. Aus der Erde geboren, auf die, nach der Köpfung durch Perseus, Medusas Blut getropft sei. Er half Bellerophon bei dem Kampf gegen die Chimäre und die Amazonen.
Wenigstens hierbei ist man sich sicher, denn, auch wenn ein Jungenstreich vermutet wird: Die Ermittler tappen im Dunkeln …
(geschrieben von: Pete Roffet)

»Was meinst du dazu?«, fragte Tony Wynniepeg. »Ist schon ’ne krasse Geschichte, oder, Wynnie?«, er machte eine Grimasse. »Die Ermittler tappen im Dunklen … das heißt, Chief Boston sieht vor lauter Whiskey nicht mehr geradeaus.« Es war allgemein bekannt, dass Boston, der Polizeichef von Summerville, ein ›kleines Alkoholproblem‹ hatte.
»Tony … meinst du nicht, dass man ihn in Ruhe lassen sollte?«
»Boston?«
»Den Pegasus, du Dumpfbacke! Vielleicht ist er bloß ein Gefangener zwischen den Welten, unfähig, in die Welt der Fabeln zurückzukehren, doch ebensowenig in unserer willkommen, eine ewig Suchende …«
»Eine?«
»Woher willst du wissen, dass es ein Er ist?«
Tony musste zugeben, dass Wynnie recht hatte.
»Es könnte auch ein Zwitter sein!«, sagte er grinsend.
»Tony!« Wynnie sprang auf.
»Ich gebe auf!«, er hob die Hände, doch Wynnie stürzte sich auf ihn und kitzelte ihn. »Wyhihinnie … Bihittee. Ich gebe auhauf … Hahahaa … Wyhinnieee …«
Schließlich ließ Wynniepeg von ihm ab.
»Du und deine Scherze!«, sagte sie »Pff…«
»Du bist auch nicht komischer.«
»Doch. Ein Stein ist komischer als du«, sagte sie sarkastisch.
»Der war fies!«
»Nein, bloß ehrlich.«
»Wynnie, sei still!«
»Ja, ja, ja … Wynnie sei still, Wynnie, mach dies, Wynnie, mach das …«
Tony seufzte theatralisch.
»Du ahnst ja nicht, wie anstrengend es ist, dich tagtäglich ertragen zu müssen … Wynnie, nein, bitte nicht!«
Doch Wynniepeg hatte sich schon wieder auf ihn gestürzt …

°*~*°

Am nächsten Tag in der Schule war der Pegasus natürlich das Gesprächsthema. Die ganze Tussenfraktion, allen voran natürlich ›Die Grazien‹, Loretta, Felicitas und Selina, zerriss sich schier das Maul darüber. Vornehmlich diskutierten sie natürlich, wie man es anstellte, den ganzen Medienrummel möglichst imagewirksam zu nutzen. Loretta zum Beispiel hatte gestern – vor laufenden Kameras – behauptet, der Pegasus hätte sie fast totgetrampelt. Am Tag davor hatte Selina eine Geschichte ersonnen, dass der Pegasus immer zu Vollmond aus ihrem Gartenteich trank. Zufällig war jedoch am Tag zuvor Vollmond gewesen, sodass man es allzu schnell nicht nachprüfen konnte. Am selben Tag hatte Felicitas mit einer ganzen Herde von Pegasussen aufgewartet – direkt vor einem Haufen Journalisten der reißerischsten Zeitungen. Alle drei hatten als die ›Pegasus-Mädchen‹ in der Zeitung gestanden, doch statt Ruhm zu ernten konnten sie sich jetzt blöde – aber allzu wahre – Witze anhören, wie etwa ›Pegasus-Mädchen, dumm wie Brötchen!‹ Das reimte sich zwar nicht hundertprozentig, doch stimmte vollkommen. Ebenso wie ›Die Mädchen mit dem Pegasus – labern den ganzen Tag nur Stuss!‹ oder ›Der Pegasus nur ein Märchen ist – bloß Lorettas, Felicitas’, Selinas Hirn ist voll Taubenmist!‹ Es kursierten Unmengen von Pegasus-Witzen und -Sprüchen, die fast jeder lustig fand – bloß Wynnie tat es als albern ab. Sie konzentrierte sich lieber auf die bevorstehende Englischprüfung oder die Klassensprecherwahl. Sie kandidierte nämlich dafür, und Tony war sozusagen Wahlhelfer. Das hieß, dass er in Wynnies Namen Süßigkeiten austeilte, denn die Kandidaten selbst durften keine ›Wahlgeschenke‹ machen. Tony machte das mit Freuden, da er selbst nach Herzenslust mitnaschen konnte. Doch selbst die Klassensprecherwahl rückte neben dem Pegasus in den Hintergrund.
Viele Leute witterten hinter dem Pegasus ein gutes Geschäft, und so überraschte die meisten nicht, was geschah. Tatsächlich, kurz darauf machte ein Souvenirladen auf – ›Pegasus Store‹ – mit T-Shirts, Kappen, Schlüsselanhängern, Bonbons, Schuhen, Bleistifte und sogar Unterwäsche im Pegasus-Design. Pizzeria Pronto, Gill’s Restaurant und Café Circus sattelten um und nannten sich ab sofort Pizzeria Pegasi, Pegasus Restaurant und Café zum Geflügelten Pferde. Auch öffneten Hotels (zwei Stück, die sinnigerweise beide ›Hotel Pegasus‹ hießen) und es wurden unechte Pegasus-Federn, Pegasus-Schweif- und Mähnenhaare und sogar ›Magisches Zaumzeug – Nicht nur für den Pegasus!‹ verkauft. Ganz Summerville war im Pegasus-Fieber.
Bald darauf entdeckte die Nachbarstadt Charlesville einen Kobold im stadteigenen Wald, und auch Deepville ließ sich nicht lange bitten und zog mit einer Nixe im städtischen See nach. Doch keines der Fabelwesen wurde so populär wie der ›Summervill’sche Pegasus‹. Der Hauptplatz Summervilles bekam einen – ziemlich kitschigen – Pegasus-Springbrunnen, das Dorfbad eine Pegasus-Rutsche und sogar das Summerville-Wappen wurde alsbald mit einem Pegasus verziert. Nur Wynnie blieb von dem Pegasus-Hype unberührt, wurde regelrecht ausfallend, wenn man sie darauf ansprach. Bald gaben es alle auf, bis auf Tony, der bat und bettelte, dass sie mit ihm den Pegasus suchen ging. Ihre wütenden ›NEIN‹s schienen an ihm abzuperlen wie Wassertropfen an einem Lotusblatt, was Wynnie noch mehr ärgerte. Selbst als sie ihn für mehrere Tage ignorierte, gab er nicht auf. Er schien regelrecht besessen von der Idee. Schließlich, eines Morgens auf dem Schulweg, ließ sich Wynnie breitschlagen.
»Unter einer Bedingung!«, sagte sie.
»Welcher?«
»Wenn du ihn – oder sie – gesehen hast, wirst du nie, niemals, unter keinen Umständen versuchen, äh… es zu fangen, zu berühren, ihm in sonst irgendeiner Weise näher zu kommen oder seine Aufmerksamkeit auf dich zu lenken! Versprichst du mir das?«
»Puh … äh … ja, okay …« Offensichtlich wagte er gegen eine derartige Übermacht an Worten nichts zu sagen.
»Und noch etwas …«
»Noch was?«, er schien entsetzt.
»Ja, noch was. Ich werde erst in zwei Tagen mitkommen. Nicht heute Nacht.«
»Aber …«, versuchte er, der Verzweiflung nahe, zu argumentieren.
»Dann gar nicht«, sagte Wynnie kategorisch.
»Schon gut.«
Schweigend machten sie sich auf den Schulweg.

