Eva-Maria Kampitsch (15)

Mein Mensch

Dies’ Jahr. Es wird mein letztes sein. Mein letzes in einer langen Reihe von Jahren, von Ereignissen, von Schicksalsschlägen; ein Jahr, in dem sich alles und auch nichts verändert hat. Jeder Stein, jedes Gebäude, die Menschen – alles ist um ein Jahr älter geworden und keinem fällt es auf; nur mir. Mir am Ende meines letzten Jahres.

Wissen Sie, seltsamerweise scheint man in seinem letzen Jahr mit hyperaktiven Sinnen und einer, das Lied vom Tod spielenden, Hypophyse den anderen zu begegnen. So wie ich. Stehe neben mir, beobachte mich bei meinen Handlungen, brauche meinen Körper nicht zu drehen, um das hinter mir zu sehen.

Es scheint unfassbar, und doch ist es für mich nicht einmal Ironie des Schicksals, weil ich es von dem Zeitpunkt an, als sie uns, als sie mich verließ, gespürt habe, dass nach dem nächsten Spätsommer Schluß sein würde. Ich habe es gespürt, obwohl ich es hätte wissen können, wissen sollen, ja, ich hätte es wissen müssen. Im Prinzip ist es jedoch gleich; die Dinge stürzten auf mich ein, doch sie kamen nicht überraschend, nicht für mich; und die anderen merkten sie erst gar nicht.

Als der letzte Tag ihres Jahres zu Ende gegangen war, geschah dies nicht so laut, wie es sich viele möglicherweise vorgestellt hatten. Es gab sogar welche, denen es nicht einmal auffiel. Und doch, sogar heute noch, handhabe ich ihr Bild, ihre Seele, ihr Sein noch so, als wäre sie real. Obgleich die Leute über mich redeten, ich wusste es schließlich, brauchte mich ja nie umzudrehen. Über mich konnten sie reden, soviel sie wollten, sie konnten reden, bis ihnen die Lippen in Fetzen aus dem Gesicht hingen; doch sollten sie nur ein schlechtes Wort über sie verlieren, und sollte dies auch nur eine Silbe sein, dann wären sie ihrem Schicksal ausgeliefert. Sie würden tot sein. So tot, geistig wie auch körperlich, dass es toter gar nicht mehr ging. Alle, egal ob ich sie nun kannte oder nicht.

Ich wußte, dass es nicht gut war, zu hassen. Ich sah es auch ein; doch wenn es um sie ging, war ich sensibel, beinahe krankhaft sensibel.

Es ist schwer zu sagen, was man fühlt, in solch einer Situation; für Außenstehende unbegreiflich, nicht nachvollziehbar; jedoch für mich hielten viel zu viele Hände viel zu viele Feuerzeuge in die Nähe von viel zu vielen Zündschnüren.

Was sollte man dazu noch sagen? Ich weiß es nicht; war im wahrsten Sinne des Wortes nicht etwa sprachlos, oh nein, mit Sprache konnte ich weiterhin verletzen, daran hatte sich nichts geändert, nein, ich war einfach nur… gedankenlos. Ich dachte zwar, ich spürte es, doch mich damit zufrieden zu geben wäre Selbstbetrug. Ich musste mir eingestehen, dass ich im Kreis dachte, sich die Fortsetzung meiner Gedanken einmal in meinem Kopf um ihre eigene Achse drehte und wieder zu ihrem Ursprung zurückkehrte; freiwillig oder unfreiwillig sei jetzt dahingestellt. Ich sah mich auf irgendeine Art und Weise sogar in Hans Christian Andersens kleinem Zinnsoldaten verkörpert, dem ein Standbein seiner Existenz fehlte, der Clown dies unbarmherzig ausnützte, um ihn auszulöschen. Hinein in den Ofen in die prasselnden Flammen zu stoßen, die ihn schmelzen lassen würden zu einem kleinen Häufchen Zinn, welches mitsamt der Asche weggeworfen werden würde; es ist zu unbedeutend, um auch nur irgendeine menschliche Gefühlsregung hervorzurufen.

