Eva-Maria Kampitsch (15)
Alte Bäume
An diesem Tag saß sie wie immer am Fenster, blickte in den trüben Tag hinaus, dessen Erscheinung durch die unzähligen Kratzer im Glas noch viel trostloser und entmutigend wirkte, und versuchte, Antworten zu finden. Antworten auf die ewig wiederkehrende und bereits sinnlos gewordene Frage, warum man ihr im Alter alles genommen hatte, was ihr lieb und teuer war, und mit welchem Recht man sie hier einsperrte, sie spüren ließ, dass sie nur mehr eine Last war.
In solchen Momenten fielen ihr immer die Gespräche von damals ein, wie sie mit ihm am Kamin über den Tod und das Danach gesprochen hatte. Sie hatten oft diskutiert, eigentlich schon seit sie sich kannten, doch das Ergebnis eines solchen Gesprächs war seit Jahr und Tag immer das gleiche gewesen. Wenn die Frage nach der Personifizierung des Todes auftauchte, hatten sie beide mit stumpfen Augen ins Feuer gesehen und an nichts gedacht. Es übte auf sie jetzt, nachdem sie schon so lange getrennt waren, noch immer eine gewisse Faszination aus, dass sie trotz des vorhersehbaren Endes ihrer geistigen Kapriolen nie das Interesse daran verloren hatten. Mit größter Wahrscheinlichkeit lag es jedoch am diskutierten Phänomen; und war letztendlich mit ein Grund, warum man sie beide für verrückt erklärt hatte.
Als sie damals getrennt worden waren, hatten sie sich geschworen, niemals alleine über den Tod und das Danach nachzudenken; sie kannten schließlich ihre Kinder und wussten, dass gewisse Launen vorüber gingen, doch sie hatten in ihren Erinnerungen die Zeit nicht mitberechnet. Ihre Sprösslinge von damals waren gewachsen, hatten ihren eigenen Willen und waren seelenlos. Seelenlos. Immer, wenn sie dieses Wort in ihre Gedanken aufnahm, hallte es wie in einer großen, leeren Halle wider, umnebelte andere Gedankengänge, verschluckte sie und verlieh ihren Augen diesen stumpfen, abgetöteten Glanz. Zwar wollte sie es nicht wahr haben, doch sie hatte sich im Laufe der Jahre an dieses Wort und seine Wirkung gewöhnt, hatte es als ein Teil von sich betrachtet und schrieb es schließlich diesem Zustand zu, mit dem man in der heutigen Zeit wohl am besten zurecht kam. Alte Menschen waren eine Last, man schob sie ab, sorgte sich nicht; man wollte sie vergessen, verkörperten sie doch das, was heute schon als Schande galt, wenn man es wurde. Die Jungen wandten sich ab, wollten den Verfall nicht sehen, keine zittrigen Hände oder gar zahnlose Münder, alte Augen wurden als unwissend bezeichnet, weil das Feuer fehlte. Das Feuer, das vom Sand einer immer schneller werdenden Uhr bedeckt und schließlich ganz erstickt wurde.
Sie waren also getrennt worden, einfach so. Die Kinder hatten sich nicht mehr vertragen, jedes hatte Familie, aber keine Zeit. So wurde er eines Sonntagmorgens mit dem Krankenwagen vom Hof abgeholt, wie ein Schwerverbrecher an der Liege festgebunden und ins Pflegeheim gebracht. Wie zum Hohn gegen alles Alte wurde es »Sonnenplatz« genannt. Ein Sonnenplatz am Rande eines abgewirtschafteten Industrieparks, indem jene lebten, die der Rest der Welt vergessen hatte, oder vergessen musste.
Sie kam zu ihrer Tochter in die Stadt und betrachtete seitdem die zerkratzten Fenster und den dahinter liegenden trüben Tag, jede Stunde von der Hoffnung erfüllt, ihn endlich wiedersehen zu können. Und heute, so plötzlich, kam er aus den tiefsten Tiefen ihres Unterbewusstseins, dieser Gedanke; nach so langer Zeit. Merkwürdigerweise fehlte es in ihrem Wortschatz, dieses kleine simple Wort, welches sooft bereits verwünscht worden war. Sie musste es endlich wieder hören, es aussprechen können. So sagte sie ihren Enkeln mit seltsam stumpfen Augen gute Nacht, bevor sie sich anzog, das Haus verließ und mit langsamen schlurfenden Schritten die Straße hinauf in Richtung Industriepark wankte.
Die Besuchszeit war bereits zu Ende; es störte sie nicht. Wortlos ging sie am Portier vorbei, er beachtete sie nicht, Zimmer 88 lag am Ende des Ganges; dieser, hell erleuchtet von kalten Neonröhren, die sich im Linoleumboden spiegelten, erschien ihr viel zu lang. Es war diese Länge, die öffentlichen Einrichtungen diese Hoffnungslosigkeit gab, dass man nie ans Ziel kam. Auf halbem Weg von den Zahnrädern des sozialen Staates eingeholt und zermalmt wurde. Sie beängstigten diese Überlegungen nicht mehr; würde sie diesen Gang doch nur einmal überqueren.
Im Zimmer war es ruhig, etwas dämmrig, sodass seine Haare ein unnatürliches Weiß angenommen hatten. Ein kleines grünes Pünktchen hopste unaufhörlich auf einem Bildschirm auf und ab und zog einen gleichgefärbten Strich hinter sich her. Wäre sie noch ein Kind, würde sie es vielleicht als belustigend empfinden. Sie wankte an das Kopfende des Bettes, bückte sich mit einem Seufzer und zog der Reihe nach alle Stecker aus den Dosen. Als sie sich dann auf die andere Seite des Bettes hinbewegte, verspürte sie plötzlich eine undefinierbare Angst in sich. Lange stand sie wie angewurzelt da, versuchte, sie festzuhalten, sie mit ihren Gedanken einzufangen, doch stattdessen entwischte sie ihr, verkroch sich ins tiefste Unterbewusstsein und hatte damit, unwissend oder nicht, einen Fehler begangen, keiner würde diese Angst je wieder fühlen können; sie hatte sich selbst den Todesstoß versetzt.
Die Alte ließ ihre Hand in die Manteltasche gleiten, holte den kleinen Brieföffner hervor, setzte sich neben das Bett und begann, seine knochige Hand sanft zu streicheln. Dabei betrachtete sie ihn. Jetzt, nach so vielen Jahren, wusste sie, dass sie damit nur nie angekommene Briefe geöffnet hatte. Nun sollte er wenigstens einmal von Nutzen sein. Sie drehte den Kopf zum Fenster, blickte durch das zerkratzte Glas in den immer dunkler werdenden Tag hinaus. Als sie kurz zusammenzuckte, wusste sie, dass sie aus den Fenstern dieser Stadt nie etwas anderes sehen würde, als diese Trostlosigkeit, die man unwillkürlich auch als Endgültig bezeichnen konnte, und während sie ihren Kopf auf seine Hand legte und warmes Blut das Bettlaken tränkte, fragte sie sich, was wohl im Protokoll stehen würde. Suizid mit vorangegangenem Mord?
Es brauchte im Grunde gar kein Fremdwort; sie hatten einfach schon viel zu lange nicht mehr über den Tod gesprochen.