Robert Luschan (11)
Inspektor Hasenfuß
lnspektor Hasenfuß lebte im Jahr 2004 in Graz und war äußerst fleißig, was seinen Job anging, er arbeitete Tag und Nacht und schnappte jeden Kleinkriminellen oder auch Schwerverbrecher; er war jedem im Polizeipräsidium ein richtiges Vorbild, jeder hatte allen Grund, stolz auf ihm zu sein, bis auf seine Familie. Seinem Namen machte er nämlich überhaupt keine Ehre. Inspektor Hasenfuß war einfach zu wagemutig, zu aufrichtig und zu draufgängerisch für seine Familie.
Die Hasenfuß waren bis auf den Inspektor ziemliche Angsthasen; der Opa konnte kein Kammerjäger werden, denn er fürchtete sich zu sehr vor dem Ungeziefer, die Oma konnte nicht Köchin werden, da sie sich vor den scharfen Gewürzen fürchtete, und die Eltern und Geschwister konnten auch keinen Beruf ausüben, da sie sich ebenfalls ständig fürchteten. Deswegen war Inspektor Hasenfuß sozusagen das schwarze Schaf in der Familie. Doch all das sollte sich bald ändern.
»Ring, ring!« läutete das Telefon in Inspektor Hasenfuß Büro. Der Inspektor hob den Hörer ab und lauschte. Am Ende der Leitung war sein Vater, worüber sich der Inspektor besonders freute, doch der begrüßte ihn überhaupt nicht, sondern sagte nur mit ernster Stimme: »Sohn, ich will, dass du herkommst«, danach legte er auf.
Besorgt und nachdenklich schritt der Herr Inspektor zu seinem hochmodernisierten Elektrofahrzeug und gelangte innerhalb weniger Sekunden zu seinem Elternhaus. Laut »Hallo« rufend trat er ein und ging auf seine Familie zu. Doch die standen nur stumm da, ohne ihn willkommen zu heißen.
»Na, was ist!?«, fragte der Inspektor und blickte in die Runde.
»Verräter«, stieß seine jüngere Schwester hervor.
»Du ziehst unsere ganze Familie in den Ruin«, fauchte sein jüngster Bruder giftig.
Inspektor Hasenfuß begriff überhaupt gar nichts.
Da ging sein Vater mit ernster Miene auf ihn zu und fing an, den Inspektor einzuweihen:
»Du bist kein richtiger Hasenfuß, du bist zu mutig, aber da du der älteste deiner Geschwister bist, und deine Mutter vor Jahren von uns geschieden ist, wärst du der rechtmäßige Erbe. Aber da du ein solcher Draufgänger bist, würdest du nichts, aber auch absolut gar nichts bekommen. Da ich dir aber nun noch viel Geld schulde, habe ich beschlossen, dir noch eine letzte Chance zu geben.« erzählte ihm sein verbitterter Vater zornig.
Inspektor Hasenfuß war sehr geschockt über diese Neuigkeit, dabei wollte er schon immer wissen, was der so wertvolle Besitz seiner Familie sei. Also stimmte er, ohne zu wissen, was die Aufgabe sei, zu. Doch es kam schlimmer, als er sich je erträumen hätte lassen, denn seine letzte Chance, sein Erbe anzutreten war:
Er sollte ein richtiges Weichei werden, ein ordentlicher Angsthase, eben genau das Gegenteil von dem, was er eigentlich jetzt war; aber das Schlimmste war doch, dass er bei einem Überfall vor den Verbrechern davon rennen sollte.
Traurig und gekränkt ging er zurück zum Polizeihauptquartier. Den ganzen Tag saß er nur mehr in seinem Massagestuhl. Er hatte keine Lust mehr, mit dem Computer zu sprechen oder sonst irgend etwas zu unternehmen. Da plötzlich hörte er ein Piepsen. Es war das Pieps-Signal an seiner Uhr. Sie zeigte an, daß die Bank am Grazer Hauptplatz überfallen wurde. Das war seine große Chance. Während dieses Banküberfalls wollte er seinem Namen alle Ehre machen. Seine geliebte Familie könnte dann stolz auf ihn sein.
Dank der modernen Technik war er nach wenigen Augenblicken schon vor Ort. Da hatte er auch schon die flüchtenden Bankräuber gesehen. Er rannte auf sie zu und schrie dabei laut: »Halt, stehen bleiben!«
Kaum hatten die Räuber ihn erblickt, bremste Inspektor Hasenfuß ab, drehte sich um und rannte unschlüssig auf das öffentliche WC zu. Ein Nachrichtensender, der alles sofort ins Fernsehen übertrug, filmte dieses Geschehen live vor Ort. Die Moderatoren konnten es kaum fassen, dass der sonst so tollkühne Inspektor vor einer Gruppe lausiger Bankräuber davonlief. Nur die Familie Hasenfuß war hoch erfreut, als sie das Geschehen vor dem Fernseher miterlebte.
In dieser Zeit war der Inspektor in die öffentliche Bedürfnisanstalt am Grazer Hauptplatz geflüchtet und hatte sich in einer Kabine eingeschlossen. Er dachte, es wäre alles vorbei, und löste das Schloß und wollte gerade die Tür öffnen, als er plötzlich Stimmen hörte. In dem Moment wollte er die Tür wieder zuschlagen. Aber es war schon zu spät. Er knallte die Tür einem Mann voll ins Gesicht.
»Wusch!« Mit einem lauten Aufschrei fiel der Mann zu Boden. Erschrocken lugte der Inspektor hinter der Tür hervor und blickte den Mann an, den er gerade mit der Tür niedergeschmettert hatte. Als er diesen sah, konnte er sein Glück kaum fassen. Er hatte den Anführer der Bankräuber zusammengeschlagen. Als dieser umfiel, mußte er wohl auf den anderen gefallen sein, und dieser wiederum auf den Dritten im Bunde. Er konnte sich vor Glück und Angst gar nicht mehr bewegen. Da plötzlich betrat die Polizei den Raum, packte die drei Verbrecher und führte sie ab.
Der Inspektor stand noch immer regungslos neben der Tür und bemerkte nicht einmal die Reporter, die ihn fotografierten. Erst als er die Stimme seines Vaters vernahm, riß es ihn aus seiner Trance. Enttäuscht von sich selber, verbarg er das Gesicht hinter den Händen und flüsterte: »Nicht einmal zum Davonrennen bin ich gut genug.«
»Ach, vergiß das doch einfach. Wir waren doch nur alle eifersüchtig, da du es soweit nach oben geschafft hast, und wir bei allem versagt haben«, tröstete ihn sein Vater liebenswürdig. Der Inspektor blickte ihn ungläubig an, doch der lächelte ihm nur aufmunternd zu, dann schlossen sich die beiden fest in die Arme.