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Mittwoch, 1. 9.
Manche von uns mussten
schon um halb sechs aufstehen, um den Zug nach Südtirol
zu erreichen, während andere noch sorglos von der kommenden
Woche träumten. Vor allem die armen Südsteirer und
die nicht ganz so armen Grazer hatten einen langen, langen Weg
hinter sich zu bringen. In Innsbruck wurde der österreichische
Teil der Werkstatt (+ Johannes) von der ortsansässigen Sarah
in ein nettes Lokal begleitet, wo der größte Durst
gestillt wurde.
Als der Zug an der Station "Brenner" hielt, winkten
wir freundlichen Japanern zu, die im Orient-Express saßen
und leider wegen der Abfahrt unseres Zuges nicht dazu kamen,
uns fotografisch festzuhalten.
In Brixen angekommen, wurden wir von Helene abgeholt und zum
Jugendhaus Kassianeum chauffiert. Dort stiegen wir die unzähligen
Stufen bis zum letzten Stock hinauf, nur um dann zu erkennen,
dass es eh einen Lift gibt. Nachdem die fast luxuriösen
Zimmer (es fehlen die Nachtkästchen) bezogen, das "Gemeinschafts"-Bad
inspiziert und das Staunen über die vielen Räume und
Ecken in diesem Stockwerk überwunden war, freuten wir uns
nur mehr auf ein warmes Abendessen.
Dort saßen dann alle Teilnehmer der Werkstatt aus Österreich
und Südtirol an einem Tisch vereint, und erfreuten sich
an den dampfenden Schlutzkrapfen, welche zumindest für den
österreichischen Teil eine Neuheit darstellten.
An diesem Abend tauchte auch das Schlutzkrapfen-Phantom* auf
...
[Schlutzsatz und aus.]
Nina Kossegg
Andrea Kern
Romana Pattis
*) In Gemeinschaftsarbeit entstanden verstrickte Geschichten
wie die folgende:
Goethe in Brixen
"Ein Glück, daß ich über den Berg bin",
dachte sich Johann Wolfgang von Goethe in Brixen, "endlich
werden Wein und Wetter
besser. Besser war natürlich wenig, denn Gutes gab
es nie, oder doch, das war die Frage, oder mehr eine Plage
für des Meisters
verstrickte Gedanken. Verstrickte Gedanken sind meine ständigen
Begleiter, wie entwirre ich sie? Gibt es einen Weg, sie los zu
werden?
Mein Verhängnis! Dieser Schritt, war er mein Verhängnis?
Hätte ich das nicht
tun sollen? Er ging in Brixen durch die Straßen und
suchte sein
Hotel. Es wurde Nacht und er stand da
ohne Geld. "Keine Schlutzkrapfen" sagte er weise.
Und lächelte. "Ach wie gut, daß niemand weiß,
daß ich leider
Goethe heiß." Und über diesen Reim war er
so glücklich, dass er beschloss, ein neues Buch
zu schreiben. Diesen Roman zu vollenden, würde ein langwieriges
Unterfangen
werden. "Morgen Sonnenschein, bis zu 37° C und nur
ganz vereinzelt Wolken", versprach der Wettermann
im Radio. "Hör doch", rief Goethe entzückt
aus. Das ist doch mein
Lieblingslied. Das einzige Lied, das ihn wirklich im Herzen
rührte, wenn er genau darüber nachdachte.
Donnerstag, 2. 9.
Nach einer mehr oder
weniger schlaflosen Nacht schälten wir uns gegen acht Uhr
aus dem Bett und steuerten zunächst das Bad an, welches
vom Speisesaal und dem Frühstück um 8 Uhr 30 abgelöst
wurde. Der Vormittag stand dann ganz im Zeichen der Papierverunreinigung
durch Geschichten, oder in manchen Fällen auch, Gedichten.
Beim Mittagessen erlebten wir dann eine große Überraschung.
