Juliane Liebert (13)
Fluchtversuche
Warum versuchen Hummeln irgendwie immer, durch die Fensterscheibe zu kommen? Es ist jedes Mal genauso hoffnungslos wie bei dieser, die jetzt gerade mit lautem Gebrumm gegen die durchsichtige Fläche prallt, und auf diese Weise das einzige Geräusch im Raum erzeugt. Alles horcht auf dieses Brummen, das, zugegeben, auch das interessanteste hier ist. Jedenfalls interessanter als die Aufgabe, die die Lehrerin uns gegeben hat, und die sowieso keiner hören kann. Nicht heute, wo die Luft vor Hitze flimmert, und schon der bloße Gedanke, sich mit irgendetwas Mathematischen zu beschäftigen, zu anstrengend ist, um überhaupt in Betracht gezogen zu werden.
»Und? Wer ist fertig?« erkundigt sich die Lehrerin, obwohl sie sieht, dass keiner bis jetzt auch nur einen Stift in die Hand genommen hat. »Kinder, so geht das doch nicht!« Sie wedelt mit der Hand durch die heiße Luft. »Ich weiß es ist zu heiß, aber ich kann doch auch nichts dafür, dass ihr erst ab der nächsten Stunde Hitzefrei habt.«
Wenn ich mir die Mühe machen würde, auf meine Uhr zu horchen, könnte ich sehen, wie viele sich endlos dahinziehende Minuten es bis dahin noch sind.
»Jetzt hört mal zu: Wir strengen uns jetzt nochmal richtig an, dann vergeht die Zeit auch schneller, ja?«
Träges Achselzucken bei einigen Schülern. Tun Sie, was Sie wollen, aber lassen Sie uns hier in Ruhe dösen, soll es bedeuten. Die einzige, die sich bewegt, ist die Hummel, die immer noch in ihren hoffnungslosen Fluchtversuchen verharrt.
Die Lehrerin seufzt. »Also gut. Ihr dürft gehen. Aber nur aus « Die letzten Worte der Lehrerin gehen im ohrenbetäubenden Geschrei unter, dass wie ein Orkan plötzlich aufbraust, vergessen sind die Hitze, die nervenden Schulstunden, als sich die Schüler in lachenden Grüppchen auf den Weg ins Schwimmbad, in die Eisdiele oder sonst wohin machen.
Schimpfend verschwindet die Lehrerin durch das fröhliche Getümmel nach draußen.
Ich packe langsam meine Sachen ein. Der Raum ist nun von einer einsamen Stille erfüllt, oder besser, er wäre es, wenn nicht die vergessene Hummel wäre. Die einzige, die hier bleiben muss. Ich trete ans Fenster, reiße es auf und sehe mit zusammengekniffenen Augen zu, wie sie in der strahlenden Mittagshitze verschwindet.