Miroslava Valentová (18)

Die Gottesanbeterinnen ziehen in die Stadt

Es war immer noch Tau auf dem Gras, wenn ich früh morgens aus der Haustür hinauslief. Kleine glänzende Wassertropfen kitzelten meine Füße, wie es früher mein Vater gemacht hatte, wenn wir Haschen spielten. Ich war damals sechs und mein knallrotes Haar reichte mir bis zur Taille.

Die Natur war auferstanden im vollsten Sinne des Wortes – es war nämlich Anfang April nach der Sanften Revolution. Ja, es kam der Frühling 1990, und – wie es mein Vater mehrmals sagte – die kommunistischen Hunde lichteten endlich die Anker. Ja, in diesem Frühling (wie jedes Jahr) zogen Tausende von Gottesanbeterinnen wieder in die Stadt, um sich auf den Betonrücken der grauen Gebäude ihre vor Kälte steifen Knochen zu erwärmen. Ich mochte diese Insekten nicht. Diese unauffälligen Heuchler sahen so aus, als würden sie ihre Hände ringen und zu Gott beten, aber in Wirklichkeit warteten sie ohne Bewegung auf ihre Beute, vorbereitet, sie in die Arme zu schließen und tödlich zusammenzukneifen.

Meine Eltern und ich wohnten damals am Rande der neu aufgebauten Stadt, die sich so rasch wie ein Tumor vergrößert hatte. Um uns herum pulsierte die Absurdität eines Kampfes: Beton versus Holz. Zwölfstöckige Fertighäuser ragten bis zum Himmel empor und versuchten, mit den Antennen die Sonne auf die Erde herunterzuwerfen. Hinter dem Neubaugebiet war eine Wiese - eine Insel in dieser grauen Pfütze, auf der ich zusammen mit anderen Siedlungskindern unsere Kindheit in Grashalme hineingewoben hatte. Früh morgens beobachteten wir barfuß Unmengen von wandernden Gottesanbeterinnen, dann haben wir ein paar mit Hilfe von Gurkengläsern geschnappt, mit Benzin begossen und angezündet. Gefühllos. Ach was, sie konnten nicht weinen, sie konnten nicht einmal schreien. Das hatte ich gelernt. Ihr Körper krümmte sich, langsam und lautlos, als hätte ihnen das Feuer keinen Schmerz zugefügt. Und wir schauten zu, atemlos, überzeugt, dass in jenem Moment der Erdball aufhörte sich zu drehen wie das Blut in den Gefäßen der Gottesanbeterinnen. Sie haben natürlich kein Blut, aber das wussten wir nicht.

Im Mai bekam ich Probleme mit der Schule. Ich hatte einen Jungen aus meiner Klasse geschlagen, weil er Witze über mein rotes Haar gemacht hatte. Andreas war um einen Kopf kleiner, so brauchte man nicht viel Kraft. Ich mochte meine Haare, sie erinnerten mich an den Phönix, der auf dem Umschlag meines Lieblingsbuches gerade zur Asche wurde. Aus seinen Flügeln schlugen wilde Flammen in die Höhe und im Schnabel trug er ein kleines Geheimnis.

Meine Mutter musste zum Direktor. Am Abend schnappte die Tür. Schritte. Als ich in die Küche eingetreten war, bemerkte ich hinter den Rauchschwaden die feinen Konturen ihres Körpers. »Weiß du, was der Scheinheilige gesagt hat?«

Ich setzte mich ihr gegenüber.

»Dass du für die Schule unerwünscht bist, sollte sich dein Verhalten nicht ändern. Ich würde ihn zertreten.«

An einer Kaffeetasse mit dem Zeigefinger vorbeistreifend, fragte ich leise: »Was heißt unerwünscht, Mama?«

Sie spielte mit dem Feuerzeug, dann legte sie es auf den Tisch und sagte: »Mach dir keine Sorgen, mein Schatz, das wird sich irgendwie klären.«

Das Gespräch war zu Ende. Ich stand auf und ging weg. Die Straße bereitete sich auf den Sonnenuntergang vor. In meinem Kopf brummte es. Ich kam auf die Wiese. Die Luft stand still, und in der Ferne hörte man das Rauschen der Stadt. Ich legte meine Hände auf die Schultern, um die Gänsehaut loszuwerden. Dann beugte ich mich zum Boden nieder und begann nach Gottesanbeterinnen zu suchen. Nichts. Ich war wütend hin und her gelaufen, bis ich unter der Birke auf der anderen Seite der Wiese Andreas erblickte. Er spielte. Die Hände nach seinen Autos ausstreckend, sah er wie eine große Gottesanbeterin aus. Dieser Gedanke würgte mich. Auf einmal färbte sich seine Haut grün, er sah mich mit gewölbten schwarzen Augen an, wollte etwas sagen, aber aus seinem Mund kam nur Stille. Und ich … griff nach der Benzinflasche in meiner linken Tasche …

Ein Aufblitzen. Dunkel.

Und sein Haar hatte dieselbe Farbe wie meines. Und die Gottesanbeterinnen fingen an zu schreien.