Eva Grassl (16)

Turm. Schwarzer Turm.

»Der Turm«, sagte A, »der Turm begräbt etwas unter sich.«

Im Gegenlicht ragte seine Gestalt wie ein schattengrauer Balken aus der Ebene. Er wandte den Kopf nicht zu mir, als gelte es, dem abwartenden Gebilde nicht die Möglichkeit zu geben, uns von hinten anzufallen.

Wind schrie, toste ohne Halt zu finden, trotzdem klangen die Worte fest zwischen uns; A hatte ihnen genug Zeit gegeben, um aus seinem Mund zu klettern und, bleich ins Tageslicht blinzelnd, Nägel in ihre dürren Strichkörperchen zu schlagen, sich ins Schweigen zu hämmern.

»Was«, frage ich in eine ausklingende Stille, »wolltest du noch sagen?« A’s Pupillen waren in den letzten Tagen drohend gewachsen, hatten sich so weit ins Auge gefressen, dass das Weiß nur mehr eine dünne Grenze zwischen den zwei Scheiben und dem restlichen Körper beschrieb. Über dem glanzlosen Blick staken Wimpern wie dünne scharfe Zähne, wohl der Grund, weshalb A die Lider immer panisch nach oben drückte.

»Der Turm scheint aus dem Boden zu wachsen«, redete A mühsam weiter, »es ist, als ob er die Oberfläche von unten her durchstoßen habe, als sei er nur ein Vorbote oder besser: Teil eines Größeren.« Er sah mich kurz an und ich nickte.

»Der Turm aus vermodertem Dunkelbraun, gerundet aus organisch stinkenden Ziegeln, wie gewachsen. Wie gepflanzt. Der Turm birgt etwas unter sich.«

Der Horizont hatte uns umzingelt, ohne dass wir es bemerkt hatten. Wohin wir uns auch drehten, überall schnitt eine scharfe Linier den Boden ab und baute unerbittlich farblosen Himmel darüber. A setzte sich rasch in Bewegung, und ich folgte seinen eilig dahinklopfenden Schritten.

A wurde immer ruhiger, je weiter wir uns entfernten. Zeiten später blieb er stehen, schaute zurück. »Der schwarze Turm hat die Form eines Armes, eines Knochenarms, Teil eines Skelettes, das die Hand wie ein Ertrinkender aus dem Wasser stößt«, flüsterte A, und in seiner Stimme schwang ein haariges Timbre mit, ein filigranes Kreischen, das ich A’s träge Mämmerstimmbänder noch nie aus Atem hatte meißeln hören.

Er setzte den Weg fort, schob Strecke zwischen uns und das Gebilde, bis es so weit in den Boden geschrumpft war, dass wir es nicht einmal mehr erahnen konnten. Der Horizont rückte wieder näher. Es wurde Abend und es wurde Nacht.