Anna Katharina Wohlgenannt (17)
Handys für alle!
Ich sitze im Bus.
Hinter mir liegt ein anstrengender Schultag, und ich beginne langsam ins Land der Träume abzugleiten.
Doch plötzlich zerreißt ein penetrant-melodisches Geräusch die Stille, und ich bin wieder hellwach.
Das Mädchen neben mir zieht ihre grünblinkende Nabelschnur aus der Tasche und redet angeregt in sie hinein.
Neiderfüllt schaue ich sie an.
Seit bei mir die Entnabelung stattgefunden hat, bin ich allein auf der kalten, weiten Welt.
Ich glaube, dass mir so ein kleines Ding aus Plastik das einmal gekannte Gefühl von Geborgenheit, dieses überall und immer vergeblich gesuchte, schmerzhaft vermisste Gefühl zurückgeben könnte.
Ein verklärtes Strahlen umgibt das Mädchen, ihre leuchtenden Augen scheinen blind geworden zu sein für den grauen Alltag, ihre von positiver Energie durchdrungene Aura ist so intensiv spürbar, dass ich deutlicher als jemals zuvor meine eigene Einsamkeit erkenne.
Wie gern hätte auch ich so eine synthetische Nabelschnur, die dieses scheußliche Gefühl der Leere in mir für immer tilgen würde.
Und deshalb bin ich dafür, dass jeder Mensch gleich nach der Geburt mit einem Handy ausgerüstet werden sollte.
Die Rate der Suizide, der Mager-, bzw. Fettsüchtigen, der Drogenmissbraucher, der Verbrecher im allgemeinen und überhaupt jedes anormale menschliche Verhalten würde dadurch sicher drastisch zurückgehen.
Somit müsste nicht soviel in psychiatrisch-psychologische Institutionen (Telefonseelsorgen, Irrenanstalten, ) investiert werden.
Die lieben Kleinen wären nur noch mit kleinen Baby-Handys auszustatten ich würde rosa Handys für Mädchen und blaue für Buben vorschlagen und bald befänden wir uns wieder nahe der menschlichen Hochblüte getragen, gefördert, aufgebaut von unseren Kindern und dank der wunderbaren Erfindung Nabelschnurersatz!