In der Deutschstunde sollten sie eine dreiseitige Geschichte zum Thema ›Ich treffe einen Pegasus …‹ schreiben. Tony hatte erwartet, dass Wynnie – wie sonst – begeistert drauflosschreiben würde, doch sie rührte keinen Finger.
»Ist etwas, Wynniepeg?«, fragte Mrs. Foster geheuchelt freundlich.
»Ich will hiermit zum Ausdruck bringen, dass die schamlose und banale Ausbeutung der Pegasuserscheinung im Cheerwood-Forest zum Zwecke der Ankurbelung des Konsums in Summerville den Pegasus meiner Meinung nach zu einem ungeeigneten Thema für einen Schulaufsatz macht.«
Tony grinste verstohlen in sich hinein. In Fremdwörtern und ihrer Nutzung – um Erwachsene kleinzukriegen – war Wynnie schon immer spitze gewesen. Naja, so lange er sie kannte, jedenfalls, und das waren immerhin schon fast zwei Jahre …
»Nun, äh … Wynniepeg, meiner Meinung nach ist der Pegasus ein … gutes Thema, dass die Fantasie, hm, anregt! Ich habe es nicht extra wegen diesem … diesem … Pegasustrend gewählt, sondern weil ich es, nun, hm … einfach schön finde«, sagte sie.
Ihr pausbäckiges Gesicht mit dem übermäßigen Lippenstift und dem Schafsblick schwabbelte vor Nervosität. Als Mrs. Foster sich powackelnd entfernte – sie hatte ein äußerst üppiges Hinterteil – zischte Wynnie leise: »Wer’s glaubt, wird selig!«
Während der Zeit, die sie zum Schreiben nutzen sollten, schrieb Wynnie keine einzige Silbe. Sie spielte mit Tony TicTacToe auf einer Heftecke, wo Tony 27mal gewann und sie 34mal, entwarf drei Kleider, fünf Hosen und zwei paar Schuhe, zeichnete einen Pfau, drei Wellensittiche, sieben Ratten und je fünf Löwen, Papageien und Hasen, löste ein Sudoku von Tony und zeichnete eines für ihn, begann ein Kreuzworträtsel und lackierte sich die Fingernägel. Sie hätte noch viel mehr zu tun gehabt, doch dann war die Zeit schon wieder um.
»So Kinder, ihr habt noch zehn Minuten!«, sagte Mrs. Foster, die wegen ihrer ausladenden Formen und ihres Vornamens – Fadladee – auch ›Fat Lady‹, also ›Fette Dame‹ genannt wurde, mit schriller Stimme.
Wynnie zog eine Grimasse. Mrs. Foster war einfach schrecklich. Kinder – sie waren immerhin in der dritten Klasse! Und manche Schüler wurden von ihr peinlich bevorzugt. Zu allem Übel würden ihre Schulnoten, wenn es so weiterging, den Bach ’runtergehen. Tony, dessen Schulnoten ohnehin eher Mittelmaß waren, machte sich da weniger Sorgen.
»Zeigt doch mal, was ihr geschrieben habt!«
Mrs. Foster begann, wie immer, bei Klassenprimus und Mr-Ich-bin-der-Beste-hier-und-die-Mädels-lieben-mich Adrian Cornwell. Ganz zufällig war er nicht nur ihr Lieblingsschüler, sondern auch ihr Neffe, der Sohn ihrer Schwester Heleny, einer spindeldürren, humorlosen, irgendwie vertrockneten Person, deren Höhepunkt des Jahres der Frühjahrsputz war und deren ganze Bewunderung ihrem Mann und ihrem Sohn galt. Das sagte schon alles über sie aus. Adrians Vater, Sir Caesar from and to Cornwell, war adelig. Er war Ehrenbürger von Summerville und Charlesville, ein Mann von imposantem Körperumfang und harschem Verhalten gegenüber Untergebenen. Adrian kam sehr nach ihnen, dick, nicht gerade intelligent, äußerst verwöhnt und noch arroganter als sein Vater. Ja, arrogant beschreibt ihn gut. Umso amüsanter war es, dass er sich für Casanova persönlich hielt. Tatsächlich brachte er in regelmäßigen Abständen irgendwelchen Mädchen Blumen mit, oft sogar der Lehrerin. Das wäre ja sogar süß gewesen, wenn er nicht so ein überheblicher Schwachkopf wäre. Peinlicherweise waren es meist rote Rosen, die ja für ewige Liebe standen. Auch jetzt standen welche am Lehrerpult.
»Adrian, lies doch bitte mal vor, was du geschrieben hast.«
Adrian hechelte unterwürfig zum Pult, rückte seine Muttersöhnchen-Krawatte zurecht und begann zu sprechen.
»Am Sonntag besuchten Mutter und ich die Kirche.«
Noch so eine von seinen Schattenseiten. Er hatte viele nervöse Ticks, schaute alle fünf Minuten auf die Uhr, putzte andauernd seinen Anzug, hatte vor der halben Tierwelt Angst – sogar vor Meerschweinchen – und er redete, als wäre es tiefstes Mittelalter. Mutter und ich, also wirklich! Doch das alles machte ihn nicht etwa liebenswert verschroben, da er alle mit dieser grauenvollen Mischung aus geheuchelter Freundlichkeit und aufgeblasenem Ego behandelte. Und er schleimte sämtliche Lehrer gnadenlos ein.
»Nicht die neue, schöne Kirche am Stadtrand, die Vater der Stadt bezahlt hat, sondern die alte im Wald, die mit den weißen Mauersteinen und den antiquierten Buntglas-Fenstern. Auf dem Wege dorthin trafen wir Justine.«
Justine erbleichte auf ihrem Sitz und barg den Kopf in den Händen, während einige andere hämisch kicherten.
»Justine lächelte mich unterwürfig an, wie sie es immer tut, wenn wir uns nach der Schule in der Bibliothek sehen. Ich glaube, sie liebt mich. Verständlich. Genau diesen Moment wählte sich das geflügelte Untier, um aus dem Gebüsch zu gleiten. Er sah nicht so lieblich und sagenhaft aus wie in den Erzählungen, sonder eher monströs. Ich nahm einen Buchenast und versuchte, Justine und Mutter mit all meinen Kräften zu beschützen. Ich kämpfte mit gar titanischer Stärke, doch der Pegasus war mir über. Ich wollte ihm mit dem Aste auf den Kopfe schlagen, da stürzte ich plötzlich! Er packte mich und schleifte mich in Richtung des Waldes. Ich sah noch Justines zärtlich verliebtes, sorgenverzerrtes Antlitz, dann wurde es um mich dunkel. Plötzlich jedoch – «
»GENUG!«
Wynniepeg fuhr auf. Empört blickte Mrs. Foster sie an.
»Wynniepeg?«
»Madame?«, leicht zu erraten, wer das war.
»Nichts ›Wynniepeg?‹! Ich bin mit dieser Darstellung in höchstem Maße unzufrieden.«
»Miss Asussan! Ich muss Sie bitten, sofort – «
»Nein, Mrs. Foster. Adrian, merkst du nicht, wie sehr du Justine blamierst? Sie KANN DICH NICHT LEIDEN! Aber sie versucht, nett zu dir zu sein! Und du interpretierst da etwas hinein, womit du sie zum Gespött machst. Und was noch viel schlimmer ist: Du ziehst den Namen eines Fabelwesens durch den Dreck, eines unschuldigen Opfers, dass nichts, aber auch gar nichts, für deinen grauenvoll miserablen Schreibstil kann! Du, du – «
Sie dampfte regelrecht vor Zorn.
»Miss Asussan! Was reden Sie für einen gottverdammten Unsinn! Der arme Adrian! Sie werden sofort meine Klasse verlassen!«, sagte Mrs. Foster mit grauenhaft schriller Sirenenstimme.
»Mit Vergnügen«, fauchte Wynniepeg, nahm ihre Mappe und stampfte zur Türe. Dann drehte sie sich um, mit zornigem, seltsam kalten Blick in ihren dunkelgrünen Augen.
»Das wird noch ein Nachspiel haben«, sagte sie tonlos.
»Und wie!«, keifte Mrs. Foster. »Ich schicke deine Eltern zum Direktor! Ich werde – «
»Nichts werden Sie«, sagte Wynniepeg schlicht. Dann ging sie hinaus.

