Hannah Fadinger (12)
Johannes
Johannes saß auf der Kellertreppe und weinte. »Nein, Johannes!«, sagte der Junge zu sich. »Ein Vierjähriger kann darüber heulen, aber doch nicht du mit dreizehn!« Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Heute zu Mittag hatte er erfahren, dass seine Eltern sich scheiden lassen würden. Sie hatten das schon länger vorgehabt, ihm aber nichts gesagt. Wieder liefen ihm Tränen über die Wangen. »Verheul nicht dein ganzes Gesicht!«, sagte er. »Du musst ja noch auf Sonjas Party. Was sollen die anderen von dir denken?«
Als Johannes sich entschlossen mit dem Hemdärmel über die Augen fuhr, hörte er seine Mutter rufen: »Schatz, in einer Stunde beginnt die Feier, mach’ dich langsam fertig!« Kurz darauf hörte Johannes Schritte auf der Treppe.
»Komm bitte nicht runter!«, murmelte er, aber da stand seine Mutter schon in der Tür.
»Weinst du, Johannes?«, fragte sie erschrocken.
Johannes wandte sich ab.
»Ich verstehe dich, Johannes. Du bist darüber sehr traurig, aber es ist doch das Beste für uns alle!«
Das Beste für uns alle! Der Standardspruch … Johannes nickte.
»Na, siehst du? Du verstehst mich, oder?«, fragte seine Mutter freudig.
»Na klar! Und wie ich dich verstehe!«, dachte Johannes, doch er nickte wieder.
»Gut! Dann zieh dich jetzt um! Willst du nicht das schöne Hemd von Tante Martha nehmen?«, fragte sie. »Genau! Und dann noch ein Tutu!«
Johannes schüttelte den Kopf. »Ich denke … ich werd’ so gehen«, sagte er leise.
Sie zuckte mit den Achseln. »Wenn du meinst! Ich bin oben in der Küche.«
Johannes nickte abermals. »Ich muss jetzt sowieso weg, mich vom Fußballtraining für heute abmelden«, antwortete er.
»Mach’s gut.« Seine Mutter gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
Johannes lächelte gequält und verließ das Haus.
Sonja begrüßte ihn freundlich, und Robert rief ihm zu: »Hey Jojo! Keine Eltern, freie Bahn!«
Johannes versuchte zu grinsen. »Ist cool!«
Im Wohnzimmer saßen einige seiner Freunde und ein paar, die er nicht kannte, und tranken oder aßen. Patrizia spielte hinter einem Tisch, auf dem etliche Flaschen und Becher standen, die Barkeeperin.
»Cola?«, fragte Johannes und deutete auf einen der Pappbecher.
Patrizia schüttelte den Kopf. »Nein! Cola gibt’s nicht!«
Johannes überlegte: »Gut, okay, Fanta?«
Patrizia antwortete: »Nein, Jojo! Wozu bist du hergekommen? Um eine Kinderparty zu feiern oder was? Das ist Bier, Alcopops, Wodka …«
»Was? Ihr habt Alkohol gekauft?«
Patrizia erstarrte. »Mann, Sonja! Wieso hast du den Typen eingeladen! Der petzt sicher alles seiner Mami!«
Johannes sah in Gedanken seine Freunde über ihn lachen und antwortete schnell: »Nein! Das hab’ ich gar nicht gemeint! Ich wollte fragen: Wie habt ihr Alkohol bekommen?«
Daniel grinste: »Mein großer Bruder ist neunzehn, der hat uns alles besorgt!«
Lachend klopfte Patrizia auf die Flaschen. »Und was willst du jetzt wirklich? Es sind keine Eltern da!«
»Ich trinke vielleicht später etwas!«
»Schon was gehabt?«, fragte Johannes seinen Freund Andreas jetzt betont lässig.
»Jaaa!«, antwortete der undeutlich.
»Cool«, sagte Johannes, aber er dachte: »Ich will nichts trinken! Es ist so ungesund! Wieso bin ich nur gekommen, wieso?«
»Nimm doch einen Schluck!«, sagte jemand. Johannes drehte sich um, aber da war niemand. Da merkte er, dass er selbst es gewesen war, der das gesagt hatte. »Nein! Ich möchte nicht!«, nahm er sich vor.
