Johanna Götzendorfer (14)

Bürogebäude, 2. Stock, 4. Tür rechts

Sein Schlips schwingt hin und her, während er mich anschreit.

Ich kann zusehen, wie die Schweißflecken auf seinem Hemd immer größer werden. Widerlich.

Muss dieses Theater denn wirklich sein.

Auf nüchternen Magen? Eigentlich wollte ich mir ja noch einen Lunch gönnen. Aber da haben sie mir einen Strich durch die schön durchdachte Rechnung gemacht.

»…sind nicht bereit, immer wieder halbe Vermögen für einen Versager wie dich auszugeben, eins sage ich dir…«

Blah Blah Blah.

Ich kann’s schon auswendig.

Zu allem Unglück beordert er auch noch eine adrett gekleidete Dame, alias die Sekretärin alias seine Freundin alias meine Erzeugerin, herein.

Die rothaarige Schönheit in Miniröckchen und Miniblazer trippelt auf 15-Zentimeter-Absatz-»Man muss sich auch einmal etwas gönnen dürfen«-Designer-Schuhen auf mich zu.

Sie packt meine Schulter und presst ihre knochige Wange auf die meine.

»…wenn ich das geahnt hätte, Spätzchen… du weißt doch: Wir lieben dich!…«

Der selbe Mist wie vorher, nur in rosarot.

Enttäuschte Blicke (»Wie konntest du uns das nur antun!«)

Böse Blicke (»Du bist ein Versager, der es nicht wert ist, den Winter durchgefüttert zu werden!«)

Und mittendrin der zaghafte Versuch der potthässlichen, »echten« Sekretärin, meinen Galgenrichter für irgendeinen Geschäftstermin zu begeistern.

Sie trägt Jeans und Turnschuhe.

Mit einem lässigen Wedeln schickt er sie hinaus.

Genervt fasst er sich an die Stirn.

Diese Pause der Schimpftirade nutzt die Rothaarige:

»Schätzchen, was hast du dir nur dabei gedacht?«

Zu stark geschminkte Augen.

Hhhhm.

»So sag’ doch was!«

Weinerliche Stimme.

Meine Erzeugerin, die sich sorgende Mutter.

Ich muss grinsen.

»Du findest das also auch noch lustig?«

Der Schlipsträger brüllt mich an.

»Und wie oft«, er giftet die Schönheit an, »soll ich es dir noch sagen: Hier drinnen wird nicht geraucht!«

Er drückt ihre Zigarette aus.

VERDAMMT NOCH MAL! Lasst mich doch gehen! Ihr interessiert mich nicht!

»So!«, der Schweißfleckenmacher wendet sich wieder mir zu, »alles gestrichen:

Taschengeld, Fernsehen, Kino, Ausgehen, Freunde!«

»Liebling«, rächt sich nun die Schönheit für die ausgedrückte Zigarette, »sei doch nicht so streng! Lass unserem Spätzchen doch ein paar Freiheiten!«

Sie wuschelt mit ihrer gepflegten Hand in meinem fettigen Haar herum.

Der Angesprochene dreht sich zum Fenster.

Ich betrachte meine Fingernägel.

Stille.

Die echte Sekretärin klopft an und bietet höflich Kaffee an.

Er schickt sie hinaus.

Schade.

Beim Kaffee sind auch immer Kekse dabei.

Wirklich schade.

Was in diesem Büro Auf dem Stuhl sitzt, das ist nur noch Materie.

Verlassen.

Zurückgelassen.

Dem Verderben überlassen.

Von dem, was man Seele nennt, alleingelassen.

»Vögelchen?«

Ja, genau, ich fühle mich wie ein Vogel im Käfig, der frei sein will…

»Spätzchen!«

Spatz? Nein, Spatzen werden nicht in Käfigen gehalten!

»Mädchen!«

Jemand rüttelt mich.

Ich mag mich nicht röhren. Leckt mich doch alle!

Zwei kräftige Ohrfeigen.

Ein schriller Schrei.

Langsam klärt sich mein Blick:

Ein Designer-Bürotisch.

Ein Drehstuhl.

Fenster. Palmpflanzen. Fotos. Gemälde. Weiße Wände.

»Herzchen!« Jemand umarmt mich stürmisch.

Spitze Fingernägel graben sich in meinen Rücken.

»Wo bist du nur immer in Gedanken?«

In Freiheit, Fräulein.

»Kann ich jetzt bitte gehen?« höre ich mich fragen.

Ich klinge wie ein wohlerzogenes, junges Mädchen.

»Nur zu«, der Schlipstrager funkelt mich wütend an, »erspare uns künftig aber Peinlichkeiten dieser Art.«

Ich gehe, schließe die Tür, nicke der »echten« Sekretärin zum Abschied zu und laufe dann.

Laufe über Treppen hunderte, tausende, abermillionen von Stufen.

Laufe aus dem Gebäude, über die Straße, weg, weg, weg!

Vor einer Parkbank mache ich Halt.

Gehe keuchend in die Knie.

Falle auf den Rücken.

Habe Bauchschmerzen (nüchterner Magen?).

Liege auf der kalten Erde.

Egal. Egal, egal, egal, EGAL!

Ich bin frei,

Weg von all dem hier!

Ich fliege, schwebe weg.

Lebe wohl, Schöne Welt! Jetzt bin ich weg und komme nie wieder!