°*~*°

»Super Auftritt!«, sagte Tony augenzwinkernd.
»Du hättest das Gesicht von der Foster sehen müssen, als du hinaus bist! Die ist dagestanden wie bestellt und nicht abgeholt. Dann hat sie gestottert wie Adrian in der Mathematikstunde, und nach einer Weile hat sie den Unterricht für beendet erklärt und ist ’rausgelaufen wie ein aufgescheuchtes Huhn! Ich wette, die heult sich bei dem Direx aus.«
Wynnie antwortete nicht. Ihr dunkelblondes Haar verbarg ihr Gesicht hinter einem Vorhang und offenbarte ihre Ohren, die fledermausartig spitz waren. Sie hatte insgesamt etwas seltsam Andersartiges, wie sie so zusammengerollt auf dem Baumhausboden kauerte.
»Was schreibst du da?«, fragte er, und ehe sie reagieren konnte, riss er ihr das Heft aus der Hand. Zu seiner Überraschung stand da ein Gedicht, in Wynnies fein säuberlicher Handschrift mit den kugeligen I-Punkten zweifelsfrei erkennbar. Er erhob die Stimme und las es vor.

»Stell dir vor, du könntest fliegen,

Fliegen über’n Horizont,

Stell dir vor, du könntest fliegen,

Fliegen, fliegen, ganz weit fort …
Stell dir vor du könntest tanzen,

Tanzen auf dem warmen Wind,

Stell dir vor du könntest tanzen,

Tanzen wie ein Himmelskind …
Stell dir vor, du könntest sehen,

Sehen was noch keiner sah,

Stell dir vor, du könntest sehen,

Immerfort und immerdar …
Stell dir vor du könntest träumen,

Denken was die Grenzen sprengt,

Stell dir vor du könntest träumen,

Träumen von ’ner bess’ren Welt …«
Seine Augen sahen aus, als wollten sie ihm aus dem Kopf springen.
»Wow …«, sagte er leise.
»Das ist alles, was dir dazu einfällt?«, fragte Wynnie Tony schmunzelnd.
Ohne eine Antwort abzuwarten, sprang sie auf.
»Wie spät ist es?«
Er blickte auf seine Armbanduhr.
»Zehn Minuten vor Vier.«
»So spät schon? Ich habe hier jedes Zeitgefühl verloren … In einer halben Stunde bin ich wieder da, aber ich muss schnell zu mir nach Hause, damit meine Eltern sich keine Sorgen machen! Und Mr. Tibbles will auch gefüttert sein!«
Damit sprang sie durch die Luke, wohl etwas zu schwungvoll, denn man hörte einen grasgedämpften Aufprall und ein lautes »Mist!«.
Zurück ließ sie einen verdatterten Tony – und das Heft.
Ersterer kniete sich hin und blätterte ein wenig zwischen ihren Gedichten herum. Oft waren es nur kleine Gedichte, Vierzeiler wie dieses:

»In der großen Birke in unserem Garten,

da wohnt eine gar kleine Meise,

hat man Geduld, um darauf zu warten,

zwitschert sie manchmal ganz leise.«
Es war wohl schon älter, da die Schrift kindlicher aussah als bei dem anderen. Als er weiterblätterte, fand er ein ganz neues Gedicht. Flüsternd trug er es vor.

»Das Tor, das ist mir für ewig verschlossen,

Seitdem sie Vater mit reinem Blut begossen,

So wandel’ ich verloren in dieser grausam’ Welt,

In der statt zartem Elfensang des Raben Schrei ergellt’.
Des Tags bin ich ein Menschelein,

Lieblich, schuldlos und gar klein,

In der Mondnacht bin ich das Flügelpferd,

Und doch bleibt mir meine Welt verwehrt,
Ach, ihr Götter, erhöret mein Flehen,

Soll ich meine Welt denn niemals sehen?

Kennen nur aus Geschichten, die Vater erzählt?

Habe Ich diesen Weg denn für mich gewählt?
Ich schwör’ es, bei jeder Feder die ihr zählt,

Ich hätte, bei Gott, bestimmt anders gewählt!