Patrizia rief ihm zu: »Jojo, trinkst du jetzt was? Du bist seit einer Stunde hier und hast noch keinen Tropfen angerührt! Andreas war schon nach drei Minuten zu!« Sie lachte.
»Was? Eine Stunde? Das gibt’s doch nicht!« Johannes schaute auf den Boden, wo Andreas und Daniel lagen. Andere lehnten an der Wand.
Patrizia hielt ihm einen Becher hin.
Johannes nahm einen Schluck. »Ganz gut! Schmeckt nach Orangensaft!« Er nahm noch einen. Und noch einen, bis der Becher leer war.
Patrizia fragte: »Schmeckt’s?« Und erklärte: »Ein bisschen Wodka ist dabei!«
»Ja … Ich probier mal das da!«, sagte Johannes und deutete auf einen Alcopop.
»Probieren?«, fragte Patrizia und schenkte ihm ein.
Johannes leerte den Becher diesmal schneller. Er schmeckte süßlich. Wie Fruchtsaft. »Noch mal bitte!«, sagte Johannes. Patrizia goss nach. Und noch einmal …
»Wo bin ich?« Johannes schlug die Augen auf. Er lag zwischen Daniel und Sonja. »Sonjas Party!«, stöhnte er. Er stand auf und Patrizia grinste ihn an. »Wie spät ist es?«, fragte er.
»Kurz nach zehn!«
Johannes keuchte: »Ich geh’ heim!«
»Schon?«
»Ja!« Patrizia war wohl die einzige Nüchterne.
Johannes taumelte aus dem Haus.
Seine Mutter musste am Fenster gestanden sein, denn kaum war er bei der Tür, riss sie sie auf. »Oh, mein Kleiner! Wieso warst du so lang weg?«
»Ich geh’ rauf! Bin müde!«, sagte er. Er rannte ins Badezimmer. Er würgte und musste sich übergeben. Hoffentlich merkte das seine Mutter nicht! Ohne sich auszuziehen, warf er sich aufs Bett. Rasch war er eingeschlafen.
»Ist mir übel! Mir ist so schlecht!« Langsam öffnete Johannes die Augen. »Das war bestimmt der Alkohol! So ein Teufelszeug rühr’ ich nie wieder an!«
Er schüttelte sich und ging durstig in die Küche, wo sein Vater am Tisch saß. »Papa!«, wollte Johannes schreien, aber dann dachte er an gestern Mittag und er murmelte nur: »Hi Paps …«
»Hallo Jojo! Wie geht’s dir?«
»Schlecht!«
»Schau mal Jojo, es ist doch das Beste für uns alle!«
Schon wieder der Spruch!
»Das verstehst du doch, oder?«
Beim zweiten Mal noch viel besser, Paps! Johannes nickte. »Ich muss jetzt zum Fußball, wir haben heute ein Match, tschüss!«, flüsterte er enttäuscht.
Sein Vater blickte verständnisvoll. »Na gut! Weißt du was? Ich bring’ dich hin!«
»Wenn du willst!«, antwortete Johannes.
Nun schien sein Vater enttäuscht zu sein. »Gut! Steig ins Auto!«
Sein Vater trat aufs Gaspedal. »Jojo, wegen des letzten Monats … wir waren nicht oft zusammen! Ich weiß gar nichts mehr von dir! Hast du schon eine Freundin?«
»Ja.«
»Wie heißt sie?«
»Melissa.«
»Wie ist sie so?«
»Nett.«
»Und wie geht’s dir in der Schule?«
»Gut.«
»Jojo! Ich möchte etwas über dich erfahren! Gib mir ordentliche Antworten!«
Johannes schwieg.
Sein Vater seufzte: »Nun gut, Kleiner! Spring raus!«
Johannes schlug die Autotür zu.
Der Trainer begrüßte Johannes mit einem Schulterklopfen. »Hallo, Jojo! Gut, dass du kommst! Wir warten schon auf unseren starken Libero!«
Johannes lächelte und verschwand in der Umkleidekabine.
»Hi, Jojo! Heute spielen wir gegen FC. Schwanburg!«, rief Jan ihm zu.
»Eine ziemlich schwache Truppe!«, meinte Robin, »da gewinnen wir locker.«
»Von wegen locker! 1:0 für Schwanburg!«, schrie Markus und funkelte Johannes böse an.
»Danke, Jojo!«, murmelte Jan ärgerlich.
Johannes sah zu Boden.