Ich habe nicht darüber gesprochen, als sie damals gegangen war, zeigte mich von meiner harten Seite, wie immer eben, ich zeigte nie gerne Gefühle, für mich sind sie Ausdruck von Schwäche, wenn nicht manchmal sogar von Unterwürfigkeit; ich will aber auch nicht behaupten, dass es Momente in meinem Leben gab und auch gibt, in denen ich mich fürchte vor gefühlskalten Menschen, vor Menschen überhaupt – das gibt es auch.

Was soll ich sagen, was soll ich ihnen erklären, was kann ich ihnen erklären, was muß ich ihnen erklären? Das Gefühl, wie es ist, neben sich zu stehen, sich selbst zuzusehen, wenn die materielle Hand nicht das berührt, wozu das Gehirn sie eigentlich aufgefordert hat, sondern einen halben Meter daneben greift, weil man aus vollkommen unwirklicher, ja vollkommen falscher Perspektive sieht? Aus den Augen einer Fremden, die es biologisch gar nicht geben kann, muß, darf. Die nur auf spiritueller Ebene existiert, einfach nur mein Schatten ist, der auf grauenhafte Art und Weise zu einem »Ding« mutiert ist. Ist es das, was für sie einer Erklärung bedarf? Oder ist es etwa der Vorgang, wie man plötzlich, von einem Tag auf den anderen aus einem fremden Augenpaar sieht und auch gesehen wird?

Wenn es eines dieser beiden Dinge ist, so kann ich es ihnen nicht erklären; und… ich will es auch gar nicht. Sie würden es, trotz ihrer vielleicht vorhandenen Neugier, nicht verstehen; für die Mehrheit würde es paradox, viel zu viel nach »Science Fiction« klingen. Doch, was ist die Mehrheit schon? Die Mehrheit ist einfach nur der personifizierte Unsinn.

Möglicherweise wäre es jedoch eine Erklärung, dass ich schizophren bin. Doch wie kann ich schizophren sein, wenn ich von »der anderen« weiß? Der perfekte Schizophrene – wenn es so jemanden überhaupt gibt – wäre ja bekanntlich ein Mann oder eine Frau, die sich in ihrer anderen Persönlichkeit(en) nicht nur nicht bewußt ist, sondern die darüber hinaus überhaupt nicht merken, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmt.

Doch was mache ich eigentlich hier? Ich muß nicht für sie, sondern für mich Antworten finden.

Also, bin ich etwa charakterschwach? Habe ich deshalb nicht die Möglichkeit, nicht den Willen, meinen Schatten, dieses andere »Ding« und mich selbst zu ein und derselben Person wieder zusammenzufügen? Jedoch, seit ich denken kann, war ich mir nie einer Schwäche meines Charakters bewußt; oder war ich einfach nur zu perfekt, um meine Fehler zu erkennen? Hatte ich meine Fehler nicht bemerkt, obwohl ich immer versessen darauf war, vollkommen richtig, vollkommen perfekt zu sein? Hatte ich sie nicht bemerkt, weil ich jedes Mal sofort in Rage geriet, sobald einer es wagte, an mir Kritik zu üben? Anscheinend trafen diese Vermutungen zu. In meinem letzen Jahr musste ich also erfahren, und noch dazu durch eigenes Nachdenken, dass ich charakterlich schwach und also auch nicht perfekt war. Das war Ironie des Schicksals.

