Anna Katharina Wohlgenannt (17)
Ich gehe die Promenade entlang, Richtung
Zwettler Zentrum. Ein asphaltierter Weg, beidseitig gesäumt
von Bäumen. Wunderschönen Bäumen.
Links verläuft ein dünnes Rinnsal, rechts eine von Bierflaschen
und Zigarettenstummeln übersäte Wiese, auf der eine
Frauenstatue liegt.
Sie sieht aus wie tot, oder als würde sie schlafen.
Ich nähere mich der steil nach links ins Zentrum hinauf führenden Abzweigung.
Da kommt mir Francois entgegen.
Er befindet sich gerade direkt in der Abbiegung, doch zweigt er nicht einfach ab: Er legt sich richtig in die Kurve sein gesamter langer, langer, dünner Körper scheint sich vom Scheitel bis zur Sohle nach rechts zu neigen, und so wirkt er ein bißchen wie der schiefe Turm von Pisa.
Und er bewegt sich nicht auf Asphalt, sondern auf »fetten« Hip Hop Beats er macht weit ausholende, rhythmische Schritte, sein Kopf wackelt zwischen seinen Schultern, seine Arme sind einladend weit ausgebreitet, selbstbewusst, irgendwie chauviemäßig.
Er hat eine Zigarette in der rechten Hand, an der er tief zieht, und ein Riesen Grinsen auf den Lippen, seine Augen blitzen.
Und da ist er schon wieder vorbei.
Ich gehe zurück nach Zwettl, ich suche Theo. Es ist kalt und dunkel.
Die Stadt ist voll von besoffenen Leuten, es ist Faschingsmontag. Als ich es schon längst aufgegeben habe, finde ich ihn endlich.
Wir kaufen miese Zigaretten und gehen zur Bushaltestelle vorbei an einer Straßenlampe, deren Licht die fallenden Schneeflocken malerisch beleuchtet.
Heute ist genau der richtige Abend. Romantisch genug, um mit meiner alten Ehefrau spazieren zu gehen, sagt Theo. Und mein Herz pocht schneller.
Ich ziehe an der Zigarette, die mir nicht schmeckt. Lucky Strike.
Meine Finger sind eisig kalt.
Wir sitzen in dem vollgepissten Bushäuschen, ein paar Besoffene gesellen sich zu uns. Wir reden über uns.
Ich weiß nicht mehr, worum genau es geht.
Ich weiß nur noch, dass ich warte, dass ich nervös bin und mein Herz klopfen höre.
Ich will nicht, dass der Bus kommt er soll erst kommen, wenn etwas passiert und alles anders ist.
Wenn Theo und ich endlich zueinander gefunden haben.
Doch da kommt er schon, und nichts ist passiert.
Wir sitzen nebeneinander in der Wärme, und Theo isst Pringles, die er schon die ganze Zeit mit herumgeschleppt hat.
Ich nehme seine Hand.
So sitzen wir da, in der Dunkelheit, der Bus fährt durch den Winter und die Nacht. Mein Herz klopft, klopft, klopft.
Theo ist nervös und redet nur Scheiß.
Von seinem Griechischreferat, das er am nächsten Tag halten soll, und von dem wir beide wissen, dass er es niemals vorbereiten wird.
Er macht Scherze, von denen mir kein einziger im Gedächtnis geblieben ist.
Schließlich sagt er: Du hältst mich jetzt sicher für einen Idioten. Ich führ mich einfach abscheulich auf, in dieser ernsten Situation.
Nein, nein, ich halte dich nicht für einen Idioten, ich halte dich nie für einen Idioten, ich küsse den Boden unter deinen Füßen.
Seine Haltestelle nähert sich, und er springt viel früher auf, als er müsste.
Um ihn hinaus zu lassen, muss ich aufstehen, und ich gebe ihm einen ungeschickten Kuss auf die Wange.
Und er springt aus dem Bus, und weg ist er.