Johanna Götzendorfer (13)
Fremd Priskas neues Leben
Weit über den Hügel hinweg zog sich eine wahre Karawane von Flüchtlingen. Es waren Menschen, denen der Krieg, der weit weg im Nahen Osten tobte, alles genommen hat. Heim, Wertsachen, manchen wurde sogar die Familie geraubt.
Müde Esel und Wägen ziehende Ochsen trotteten neben erschöpften Kindern, Frauen und Alten. Kaum ein junger Mann war in diesem Menschenstrom zu sehen. Diese Männer kämpften gegen die Kreuzritter, verteidigten ihr Land und ihren Glauben, anstatt ihre Frauen und Kinder.
Nicht weit entfernt auf einer Anhöhe war eine kleine Ansammlung von Bauernhöfen. Drei, vier, nicht mehr. Die Bewohner dieser mittelalterlichen Siedlung beobachteten misstrauisch die Fremden, die sie am liebsten aus dem Land hinausgeprügelt hätten, wozu ihnen aber der Mut fehlte.
Da trat plötzlich ein junger Mann aus der kleinen Menge hervor, stellte sich gut sichtbar für jeden auf einen Holzklotz und schrie den Leuten zu: »Wollt ihr wissen, was ich von diesen einfältigen Moslems halte?« Die Menschen blickten fragend zu ihm empor, was dem gefürchteten Raufbold Antwort genug zu sein schien. Er schaute noch einmal angewidert in Richtung des Menschenzugs und spuckte dann auf den Boden.
Zuerst waren die Bauern still, dann brüllten sie vor Lachen. Sie taten es dem Burschen namens Anselm gleich und brachten so ihre Gefühle gegenüber den Ausländern zum Ausdruck.
»Das«, begann Anselm triumphierend, »halte ich von diesem Pack. Schön und gut, dass die Herren Kreuzritter Recht und Ordnung in der restlichen Welt schaffen wollen. Aber warum schicken sie die Araber zu uns? Wir wollen diese Fremden auch nicht!«
Die Frauen und Männer nickten ihm bekräftigend zu. »Wir sollten zu ihnen gehen und ihnen ins Gesicht schreien, Schert euch fort! Wir wollen euch nicht!« fuhr der Dorfjunge fort. Wieder ging ein bejahendes Raunen durch die Menge.
»Und wenn sie dann nicht kuschen, wenn sie auch nur einen widerwilligen Mucks loslassen, dann starten wir unseren eigenen Kreuzzug! Wir wollen sie hier nicht!«
»Aber«, hörte man da eine Stimme und die junge Magd Priska, kaum älter als fünfzehn, trat neben Anselm, »aber was, wenn es uns geht wie den armen Bauern, die von Peter von Amiens nach Jerusalem geführt wurden, aber nie dort ankamen? Was, wenn uns die Muselmanen kaltblütig ermorden, wie sie es mit diesen Pilgern getan haben?«
Anselm sah das Mädchen zornig an und sagte dann, an die Männer gewandt: »Männer, mutige Krieger! Wir haben Waffen, wir sind eine kleine Armee! Was sollen die Moslems uns antun? Sollen ihre Ältesten uns zu Tode beissen? Bauern, wir besiegen sie! Dann sind wir sie endgültig los!«
»Anselm, hör mir zu! Glaubst du, ich will die Muselmanen in Schutz nehmen? Ich hasse sie noch mehr als du es tust, glaub mir! Diese Männer haben meinen geliebten Onkel Kasimir umgebracht! Sie sollen in der Hölle schmoren, das ist mein Wille! Aber ich möchte nicht, dass einige von euch«, die Magd, die sich wieder eingemischt hatte, streckte ihre Arme weit aus, »ebenfalls sterben!«
»Hört zu! Es dämmert schon! Holt eure Waffen! Sensen, Dreschflegel, Morgensterne oder was ihr sonst noch findet, esst euch satt und wenn es dunkel ist, treffen wir uns hier wieder!« befahl Anselm den Bauern. Die Menschenmenge löste sich langsam auf und alle Männer, die sich angesprochen fühlten, taten, wie ihnen befohlen worden war.