Doch was half mir heute noch Pessimismus, wenn ich morgen gänzlich tot war? Was halfen mir die großen Veränderungen dieses ausklingenden Jahrtausends? Was half es mir, dass die Mauern gefallen waren und wir nun unsere Wände hatten? Ich erstickte in meinen Fragen, erstickte in meinem, mir selbst geheuchelten, Selbstmitleid; war unfähig, die Dinge so zu sehen, wie sie es gesehen zu werden bedurften, wie sie waren. Ich hatte mir gewünscht, frei zu sein und wusste nicht, von was oder wem ich davon abgehalten wurde. Möglicherweise von den gedanklichen Wirren in der Pubertät, doch auch dies wäre keine Entschuldigung für die Existenz »der anderen«. In den letzten Jahren, speziell und intensiv jedoch erst ab dem Zeitpunkt, als sie gegangen war, beschäftigte, nein, quälte mich die Frage, wofür, und vor allem, für wen ich lebte. Nein, eigentlich ist diese Art der Fragestellung nicht ganz richtig. Es müsste viel mehr lauten, wie lange hielt man es als Existenz noch aus auf dieser Welt, unter all den anderen Existenzen, wenn man erst einmal angefangen hatte, nachzudenken. Nachzudenken, seinen Geist, die gesamte Kapazität auszunützen, die einem zur Verfügung stand und welche man tagtäglich beinahe unnütz mit sich herumschleppte, da man entweder bereits Doktor-weiß-der-Teufel-was oder Diplomingenieur war und es daher nicht mehr der Mühe wert fand, auch nur den kleinsten Fingerzeit in Richtung Weiterbildung, Geisteserweiterung oder gar Stärkung des Charakters zu unternehmen. Ich habe angefangen nachzudenken, in frühester Kindheit schon, im Gegensatz zu den anderen, den Ignoranten, habe ich versucht, alle zu verstehen; Descartes zu verstehen, Plato zu verstehen, Kant zu verstehen, Schopenhauer zu verstehen; um nur einige wenige aufzuzählen. Gelungen ist es mir nie, im Gegenteil, je mehr ich mich bemühte, die Gedanken dieser Philosophen, Dichter und Schriftsteller auch nur ansatzweise zu begreifen, entfernte ich mich immer weiter von einer möglichen Lösung, was sich jedoch im Endeffekt als nicht, wie ich zu Beginn angenommen hatte, negative Wirkung im Bezug zu meinem Vorstellungs- und Begriffdenken herausstellte, sondern mich viel mehr dazu brachte, selbst nachzudenken, selbst Beobachtungen zu machen und eigene, unverfälschte Schlüsse daraus zu ziehen.

Verstanden wurde und werde ich bei meinem Unterfangen nie, höchstens schief angesehen, oder, wenn es die Zeit erlaubt, was jedoch höchst selten vorkommt, milde belächelt. Lange wird es, so bemerke ich es immer wieder, nicht mehr dauern, bis man mich als »geistig angeknackst« bezeichnen wird. Doch, muß, oder besser, soll ich mich mit Äußerungen von Menschen, von Individuen, herumschlagen, die sich ihre kleinkarierten Hirne beinahe schon ein ganzes Jahrzehnt aneinander wund stießen, und das nur im Streit auf die Frage, ob, aufgrund der geographischen Lage, »Obergstetten« nicht doch besser »Untergstetten« und ob nicht »Untergstetten« besser »Obergstetten« heißen sollte. War das notwendig? War es überhaupt möglich, den Sinn des eigenen Lebens darin zu sehen, ob nun in Zukunft Obergstetten und Untergstetten ihre Namen tauschen sollten oder nicht? War es möglich, dass man sein ganzes Leben mit dieser einen einzigen Frage ausfüllen konnte, wo es doch unter jedem umgedrehten Kieselstein tausend andere, tausend neue gab?

