Juliane Liebert (14)
Der Weg ins Jenseits
Ich liege wieder im weichen Gras.
Sanft und blau wiegt es sich im Wind, umschließt mich wie ein Mantel. Kälte strömt jetzt durch meine Finger. Du hast immer gesagt, ich hätte kalte Hände, es ist nicht ungewöhnlich, diese Kälte, wirklich nicht.
Sie ist nicht wichtig, weißt du?
Nicht mit diesem großartigen Himmel über mir. Dem Mond, der gefangen ist in den dürren Zweigen der Akazie, die sich wie magere Finger um ihn schließen. Die goldene Kugel der Prinzessin, am Firmament erstarrt.
Wird sie den Prinzen küssen?
Und die Klarheit der Nacht verspottet meinen Schmerz, der fast lieblich ist, schwer wie Wein, so das dunkle Blut, gleich dem er mich durchströmt. Pochend, im Rhythmus meines Pulses. Auf und ab schwellend, so süß
Meine Gedanken gleiten ab, lassen sich nicht greifen, schwinden zwischen den Fingern wie Rauch, den man fassen will. Steigen auf und streifen die Realität nur noch flüchtig mit den Fingerspitzen. Sie trennen sich von meinem Körper wie von einer plumpen Holzpuppe. Blind schaue ich ihnen hinterher, wie sie zu Wolken werden.
Doch unerwartet werde ich leicht, sie nehmen mich mit. Der Schmerz trägt mich, und ich werde eins mit allem. Und meine Augen werden der Himmel, durchzogen von Gedanken-Wolken. Ich möchte lachen über diesen Gedanken, weil ich dich vor mir sehe.
Ich sehe deine Lippen, die Worte, die sie formen (Wusstest du, dass man Worte nur sehen kann?).
Meine Augen seien wie ein Waldsee, sagtest du damals, und da musste ich auch lachen, weil es etwas so Dilettantisches hatte. Aber so falsch war es nicht, denn der Himmel spiegelt sich im Wasser, und du konntest die Wahrheit ja nicht ahnen. Du konntest ja nicht ahnen, dass ich nicht der Spiegel bin.
In deinen Augen sah ich immer nur mich.
Und du konntest ja den heißen Schmerz nicht ahnen, und die Kälte nicht. Heiß und kalt. Vanilleeis mit heißen Kirschen. Wieder will ich lachen und öffne den Mund. Doch es kommen keine Töne. So verhallt es stumm.
Der Mond wird heller, wird gleißendes Licht. Wird zu Lichtprismen, die auf mich niederfallen wie süßer Regen. Mit geschlossenen Augen genieße ich ihr kühles Glitzern, als sie mich durchbohren, und der Schmerz ist so köstlich. Hättest du gedacht, dass jemand Schmerz "köstlich" nennen könnte? Er trägt mich weiter, als meine Gedanken es vermögen. Es ist gut. Mein stilles Lachen. Kannst du mich hören? Es ist gut.
Und rund um mich ist Dunkelheit, nur weite Nacht.