Langsam fanden sich die bewaffneten Bauern mit Fackeln wieder auf demselben Platz ein, wo sie vor einiger Zeit ihren Kriegsplan beschlossen hatten. »Krieger«, begann Anselm, sichtlich erfreut, so viele kriegerisch gestimmte Männer hier zu sehen, »Nun lasset uns ziehen gegen die Araber!«
Die Männer grölten, brüllten und lachten, als sie sich der wehrlosen Karawane näherten. Die Frauen begleiteten ihre tapferen Männer, Kinder und Mägde wurden allein zurückgelassen. Was sollte denn passieren?
Auch die junge Magd Priska war umringt von einer Kinderschar, auf die sie achtgeben sollte, als man die ersten erschrockenen Schreie der Flüchtlinge hörte.
»Priska!« quengelte eines der Kinder, »Ich habe Durst! Hol Wasser vom Brunnen!«
»Bonifaz! Hast du keine besseren Manieren?« tadelte das Mädchen den Bauernsohn und ging seufzend zum Brunnen, der nahe an einem kleinen Wäldchen lag. Sie ließ den Wasserkübel in die Tiefe des Brunnenschachts fallen und zog ihn, als sie ihn gefüllt mit Wasser glaubte, wieder hoch. Dann schöpfte sie mit einem groben Holzlöffel das Wasser in den eigenen Kübel, den sie mitgebracht hatte. Als sie sich wieder auf den Weg zu den Kindern machen wollte, hörte sie aus dem Randgebüsch des Waldes ein leises Rascheln. Priska spitzte die Ohren und lauschte abermals. War es da wieder? Sie hatte Angst, schwitzte. Ihre Knie fingen an zu zittern und ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Trotz alledem war Priska von Natur aus sehr neugierig und wollte unbedingt wissen, was das im Gebüsch war.
Aus Anstrengung verkrampften sich ihre Hände in den weiten Rocktaschen des Bauernrockes. Aber was war das? Plötzlich hielt sie etwas in der Hand. Sie öffnete die Hand und blickte auf ein kreisrundes, rotes Ding. Da erkannte sie es! Ihr Talisman! Hierbei handelte es sich um einen roten Wachskreis mit eingeprägtem Wappen eines Königshauses. Dieses Siegel hatte Priska bei einem ihrer seltenen Ausflüge in die Stadt gefunden. »Wenn ich dem Siegel die Entscheidung überlasse?« sagte Priska zu sich selbst. »Ich werfe es in die Luft und wenn die Seite mit dem Wappen nach oben schaut, gehe ich und schaue nach!« murmelte sie.
Gesagt, getan. Schon landete der Wachskreis auf dem Torfboden und Staub wirbelte auf. Zu Priskas Freude (oder zu ihrem Bedauern, sie wusste es selbst nicht!) zeigte das königliche Wappen nach oben. Sie atmete noch einmal kräftig ein und machte sich dann mit kleinen Schritten zum Gebüsch auf, aus dem nun ein stetiges Rascheln kam. Unsicher kniete sie vor dem Gebüsch nieder. Noch zögerte sie. Aber dann schob sie mit einem Ruck die durch und durch beblätterten Zeige und Äste weg und erstarrte.
Priska wollte schreien, konnte aber nicht. Alles, was sie in diesen Augenblicken zu tun vermochte, was sich zu bekreuzigen und ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken. Dann sank sie vor Schreck nieder und verfiel in einen Zustand, der sie nur schlafen ließ.
Als Priska, die Magd des Bauern Baldwin, wieder erwachte, war das erste, was sie hörte, ein paar fremde Wörter. Mühsam drehte sie den Kopf um und blinzelte in ein Feuer. Dann erblickte sie zwei Personen, die sich angeregt unterhielten. Sie verstand kein Wort davon, wusste aber sehr gut, dass sie das Gesprächsthema sein musste. Da sah sie ein junger Mann an, kaum älter als sie selbst und fragte mit fremdländischem Akzent: »Du bist wach? Hast du Hunger, oder willst du trinken?«
Ohne Antwort zu geben fragte sie, immer noch benommen: »Wie lange habe ich geschlafen?«
Der junge Mann schien nachzudenken. Dann sagte er angestrengt: »Du hast fünf Tage lang geschlafen, nur einmal bist du kurz aufgewacht und hast Wasser verlangt!«
Priska dachte nach, aber sie konnte sich an nichts erinnern. Sie fragte:»Wie heißt du?« Der Junge überlegte abermals, dann zeigte er auf sich: »Mein Name ist Zyprian. Und dies«, er hob seine Hand und deutete auf seinen Gefährten, »dies ist Kajetan!«
Priska blickte nur kurz zu Kajetan, aber schon da wusste sie, dass er sie nicht mochte. Das verriet ein böses Glitzern in seinen Augen.