Ist es für Sie jetzt noch verwunderlich, dass ich nicht verstanden werde? Aber nein, ich weiche viel zu viel vom Thema ab. Doch, was war eigentlich das Thema? Sie hören mir so aufmerksam zu, sehen mich so gebannt, ja beinahe erschrocken an. Anscheinend bemerken Sie schon, dass in mir etwas vor sich geht; dies mein letztes Jahr ist. Mein letzes Jahr, in dem Sie mich so sehen, wie Sie es gewohnt sind, wie Sie mich kennen. Sie dürfen ruhig erschrecken, ruhig schreien, wenn es Ihnen unheimlich wird. Ich will Sie diesbezüglich nicht unter Druck setzen. Das war der Mensch in mir, nicht das »verknackte Genie«, welches Philosophen zu verstehen versucht. Nützen Sie die Gelegenheit, um soviel wie möglich von diesem Menschen herauszusaugen und in Ihren Erinnerungen zu speichern; es macht auch gar nichts, wenn Sie ihn komplett aussaugen, ich habe sowieso keine Verwendung mehr für ihn. Es gibt ihn im Sonderangebot, nein, doch nicht, für Sie ist er gratis. Auch eine Gefühlsregung, die Sie beruhigt haben und in Ihren Erinnerungen eingraben können. Oh, wenn wir gerade dabei sind, ich vergaß, dass Sie sehr, um nicht zu sagen extrem gläubig, nein, der katholischen Kirche bereits verfallen sind. Jedoch, der Mensch in mir, den Sie gerade im Begriff sind, vollständig aus- und aufzusaugen, enthält nicht den leisesten Hauch von Glauben, welche Religion auch immer. Dies soll aber nicht den Geschmack an meinem Menschen verderben. Wenn Sie mit etwas mehr Bedacht saugen würden, würden Sie feststellen, dass es da eine philosophisch abgehandelte Fassung einer Anekdote über das Tun Gottes gibt.

Ja, ein bißchen noch nach links, ein Stück zurück, ein kleines Stück nach vorn; so, bitte. Studieren Sie die Fassung erst einmal; dann können Sie noch immer schockiert über meine Einstellung sein.

Einst saß ein Mann an einem Strand, und beklagte sich bei Gott darüber, dass der Beklagte ihn fortwährend im Stich ließ. Gott rechtfertigte sich, indem er zu bedenken gab, dass, wenn der Kläger auf sein Leben zurücksehe, er immer eine zweite Fußspur neben der seinigen erblicken würde können. Der Mann tat dies, fand aber während des schicksalsreichsten Abschnitts seines Lebens nur eine einzige Fußspur vor. Voll Zorn über dessen Lüge wandte er sich wieder an Gott, doch dieser antwortete, dass der Zweifler deswegen keine zweite Fußspur neben der seinen entdecken konnte, weil er, Gott, ihn in dieser Zeit getragen hätte.

Ich will nicht behaupten, dass ich solche Anekdoten von Gott gern hätte oder sie mir viel bedeuteten würden; sie haben jedoch Geist. Nein, mein Gott, was rede ich da? Sie sind nichts weiter als aufgezeichnetes Wunschdenken der Menschen. Hilft mir etwa jemand in meinem letzen Jahr? Redet eine imaginäre Stimme, redet ein Busch, oder wenigstens eine Balkonpflanze mit mir? Macht sich irgend jemand von der Dreifaltigkeit die Mühe, auf Erden zum »Bodenpersonal« hinabzusteigen, um mir beim Beantworten meiner Fragen hilfreich unter die Arme zu greifen? Nein, keiner lässt sich blicken!

Und wenn Ihnen auch die Augen aus dem Kopf fallen und am Sehnerv vor Ihrem Gesicht baumeln, ich sage, wie es ist! Dank des Papstes gibt es auf der Welt keine ungeküssten Böden mehr und auch keine Diktatoren, denen nicht mindestens einmal beide Hände geschüttelt worden wären. Doch ich will Ihnen meinen Menschen nicht verderben. Sie können ihn ja, wenn Sie ihn vollständig in sich, in Ihren Erinnerungen aufgesaugt haben, nach Ihren persönlichen, Ihren katholischen Maßstäben umgestalten und umerziehen. In diesem Fall hätten wir ein, wie ich es nenne, »mexikanisches Unentschieden«. Sie bekommen meinen Menschen und ich suche und bekomme möglicherweise durch Ihr Zuhören Antworten, endlich befriedigende Antworten für mich, auf meine Fragen. Ihr Schweigen werde ich als eine, mehr oder weniger, überzeugte Zustimmung interpretieren. Wie gesagt, ein mexikanisches Unentschieden, für beide Seiten offen, für beide Seiten variabel, für beide Seiten fair.

