Eva-Maria Kampitsch (14)


Reditus

Die Luft flimmerte, und der Boden war so trocken, dass selbst hinter einem krabbelnden Käfer eine kleine Staubwolke aufstieg. Die lange Trockenzeit, die es hierzulande eigentlich gar nicht geben dürfte, hatte die Wiesen und Felder verdorren lassen. Durch diese Einöde zog sich, wie ein nie fertiggestellter Grenzwall gegen die Dürre, ein Bahndamm durch die Landschaft. Die Schienen lagen glühend in der heißen Mittagssonne. Die Blumen, die sich mühsam ihren Weg durch die groben Schottersteine des Bahndammes gekämpft hatten, streckten zaghaft ihre verblühten Blätter ins grelle Sonnenlicht; nicht bereit, aufzugeben, gegen das gleißende Sonnenlicht. Einige von ihnen hatten den Kampf schon verloren. Ihre Stengel lagen quer über die Schienen und erbebten unter dem Gewicht des kommenden Zuges.
Die alte Dampflok gab einen letzten verzweifelten Pfeifton von sich, als der kleine, vollkommen menschenleere Bahnhof in Sichtweite war. In jenem Zug saß er. Jener, der vor so vielen Jahren seine Heimat verlassen hatte, um die Welt zu erkunden, und jetzt zurückkehrte, um sie wiederzusehen; die Gräber seiner Kindheit. Er saß in einem Abteil, dessen Luft aus Zigarettenqualm bestand, und dessen Fenster die Sonne magisch anzuziehen schien. Die Gepäckablage über seinem Kopf machte ihm schon seit seiner Abreise Sorgen, da die alten Schrauben bei jeder Erschütterung unter dem Gewicht seines schweren Koffers einen protestierenden Laut von sich gaben. Bei der Alten, die ihm gegenüber saß und ihn die ganze Zeit, seit sie zugestiegen war, mit leeren Augen ansah, war er sich nicht sicher, ob er nicht doch schon geraume Zeit mit einer Leiche nach Hause fuhr. Um diesem Gedanken nicht zu gestatten, noch tiefer in sein Gehirn einzudringen, warf er wieder einen Blick zum Fenster hinaus. Karge Wiesen und Felder mit braungelbem Gras zogen vorbei und verdüsterten seine Stimmung noch mehr. Vielleicht würden sie ihn nicht mit offenen Armen empfangen. Er war einfach noch nicht lange genug auf der Welt, um ihnen die Hände zu reichen. Aber er konnte es nicht ändern; jetzt nicht mehr. Zum ersten Mal wünschte er sich, doch zu Fuß nach Hause gegangen zu sein, weil er so sicherlich hundertmal schneller gewesen wäre, als mit diesem Bummelzug.
Der Pfiff des Schaffners riß ihn aus dem Halbschlaf. Durch seine halbverklebten Augen betrachtete er die verschwommenen Schatten der Bäume, die am Fenster des Zuges vorbeihuschten. Es sah so aus, als würden sie von etwas angezogen, da sie sich seltsamerweise alle in eine Richtung bogen. Von Ferne aus betrachtet, war aber keine Veränderung an ihnen auszumachen. Wieder ein Rätsel, dass er nicht mehr lösen können würde. Er konnte es nun einmal nicht lassen, sich Dinge vorzustellen, die es nicht gab. Man konnte auch im alltäglichen Leben von ihm nicht behaupten, dass er normal wäre. Er führte Selbstgespräche, und litt hin und wieder an Schizophrenie. Trotz gutgemeinter Tips von seinen Freunden, ließ er sich nicht von einem Psychiater untersuchen, sondern meinte nur, dass ein Verrückter mehr oder weniger dieser Welt auch nicht mehr schaden könnte. So saß er hier in diesem Zug, rieb sich den Schlaf aus den Augen und betrachtete das im Sonnenlicht glitzernde Wasser eines Flusses. Im Gegensatz zur restlichen Landschaft, die verzerrt vorbeihuschte, schien sich dieser Fluß einfach gegen die Gesetze der Geschwindigkeit aufzulehnen. Er verzehrte sich nie, sondern zog seine Bahn sowohl durch unwegsames Gebüsch als auch durch saftige Wiesen. Durch diese Erkenntnis verspürte er eine gewisse Lust, sich mit diesem »Rinnsal« anzulegen. Es mußte doch möglich sein, diesem gottverdammten Wasser diese physikalischen Gesetze aufzuzwingen. Plötzlich machte der Fluß einen Bogen, verschwand kurz von seiner Bildfläche und tauchte Sekunden später wieder auf. Er hatte sich verändert. Der Fluß hatte sich geteilt, schloß jetzt mit seinen beiden Armen eine kleine Insel ein, auf der ein uralter Baum stand. Fast schien es so, als könnte der Fluß dieser Insel nicht Herr werden und sie verschlingen .... oder ... er hatte einfach zuviel Angst vor dem Baum, der auf ihr stand. Ein Zeitzeuge, der, so empfand er es, dem Fluß erzählte, wie er entstanden war. Der Reisende fand es irgendwie belustigend, wie viele Rätsel die Natur der Menschheit aufgab, doch diese übersah sie einfach und flog zum Mond; und das, obwohl noch immer Hunger und Elend in vielen Staaten der Erde herrschte.