Hätte niemals den Fehler gemacht, nicht zu ehren,

Die mystischen, sagenhaften, uralten Lehren!«

°*~*°

Noch lange blätterte Tony in diesem Heft, dass sicher einhundert Gedichte enthielt, und alle schienen sich um mystische Themen zu ranken. Des Pegasus war sicher über zwanzigmal verewigt, auch Blut und ein mystisches ›Tor‹ schienen eine zentrale Rolle zu spielen. Bis jetzt hatte er ja keine Ahnung gehabt, dass Wynnie überhaupt Gedichte schrieb, und jetzt plötzlich Gedichte en masse. Er hatte immer gedacht, er kenne sie besser als sich selbst …
Plötzlich raschelte es am Baumhauseingang.
»Tony?«
»Wynniepeg?«
»Komm mal ’raus.«
Tony grinste und kletterte dann zum Fenster hinaus.
»Tony? TONY, komm ’raus!«
Von hinten glitt er leise über die Äste zu Wynnie hin, und …
»BUH!«
Sie kreischte auf und wäre um ein Haar zum zweiten Mal an diesem Tage gefallen.
»Tony – also wirklich!«, tadelte sie ihn spielerisch und winkte mit dem Zeigefinger. Dann zeigte sie nach unten.
»Ich habe Proviant und Ausrüstung für ›Expedition P‹ besorgt!«
»Expedition P…?«
Sie verdrehte die Augen. »Pegasus.«
Wortlos setzte Ton sich auf einen Ast, rutschte nach vorne und griff nach einem Seil. Dieses kletterte er hinab, um zu ihrer Hängeleiter zu kommen. Nicht einfach, aber sicher vor Tonys kleinem Bruder Noah, der mit seinem besten Freund Dennis regelmäßig einen Sturm auf das Baumhaus versuchte. Doch dies war alleine Wynnies und Tonys Reich, kleine Nervbrüder hatten hier nichts zu suchen. Deswegen hatten sie oben nicht nur Teppichboden und Vorhänge, sondern auch mindestens zwei Dutzend Wasser- und Farbbomben, zwei große Wasserpistolen und – eine äußerst wirkungsvolle Waffe gegen kleine Jungen – Stinkbomben. Wahlweise Schwefel, Knoblauch oder Zwiebel.
»Träumst du oder was?«, tönte es von unten herauf.
»Äh… Sorry, Tony, ich komme schon.«
Sie ließ sich einfach hinunterfallen, fing geschickt die Leiter ab und betrat äußerst sanft den Boden. Das hatte Tony schon oft probiert, doch bei ihm ergab es nur blaue Flecken und Kreuzweh.
»Wow, geil!«
Tony ergriff eine XXL-Taschenlampe, ein zylindrisches Ding mit Haltegriff.
»Ich würde es anders nennen, aber … ja, geil«, sagte Wynnie mit einem Lächeln.
Tony wühlte weiter in der Kiste und förderte einiges zu Tage. Dunkelgrüne Overalls, eine Dose mit Kohle, um sich die Gesichter zu schwärzen, kleine Taschen für das Wichtigste, wasserdichte Überschuhe, schwarze Handschuhe und Mützen, Flachmänner und Boxen für den Proviant. Block und Stifte für Notizen, zwei Pfeifen, ein faltbares Zelt, zwei Kompasse und kleine Morsetaschenlampen, Landkarten und schwarze Turnschuhe. Alles wurde von Tony ausreichend begutachtet und beklatscht, bevor es wieder in der Kiste verschwand. Dann wandte er sich zu ihr um.
»Darf ich fragen …?«
»Nein. Woher ich es habe, bleibt mein Geheimnis.«
Sie lächelte und küsste ihn auf die Wange. Dann verschwand sie in der Nacht.

°*~*°

Tk! Tk! Tk!
Wynnie erhob sich schlaftrunken aus dem Bett und torkelte ein paar Schritte.
Tk! Tk! Tk!
Sie rieb sich die Augen, versuchte dann, das Geräusch zu orten.
Tk! Tk! Tk!
Es kam vom Fenster, eindeutig.
Tk! Tk! Tk!
Oder doch von der Türe?
Tk! Tk! Tk!
Nein, das Fenster.
Tk! Tk! Tk!
Langsam ging sie zum Fenster, öffnete es und blickte hinaus in die kühle Nacht.
Tk! Tk – »AU!«
»Sorry, Wynnie.«
Sie warf wütend den Kiesel nach unten.
»Das überleg dir nächstes Mal gefälligst vorher! Wieso weckst du mich überhaupt zu dieser nachtschlafenden Zeit?«
»Kannst du dich noch an unsere ›Expedition P‹ erinnern?«
»Oh… na toll!«
»Ich erwarte größte Begeisterung!«
Wynnie legte die Hände auf den rauen Fenstersims und setzte sich rittlings darauf. Sie blickte kurz in die Tiefe, dann schwang sie sich gelassen hinunter. Es gab ein dumpfes Geräusch, als sie im feuchten Gras landete, doch sie hatte den Sturz geschickt abgefangen. Wynnie schüttelte ihren schmutzig blonden Schopf und ließ sich von Tony den Overall reichen, den sie einfach über ihren Pyjama zog. Dann schwärzte sie sich das Gesicht und zog Handschuhe und Mütze an. Die Überschuhe folgten schnell, da sie mit ihren nackten Füßen sonst fror. Schließlich schnallte sie sich die Tasche um und packte ihre Sachen hinein. Es war wie in einem schlechten Film.
»Hey, Wynnie – let’s go!«
Das war Tony, der inzwischen auch fertig war.
»Ja«, lächelte sie. »Get the party started!«