Wissen Sie, seit Sie damals gegangen ist, habe ich mir manchmal bei Nacht gewünscht, mit ihr gegangen zu sein. Die Ruhe und den Frieden zu genießen, weit ab von kleinkarierten, beinahe bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschrumpelten Gehirnen, die nicht mehr denken wollen oder gar können; ich habe mir gewünscht, frei zu sein, und wusste nicht einmal, von wem ich daran gehindert wurde; habe mir gewünscht, wenn ich schon nicht mit ihr gehen konnte, mich mein Verantwortungsgefühl (gegenüber meinen Eltern) daran hinderte, wenigstens nicht mehr mit meinem Umfeld kommunizieren zu müssen, man es akzeptieren würde, wenn ich alles nur beobachte. Sie glauben gar nicht, wie störend das Sprechen sein kann. Beobachtet man jedoch stillschweigend, ohne jede Gefühlsregung, so erkennt man plötzlich die Körpersprache der anderen, kann sie deuten, exakter, als wenn man dabei spricht, kann ihre Mimik lesen, ja, es gelingt sogar, ihre Gedanken zu erörtern; und das alles nur mit Hilfe der Augen. Anscheinend fiel es »normalen« Menschen deshalb so schwer, zu sehen, weil sie zuviel redeten. Keiner in meinem Bekanntenkreis konnte es aushalten, wenigstens eine Stunde nicht zu reden. Wenn man es ihnen sagte, zeigten sie einem an die Stirn, aber es ist, für mich, eine erwiesene Tatsache, dass sie sich ihr Leben schlicht und einfach kaputt redeten; hielten es ohne Geräuschkulisse nicht mehr aus, stumpften und töteten ihre Sinne, ihre Gedanken ab und besaßen sogar noch die Frechheit, diejenigen, die lasen, sich bildeten und doch nur Beobachter waren, mit Argwohn aus den Augenwinkeln heraus anzustarren und zu hassen, weil sie diese, die Denker, als eine Bedrohung sahen, weil diese, dank ihrer geschulten Augen, ihre, bis dato, gut verborgenen Fehler erkannten, schweigend aussprachen, aufzeigten. Weil nun die anderen, welche zwar ebensowenig dachten wie sie selbst, sich über sie und ihre Fehler den Mund fusselig redeten, zerredeten, bis am Schluß nichts mehr vorhanden war und die Denker wieder neu beginnen mussten, die Fehler zu erkennen, auszusprechen und aufzuzeigen. Ich hingegen gebe mich nicht damit ab, Fehler von anderen Existenzen zu finden; ich denke für mich selbst, habe meinen eigenen »philosophischen Gemüsegarten«, in den ich mich zurückziehe, um darüber nachzusinnen, warum manche Denker, obwohl sie lasen, sich bildeten und beobachteten, dann doch nicht den Drang unterdrücken konnten, anderen ihre Fehler vor Augen zu führen und diese auch noch publik zu machen. Für mich eine unverständliche Zeitverschwendung, die den noch immer unterentwickelten Geist, den unterentwickelten Charakter dieser Denker zeigt, die von ihren alten, ihnen anerzogenen Verhalten noch immer nicht genügend Abstand gewinnen konnten. Es waren bemitleidenswerte Kreaturen, die das Denken, die Stärkung des Charakters, proletarisierten, ja, sie vergewaltigten es regelrecht.

