Anna Katharina Wohlgenannt (17)

Immer weiter hinaus

Seit Wochen war ich mit Arbeit eingedeckt gewesen. War immer drinnen gesessen im Haus, an meinem Schreibtisch, hatte gedacht, geschrieben, gelesen.

Kaum einen Blick hatte ich verschwendet an die Welt.

Und wenn meine Augen einmal zufällig von der Arbeit weg und aus dem Fenster hinaus gewandert waren, hatten sie nicht den großen Baum gesehen, der da draußen stand, nicht die Wiese und die Berge dahinter, sondern nur abstrakte Begriffe, Definitionen, Worte, Sätze…

Und so war die Zeit vergangen:

Der sommerlich grüne Baum war rot und gelb geworden, hatte schließlich von herbstlichen Stürmen gerüttelt seine Blätter verloren, bis nur noch sein schwarzes Skelett übrig geblieben war.

Die Wiesen waren bald morgen für morgen mit Rauhreif bedeckt gewesen und die Bergkuppen hatten vom ersten Schnee des Jahres geglänzt.

Doch all dies hatte ich nicht gesehen.

Ich war nur mit meiner Arbeit beschäftigt gewesen.

Blind für den Wechsel der Jahreszeiten,
taub für das Krächzen der Krähen, die in den Ästen des Baumes und auf der Wiese gehockt waren oder weit über den Bergen im weißen Himmel ihre Kreise gezogen hatten.

So war Weihnachten vorüber gegangen und Neujahr.

Fasching und Ostern.

Und eines morgens war ich aufgewacht und hatte die Vögel zwitschern gehört.

Die Sonne hatte zum Fenster herein geschienen, denn ich hatte gestern, nach einer langen Nacht an meinem Schreibtisch, vergessen die Vorhänge zuzuziehen.

Ich war aus dem Bett gesprungen und hatte das Fenster aufgerissen.

Der Baum hatte seine Äste zu mir herüber geneigt, Äste mit jungem Blättergrün.

Die frische, grüne Wiese war noch vom Tau bedeckt gewesen und eine einsame Wolke hatte sich am blauen Himmel befunden.

Klar war dieser Morgen gewesen. Klar und still.

Und auf einmal war mir klar geworden, daß ich ein ganzes Jahr vergeudet hatte.

Ich wollte nur noch hinaus aus diesem Haus, weg von diesem Schreibtisch, weit, weit weg.

Ich rannte durch die Sonne über die grüne Wiese unter dem blauen Himmel zum See.

Ich wollte die Erde verlassen, meinen Körper, der mich stumpf machte und träge und schwer.

Ich wollte das Element wechseln, ins Wasser gleiten, mich in die Fluten stürzen.

So schwamm ich hinaus, immer weiter hinaus, weg vom Ufer, vom Haus, vom Schreibtisch. Und merkte, dass mir Schuppen wuchsen und Flossen.

Ich wurde zu einem Fisch.

Immer schneller und wendiger schwamm ich, immer vertrauter wurde mir das kühle Wasser und bald hatte ich vergessen, dass es jemals anders gewesen war.