Eva-Maria Kampitsch (16)

(Mein Mensch, Teil II)

Die Differenz der Dinge

In jüngster Vergangenheit, wenn nicht auch schon davor, wurde mir mit zunehmender Tendenz dazu geraten, einen Schlußstrich unter meine Vergangenheit zu ziehen. Sie sei nicht mehr zeitgemäß, wenn auch nicht vielleicht schon gar nicht mehr regelkonform, und überhaupt, man sah es nicht gerne, weder hier unten, noch inmitten der Menschheit, dass ein Individuum, welches in der Lage war, selbstständig zu denken, zu entscheiden und natürlich auch unter Berücksichtigung der moralischen Grenzen in der Lage war zu existieren, wenn es also diesem besagten Individuum schwerfiel, sich seinem, von einer vermeintlichen höheren Macht aufgezwungenen, Los zu unterwerfen. Wie dem auch sei, es steckte von Anfang an nicht in meiner Natur, mich Dingen zu beugen, welche ich entweder nicht verstand, oder die ich, für viele äußerst kontraproduktiv, nicht akzeptieren konnte oder wollte, in manchen Fällen vielleicht sogar ein wenig musste, einzig und allein deswegen, um den Schein des Rebellen zu wahren. Doch Standhaftigkeit, auch in den schwierigsten Situationen, fordert ihren Preis, ähnlich, wie es einen Historiker fordert, wenn er inmitten seiner Forschungen plötzlich verwirrt von alten Schriften aufsieht, um festzustellen, was die Ursache für sein akkurates geistiges Stolpern wäre, was sich vielleicht als Sensation deklarieren ließe.

Und gleich wie dieser Historiker sich verwirrt umsah, war auch ich auf der Suche nach der Wurzel, die mich in jungen Jahren hatte über sich stolpern lassen, und seit diesem Augenblick mich nicht mehr den mir vorbehaltenen Platz in der Gesellschaft einnehmen ließ. Es war beinahe so, als habe es sich damals um eine Schlingpflanze gehandelt, einen Parasiten, welcher sich seinem Wirt ohne dessen Verstehen und Begreifen immer mehr und immer enger bemächtigt, um ihn schließlich am Ende verschwinden zu lassen, mit einer Langsamkeit, aber doch einer bewundernswerten Beharrlichkeit, dass selbst Nahestehende des Wirtes dessen nicht gewahr werden. Die Wurzel verbaute mir mein Blickfeld, ließ mich lange blind durchs Leben gehen, ehe es mir gelang, mehr zufällig als vielleicht gewollt, einen Arm aus ihrem hölzernen Kokon zu befreien, und die immer schneller und stämmiger wachsenden Knospen und Blätter vor meinen Augen zu entfernen und des Abgrunds gewahr zu werden, auf welchen ich mit taumelndem Schritt zugesteuert war. Ich korrigierte diesen Fehler und bemerkte erfreut, obwohl es mich eigentlich hätte zu Tode oder gar noch schlimmer hätte ängstigen müssen, dass sich meine Umgebung bis auf den kleinsten gedanklichen Grashalm geändert hatte. Es ließ sich keiner geographischen Landschaftszone zuordnen, um es möglicherweise einigermaßen zu beschreiben, doch es gereichte dieser eine Augenblick des Sehens, bevor sich die eben noch abgerissenen Blätter wieder neu gebildet hatten und mein Augenlicht verdeckten, um der Bedeutung meines Lebens und meiner beinahe schon gescheiterten Existenz das eigentliche Ziel wieder klar zu machen, und mich trotz der Schlingpflanze der Verdammnis um meinen Körper wieder sehend werden zu lassen. Geistig sehend, und auch sehend insofern, dass ich Grundlegendes begriff, es mir plötzlich so klar erschien, wofür ich mir jede schlaflose Nacht die Qual des Philosophierens angetan hatte.

Damals fiel es mir sogar noch leicht zu sagen, dass die Verdammnis und ihre Auswüchse vielleicht doch nicht die Geißel der Menschheit, sondern möglicherweise sogar deren Erlösung sein könnte; wenn sie doch nur sehen würden, wenn sie doch nur zu sehen gewillt wären!

Doch kann man ihnen das »Nichtsehen« denn verübeln? Kann man sagen, dass sie Heuchler sind, falsche Gläubige, da sie die Verdammnis verfluchen, und sie vor lauter Fluchen gar nicht nachzudenken anfangen. Sie denken nicht nach, sie nehmen alles hin, wie es kommt; kommt es jedoch schlecht, dann war es Gottes Wille. Doch, kann ich ihnen das sagen? Kann ich ihnen sagen, dass sie in Zukunft sich einzig und allein auf die Verdammnis zu konzentrieren haben, ohne dabei gleich in ihren (vermeintlich) sehenden Augen als Satanist zu gelten?

