Helena Köfler (15)
Nicht mehr
Die Wellen peitschen gegen den Holzsteg, das letzte Sonnenlicht wurde in Wasser gebrochen. Der Tag war strahlend sonnig gewesen, nun flimmerte der Abend dahin, die Grillen zirpten und die Sonne tanzte am Horizont schon die letzten Takte und tauchte alles in goldgelbe Farben, die schon langsam orangerot dämmerten.
Sie saß am Steg und ihre Beine baumelten. Ihre langen Haare wurden sanft nach vorn geweht, streichelten ihre Wangen. Ihre Augen, sonst mit diesem Funkeln besternt, tauchten in flimmernde Schatten, blitzen gleichzeitig vor Erwartungslust und Angst.
Dann näherten sich Schritte. Fast bedrohlich erklangen sie auf dem morschen Boden. Tip-tap. Tip-tap. Tip. Ein letzter zögernder Schritt. Sie konnte vor ihrem geistigen Auge sehen, dass er sein linkes Bein noch einmal in der Luft schwang und es dann abstellte. Die Stille irritierte sie, schrie ihr nun zu laut in den Rücken. Sie wusste, dass er darauf wartete, dass sie anfangen würde. Er wollte Zeit gewinnen, wusste nicht, was er sagen sollte.
»Was soll aus uns werden?«, zerriss ihre dünne Stimme die Stille.
Er stand schweigend hinter ihr, obwohl sie ihn nicht sah, malte sie sich ein genaues Bild von seiner Gestik, seiner Mimik, die soviel unterstrich.
Abschied, dachte sie. Wenn sie sich trennen würden, würde ein kleiner Teil ihres Inneren absterben.
Er wiegte vor und zurück, seine Füße wippten unruhig in der Stille. Die Bretter ächzten, ein lautloses Echo in die Dunkelheit.
»Was ist mit ihm?« Das letzte Wort kam gepresst. Sie bewegte sich nicht, hielt die Luft an, solange bis sie den Mund mit einem lauten pfft wieder öffnete. Sie bemerkte seine Verunsicherung, ob er sie berühren sollte, oder ob er Distanz bewahren sollte.
»Warum sagst du nichts?« Seine Wut übergoss sie wie heiße Lava, sie spürte plötzlich nichts mehr von der schleichenden Kälte, die sich nun langsam ausbreitete, sie fühlte sich, als hätte ihr jemand eine siedendheiße Spritze ins Rückenmark gestoßen.
Langsam drehte sie den Kopf, fixierte seinen Blick, der ihr so seltsam leer entgegenschwächelte und in diesem Augenblick zerbrach etwas in ihr wie eine Porzellanvase, die man aus dem dreizehnten Stock wirft.
»Es ist nichts«, dachte sie laut. »Gar nichts.« Und in ihrer Stimme schwang ein täuschend echter, fröhlicher Unterton mit, und sie dachte, die Luft müsse vibrieren und mitschwingen, wie eine schrillende Alarmglocke.
Sie erhob sich, suchte noch ein letztes Mal seine Augen und versuchte erst gar nicht, diese für die Ewigkeit einzusammeln.
Sie warf ihre Haare nach hinten, über ihr Gesicht huschte ein leise zuckendes Lächeln und bevor sich ihr Gesicht von Schmerz bewegt verziehen konnte, drehte sie den Kopf weg.
Und das bebende Herzklopfen, ein Indiz ihrer Verzweiflung, fraß sich tiefer in ihr Inneres. Sie glaubte, ein Teil ihrer Selbst starb nun.
Auch der Fötus in ihr bewegte sich nicht.