Victoria Schlusche (15)
Schritte
Sie hört die Schritte wieder auf dem Flur. Tip, tip, tap. Immer ungleichmäßig und schlurfend. Langsam und gequält. Sie sieht die Silhouette des Mädchens an der Tür aus Milchglas.
»Komm rein«, sagt sie. Wie jede Woche. »Die Tür ist auf.« Innerlich macht sie sich gefasst auf das, was kommt, schließt ihre Gefühle, ihre eigenen Erinnerungen möglichst ab. Sie holt noch einmal tief Luft. Gefasst blickt sie dem Mädchen entgegen.
Die schmale Gestalt schiebt sich durch den Türrahmen, setzt sich. Schaut ins Leere.
Der Anfang würde also wieder nicht von ihr kommen. »Wie ist es dir in der letzten Woche ergangen?«
Eine lange, unangenehme Pause beginnt, sich auszubreiten.
»Wenn die Kinder in der Schule mich …«, das Mädchen stockt, »sehen, anstarren, dann … Dann spüre ich … eine Lücke in mir.«
Dr. Dipl. Psychologin Angelika Baur hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass das Mädchen niemals direkt auf Fragen antwortet.
»Lachen sie dich aus?«, fragt sie behutsam. Einen Moment lang ist es wieder still; man hört bloß das Atmen der beiden, gleichmäßig, kaum die Stille störend.
Plötzlich schaut sie ihr direkt in die Augen. Dr. Baur erschrickt bei deren Größe und Traurigkeit.
»Ich habe überlegt, wie es wäre, auch tot zu sein.« Keine Regung im Gesicht des Mädchens, während es spricht.
»Was –«
»Ich habe sie sterben sehen«, fährt das Mädchen unbetont fort.
»Du hast es mir erzählt«, sagt Dr. Baur schnell, »aber wenn du noch einmal davon erzählen möchtest, –«
»Der Lastwagen war orange. Wie die Früchte, dieselbe Farbe«, sagt ihr Gegenüber leise. »Ich …« Wieder diese Pause. Das Pochen in Dr. Baurs Hals wird lauter, doch das Mädchen fährt ohne Rücksicht fort. »Als er sich vor mir ins Auto bohrte, in sie, konnte ich noch das Nummernschild lesen, es war …« Zitternd sinkt sie in sich zusammen, »Es war …« Sie bricht in Tränen aus; ihr ganzer Körper bebt.
»Ich habe es vergessen«, presst sie hervor, wie ein einziger Schluchzer. Sie weint nun ohne Hemmungen.
Dr. Baur muss zusehen, wie das Mädchen vor ihr zusammenbricht. Sie spürt einen mütterlichen Impuls, will sie in den Arm nehmen, doch sie ist nicht fähig dazu; etwas in ihr hindert sie daran.
Bevor sie etwas sagen kann, wimmert das Mädchen: »Wenn ich nach Hause komme …, sind dort nicht mehr die gewohnten Geräusche. Alles … ist anders, leer, still. Es ist, als … wie ein dunkles Loch.«
Verzweifelt versucht Dr. Baur, Haltung zu bewahren, dem Mädchen ein unerschütterlicher Fels in der Brandung zu sein, keine Schwäche zu zeigen, ihr damit zu helfen, bloß nicht alles schlimmer zu machen.
Nur mühsam bringt sie die nächsten Worte hervor. »Was glaubst du, hätten deine Eltern gewollt, was du nach ihrem Tod tust?«
Wieder diese Pause. Dr. Baur wird unruhig. Die Stille ist unerträglich. Nicht einmal ein Vogel ist zu hören. Die Leere greift nach dem hellen Zimmer, und es ist, als gäbe es nichts mehr, einen einzigen Augenblick noch, und die Stille wird zerspringen.
»Glaubst du, dass du dich heute ein winziges Stückchen von deiner Trauer entfernen konntest, in dem du dich mit ihr auseinander gesetzt hast?«, fragt Dr. Baur leise. Ihr Make-up ist verschmiert; das sieht sie in der Milchglasscheibe. Aufgelöst wie sie ist, ist sie den Tränen nah. Auch von ihrer Fassade ist nicht mehr viel übrig.
Das Mädchen schaut verwundert, die erste Regung, die bis jetzt zu beobachten ist.
»In Stücke geschnitten ist mein Herz. Es gibt keinen Kleber, der es wieder zusammenbringen könnte«, sagt sie langsam, wie in einem Theaterstück, schaut auf die Uhr. Der Sekundenzeiger bewegt sich langsam, viel zu langsam.
Es kommt Dr. Baur vor, als würden Stunden vergehen. Das Mädchen blickt sie mit starren, leeren Augen an. Fünf, vier, drei, zwei. Es steht auf. Geht zur Tür, öffnet sie leise. »Auf Wiedersehen.« Eine Stimme ohne Seele, wird Dr. Baur bewusst.
Da hört sie sie wieder, die Schritte, tip, tip, tap. Langsam und bedächtig, doch diesmal leiser werdend. Eine Tür fällt ins Schloss. Dr. Baur lehnt sich zurück. Wie lange lässt sich das ertragen?, fragt sie sich. Sie wischt sich die Haare aus dem Gesicht, sieht aus dem Fenster, sieht das Mädchen langsam zwischen den Menschen hindurch gehen. Als könne niemand seinen schlurfenden Schritten mehr Leben einhauchen. Als hätte es kein Ziel.
Plötzlich hört Dr. Baur wieder etwas. Schritte. Nicht das leise Getapse des Mädchens, sondern hartes Auftreten, das den ruhigen Moment zerreißt.
Es klopft. Ohne eine Antwort abzuwarten, stürmt die Assistentin herein. Ihre Absatzschuhe dröhnen auf dem Boden. »Was für ein herrlicher Tag, Frau Doktor, nicht war? Ganz ausgezeichnet!« Ihre Stimme gleicht einem schrillen Schrei, nach all der Stille.
»Diese Sonne! Darf es eine Tasse Kaffee sein?«