In Anbetracht dessen, denke ich, es wird besser sein, ich werde ihr Wohl in ihrer eigenen Hand belassen, sie sind ja schließlich frei und brauchen keinen Führer mehr, einzig allein vielleicht einen kirchlichen, aber von diesem merkt man ja im Prinzip nichts; es ist ja auch im Allgemeinen jedem selbst überlassen, ob er nichts gegen den Lauf der Dinge unternimmt, oder vielleicht nur ein klein wenig, oder aber alles, wo ich an dieser Stelle aber nicht behaupten möchte, dass ich alles versuche.

Man kann also getrost sagen, alles sei relativ.

So zog ich mich also zurück, zusammen mit dem Schatten meiner selbst, mit der anderen, welche glaubte, sie sei ich, und mit meinem Menschen, welcher hergeborgt draußen in der Welt im Körper einer nicht sehenden lebenden Toten sein Übergangsdasein fristete, begierig wartend auf den Tag, an dem die Pflanze der Verdammnis, vielleicht nicht so sehr an Mangel an Licht hier unten, aber sicherlich mangels an ihrem Wirt, wohl schon in absehbarer Zeit verdorren und verfaulen würde, und abermals Ausschau halten wird, nach einem Neugeborenen in der Umgebung, um wieder als kleines, unscheinbares und liebenswürdiges Pflänzchen in den hintersten und dunkelsten Regionen des kindlichen Gehirns zu gedeihen, und ihr Spiel abermals zu spielen, gepaart mit Falschheit, List und dem alles zugrundeliegenden Unvermögen des Menschen.

Sollen sie und alle vergangenen und kommenden Generationen in Frieden ruhen.

Ich persönlich habe beschlossen, mich nicht zu opfern; selbst für einen geliebten und mir nahe stehenden Menschen nicht, diese Zeiten sind vorbei; man geht von solch einem Vorhaben auch soundso nur als Verlierer hervor.

Tatsache ist jedoch, dass ich nun hier mein Dasein friste, in gespannter Erwartung dessen, was da kommen sollte; vielleicht morgen schon, übermorgen, oder gar erst in Jahren. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn Zeit plötzlich keine Rolle mehr spielt, Tage nur einem Sekundenbruchteil gleichen, Nahestehende im Gegensatz zu einem selbst immer mürrischer, tatenloser und traumloser leben, ihr Leben nach einem Plan ordnen, angefangen vom Kindesalter bis hinauf zu dem eines Greises; es hat sogar etwas zynisches, wenn man bedenkt, dass ich mit unkonzentriertem Auge die schwarzen Muster zwischen den in Stein gehauenen Geschichten hier herunten realisiere, in völliger Dunkelheit konserviert, kalten Stein an meinen Schultern spürend, und regelrecht darauf hoffe, dass die Zeit vergehen möge, sich Dinge ändern könnten und ich wieder ins reale Leben zurückkehren kann, auch auf die Gefahr hin, wieder dem organischen Verfall ausgesetzt zu sein. Obwohl, es hat eigentlich nicht mehr viel Sinn, mich zu freuen, der Zeit, oder dem Synonym, welches sich dahinter verbirgt, einen Streich spielen zu können. Niemand kann das, auch nicht die wenigen Sehenden, denn das, was wir in solch schöne Worte wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kleiden, ist nichts weiter , als der in Worte gefaßte Alterungsprozeß, der jedem Organismus zugrunde liegenden Zellen, welcher einmal schneller, einmal langsamer vor sich geht, den man aber nicht aufhalten kann, geschweige denn sogar stoppen, oder vielleicht sogar umgehen, wenn man es macht wie ich, sich in den steinernen Sarg einer seit Jahrzehnten nicht mehr geöffneten Gruft legt, seinen Geist im wahrsten Sinn des Wortes für einige Monate, wenn nicht gar Jahre einfach begräbt, seinen Körper einer Toten anvertraut, insgeheim aber immer sich noch nach Bestätigung des eigenen Tuns sehnt, um auch im letzen Winkel des Verstandes selbst davon überzeugt zu sein. All dies sollte in Zukunft, wenn der Schatten meiner selbst in tiefster Schwärze unter der Erde zugrunde geht, nicht mehr von der Außenwelt abhängig sein, so sagt man zumindest. Man sagt, es habe Vorteile, eigenständig agieren zu können, auch wenn man nicht sein eigener Herr sei, man sagt sogar, es sei von größter Wichtigkeit, diesen Status in einem Leben zu erlangen, um den eigenen Seelenfrieden zu finden.