°*~*°

Gemütlich machten sie sich auf den Weg in den Wald. In der Nähe vom Cheerwood-Lake schlugen sie ihr Lager auf, öffneten den Zeltsack, worauf das Zelt Tony praktisch in sein Gesicht sprang, und machten es sich darin bequem. Als Proviant hatten sie Chips und Cola mitgebracht, sowie einiges an Gummibären und Karamellbonbons, auf die Wynnie regelrecht süchtig war. Wynniepegs Mutter, Wynniefred, hätte sie gerügt, da sie selbst sich sehr gesund ernährte – sie war Vegetarierin – und auch ihre Tochter dazu zu bekehren versuchte. Doch bei Wynnie hatte sie keine Chance. Von Süßigkeiten, ganz besonders ihren heißgeliebten Karamellbonbons, würde sie niemals ablassen.
»Scht! Wynnie, ich glaub’, da ist was!«, flüsterte Tony.
Sie gluckste lautlos, denn sie wusste ja, dass nichts kommen würde.
Tatsächlich, das Einzige, das in den nächsten eineinhalb Stunden vorbeihuschte, war ein kleines Eichhörnchen und eine noch kleinere Maus. Wynnie wollte gerade bemerken, dass dieses Unterfangen wohl eher hoffnungslos war, da geschah es. Plötzlich war ihr so schummerig zumute. Erst dachte sie, dass es die Müdigkeit wäre, doch dann blinzelte sie – und war weg. Nein, nicht weg. Nur nicht mehr im Zelt. Sondern am Waldrand um den Cheerwood-Lake. Oh nein! Sie wusste, was passiert war … Langsam trat sie vor, auf allen Vieren, den Kopf stolz erhoben, die Ohren im Wind, gleichmäßig mit den Flügeln schlagend …

°*~*°

Als sie Tony erblickte, rannte sie, so schnell sie konnte, auf die Mädchentoilette. Was sollte sie nur sagen? ›Hi Tony! Was? Gestern? Ach ja, ich habe mich zufällig in dem Moment, als der Pegasus erschien, in Luft aufgelöst?‹ Die Wahrheit konnte sie auf jeden Fall nicht sagen. Er würde es nicht verstehen … Und Vater wäre so böse. Sie wollte ihn nicht enttäuschen. Er hatte für sein Leben schon genug gelitten. Drewpeg war ein stolzer Mann, doch er war für sein Leben gezeichnet … Was sollte sie nur tun?
Schließlich straffte Wynnie die Schultern, richtete ihr Haar vor dem Spiegel und ging hinaus …
»Wynnie!« Tonys Stimme, ganz eindeutig.
Sie drehte sich betont langsam um.
»Was ist?«
»Wynnie, du glaubst nicht, was ich gestern gesehen habe!«
»Den heiligen Geist?«, sie überlegte gespielt, verdrehte die Augen nach oben, tat so, als ob sie nachdächte.
»Oder … Mrs. Wiggums?«
Theresa Wiggums war die – nicht ganz dünne – Gattin des Bürgermeisters, Mr. Terence Wiggums.
»Im Bikini und mit bonbonrosa Perücke auf einem Pferd ohne Beine reitend … Mit einem Regenschirm aus Käse in der Hand? Und Baby Flora auf dem Arm, die aus Milch bestand?«
Tony verdrehte entnervt die Augen, während ein paar Erstklässlerinnen hinter Wynnie kicherten.
»Nein, die nicht … bloß den Pegasus!«
Die Erstklässlerinnen verstummten kurz und tuschelten dann aufgeregt, während Wynnie bloß müde lächelte.
»Ja, na klar …«
»Wynnie, jetzt glaub mir doch auch mal was!«
Als Antwort guckte sie bloß amüsiert.
»Wo warst du überhaupt gestern?«
Wynnie überlegte kurz, entschied sich dann für die Variante, die der Wahrheit am nächsten kam.
»Nun … ich fand es einfach blöd, so lange auf Etwas zu warten, dass dann ohnehin nicht kommt. Da habe ich mich dann davongeschlichen. Tut mir leid …«
»Hm … Dafür musst du aber noch mal mitkommen!«
Wynnie ächzte entsetzt, nickte dann aber. Nun trat eine besonders kleine Erstklässlerin auf Tony zu.
»Du hast den Pegasus gesehen?«, fragte sie schüchtern. »In echt?«
»Ja.«
Das Getuschel wurde lauter.
»Cool!«, sagte die Kleine schüchtern.
Dann läutete es, und alle sahen, dass sie möglichst schnell zu ihren Klassen kamen.