Sie musterte Zyprian von oben bis unten. Hübsch, ja, er war nicht hässlich. Nett war er jedenfalls, zumindest netter als Kajetan. Aber diese braune Haut, die sonderbaren Gewänder Und diese Namen Da dämmerte es der Magd, sie nahm all ihre Kräfte zusammen, so spärlich sie im Moment auch waren und schrie aus Leibeskräften: »Muselmanen! Hilfe! Araber! Sie haben mich entführt!« Dann sank sie erschöpft zurück auf den weichen Moosboden.
»Nicht, nicht! Wir haben nicht entführt dich! Halt den Mund!« rief Zyprian erschrocken und presste seine Hand auf Priskas Mund. Kajetan flüsterte Zyprian etwas ins Ohr. Es waren die selben Laute, die Priska schon einmal gehört hatte. Kajetan grinste hämisch und schadenfroh. »Kajetan sagt, es nützt nichts, wenn du schreist! Wir sind mitten im Wald!«
Priska war aufgeregt und keuchte leise: »Ihr habt meinen Onkel umgebracht! Ihr seid Mörder!« Zyprian starrte sie erschrocken an, dann sagte er: »Gut, du kannst gehen! Wir haben dich gepflegt, dir geholfen. Und mit Beschuldigungen dankst du uns! Ich sage dir nur eines: Kajetan und ich waren bei den Flüchtlingen, denn wir wollten nicht töten und sind vor dem Krieg geflüchtet. Denk darüber nach!« Zyprian packte schnell alles ein, zischte Kajetan etwas zu und wandte sich um, um zu gehen.
Priska, inzwischen von Schuldgefühlen geplagt, richtete sich auf und packte ihn an der rechten Schulter. »Nimm mich mit!» bat sie. »Ich will die Mörder meines Onkels finden. Sie sollen für das, was sie mir angetan haben, bezahlen!« Zyprian sah sie erstaunt an, dann lächelte er sie an. »Natürlich«, sagte er sanft, »kannst du mit uns kommen!«
»Wohin zieht ihr?« erkundigte sie sich.
»Mal dahin, mal dorthin!« gab Zyprian zur Antwort.
Niemand kümmerte sich um Kajetan, was ihn sehr zu stören schien. Priska hörte ein Knurren aus seiner Richtung. »Na gut, dann lasst uns losziehen!«
»Hör mir zu!« flüsterte ihr Zyprian zu, als sie schon ein kleines Stück Marsch hinter sich hatten und zog sie von Kajetan weg. »Du solltest dich besser fernhalten von ihm! Er mag euch nicht!« Priska blickte ihn erstaunt an, dann fragte sie erstaunt: »Was meinst du mit euch?«
»Nicht, dass du meinst, Kajetan hasse Christen. Nein, im Gegenteil, Religionen scheren ihn nichts! Er hasst die Art von den Einwohnern hier uns anzustarren, uns zu verwünschen, uns böse darzustellen«, erklärte Zyprian heftig. Priska fühlte sich schuldig, sie verteidigte sich: »Aber ich ich bin nicht so! Ich wollte nicht, dass die Bauern gegen die Flüchtlinge ziehen! Ich wollte sie zurückhalten!« Aus welchem Grund wirklich, das verschwieg sie.
So marschierten sie durch tiefe Wälder, stießen manchmal auf Köhler, Einsiedler und Bauern, die ihnen Einlass gewährten und hin und wieder auf ein kleines Dorf.
Priska hatte eine schöne Zeit mit Zyprian. Immer öfter brauchten sie sich nicht durch Sprachen miteinander verständigen, sondern erklärten alles nur mit Hilfe von Gesten.
Bald hatte Priska den eigentlichen Grund vergessen, warum sie mitgegangen war. Im Gegenteil. So freute sich schon sehr darauf, endlich Zyprians Sippe, von der am Lagerfeuer so oft sprach, kennenzulernen. Nur Kajetan war still wie immer.
Eines Tages, es war im Winter und sämtliche Waldwege waren tief verschneit, kämpften sich die drei durch den Wald. Am Waldrand machten sie eine kleine Pause und ruhten aus. Da sprang Priska auf und zeigte auf einen kleinen grauen Fleck in der Nähe eines Flusses. »Da!« rief sie. »Schaut hin, eine Stadt!«
»Sollen wir dort hin gegen?« fragte Zyprian.