Aber ist es nicht so, dass viel zu viel gesagt wird? Ist es nicht so, dass Weisheiten kommen und gehen, keine neuen aber hinzukommen, sondern die breite Bevölkerung jene, welche gegangen sind, wieder in die Wirklichkeit zurückholt und einen Trend daraus macht? Es entspricht doch der Wahrheit, dass es edel und vornehm klingt, wenn jemand in der Lage ist, Shakespeare zu zitieren, in Wahrheit dieser Klassiker aber bei genauerer Betrachtung durch ein kritisches Auge aber über eine Banalität verfügt, welche im Anschluß daran beinahe schon wieder selbst unglaublich erscheint. Es war und ist also alles nur Show, eine Art, das Leben zu meistern, die ganzen unbeantworteten Fragen, welche für die meisten unsinnig im Raum standen, viel zu primitiv erschienen, um überhaupt den Stellenwert der Beanwortungswürdigkeit zu erlangen und schlußendlich dann doch der Schlüssel zu alledem waren, was man in pastoralen Bereichen als Wille Gottes deklarierte. Sollte jedoch die Liste der Fragen der Menschheit jemals kürzer werden, sollte jemals eine Chance auf wissenschaftliche Klärung bestehen, so schien es mir, als meine durchsichtigen Augen die vage Gestalt eines Kopflosen trafen, von beinahe schon bitterer Nötigkeit, den Hoffnungsträgern dieses Wunsches, den Kindern, keine halbherzigen Erklärungen auf deren immer häufiger werdende Fragen zu geben, sondern klare und präzise Antworten, da man Kinder ja bekanntlich an Klugheit und Verständnisgabe noch immer viel zu weit unterschätzt. Man traut sich nicht, aus welchem Grund auch immer, sie zu belasten, da es einem Individuum in solch einem zarten Alter doch nicht möglich sein könnte, dies Gesagte alles in sich aufzunehmen und auch noch dementsprechend zu verarbeiten. Moderne »Psychofritzen« halten das für ausgeschlossen, doch sagen sie selbst, wie belastbar sind Kinder? Sagen sie mir, wenn ich mich in meinem Standpunkt irre, wenn ich behaupte, Kinder seien die wahren Menschen! Dass es ihnen als einzigen gebührt, zu dieser Gattung gezählt zu werden, so ehrlich und strebsam wie sie an eine jede Sache herangehen?

Ich für meinen Teil hatte in letzter Zeit viele Möglichkeiten nachzudenken, was nur natürlich ist, wenn man in solch einer Enge, noch dazu mit gefalteten Händen über der Brust, zu vollkommener Ruhe verurteilt ist. Und doch, gerade bei dieser, nicht sonderlich förderlichen Lage der Dinge, kam mir die Erkenntnis, dass die Menschheit allem, was sie sieht, bereits seit Jahrtausenden überdrüssig ist; man widmete sich folglich nur noch der angenehmen Seite des Daseins, sah weder von Ost nach West noch von Süd nach Nord. Es war nun endgültig an der Zeit, die Sterne auszulöschen, den Mond zusammenzupacken und die Sonne abzubauen, die Ozeane auszuschütten sowie den Wald zusammenzukehren.

Die Stumpfsinnigkeit war übermächtig geworden, doch jene, welche sie bekämpfen könnten, waren und sind bereits zu Staub zerfallen oder sind im Begriff, vom Sargdeckel, welcher sich langsam, aber dennoch stetig fortbewegt, überdeckt, verdeckt und unentdeckt für Künftige zu werden.

Doch was hilft das ewige Gejammere und Geklage, zu ändern ist auf der Welt von einer einzelnen Person, noch dazu von einem Querdenker, nichts. Belächelt wird man, als Dank dafür, dass man versuchte, ihnen die Augen zu öffnen, ihnen das Dasein zu erleichtern; doch es scheint wirklich, betrachtet man die Geschichte, in der Natur jeder großen denkenden Persönlichkeit zu liegen, dass sie zur falschen Zeit am falschen Ort geboren wurde und auch gedacht hatte. Oft sogar erst hunderte von Jahren nach deren Tod wandte man sich gnädig ihren Werken zu, manchmal sogar nur deshalb, da sie in den Bibliotheken wertvollen Platz versperrten, und erkannte beinahe mit Entsetzen, dass das eigene Sein um so vieles erleichtert worden wäre, hätte nicht Stumpfsinnigkeit und Dummheit dies so lange Zeit verhindert.

Doch zu reden ist leicht, zu tun, lautet die Devise. Doch wie kann man tun, wenn es nicht auch eine verschwindend kleine Minderheit an Denkern gibt, welche sehen, schließlich nachgeahmt und natürlicherweise vergessen werden?

So schließt sich der Kreislauf wieder, von welchem man jedoch nicht behaupten kann, dass es eine wirklich gekrümmte Gerade, ohne Ecken und Winkel wäre; es ist vielmehr das Erscheinungsbild eines Sargdeckels, welcher sich langsam, aber dennoch stetig fortbewegt, um kontinuierlich die zusammengefügten Steinplatten des Lebens, verziert mit dem Echo des Urknalls, immer weiter abzudecken; in ferner Zukunft luftdicht zu verschließen und abermals selbst dem Stumpfsinn und der Dummheit Einhalt zu gebieten, das Leben von der Menschheit zu befreien, einzig und allein, um niemals wieder eine Selbige zu kreieren.