Juliane Liebert (11)

Das Burgtor

Vor ewiger Zeit, als die Stadt Graz noch ziemlich klein war, lebte einmal ein reicher Fürst, der Antonius von Baltasar hieß. Dieser hatte sich in das Burgfräulein Maria von Theodor verliebt. Er war aber grausam und hartherzig, geizig und gar gottverlassen. Maria wollte ihn nicht heiraten, denn sie war jung und schön. So sagte sie, daß sie ihn erst heiraten werde, wenn er ein Tor gebaut hätte, das sechs Gänge hätte und doch nur drei. Denn so etwas, dachte sie, sei unmöglich.

Doch Antonius war ein gar geschickter Baumeister. Er kam auf die Idee, das Tor so zu bauen, daß es drei Bögen hätte, die miteinander so verbunden waren, daß der linke Bogen mit dem mittleren durch einen Bogen, daß der rechte mit dem mittleren aber durch zwei Gänge verbunden war. Als Maria das hörte, begann sie, die beiden Gänge vom Mittleren ins Rechte immer wieder zu vermauern. Da sie das in der Nacht tat, konnte Antonius es sich nicht erklären und hörte auf, das Vermauerte des Tages wieder aufzureißen. Doch Maria war von der nächtlichen Arbeit so erschöpft, daß sie hinsiechte und verschied.

Doch noch heute soll ihr Geist im Tor umherstreichen, und sooft jemand die Gänge wieder geöffnet hat, am nächsten Morgen waren sie wieder vermauert.