Sehen Sie, deswegen erlaube ich Ihnen, meinen Menschen auszusaugen, ihn in sich aufzusaugen, weil ich sehe, dass Sie höher denken als diese profanen Denker, Sie empfinden mit mehr Gefühl, mehr Intensität. Es wird Ihnen sehr nützen, meinen Menschen aus ihren Erinnerungen holen zu können, wenn sie durch die verdichtete und auch bisweilen verkrustete Schicht der Profan-Denker hinauf, in höhere Sphären, stoßen werden. Aufgrund dessen habe ich mir Sie auch ausgesucht. Ich habe erkannt, dass Sie mehr sind, als dieses graue Mäuschen, als dieses Mauerblümchen, wie Sie sich immer an diesem Ort hier geben. Ich habe erkannt, das Sie den Mut, die Stärke, ja, dass Sie die Courage besitzen, sich durch den Morast der vermeindlichen Denker zu den wirklichen vorzukämpfen; ich habe von Anfang an gesehen, dass Sie meine Bemühungen fortsetzen werden, zu denen ich aus Zeitgründen nicht mehr fähig bin. Ich möchte, dass Sie wissen, dass in dem Moment, indem Sie meinen Menschen vollständig in sich aufgesogen haben, meine gesamten Erwartungen, Wünsche und Träume auf Ihnen ruhen und auch lasten, dass sie die Verantwortung für sich und für den Menschen tragen. Ich möchte auch, dass Sie begreifen, dass, wenn Sie diese doppelte Verantwortung ertragen können, Sie im Stande sind, alles, wirklich alles zu ertragen. Ich will Sie jetzt bewußt nicht vor eine Entscheidungsfrage stellen, da Sie Ihre eigene, persönliche bereits in dem Moment getroffen haben, als Sie es mir gestatteten, mich zu Ihnen zu setzen. Obwohl, es hätte ja auch nur eine Täuschung sein können, als ich dachte, Ihr Geist, Ihre Ideale wären standhaft. Ich habe nicht die Absicht, Sie zu etwas zu zwingen, es ist nur so, dass ich mich in Ihnen sehe; älter zwar, aber doch bin ich es. Sie entsprechen meinem Charakter, meinem Geist, meinen Versuchen, zu begreifen. Mein ganzes letzes Jahr habe ich nach so einem Menschen gesucht, einem Menschen, bei dem meinem Menschen die Veränderung des Körpers nicht auffallen würde. Und jetzt bin ich mir, da ich es erwähne, wirklich sicher, dass Sie die Richtige sind; sonst hätte Sie mein Mensch schon getötet. Doch seien Sie nicht beunruhigt deswegen, und seien Sie auch nicht beunruhigt, wenn Sie jetzt wahrnehmen, dass ich mich aufspalte. Betrachten Sie das nur als einen Vorgang, der Ihnen hilft, Sie dabei unterstützt, in dieser Welt zu bestehen. Ihren Kampf gegen die vermeintlichen Intellektuellen gezielter zu gestalten. Oder haben Sie sich etwas anderes von mir erwartet, als ich mich zu Ihnen auf den Stein setzte? Sagen Sie nichts, ich weiß es auch so; Sie fragten sich, was ich von Ihnen wollen könnte, und dann zogen Sie sogar die Möglichkeit in Betracht, dass es sich bei allem einfach nur um einen Scherz, bestenfalls um eine Mutprobe handeln könnte und haben den Deckel zu gemacht. Vollkommen ohne Vorwarnung haben Sie ihren Geist verschlossen und den Schlüssel nicht nur einmal, nicht zweimal, Sie haben ihn dreimal umgedreht, meine Sätze, meine Wörter grausam getrennt, in Stücke gebrochen, doch, Ihre Augen sind dabei immer größer geworden, so wie sie jetzt, während meiner Verwandlung, immer größer werden, weil Sie sich selbst fragen, wieso Sie so heftig, so unnötig aggressiv auf meine simplen Sätze reagierten. Ich sehe Ihnen an, dass Sie auch jetzt noch fieberhaft nach einer Antwort suchen, doch Sie selbst schaffen es nicht mehr, in Ihr eigenes Gehirn, in Ihr Denken, zurückzukehren, da Sie nicht nur den Deckel zu und den Schlüssel dreimal umgedreht und denselben weggeworfen haben, sondern auch, weil Sie sich bis zum jetzigen Zeitpunkt weigern, diesen Zustand zu akzeptieren, ja, Sie weigern sich sogar mit aller Vehemenz, den Schock über mein plötzliches Auftauchen in Ihrem Leben zu verwinden.