Die Großmutter saß wie eh und je unter dem alten Kirschbaum hinten im Garten und strickte. Es wirkte fast klischeegerecht. Die kleinen Kätzchen, die mit der Wolle aus dem alten Pinienkorb spielten, und die Kinder, die herumtobten, schrien durcheinander und wetteiferten, wer von ihnen die erste Kirsche vom Baum holen würde. Die Alte unterbrach ihre Arbeit, sah mit wehmütigen Augen den Kindern zu und dachte an ihre Jugend. Er hatte seine Großmutter immer gern gehabt, hatte ihr hie und da von den Neuigkeiten aus aller Welt berichtet, und danach grundsätzlich beim Schach Spielen mit ihr verloren. Im zarten Alter von zehn Jahren hatten ihn seine Eltern dann ins Internat geschickt. Er war dort nie wirklich glücklich gewesen, aber die Telefonate mit seiner Oma hatten ihn immer über die schwersten Zeiten hinweggetröstet.
Als er eines Abends allein in seinem Zimmer lag und sich wieder einmal in den Schlaf weinte, spürte er etwas ganz tief in sich. Er meinte, irgendwohin laufen zu müssen, um jemandem zu helfen. Dieses Gefühl wurde so stark, dass er es direkt mit der Angst zu tun bekam. Er wälzte sich hin und her, Tränen traten in seine Augen, sein Schädel schmerzte, und schließlich schrak er durch einen krachenden Laut hoch. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, und sein Herz raste. Sein Blick wanderte zu der Stelle, an der ein Kruzifix hing. Der neue, noch glänzende Nagel steckte fest in der Wand ... das Kreuz lag jedoch am Boden. Am nächsten Morgen bekam er einen Anruf, auf den wohl sein Kindheitstrauma zurückzuführen war. Seine Mutter teilte ihm mit, dass seine Oma unter dem Kirschbaum gestorben wäre. Ganz klischeegerecht. Mit dem Kopf auf der Brust und einem Kätzchen auf dem Schoß.
Auf der Scheibe seines Fensters hatten sich schon einige Regentropfen niedergelassen. Vom Fahrtwind getrieben, zogen sie ihre Bahn. Schienen dabei aber keinen besonderen Richtlinien zu folgen, sondern rannen im Zickzack von einer größeren Tropfenansammlung zur nächsten, bis sie schließlich der Gummi der Fensterdichtung stoppte.
Schwere, dunkle Wolken verdeckten die Sonne und ließen den Himmel irgendwie unnatürlich wirken. Der Fluß war jetzt zu beiden Seiten von dichtem Gestrüpp und vereinzelten Eschen bewachsen, aus denen beim ersten Donnerschlag eine Schar Vögel aufstieg. Er empfand es so, als wären jene Krähen die Todesengel, die sich, veranlasst durch den göttlichen Befehl, in die Lüfte erhoben und sich über die ganze Welt verteilten, um wieder neue Seelen herbeizuschaffen.
Es dauerte nicht lange, und dicke, schwere Tropfen prasselten auf das Zugdach. Er fand es schon seltsam, dass, wenn man dem Regen mit etwas Phantasie zuhörte, eine Melodie ausnehmen konnte. Es war eine Melodie, die bei keinem Niederschlag völlig gleich war, und die auch nicht jeder hörte.