Mindestens fünfzig Religionslehrer aus Grund- und Mittelschulen
hatten sich im Speisesaal breitgemacht und drängten uns
somit in eine kleine Nebennische ab. Doch wenn man es objektiv
sah, dann hatte die ganze Sache doch etwas positives: Sollte
unser Essen vergiftet sein, hatten wir gleich jemanden in unserer
Nähe, der uns "absegnen" konnte.
Der Nachmittag verlief zu unserer Enttäuschung gleich ereignislos
wie der Vormittag; das
wirklich spannende kam erst nach dem Abendessen: Die berühmt
berüchtigte Kritikrunde (mit Johannes!). Da es jedoch noch
keine Texte von den Mitgereisten zu kritisieren gab, mußten
einfach die Schriftstücke herhalten, welche per E-Mail von
uns unbekannten Autoren gesendet wurden. Zuerst quälten
wir uns mit Lorenz, Mewes und Jan durchs Jammertal, nur um dann
bei den Liebesgedichten einer "einfallsreichen" Poetin
dahinzuschmelzen. Eine Frage beschäftigte uns noch bis in
die Nacht hinein: "Ist es Schicksal oder Zufall?"
Eva- Maria Kampitsch
Christine Jeindl
Freitag, 3. 9.
Nach einer vormittäglichen
Kritikrunde und einem wie immer reichlichen Mittagessen machten
wir uns am frühen Nachmittag mit dem Bus auf den Weg ins
Kloster Neustift. Schließlich hat jeder Mensch auch irgendwo
eine religiöse Seite, selbst wenn er ohne Bekenntnis oder
Agnostiker ist. Wir freuten uns alle besonders auf den Lustgarten,
aus dem uns die Mönche allerdings aussperrten, da sie ihn
wohl selbst für ihre Zwecke benötigten. Schlutzend
kehrten wir um und beschlossen, den Aussichtspunkt in der Nähe
zu besteigen. Nach einem anstrengenden Aufstieg empfingen uns
zwei wild bellende Hunde, und so ergriffen wir schnellstens die
Flucht.
Johannes und Martin verschwanden in einem Kaffeehaus und ließen
uns allein am Fluß mit unseren Texten zurück ("Um
fünf treffen wir uns bei der Bushaltestelle und schauen,
ob es heute noch einen Bus gibt.").
Einige Stunden später trafen wir alle nach und nach im Café
ein, um uns dort mit latte macchiato zu berauchen. Durch Martins Nachforschungen
unter den Eingeborenen gelang es uns schließlich sogar,
einen Bus nach Hause zu erwischen, wo wir uns sogleich aufs Abendessen
stürzten.
Schreibblockade hin oder her beschlossen wir, das Nachtleben
Brixens zu erkunden und tranken im Jazzkeller, der mehr Keller
als Jazz war, ein Gläschen Wein, um uns für den nächsten
schwierigen Schreibtag zu rüsten.
Zurück im Jugendhaus Kassianeum, spielten ein paar von uns
dann noch eine Runde Watten, wobei Johannes das Weli entdeckte
und seine Begeisterung dafür nicht mehr zu bremsen war.
Irgendwann verkrochen wir uns dann endlich in unsere Betten,
um doch noch ein paar Stunden Schlaf zu ergattern und am nächsten
Morgen wieder halbwegs fit zu sein.
Sarah Preyer
Lydia Scherenzel
Montag, 6. 9.
Und dann kam er,
der große Tag der Abschlußlesung. Wir hatten zwar
unsere Texte schon fertig, waren aber trotzdem total aufgeregt.
Denn für manche von uns war es das erste Mal, daß
sie ihre eigenen Texte vor Publikum vorlesen würden. Da
waren die Leseproben, die Johannes für uns ansetzte, doch
eine gewisse Hilfe.
Unsere Mühe wurde am Abend nicht nur mit viel Applaus belohnt,
sondern auch mit einem wunderbaren Buffet, an dem wir uns stärken
konnten. Anschließend versuchten wir noch, in das Brixener
Nachtleben einzutauchen, was zu fortgerückter Stunde zwar
ein schwieriges Unternehmen war, aber unserer guten Laune nichts
anhaben konnte.
Marlies Tasser
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