Eva-Maria Kampitsch (14)
Doswedanje
Papa!!
Papa!!!
Verdammt, nun komm schon, alter Knacker. Mit der Blondine kann er rummachen, aber um sich meine Probleme anzuhören ... dafür ist er sich zu schade. Ich möchte überhaupt wissen, was er an der Tussie findet. So wie die ausschaut, klebt sie sogar eine Briefmarke aufs Fax. Warum ich so gehässig über sie rede? Ist doch klar. Alle anderen Pamela-Anderson-Kopien habe ich mit Schlamm in der Zahnpastatube und grünem Schleim im Make-up aus dem Haus gejagt ... aber diese Neue! Die übertrifft wirklich alles. Da hilft nicht einmal ein Frosch in der Cornflakespackung!
So sieht meine derzeitige Lage aus. Und, wie sooft, werde ich auch jetzt wieder das Licht ausmachen, mir die Decke über den Kopf ziehen und von einem besseren Leben träumen!
Und schwubs, wir kommen gleich wieder nach der Werbung! Gute Nacht!!
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Es war Montag, es war die 4. Stunde, und zu allem Überfluß hatten wir auch noch Deutsch. Nicht, dass ich Deutsch nicht gern gehabt hätte, aber an diesem Tag war es eben ganz und gar unangebracht.
Wieso? Naja, Hausübung war nämlich, ein Liebesgedicht zu schreiben, und wie man die 4.a in diesem Fall kennt, war das der Auslöser für das größte Zähneklappern und die größte Nervenanspannung, seit es diese Klassengemeinschaft gab. Aber auch das war noch ganz und gar nicht das Letzte. Dann hieß es auch noch
»Alle lesen vor! Keiner wird verschont!!«
Todeskommando.
Man konnte es regelrecht beobachten, wie einer nach dem anderen zum Marsmenschen mutierte. Von Blassgrün bis Schneeweiß ging die Farbpalette. Aber es gab da noch jemanden, der diese Niederlage von uns Jugendlichen, in unserer pubertären Überheblichkeit, vollkommen auskostete: unser »heißgeliebtes« Großstadtpflänzchen.
Freilich, wenn man nichts anderes zu tun hatte, als jeden einzelnen grasgrünen Marsmenschen mit einem belustigten Lächeln zu betrachten, war selbst ein Lehrerleben ganz annehmbar, aber, wie sooft, wird wie immer das graue Alltagsleben der Schüler mit keinem Wort erwähnt (obwohl das hier meine Geschichte ist.)
Nach diesem Nervenexekutionskommando war der Tag mit einem Wort ... versaut. Der ganze Vorrat an mühsam zusammengeflickten Nerven, der in den Ferien angelegt worden war, war von einer Sekunde zur anderen gänzlich verschwunden. Somit war die Aufgabe der wissensübermittelnden Person an diesem Tag wieder einmal erledigt. »Wer Latein kann, ist glücklich!« pflegte unser Stehaufmännchen zu sagen. Schmerzlich kam uns in den Sinn, dass die Qualen des heutigen Tages mit seiner Erscheinung noch gesteigert werden würden.
Aber bekanntlich überlebt ein Mensch ja alles außer den Tod natürlich, und deshalb kam ich auch heute wieder nach Hause und erwischte Papas Blondine, von der er bei jeder Gelegenheit schwärmte wie Niki Lauda von seinem Al-Handy, mit meinem Karnickel, dass sich vor lauter Umarmungen, Fellzerzausungen und angedeuteten »Bussis« kaum noch retten konnte, und mir, aufgrund dieser beängstigenden Enge um ihn herum, hilflos entgegenfiepte. Ich war von Natur aus ein nicht gerade sanfter Typ, also schlug ich hier, im wahrsten Sinn des Wortes, auch zu. Ich schnappte mir meine Schultasche, entschuldigte mich in Gedanken, dass ich ihr jetzt sowas antat, holte aus und traf genau jene Stelle, auf die Papas Blondine besonderen Wert legte: ihre beachtliche Oberweite. Naja, was soll ich sagen geschrien hat sie wie eine Katze vorm Baden, ihre Oberweite schrumpfte beträchtlich, da der ganze Boden plötzlich mit Taschentüchern voll war, und um ihre Augen wieder in die Höhlen zurück zu bekommen, würde sie schon einen Schönheitschirurgen zu Rate ziehen müssen, bei dem ich mir aber nicht sicher war, ob er doch keine Gewissensbisse bekommen würde, wenn er sie enthaupten müsse, um sie halbwegs hinzukriegen.