Von unten drang Geschrei herauf. Es war wie fast jeden Abend. Sie stritten, dass die Fetzen flogen, und beschimpften sich mit Wörtern, die sie ihm immer verboten hatten zu sagen. Er wiederum lag hier oben, schaute durch die Dachluke und hörte dem Regen zu, der auf die Scheibe trommelte. Jetzt ging es nur mehr um das Sorgerecht. Alles andere hatten sie schon hinter sich. Er würde zur Mutter ziehen. Das wußte er, ohne viel darüber nachdenken zu müssen. Sein Vater hatte vor Gericht nie eine Chance. Und wenn er ehrlich war, war es auch besser so. Sein Vater war kein fürsorglicher Mensch. Er vertrat die Meinung, dass man sein Kind spätestens dann aus dem Haus werfen müsste, wenn es vierzehn war. Behielt man es länger bei sich, würde es einem das ganze Leben lang auf der Tasche liegen. Dementsprechend behandelte er auch seinen Sohn. Eigentlich hatte er es schon länger mitgekriegt, dass er nicht mehr erwünscht war. Wirklich klar war er sich aber erst dann darüber, als sein Vater eine Anzeige beim Jugendamt einreichte, weil er einmal um eine halbe Stunde zu spät nach Hause gekommen war.
Der Schaffner riss die Abteiltür mit einem Ruck auf, schaute sich um und fragte überflüssigerweise danach, ob jemand zugestiegen sei. Als sie wieder allein waren, drehte er den Kopf zum Fenster und sah aus leicht geröteten Augen auf den noch immer in einiger Entfernung fließenden Fluß. Dieser hatte mittlerweile sein Glitzern verloren und führte nur noch schlammiges Wasser.
Die Mülldeponie, an der der Zug vor zehn Minuten vorbeigefahren war, hatte auch jetzt noch ihre Spuren hinterlassen. Bei diesem Anblick befiehl in eine tiefe Traurigkeit. Er konnte es nicht ändern; jetzt nicht mehr. Er fühlte sich nutzlos, aber er hatte das Einzige getan, wozu er noch in der Lage gewesen war. Seinen Freunden und Mitmenschen das mitzuteilen, was diese anstellen mussten, um ihren Kindern eine lebenswerte Zukunft zu bereiten.
Am nächsten Mittag kam der Zug in seinem Heimatbahnhof an. Er hatte ihn schon so vermißt. Das alte Schaffnerhäuschen mit den zum Teil eingeschlagenen und blinden Scheiben, die im Wind schaukelnde und quietschende Tafel mit der vergilbten Aufschrift »Bahnhofshalle« und die aufgebogenen Holzbretter des Bahnsteiges. Er zwängte sich durch die engen Gänge des Zuges und wuchtete schließlich seinen schweren Koffer auf den Bahnsteig. Er schloß die Tür seines Waggons und sah dem Zug nach, bis er hinter der nächsten Kurve verschwand. Mit einer fahrigen Handbewegung wischte er sich einige feuchte Strähnen seiner Haare aus dem Gesicht und drehte sich schließlich um. Er traute seinen Augen nicht. Alle waren sie gekommen. Seine Eltern, ja sogar seine Großmutter. Aus einem Reflex heraus wollte er sie alle der Reihe nach umarmen, besann sich dann aber im letzten Augenblick und lächelte ihnen nur entgegen. Er würde sie nicht spüren; das Nichts umarmen. Er griff seinen Koffer und machte sich auf zu seinem Elternhaus und damit auch zu seinen Wurzeln.
Mit bebenden Lungen und schmerzenden Füßen kam er schließlich zu Hause an. Von der langen Kieseinfahrt war nichts mehr zu sehen, von Gras überwuchert, genauso wie die Begrenzungssteine der Zufahrtsstraße. Die Farbe der einstmals weißen Koppelzäune war abgeblättert, die Pfähle und Stangen moderten langsam vor sich hin. Sein Elternhaus war zur Hälfte in sich zusammengefallen, und zwischen den Trümmern wuchsen bereits neue Bäume in den Himmel. Auf die Eingangstür war ein provisorisches Schild mit der Aufschrift »Eintritt verboten« genagelt worden. Ihn überkam bei diesem Anblick eine gewisse Traurigkeit, wenn er an den Glanz vergangener Tage dachte. Schließlich stellte er seinen Koffer mitten in der Einfahrt ab, umrundete das Haus und stellte voll Freude fest, dass es sogar den alten Kirschbaum hinten im Garten noch gab. Voll Übermut, wie ein kleines Kind, kletterte er über einen Zaun und rannte zu dem kleinen Weiher, der in einiger Entfernung und ganz versteckt im Eichenhain lag. An seinem Ufer standen drei Steine zum Gedenken. Unter dem Schatten der Eichen blieb er stehen, bekreuzigte sich und betrachtete sie lange. Er hatte es geschafft. Er hatte von der Quelle, über den Fluß des Lebens bis hin zur Mündung, seinen Weg beibehalten, und würde ihn auch beenden. Hier, unter den Bäumen seiner Kindheit.