Sandra Folie (18)
Beobachtung
Unser Blick fällt im spärlich besetzten Bus auf eine Frau, gut doppelt so alt wie ich es bin, eine zweifellos Verzweifelte, in Gedanken hin und her gerissen zwischen dem was war zuvor und sein wird danach, am Ende da sie die handlungslähmende Notwendigkeit dieser Fahrt nicht mehr umgibt, eine arbeitslos gewordene, die sozusagen auf Recherche nach dem "Mehr am Leben" abgestürzt ist, eine immer um die Hintergründe bemühte, unter die Oberfläche blickende, eben dort hängengebliebene, bis aufs äußerste abgemagerte verwelkte Schöne, die kaum noch aus ihren wässrig-roten Augen sieht. Sie hängt eingekauert auf ihrem Platz zwischen Seitenfenster und Glastrennwand im Rücken, schafft es trotzdem Haltung zu bewahren, eben genug um niemandem aufzufallen. Im Grunde genommen ist sie gar nicht hier, sie weiß nichts darüber, sieht sie nicht, die zu überbrückende Distanz von A nach B, an die ihr Körper gebunden ist, während ihre Gedanken diese Zeitschleife zu überspringen fähig sind. Es gelingt. Von verschiedensten Charakteren, einem altehrwürdigen Ehepaar, zwei kichernden Mädchen, einer türkischen Familie, umgeben, von allen gemeinsam nicht wahrgenommen. Früher wäre sie an einem Freitag Abend wohl kaum Bus gefahren, der Erfolg ließ sie unbewusst immer ein klein wenig auf ihre Umwelt hinabblicken, den einzigen Trumpf, den sie jetzt noch hält, ist eben nicht aufzufallen, sonst würde sich ihr ehemaliges Verhalten in den Blicken der anderen widerspiegeln, sich in sie bohren und zerstören, was noch zu zerstören ist. Heute allerdings ist da nichts mehr, außer Schmerz, Ratlosigkeit und Lebensüberdruss, die zu zerstören mit Sicherheit kein Beobachter fähig wäre. Punkt B, das Ende der Fahrt und das Ende allen Nichthandelns.