Eva-Maria Kampitsch (14)

 

Birds are free
when they fly.
We’re free
When we die.

 

1. Teil

(Warten)

 

Ich sitze hier und warte. Worauf? Ich habe keine Ahnung.

Der Gang ist kalt, und es riecht nach Putzmitteln. Es ist ein stechender, unangenehmer Geruch, aber wenn man schon so lange hier sitzt wie ich, auf dieser Bank, und mit dem kalten Neonlicht, das auf mich herabscheint, spürt man ihn gar nicht mehr. Stille. Totenstille.

Nur ab und zu eilt eine Schwester durch den Gang. Ihr Blick ist starr geradeaus gerichtet. Die Schritte hört man kaum. Es ist, als würde sie schweben. Wenn die Milchglastür am Ende des Ganges geöffnet wird, ist für einige Sekunden das monotone Piepsen der Geräte in der Intensivstation zu hören. Mit einem Knall fällt die Tür dann wieder ins Schloß. Das Geräusch läßt mich zusammenzucken. In diesem leeren Gang klingt es nicht nach einer zugefallenen Tür, sondern eher nach einem Kanonenschlag. Ich versinke wieder in meine mißmutige Stimmung. Das immerwährende Surren der Heizung wirkt einschläfernd.

Meine Gedanken drehen sich, werden immer schneller, drehen sich nur um den Vorfall heute morgen.

Ich hätte es verhindern können. Wenn ich nur vor ihr gegangen wäre, hätte ich sie noch auffangen können. Warum sind wir bloß die Treppe hinunter gegangen? Es hätte doch auch einen Lift gegeben.

Warum ... warum?

Mit aller Macht zwinge ich mich von diesem Gedanken los. Mir ist schwindlig, übel. Nein, ich darf jetzt nicht sentimental werden!

Ich muß stark sein und hoffen. Es wird bestimmt wieder alles gut!

Ich sitze noch lange so auf der harten Bank in diesem kalten Gang, beleuchtet vom Neonlicht, mit gesenktem Kopf und zusammengesacktem Oberkörper und warte ... und warte ... und warte.

Plötzlich höre ich das Geräusch einer aufgehenden Tür, höre langsame, schwere Schritte auf mich zukommen. Ich brauche nicht aufzusehen, um zu wissen, daß es der Arzt ist. Und ich brauche auch nicht aufzusehen, um zu wissen, was er mir sagen will. Ich glaube sogar, daß ich es gar nicht zu wissen brauche. Ich weiß nur eines: Das lange Warten war umsonst.