Patrick Kappacher (15)
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Sonnenstrahlen, durchtanzt von Staubflöckchen, schienen auf das Holzregal, das am Fenster stand. Das Licht brach sich leicht im verstaubten, goldenen Schriftzug von Joyces Finnegans Wake. Das Glöckchen an der Tür hatte schon seit Stunden nicht mehr geklingelt, und im Radio lief irgendein Hippiesender, der mindestens so verstaubt war, wie die Bücher im Wühlkorb (1,50 das Stück). David Lennhaus stand hinter der Theke seines kleinen Buchladens, blätterte im Monatskatalog und strich die Bücher an, die nachbestellt werden mussten. Er stand schon seit 20 Minuten so da und fragte sich langsam, wann er denn endlich in Wut darüber ausbrechen werde, dass er in diesen 20 Minuten erst einen Strich gemacht hatte. Das Geschäft ging wirklich alles andere als gut, das musste er sich verdammt noch mal eingestehen, und er hatte gelernt, damit zu leben, aber wenn man in 20 Minuten nur eine Nachbestellung anzeichnen kann, muss sogar ein Nirwana-erfüllter Buddha, der gerade die Grenzen seines Seins hinter sich gelassen hat, einen Amoklauf machen. Zumindest redete er sich das ein, um die ständigen Vorwürfe seitens Jeanette, seiner Frau, abtun zu können, die ungefähr bei jedem zweiten Anruf, sofort nachdem er sein gequältes Hi in den Hörer geknurrt hatte, meinte, er solle endlich irgendetwas gegen seine dauernde Gereiztheit tun. Hätte ein Fremder zugehört, er hätte meinen können, sie sei seine Therapeutin und er der axtschwingende Psychopath, der Frau und Kinder nacheinander zerhackt und dann kross gebraten hatte. Wer hatte jahrelang wegen Depressionsschüben zum Seelenklempner gehen müssen? Sie. Nicht er. Er hätte den Gedanken weiterspinnen können, ab er ließ es sein. Jeanette war eine liebende Ehefrau und Mutter, und sie war ganz nebenbei auch nach inzwischen fünf Jahren Ehe immer noch verdammt gut im Bett, sie kümmerte sich um die Kinder, brachte den größten Teil des Haushaltbudgets ein, er liebte sie und war ihr unglaublich dankbar für alles, aber sie konnte einen echt zur Weißglut bringen. Doch was wäre eine Ehe ohne reinigende Streits (ein Ausdruck, den er sich aus den sowohl geschmack- als auch niveaulosen Samstagnachmittag-Talkshows abgehört hatte), die auch ein wenig Abwechslung in seinen von Staub und Verfall zerfressenen Alltag brachten? Abgesehen von Sex und Bücher Entstauben natürlich.
David schlug den Katalog entschlossen zu, schob ihn unter die verglaste Thekenoberfläche und machte sich daran, dieser zweiten vom Alltag ablenkenden Tätigkeit nachzugehen: dem Bücherputz. Dieser Arbeit ging er jeden zweiten Dienstag im Monat zwischen 13:45 und 14:15 nach. Nachdem es anfänglich eher eine unangenehme Pflichtübung zwecks gewinnbringender Führung eines Buchgeschäftes gewesen war, hatte er dieser Putzaktion mit der Zeit etwas richtig Entspannendes abringen können. Es war unheimlich befriedigend, wenn man den Staub von einem kunstvoll verzierten Umschlag eines Gedichtbandes von Baudelaire wischte und dann ein paar Seiten in einer Sprache las, die seine Frau so perfekt beherrschte und von der er kein Wort verstand. Niemand außer ihm, glaubte er, kannte die Schönheit eines Bildbandes von New York, der jahrelang auf einem der vielen Holzregale gelegen hatte und langsam verstaubt war. Niemand hatte seine wunderschönen, exakt belichteten Bilder gesehen, bis er vorsichtig den Staub mit seinen Fingern wegrieb und den Blick auf die nächtliche Skyline von Manhattan freigab. Es war ihm schon oft passiert, dass er beim Putzen innehielt, um einen Klassiker, der ihm gerade in die Hände gefallen war, zu lesen. Einmal war er total in Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins versunken gewesen und war viel zu spät nachhause gekommen. Jeanette wäre vor Angst fast gestorben, behauptete sie. Er hätte ihr erzählen sollen, dass er nichts anderes getan hatte, als das, was sie ihm schon lange riet, einer entspannenden, seiner Gereiztheit entgegenwirkenden Tätigkeit nachzugehen. Aber er tat es nicht. So reinigend Streit auch war, am Tag davor war wieder ein Am-Telefon-Vorwürfe-Mach-Tag gewesen, und er entstaubte seine Bücher schließlich auch nicht jede halbe Stunde.
