Konstantin Leonhartsberger-Schrott (10)
Der grüne Drache auf dem Weg durch die Galaxien
An einem verregneten Nachmittag sah ich, dass ein kleines Ufo im Garten des Nachbarhauses landete und ein blauer Alien heraus kletterte.
Er hatte einen kleinen Käfig bei sich, in dem ein Drache gefangen war. Dieses Wesen war geschrumpft und gegen seinen Willen eingesperrt worden. Nach dem ersten Alien kam noch ein zweiter, etwas größerer Außerirdischer aus dem Ufo. Dieses zweite Lebewesen war offensichtlich das Männchen, denn es hatte etwas, das am besten mit einer Art Löwenmähne vergleichbar war. Der kleinere Alien schimpfte und meckerte, es hörte sich für mich an, als ob er etwas an den Flugkünsten des anderen auszusetzen hatte, denn ich konnte nicht richtig verstehen, was sie sprachen. Der Kleine hatte kurze Zöpfe am Kopf, einen links und einen rechts, so ähnlich wie Pippi Langstrumpf, aber lila. Mit orangefarbenen Schleifchen! Es fielen im Geplänkel immer wieder Worte, die wie Namen klangen, etwa wie Ratz und Fratz, wobei das Mädchen anscheinend Fratz hieß.
Ratz wirkte ziemlich ärgerlich, als ob er sich voller Zorn für das rechtfertigen würde, was er getan hatte. Fratz fuchtelte wild herum, zeigte immer wieder auf die Motorhaube des Ufos sofern Ufos überhaupt einen Motor haben! Dort, wo sie hinzeigte, rauchte es auch ein wenig aus dem Flugobjekt heraus. Offensichtlich hatten die beiden eine Motorpanne, die sie an der Durchführung einer wichtigen Mission hinderte.
Nachdem sich beide etwas beruhigt hatten, schwebte plötzlich ein zweites Flugobjekt vom Himmel, ein kleineres, mit drei Blaulichtern am Dach, die um die Wette leuchteten. Aus diesem Ufo kletterte ein kleiner blauer Alien mit einem Kugelbauch, drei Beinen und vier Armen. Er wirkte wie der Chef der beiden Anderen, denn Ratz und Fratz waren augenblicklich stumm, die Streiterei war zu Ende.
Nur noch der Käfig mit dem Drachen schwankte bedenklich in Fratzis Hand, das eingesperrte Tier war von einer Seite zur anderen gekugelt. Wäre er nicht ohnehin grün, wäre der Drache es nun vor lauter Übelkeit geworden.
Nun zeigte Ratz auf den Käfig, der so ähnlich aussah, wie man sich einen kleinen Papageienkäfig vorstellt, der an einer Aufhängevorrichtung hängt. Der kleine Drache, der in diesem Käfig eingeschlossen war, war knallig grün und hatte gelbe Punkte am Rücken. Seine Schwanzspitze hatte die Form eines Pfeils und war lila. Ratz fragte den Chef wohl, der übrigens Wadamor hieß, was nun mit dem geschrumpften Drachen passieren sollte. Zu meiner großen Verwunderung antwortete der Boss der beiden in einer Sprache, die so ähnlich wie holländisch klang, also konnte ich zumindest teilweise verstehen, was die drei miteinander sprachen.
Während des folgenden Gesprächs konnte ich nun begreifen, was passiert war: Die drei Aliens waren mit dem Drachen vom Planeten Raxus gekommen und wollten nach Flirius, einem Planeten in der überübernächsten Galaxie gleich hinter unserer Sonne links. Tatsächlich hinderte sie so etwas wie ein Motorschaden daran, denn das Energieumwandlungssystem, das Sonnenlicht zu Ufo-Antriebsenergie umwandelte, war ausgefallen. Deshalb waren sie auf der Erde gelandet.
Ihre Mission war, den kleinen Drachen unversehrt nach Flirius zu bringen, um ihn dort zu verkaufen. Denn kleine grüne Drachen mit gelben Punkten und lila Pfeil-Schwanzspitzen wurden dort als heilige Tiere verehrt und zu Höchstpreisen gehandelt. Da die wirtschaftlichen Verhältnisse auf Raxus nicht sehr rosig waren, wurden Ratz und Fratz mit dieser überaus wichtigen Mission betraut.
Die schwere Last dieser Verantwortung trugen sie auf ihren Schultern und waren deshalb sehr nervös. Wadamor war von ihnen gerufen worden, um ihnen aus ihrer misslichen Lage zu helfen. Die drei Außerirdischen überlegten hin und her, wie das Ufo wieder flott zu bekommen sei, denn das kleinere Ufo konnte nicht alle drei Aliens und den Drachen aufnehmen.
In diesem Moment konnte ich nicht mehr anders: Ich musste hinaus zu den Außerirdischen! Langsam ging ich auf sie zu. Als sie mich bemerkten, blieben sie regungslos stehen. Offenbar hatten sie Angst vor mir, denn ihre Augen weiteten sich bei meinem Anblick, nur der kleine Drache fauchte. Weil er aber so klein war, war das Fauchen für mich nicht mehr als das eines Katzenbabys. Ich weiß nicht, wer in diesem Moment mehr Angst hatte, die Aliens oder ich. Ich fasste meinen ganzen Mut zusammen und sprach sie an: »Hallo, ich heiße Konstantin, kann ich euch helfen? Ich werde euch nichts tun!«
Nach einer Schrecksekunde trat Wadamor vor und antwortete auf Deutsch: »Möchtest du einen Drachen kaufen?« Anscheinend war ihm alles andere nicht so wichtig, er wollte nur das Tier um einen möglichst guten Preis loswerden. Ich überlegte kurz, was ein Minidrachewohl wert sein könnte und dass wahrscheinlich meine Mutter der Schlag treffen würde, wenn sie mein neues Haustier sehen würde.
»Was kostet er?«, fragte ich. Der Boss erwiderte: »Eine CD und 50 Ein-Schilling-Münzen.« Das war mir die Sache wert, also ging ich ins Haus und holte die CD und das Geld. Ich nahm an, dass er nicht mehr wollte, weil der Schilling auf Raxus und Flirius sehr viel wert war. Mit der CD konnten sie das beschädigte Ufo reparieren. Ich fragte, wo der Drache heimisch wäre und ob er noch wachsen würde, wenn man ihn nicht in seine ursprüngliche Größe zurückverwandeln wollte. Nachdem mich Wadamor beruhigt hatte, dass das Tier unser Klima vertragen und auch nicht mehr wachsen würde, traute ich mir auch zu, seine Pflege zu übernehmen. Ein paar Mäuse würden sich schon auftreiben lassen.
Zufrieden bestiegen Ratz und Fratz, die sich in der Zwischenzeit auch an mich gewöhnt hatten, ihr Ufo und Wadamor kletterte in sein Polizei-Ufo, nachdem er sich von mir verabschiedet und dem Drachen ein paar beruhigende Alien-Worte zugesprochen hatte. Als die beiden Raumschiffe davonschwebten, winkte ich mit dem Drachen-Käfig in der Hand nach und freute mich, dass alles gut ausgegangen war.
Nun musste ich nur noch meiner Mutter beibringen, dass wir ein neues Haustier haben würden, aber das war wieder ein anderes Abenteuer!