Auf jeden Fall ... ihrem Kreischanfall folgte eine im Schock durchgeführte Handbewegung, die zur Folge hatte, dass mein Karnickel quer durchs Wohnzimmer flog, aber sicher und glücklich auf dem Lackmantel des Kreischäffchens landete und dort, teilweise aus Angst, teilweise aus Rache, sofort ein Häufchen hinmachte und anschließend mit einem recht zufriedenen Gesichtsausdruck in Richtung Käfig hoppelte. Nun, meine Schultaschenaktion hatte, ohne mein Wissen, eine Kettenreaktion ausgelöst, die zur Folge hatte, dass die noch immer kreischende Blondine, um ihre geschrumpfte Oberweite der Außenwelt nicht präsentieren zu müssen, ihren Mantel nahm, den Kaninchendreck sah, einen kleinen Luftsprung machte und wieder, nur diesmal in einer höheren Tonlage, anfing, vor sich hin zu kreischen. Sie tanzte durchs Zimmer, schrie, fiel dabei fast übers Sofa, riß an ihren Kleidern herum und erinnerte dabei stark an Michael Jackson in seinen besten Jahren.
Ich wiederum stand daneben, mit einem saublöden Ausdruck im Gesicht und fragte mich immer wieder, ob der Satz stimmen konnte, der einwandfrei auf meinen Vater und diese schreiende Jackson-Immitation zutraf: Wo die Liebe hinfällt ... wächst Unkraut. Nachdem ich zu dieser Erkenntnis gelangt war, trat ich vorsichtig den Rückzug an. Ich verzog mich an meinen Lieblingsort, und das wird mir wohl keiner glauben, das ist nämlich das Bad. Ich schlich mich also in den ersten Stock, sperrte die Tür hinter mir zu, drehte mich um, und hatte plötzlich das Gefühl, der Schlag hätte mich getroffen. Das ganze Bad erinnerte an ein Vakuum, indem nichts anderes enthalten war, als der Duft von Jil Sander und ein Haufen von Kosmetikartikeln, die sich in jeder Ecke stapelten. Ein unverkennbares Zeichen dafür, dass Papas Flamme sämtliche Kaufhäuser in der Stadt unsicher gemacht hatte. Jetzt drängte sich eine Frage auf: Wo hatte sie das Geld her? Die hatte es doch wohl nicht gewagt, und war an mein Sparschwein gegangen? Wenn das der Fall war ... dann gab es Krieg! Mann gegen Mann ... oh, tschuldigung, meine natürlich: Frau gegen Frau.
Ich sauste in mein Zimmer, stürzte mich aufs Bett, riß die Decke und das Kopfkissen herunter, drehte die Matratze um, tastete unter dem Lattenrost nach dem Schlüssel für meinen Safe (von dem nicht einmal Papa etwas wußte!), fand ihn auch, turnte schließlich über das, was von meinem Bett noch übrig war, schob mit größter Kraftanstrengung meinen Kasten zur Seite, löste schließlich noch einen Teil der Tapete und stand endlich vor meinem kleinen, grauen Freund. Ich steckte den Schlüssel ins Schloß, drehte ihn um, öffnete ihn mit zitternden Händen und erstarrte zur Salzsäule. Das erdrückende Nichts schlug mir wie eine Welle eiskalten Wassers ins Gesicht. Von meinem mühsam zusammengesparten Geld war nur mehr ein lausiges Zehn-Groschen-Stück anwesend und auch nur deshalb, weil es schon so schmutzig war, dass man es in der Dunkelheit im Safe sehr leicht übersah.