°*~*°

Es raschelte leise im Gebüsch, als Wynnie hervortrat.
»Na endlich!«, flüsterte Tony. »Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr!«
»Wegen mir mache ich das hier nicht! Also sei besser still«, zischte Wynnie.
Sie schlief nie viel, doch die letzte Nacht und jetzt noch einmal unterwegs zu sein, das machte sich schon bemerkbar. Sie strich den olivfarbenen Overall glatt, trat dann zu Tony ins Zelt. Er bot ihr eine Flasche Cola an, die sie dankend annahm, und eine Tüte Chips, die sie ablehnte. Chips vertrugen sich nicht mit Karamell. Nach anfänglichen, kläglich scheiternden Versuchen der Konversation (›Hi!‹, ›Hallo!‹, ›Wie geht’s?‹, ›Gut‹, ›Müde?‹, ›Ja‹, ›Äh…‹, ›Ähäm…‹, ›Also …‹, ›Was?‹, ›Vergessen‹, ›…‹) versanken sie in Schweigen. Hin und wieder hörte man Schluckgeräusche von der Cola oder das Knuspern der Chips, ansonsten blieb es still. Gut eine halbe Stunde lang. Dann hörte man leises Rascheln, und etwas Kleines, Haariges kam aus dem Gebüsch gelaufen. Es lief auf Wynnie zu und ließ leise Gurrlaute hören, und sie erschrak fürchterlich. Erst als Tony seine Taschenlampe auf das Etwas richtete, konnte sie sich ein wenig beruhigen. Es war Mr. Tibbles, der Kater ihrer Nachbarn, der Familie Mason. Er war ein großes, schwarzgrau geschecktes Tier mit puscheligem Schwanz und breiten, ziemlich spitzen Ohren, die oben – wie Luchsohren – kleine Haarbüschel hatten. Ihn und Wynnie verband eine enge Freundschaft, da sie ihn weder wie die kleine Trish am Schwanz zog, noch wie Tim viel zu fest knuddelte, auch nicht wie Mrs. Mason spitze Schreie ausstieß, wenn er eine Maus fing, und auch nicht so langweilig wie Mr. Mason war. Genaugenommen ging er zu den Masons nur mehr zur Futterzeit, falls Wynnie ihn nicht ohnehin schon gefüttert hatte. Wenn er nicht gerade auf Jagd oder sein Revier markieren war, folgte er ihr überall hin. Schnurrend und gurrend – dies war sein spezieller Laut, den man sich als eine Mischung aus Taubengurren und Kätzchenmaunzen vorstellen kann – rieb er sich an ihren Beinen. Sie streichelte ihn stumm lächelnd, einen Seelenverwandten, Freund und Mitverschwörer. Denn manche Tierrassen, wie etwa Katzen, besitzen ebenfalls das Tor zur ›Anderen Welt‹. Dort, in dieser Welt, in die Menschen nach ihrem Tod als schwache Lichtpunkte kommen, um den großen Fluss zu überqueren, sind sie frei. Und so, wie aus Wynnie ein Pegasus wurde, so werden aus Katzen entweder Mlemnii oder Mreawloi. Erstere sind Lichtwesen, als das genaue Gegenteil eines Schattens zu begreifen. In Gestalt riesengroßer, weiß bis hellgelb schimmernder Nebelkatzen mit leuchtendgrünen Augen durchstreifen sie die Spiegelwelt. Zweitere, in der materiellen Welt auch als Hellswyn bekannt, sind Schattengeister, aus Trauer und Verzweiflung gewoben, mit Augen, rot wie das vergossene Blut der Liebenden. Mr. Tibbles, wenn in unserer Welt auch schwarz, war ein Mlemnii, ein guter Lichtergeist. Außerdem besaß er die Gabe des Weltenspiegelns, konnte sich also auch in der Ersten Welt verwandeln. Apropos verwandeln … Sie fühlte es schon, das vertraute Schwindelgefühl. Gleich würde es soweit sein …
Wieder fiel sie in Schwärze, einen Sud aus kochendem Nichts, um gleich wieder aufzutauchen …