Robin kickte einen Schienbeinschoner zur Seite. »Wie kannst du bloß so dumm sein und den Neuner im Strafraum allein lassen! Schon was von Attackieren gehört?!«, fauchte er Johannes an.
Der Trainer kam herein. »Johannes! Normalerweise bist du einer der Besten, aber jetzt sitzt du mal auf der Ersatzbank, bis du körperlich wieder besser beisammen bist!«
Als Johannes mit hängendem Kopf nach Hause trottete, traf er Patrizia und Melissa.
»Schade, dass du nicht bei der Party warst, Meli! Jojo war total betrunken! Voll der Hammer!«, grinste Patrizia und tastete nach ihrem Nasenpiercing.
Melissa stutzte. »Seit wann trinkst du, Jojo?«, fragte sie erstaunt.
»Was? Oh … gar nicht! Ich hab’ noch nie getrunken!«, log Johannes.
Melissa zog ihn weg. »Jojo! Wie kannst du nur trinken! Weißt du nicht, wie gefährlich das ist?«, fragte sie und tippte sich an die Stirn.
Johannes wurde böse. »Und weißt du nicht, wie uncool du bist?«, sagte er höhnisch und riss sich los.
Einige Tage später.
»Jojo! Komm her!«, rief ihn Daniel frech zu sich. »Gestern war mein Bruder hier!«
Johannes stöhnte: »Und deswegen holst du mich in den Keller?«
Daniel reichte ihm eine Bierflasche.
»Du, es ist Schule! Wir können doch nicht betrunken in die Stunde gehen!«
»Klar können wir das!«, lachte Daniel. »Wenn du die Flasche nicht nimmst, lacht dich jeder aus!«
Johannes dachte: Außer Melissa … aber ich bin schon fast erwachsen … »Nur einen Schluck!«, antwortete er und öffnete die Flasche.
Einige Wochen später.
Die Sirene hallte noch lange in Johannes’ Ohren. Daniel … er hatte sich bewusstlos getrunken. Wie es ihm jetzt wohl geht? Johannes blickte auf eine Bierflasche, die ein Bettler stehen gelassen hatte. »Nein! Ich ende nicht so wie Daniel! Ich höre auf!« Das beschloss er, er würde nie wieder eine Flasche anrühren. Nie wieder!
Einige Monate später.
Langsam griff Johannes nach der Weinflasche, aber er zog seine Hand zurück. »Ich habe es mir versprochen! Und Melissa auch. Aber Wein macht ja nicht sehr betrunken. Nur ein Schluck, dann hör’ ich auf! Ich kann das kontrollieren. Ich bin nicht wie Daniel!« Johannes öffnete die Flasche. Er merkte, wie der Alkohol alles so leicht machte. Er dachte nicht mehr an die bevorstehende Scheidung seiner Eltern. Auch nicht, dass er aus der Mannschaft geflogen war. Nicht mehr daran, dass Melissa mit ihm Schluss gemacht hatte. Wegen des Alkohols. Aber auch daran dachte er nicht.
Der Wein wurde weniger, Johannes wurde durstiger. Als die Flasche leer war, öffnete er die zweite. »Gut, jetzt aber wirklich nur mehr einen Schluck!« Er merkte gar nicht, wie schnell sie sich leerte. Schließlich ließ er sich aufs Bett fallen und schlief ein.
»Johannes, Johannes! Ich dachte immer, ich hätte einen gescheiten, klugen Sohn! Aber das kann ich nun nicht mehr behaupten!« Johannes’ Mutter drehte sich, ihre Tränen verbergend, weg.
Johannes blickte zu Boden. Wie konnte er nur so dumm sein? Wie konnte man nur im Bett mit der Weinflasche in der Hand einschlafen?
Sein Vater schüttelte den Kopf. »Was ist das bloß für eine Erziehung, Rike?«, wandte er sich jetzt an die Mutter.
»Was meinst du damit?«, fauchte diese.
Er zuckte mit den Schultern. »Na, deine! Wieso sonst sollte Jojo so etwas tun?«
Johannes lief aus dem Zimmer. Wieder einmal war er schuld, dass sich seine Eltern stritten. Er seufzte. Nun brauchte er Trost.
Unten im Keller gab es etwas. Etwas Starkes. Etwas sehr Starkes …
Dann schlugen die Sanitäter die Krankenwagentür zu, und der Wagen fuhr an.