Mir gefällt das.

Sie gehören zu den wenigen Individuen, die wenigstens Kenntnis davon erlangen, weshalb sie plötzlich im Kreis denken; Sie haben einfach den Deckel zugeworfen und den Schlüssel dreimal umgedreht, aus Panik heraus oder als Folge eines Ereignisses, dass Sie, trotz Ihrer umsichtigen Wachsamkeit, völlig unerwartet traf.

Wissen Sie, dass Sie eine gute Zuhörerin sind? Mit Sicherheit. Sonst hätte ich nicht eine Antwort auf, zumindest, eine meiner zahllosen Fragen gefunden, die meinen Menschen beschäftigen, ihn fast in den Wahnsinn treiben.

Träumen Sie manchmal? Und wenn ja, wie träumen Sie? Träumen Sie abenteuerlich, träumen Sie Komödien, oder träumen Sie etwa sogar Romanzen? Mein Mensch träumte gerne, alles träumte er gerne. Er lebte sein Leben in den Träumen, und war doch kein Träumer, brauchte keine reale Welt mehr, brauchte kein Bett, um sich schlafen legen zu können und zu träumen. Für ihn war die ganze Welt ein Traum, wenige Male auch ein Alptraum, aber immerhin noch ein Traum, den er selbst gestalten konnte. Ich, die »andere« hingegen, war immer in der Nacht zuhause, ich war dankbar für jede schlaflose Nacht, weil sie mich philosophisch weiter brachte; habe mich immer gefreut, dass ich auch dann noch alles sehen konnte, wenn die anderen, die Blinden, Lampen anzünden mussten. Ich war froh darüber, stolz darauf, ein Nachtmensch zu sein, der plötzlich auftauchte und, solange es ihm gefiel, präsent war; gegen den sich die Tagmenschen nicht zu wehren vermochten, ihn selbst mit Licht nicht vertreiben konnten, weil er beides war, Licht- und Schattenwesen zugleich, ein »normaler« Schizophrener unter all den anderen Schizophrenen, welche ihrer Krankheit nicht Herr waren.

Sie sind eine normale Schizophrene, existieren hier, wenn auch nur bei Nacht, und existieren dort unten, wenn heroben die Sonne scheint. Doch nun wird dies ein Ende haben. Nun, da Sie meinen Menschen vollkommen aufgesaugt, in Ihrem Denken verankert haben, wird er Ihren Organismus wieder funktionieren lassen und…

Nein, erschrecken Sie nicht!

Meine Verwandlung findet nur eben ihr Ende, sorgen Sie sich nicht, es schmerzt kein bißchen; möglicherweise ist es jedoch schwer, sich an meine, etwas metallisch klingenden drei Stimmen zu gewöhnen, doch nun bin ich drei Frauen; ich, die »andere«, mein Schatten und mein Mensch, den Sie in sich aufgesaugt haben und welcher in der realen Welt nun zerfallen wird zu nichts. Ich aber werde mit Ihnen nun die Leben tauschen, Sie werden hier weiter leben mit meinem Menschen, ihrer geliehenen Existenz, ich hingegen werde für einige Jahre in Ihre Gruft hinab steigen; dort, in der absoluten Dunkelheit, wird mein Schatten zugrunde gehen und dann werde ich endlich nur mehr eins sein, werde eine sein, die »andere«, und kann von neuem beginnen, kann wieder eintauchen in die Welt der Denker und Schreibenden, wenn ein »anderer«, ein Mensch und ein Schatten meinen Weg kreuzen und mir ihren Menschen überlassen…