… als Lichtwesen, die absolute Manifestation der Unschuld, ein legendenumranktes Mysterium. Als Pegasus! Sie schlug mit den Flügeln, wobei ihre Federn matt im Mondlicht glänzten. Sie waren weich, so weich wie Wolkenflaum, und funkelten wie weiße Pfauen im silbrigen Licht. Sie fühlte sich so atemberaubend frei, konnte kurz ihr Leben leben, so wie sie es wollte. Und ihren wahren Namen tragen: Loirelai! Sie war sie, und das konnte ihr niemand nehmen … Sie atmete die kühle Luft ein, trat nach vorne und sah sich um. Da war das Zelt, da war auch Tony … Er suchte sie! Leise wieherte sie, um auf sich aufmerksam zu machen. Er wandte sich um, seine Augen wurden untertassengroß. Gelassen trat sie zum Wasser, trank ein paar Schlucke, wendete sich elegant hin und her, um Tony eine Freude zu machen. Dann konzentrierte sie sich auf ihre Kraft und schuf eine Wynnie-Illusion, die Tony kurz zuwinkte und im Wald verschwand. Im selben Moment trat auch sie zurück. Sie ging durch den Wald, der durch die Pegasusaugen eine ganz andere Qualität für sie hatte. Da, eine Raupe! Dort, ein Zitronenfalter! Und, ach, was für eine schöne Blüte! Nur schweren Herzens ließ sie den Wald hinter sich zurück, als sie auf einen Pfad ins Dorf traf. Sie sah nicht den Schatten, merkte nicht die Blicke, die ihr folgten …
Zögerlich schlich sie um den Dorfrand, vorbei an Tonys Haus, den Trampelpfad hinauf zum Oberen Summerville. Dort schlug sie sich noch einmal kurz in die Büsche, um zu verschnaufen und sich vor ein paar nicht ganz nüchternen Männern zu verstecken, die geradewegs vom ›Tom’s‹ kamen, der Stammkneipe des Oberen Summerville. Sie spannte ihre Muskeln an, als die Männer an ihr vorbei hinunter zum Unteren Summerville gingen, doch die waren gerade viel zu sehr damit beschäftigt, über die wichtige Frage ›Malzbier oder nicht Malzbier?‹ zu streiten, um eine weiße Flügelspitze im Flieder zu bemerken. So ging sie am Wegesrand weiter, schlug sich kurz vor dem Dorf nach links, und trat erst eine Weile später wieder aus dem Wacholder. Kurz vor ihrem Garten verwandelte sie sich langsam zurück, drehte sich um, um nach Mr. Tibbles zu schauen, der ihr gefolgt war – und erstarrte!
Nein.
Nein.
Nein.
Das konnte nicht sein.
Bitte, bitte nicht!
Doch es war so. Hinter ihr stand Tony, zur Salzsäule erstarrt, und sah sie an wie ein Ausstellungsstück im Kuriositätenmuseum. Dann hatte er seine Stimme offensichtlich wiedergefunden.
»Du … D-du Monster!«, sagte er leise. »Was hast-tt-t du mit W-w-wynnie gem-macht?«
Sie seufzte, strich sich durchs Haar und antwortete ihm in ruhigem Ton. »Nichts. Ich bin Wynnie.«
»N-nein. Nie im Le-be-ben.«
Sie stöhnte leise. »Dein zweiter Name ist Tiberius, das würdest du aber nie zugeben. Du stehst auf Mary-Rose Catwright, und deine Mutter ist mit einem Mädchen schwanger, was du aber nicht verraten sollst. Du warst letztes Jahr mit Caroline ›Coco‹ Taylor zusammen. Dein bester Freund ist Nick Trewlin, und wenn du einmal Kinder hast, willst du sie Veronica, Vincent und Vanessa nennen. Überzeugt?«
Er wankte zwischen zwei Entscheidungen, blickte sie an, schüttelte dann den Kopf und sagte sehr, sehr leise: »Du bist nicht Wynnie. Du hast ihr G-gehirn gefressen, du b-be-bblödes Alien!«
»Dann eben nicht … Außerdem heiße ich nicht Wynnie, sondern Wynniepeg … Oder soll ich dich etwa Tonyhäschen nennen, so wie deine Mutter?«
Kurz blickte er verunsichert, dann nickte er schicksalsergeben.
»Aber … Wenn du Wynnie bist, was bist du dann?«
»Ein Gestaltenwandler-Pegasus.«
»Oh …«
»Tony?«
»Ja?«
»Es wäre für uns beide besser gewesen, du hättest mein Geheimnis nicht entdeckt …«
»Hm … Ja … Es ist schon sehr … naja, seltsam …«
Sie kam auf ihn zu, drückte ihn und flüsterte leise »Tschüß …«
Dann fügte sie die Anhänger an ihrer beider Arme zusammen. Ein W und ein T, kunstvoll verschlungen …
Noch während er es betrachtete, löste sie die Verbindung und verschwand in ihrem Haus.