In diesem Moment verstand ich nicht, wieso man Blondinen nachsagte, dass sie blöd waren. Papas Sonnenscheinchen hatte es immerhin zusammengebracht, sich auf mein Bett zu stürzen, die Decke und das Kissen herunterzureißen, die Matratze umzudrehen, unter dem Lattenrost nach dem Safeschlüssel zu tasten, über das, was mal mein Bett war, drüberzuturnen, meinen Kasten mit größter Kraftanstrengung zur Seite zu schieben, einen Teil der Tapete zu lösen und dann auch noch den Schlüssel richtig ins Schloß zu stecken. Eine gedankliche wie sportliche Höchstleistung. Alle Achtung!! Aber, um auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren, es beunruhigte mich schon irgendwie, dass ich ein ganzes Jahr lang gebraucht hatte, um mir dieses Versteck auszudenken, und dieses »Unfallprodukt« an Papas Seite fand es in nicht einmal fünf Stunden! Wirklich beängstigend. Aber ich würde das nicht auf mir sitzen lassen. Wie schon vorher erwähnt, das bedeutete Krieg. Als ich ins Bad zurückging, fiel mir auf, dass Michael Jackson aufgehört hatte zu kreischen. Umso besser, dann brauchte ich mir wenigstens keine Ohrstöpsel aus der Küche holen.
Zurück im Bad, startete ich meine Racheaktion damit, dass ich eine kleine Plastikschüssel nahm, die ganzen Kosmetikartikel meines Opfers aufschraubte, und eines nach dem anderen in besagte Schüssel lehrte. Die Brühe wechselte ihre Farbe im Fünf-Sekunden-Takt, und fing schließlich leise an zu blubbern und zu brodeln. So gute Chemiekünste hatte ich mir gar nicht zugetraut! Naja, ich war nun einmal gut, um nicht zu sagen brillant. Zu guter Letzt nahm ich noch meine Zahnbürste, rührte das Ganze noch einmal gründlich durch, und wunderte mich auch ganz und gar nicht, dass ihr nach diesem unfreiwilligen Bad die Borsten fehlten. Was immer ich da auch zusammengemischt hatte, es war hervorragend!
Mit der Schüssel in den Händen tastete ich mich die Treppe hinunter und betrat vorsichtig das Wohnzimmer, immer darauf gefasst, fliegenden Gegenständen auszuweichen. Aus Erfahrung wusste ich, dass man bei hysterischen Weibern immer sehr leise sein sollte. Zu meiner Verwunderung war kein Mensch da. Nur das umgestürzte Sofa, ein mit Taschentüchern übersäter Boden und ein zufriedenes Karnickel in seinem Käfig, das an einem Salatblatt kaute. Überflüssigerweise deutete ich ihm, mit einem Finger auf den Lippen, ja keinen Laut von sich zu geben. Dann warf ich zaghaft einen Blick aus dem Fenster in den Garten ... und traute meinen Augen nicht. Ausgestreckt auf einem Liegestuhl, oben ohne und mit einer Sonnenbrille auf der Nase, bruzelte Papas Augensternchen in der heißen Mittagssonne vor sich hin. Besser konnte ich es gar nicht treffen.
Ich öffnete die Terrassentür, zog die Schuhe aus und schlich mich an sie heran. Sie würde es noch lernen, niemandem sein hart erspartes Geld so ohne zu fragen für so etwas Unnützliches wie Kosmetika auszugeben. Einen Haken hatte mein Plan jedoch (was zu erwarten war). Ich hatte die spitzen Steine im Garten nicht miteinkalkuliert. Und umsichtig, wie ich war, trat ich natürlich auf so ein Ding und hüpfte, in Gedanken laut aufjaulend, samt der Plastikschüssel und ihrem Inhalt quer durch den Garten.
Als der Schmerz endlich das Weite gesucht hatte, kroch ich auf Knien von hinten auf die Lehne des Liegestuhles zu. Dort stellte ich die Schüssel ab und machte mich auf die Suche nach einem Marienkäfer. Glücklicherweise brauchte ich gar nicht lange zu suchen. Ich hob das kleine Kerlchen auf, setzte es auf meinen Handrücken und hielt ihn der Blondie vor die Nase. Keine Reaktion. Sie schlief. Da hatte ich nochmal Glück gehabt. Ich hatte nämlich vergessen, mir wenigstens ein Ohr zuzuhalten. Im Ernstfall war so was für das Trommelfell ganz und gar nicht gesund. Ich schenkte also, herzensgut wie ich war, dem kleinen Käfer wieder die Freiheit, und machte mich daran, meinen teuflischen Plan in die Tat umzusetzen. Ich formte im Zeitlupentempo aus ihren Haaren einen Pferdeschwanz und ließ ihn über die Kante der Lehne hängen. Dann nahm ich die Plastikschüssel mit der noch immer brodelnden Substanz und schüttete das ganze Zeug langsam über ihre Haare.