»Natürlich!« erwiderte Priska lachend und rannte los. In der Abenddämmerung erreichten sie die Stadt. »Hier gibt es Wirtshäuser, man kann tanzen, Wein trinken und Karten spielen!« erklärte Priska Zyprian aufgeregt. Zyprian schüttelte sich. »Dann ist es nichts für mich!« lachte er.
Lächelnd zog Priska ihn in die nächste Schenke. Dort herrschte eine rege Diskussion. Es roch nach Rauch, Schweiß, schlechten Mahlzeiten und Wein. Die Leute saßen eng beieinander an kleinen Tischen in dem düsteren Raum. Der Wirt und das Gesinde hatten alle Hände voll zu tun. Priska schnappte einige Wortfetzen auf. »Moslems«, »Krieg«, »Mord«, »Magd entführt« und der Name von Priskas Dorf fielen. Doch darum kümmerte sie sich nicht. Es konnte sich genauso gut um ein anderes Dorf handeln.
Zyprian hatte einen leeren Tisch entdeckt und winkte seine beiden Gefährten herbei, als plötzlich eine Frau aufsprang und ihn entsetzt anstarrte. Zuerst brachte sie keinen Laut hervor, dann rannte sie schreiend aus der Schenke.
Was dann folgte, war eine Art Kettenreaktion: Es ging alles so schnell, dass Priska ihre liebe Mühe hatte, die Geschehnisse mitzuverfolgen.
Alle starrten Zyprian an, dann sprang ein stämmiger Mann auf, stieß dabei Tisch und Weinkrug um und schrie: »Verdammter Moslem!« Er wollte Zyprian einen Krug an den Kopf werfen, doch der Wirt kam ihm zuvor. Er stieß wilde Verfluchungen aus und schleuderte den Krug in Richtung des arabischen Jungen. Der aber war schneller, duckte sich und der Weinkrug zerbrach eines der kostbaren, winzig kleinen Fenster. Der Wirt lief rot an und hielt den Atem an. Diese Gelegenheit nutzte das Trio. Zyprian packte Priska an der Hand und Kajetan stolperte hinterher. Sie rannten durch die Küche zum Hintereingang hinaus. Keuchend fanden sie sich in einer Nebengasse wieder. Sie rannten zum oberen Ende der Gasse, wo eine Weggabelung war. Ohne zu überlegen, wählte Priska die rechte Seite. Mit rasselndem Atem lief sie so schnell sie konnte. Rasch hatten die beiden Männer sie eingeholt. Aber Zyprian lief langsamer an ihrer Seite. Da endete diese Gasse auf einmal und sie befanden sich plötzlich vor der Schenke!
Die Leute dort hatten sie schon erwartet. Sie lachten die drei schadenfroh aus. Da begannen sie, mit Steinen zu werfen. Richtig große Flusskiesel waren das. Auf einmal traf Zyprian solch ein Exemplar auf die Stirn. Sogleich rann Blut über sein Gesicht und er torkelte benommen dahin. »Ihr Bestien!« schrie Priska die Menge an. Als Antwort erntete sie Gelächter. Weiter und weiter flogen Steine durch die Luft. Priska rann eine Träne die Wange hinunter. In höchster Verzweiflung rief sie nach Kajetan, aber der Feigling hatte sich auf und davon gemacht.
Priska bebte und wusste nicht mehr weiter. Schließlich packte sie Zyprian, der sich an einer Hauswand festkrallte und mit vereinten Kräften schleppten sie sich aus den Stadtmauern heraus, in ein nahes Gebüsch, das an einen Bach grenzte. Priska versorgte Zyprian notdürftig, riss einen Streifen aus ihrem Unterrock und verband so Zyprians Wunde. Dann suchte sie sich ein schneefreies Plätzchen und schlief sogleich ein.
Wenn Priska aufwacht, ist Zyprian vielleicht weg. Oder sie verlässt ihn. Oder die Bürger der Stadt haben sie entdeckt und wollen sie am Galgen sehen. Wahrscheinlicher ist, dass Priska und Zyprian heiraten. So hat Priska endlich den Tod ihres Onkels verkraften können, ihren Ausländerhass begraben und die große Liebe gefunden.