°*~*°

Am nächsten Morgen war er früh in der Schule, kritzelte auf seinem Block herum.
Wynniepeg Asussan
Wynnie Peg Asus San
Peg Asus San
Peg Asus
Pegasus!

Er hätte schon viel früher darauf kommen können! Offenbar war auch ihr Vater, der stille, zurückhaltende, niemals lächelnde Drewpeg ein Pegasus. Ihre Mutter, Wynniefred, wahrscheinlich nicht … Plötzlich schreckte er hoch. Mrs. Foster betrat die Klasse. Es waren noch fünf Minuten bis zum Unterricht, doch er wusste innerlich schon, was passieren würde … Und tatsächlich, Wynnie tauchte nicht auf. Nach der ersten Pause, als sie Italienisch hatten, bei der jungen, blonden Miss Puccesini, traute er sich zu fragen.
»Entschuldigen Sie, Miss Puccesini?«
»Was ist, Tony?«, fragte sie lächelnd.
»Wissen sie zufällig, wo Wynniepeg Asussan ist?«
»Oh. Oh, du Armer! Weißt du es noch nicht?«
»Was?«, fragte Tony panisch.
»Nun ja … Weil heute auch Mr. und Mrs. Asussan nicht zur Arbeit kamen und niemand am Telefon abhob, wurde die Türe gewaltsam geöffnet … Das war sehr mysteriös, denn man fand absolut nichts! Keinen Fingerabdruck, keinen Fußabdruck, keine Spur von Leben bis auf ein paar Ratten im Keller. Kein einziges Möbelstück, dafür Staub bis zum Abwinken. Als wäre das Haus schon lange unbewohnt. Bloß eine weiße Feder unbekannter Herkunft und ein Anhänger mit einem silbernen T lagen im Wohnzimmer am Boden … Keiner wusste, wie sie dort hingekommen waren.«
Tony spürte, wie sich eine Träne in seinem Augenwinkel bildete.
Als wäre das Haus schon lange unbewohnt …
Hätte er bloß auf Wynnie gehört!