Im ersten Moment geschah gar nichts, doch dann begannen sich ihre Haarspitzen langsam einzurollen und sich von wasserstoffblond in braun bis schwarz zu verfärben. Ich musste mich sehr zusammenreißen, um nicht einen Lachkrampf zu bekommen der natürlich alles verdorben hätte. Strategisch gesehen war jetzt der günstigste Moment für einen Rückzug. Ich krabbelte also auf gut Glück rückwärts ins Haus zurück. Bei der Terrassentür angekommen, versuchte ich, sie mit einem leichten Fußtritt zu öffnen. Blöderweise berechnete ich die Geschwindigkeit des Rücktrittes um einige Millimeter pro Sekunde falsch, und naja, Produkt dieses Rechenfehlers war eine gesprungene Fensterscheibe und eine schmerzende Ferse. Als ich dann auf einem Bein hüpfend in mein Zimmer kam, stellte ich mir überflüssigerweise die Frage, ob ich nicht doch aussah, als wäre ich aus einer Irrenanstalt ausgebrochen. Auf diese Frage wollte ich gar keine Antwort finden, pflanzte mich stattdessen auf den Boden, da mein Bett noch immer verwüstet war, und legte eine Schnarchpause ein.
Von einem Schrei geweckt, der einer Hundepfeife Konkurrenz gemacht hätte, schreckte ich hoch. Warum war dieses Weibsbild nicht Opernsängerin geworden??? Sogar Montserrat Caballé hätte sie die Schau gestohlen! Aber ich wollte mir dieses Spektakel auch nicht entgehen lassen, wenn sie ihre Haare sah. Ich humpelte also in Richtung Bad und lugte durch den Türspalt. Zu dem Zeitpunkt war ich froh, mich angelehnt zu haben. Papas Flamme hatte sich die Haare abgeschnitten, schlüpfte gerade in einen ihrer unzähligen Miniröcke und zog sich schließlich die Lippen nach. Von unten hörte ich die Schritte meines Vaters, und musste mich fast gleichzeitig vor der mit Schwung aufgerissenen Badezimmertür in Sicherheit bringen, da Blondie, so wie es schien, unbedingt mit meinem Vater sprechen musste.
Sie rauschte an mir vorbei, stolzierte die Treppe hinunter und baute sich vor meinem Vater auf. »Ich gehe!« Ui, jetzt wurde es richtig interessant. Nachdem mein Vater gefragt hatte »Wieso?«, übrigens mit einem saublöden Gesichtsausdruck, zählte sie alle meine Schandtaten auf, und hörte sich dabei an, als wäre sie knapp dem Tod entronnen. Dann ging sie, mein Vater folgte ihr wie ein Schoßhündchen und bat sie immer wieder, doch zu bleiben. Als beide beim Gartentürchen angekommen waren, baute ich mich mit verschränkten Armen in der Haustür auf und beobachtete dieses Szenario aus sicherer Entfernung. Ich wusste nicht, wieso, aber aus einer dunklen Ahnung heraus rief ich meinem Vater zu, dass er sie gehen lassen sollte. Ein strafender Blick und ein gemurmeltes »Häh?« waren die Folge.
»Und wie kommt die Madam auf so einen Blitzgedanken?«
»Naja, Paps, ich sags nicht gerne, aber ich schätze, deine Freundin weiß jetzt endlich, wie man sich als Frau fühlt.«
»Aha ... Ich glaub, du musst etwas deutlicher werden!«
»Papa, sie ist eine Frau, die als Mann geboren wurde!!!«
Den Nervenzusammenbruch meines Vaters möchte ich jetzt nicht schildern, nur soviel: Er hat seitdem nie wieder so eine Tussie mit heimgebracht, und ich glaub sogar, er vermisst Mama jetzt schon sehr ...