Er schob die Leiter eine Reihe weiter. Der von wenigen, dafür vom Schnee umso nässeren Schuhen verdreckte und schlammverkrustete Linoleumboden quietschte, und einer von zahlreichen, herumliegenden Straßenstreusteinen, die sich im Spinnennetz der Profilsohlen moderner Winterschuhe eingenistet hatten und eben hier beschlossen hatte, doch mal einen Tapetenwechsel anzuschlagen und sich genau auf diesen grünen, mit dunklen Gummifahrern durchzogenen Buchladenboden fallen zu lassen, sprang unter der Leiter hervor und prallte gegen sein Bein, was David aus seinen Gedanken riss. Er stieg die Leiter hinauf, putzte hie und da ein wenig, fand einige hinter der Sichtschutzmauer uralter, speckiger Wälzer (die einzige Rechtfertigung, warum sein Laden den Untertitel Antiquariat tragen durfte) versteckte alte Haarspangen, von denen er keine Ahnung hatte, wie sie dorthin gekommen waren, und auch ein kleines Büchlein, das sich als nützliche Nebenlektüre des Kamasutra, zum näheren Eindringen in die Materie ausgab. David schmunzelte und legte es gemeinsam mit den Haarspangen auf die Seite, um es später in den Wühl- beziehungsweise Papierkorb zu geben.
Im Hippieradio spielten sie gerade Aquarius aus dem Film Hair, einen der sogenannten Klassiker. Den Film hatte er damals ungefähr 1000mal gesehen, jedes Mal, wenn Conny meinte, das wäre das einzig akzeptable Abendprogramm für sie, verschärft: mit Joint im Mundwinkel. An Sex dachte sie gar nicht. Sie war wohl zu verklemmt oder zu ängstlich oder sonst was gewesen, um auch nur irgendwie daran denken zu können, ihre Unschuld vor dem 18. Geburtstag zu verlieren. Er hatte zwar auch nicht wirklich im Ernst vorgehabt, sie flachzulegen, dazu war sie zu sehr das Schulflittchen, aber im Nachhinein, 30 Jahre später, kam es ihm doch recht seltsam vor, zumal er eigentlich nicht wirklich schüchtern gewesen war.
Jedenfalls hatte er sich so ungefähr jeden dritten Tag durch diesen nervenden Musikfilm gequält. Wobei der Film an sich nicht nervend gewesen war, er hatte ihm beim ersten Ansehen wirklich gut gefallen (auch wenn er dieses Mädchen, wie hieß sie noch gleich, nicht annähernd so hübsch gefunden hatte, wie seine Klassenkollegen behaupteten, dass sie sei, und ihm Donna immer lieber als Let The Sunshine In gewesen war), aber nach dem zehnten Mal war es ihm echt zuwider geworden, und nach dem 30. Mal hatte er den Film gehasst. Er war nur so lange bei Conny geblieben, weil sie immer Zigaretten hatte, nie irgendwelche Gegenleistungen erwartete und er vermutlich doch gehofft hatte, sie irgendwann flachlegen zu können. Und als sie nach dem 76. Mal endlich Schluss machten, überlegte er lange, ob die Trennung eigentlich seine Schuld gewesen war, oder ob es eher daran gelegen hatte, dass die ganze Beziehung eigentlich nur aus Hair schauen, Zigaretten rauchen und sich betrinken bestanden hatte, gab dann aber, dem aufkommenden, allgemeinen Trend entsprechend, einfach der nicht stimmenden Chemie die Schuld. Das tat er bis heute. Er hatte, wie er meinte, eigentlich unglaubliches Glück gehabt, nach diesen Erfahrungen an eine Frau wie Jeanette zu geraten.