Stefan Schuh

 

25. 12. 1998

Sei gegrüßt Buch!

Der Advent ist immer eine sehr beschauliche Zeit. Man sitzt im Kreis seiner Lieben zusammen, singt Weihnachtslieder und alle sind glücklich. Die kleinen Kinder freuen sich aufs Christkind und jeder weiß, worum es überhaupt geht. Aber seien wir mal ehrlich: Wann war es das letzte mal so? Ich kann mich nicht daran erinnern.

In diesem Advent hatte ich so viel Stress, dass ich erst jetzt, wo der ganze Rummel vorbei ist, dazu komme, mich dir zu widmen. Die letzte Woche war echt anstrengend. Ich hatte noch immer kein Geschenk für meine Freundin, also habe ich vorigen Montag die verschiedensten Klassenkameraden gefragt, was ich derselbigen kaufen sollte. Die Vorschläge waren nicht immer die besten.

Thomas Neuberger: "Basketballkarten." Lieber Herr Klassenrapper, man soll nicht von sich selbst auf andere schließen.

Christoph Niederfighter Schaumschläger: "Was gegen die Pickel." Der Mann hat nur Pickelneid, weil er selbst ein Gesicht hat wie einen Babypopo.

Norbert Rächer: "Ein Kind." Ein Kind? Spinnt der? "Nein, Strauchi, ich meine eine Puppe aus Porzellan. Die schauen doch aus wie Kinder." Puppen? Zu teuer.

Katrin Mögel: "Kosmetika." Nein, dafür werden Tiere gequält.

Pippilotte Hendl: "Parfum." Das fällt auch unter den Begriff Kosmetika. "Nein, da gibt es welche, für die keine Tierversuche angestellt werden. Auf denen steht dann 100% Tierfrei." Sie muss es ja wissen, sie ist ihre beste Freundin.

Ich ging also zur Drogerie, um mir so ein 100% Tierfrei Dings zu besorgen. Auf dem Weg dorthin begegneten mir mindestens fünf Weihnachtsmänner die um Spenden baten. Den ersten drei sagte ich sie sollten gefälligst zurück in die USA gehen, für uns sei nach wie vor das Christkind zuständig. Der vierte war ein Bekannter von mir, also hielt ich den Mund. Als mich dann aber der fünfte um Spenden für World Vison bat war es mir zu dumm. "Glaubst du, die Habsburger sind so arme Schlucker oder was? Die haben sich sicher ein paar Juwelen mit ins Exil genommen, da ist es gescheiter, wenn ich für die Caritas spende, die gibt das Geld wenigstens denen die es brauchen. Schäm dich."

Beim betreten des dm schlug mir der synthetische Geruch von frischgebackenen Keksen entgegen. Kopfschüttelnd ging ich weiter. Im Hintergrund liefen Weihnachtslieder wie Stille Nacht, Jingle Bells, Und Leise Rieselt der Schnee. Ich ließ meine Blicke durch die Regale schweifen: Tiernahrung, Lockenwickler, Seife, Parfums. Endlich. Ich kniete vor dem Regal nieder, nahm mir ein Teil aus der tierfreundlichen Serie und sprühte mir mit professioneller Geste etwas davon aufs Handgelenk. Der Schnüffeltest bewies, dass eine meiner Lehrerinnen die gleiche Marke trugen. Plötzlich spürte ich, wie sich meine Nackenhaare aufstellten, was ein untrügliches Zeichen dafür war, dass eine dieser Ich-bin-für-unsere-Kunden-da-und-verkaufe-ihnen-um-jeden-Preis-etwas Verkäuferinnen hinter mir stand. Da sagte sie auch schon:

"Der Duft passt zu ihnen, der wird ihrem Freund sehr gut gefallen. Ich sehe Sie haben einen Vorzüglichen Geschmack, werte Dame..."

"Bitte?" fragte ich entgeistert, krampfhaft versuchend, meine Stimme so tief wie möglich klingen zu lassen. "Das ist für meine Freundin! Werte Dame!" Die Verkäuferin begann grün anzulaufen.

"Das ist mir aber sehr peinlich", druckste sie herum. "Ich könnte ihnen 10% Rabatt geben, mein Herr." Schleim, schleim. Das Lächeln das sie jetzt aufsetzte, wirkte echt entschuldigend, ich hatte aber nicht vor, mir das gefallen zu lassen.

"Glauben Sie, das macht diese Beleidigung ungeschehen. So eine unverschämtheit." Ich drehte mich auf dem Absatz herum und verließ schnurstracks das Geschäft. Eher weniger wegen der Beleidugung, als wegen meiner Geldbörse. Mir war fast das Herz stehengeblieben, als ich das Preisschild sah. Vor mich hin grinsend, das Bild der grüngesichtigen Verkäuferin vor Augen, ging ich zu einem Geschäft, über dessen Tür in großen Lettern der Schriftzug Naturkosmetik prangte.

Beim öffnen der Tür wurde ein Gong ausgelöst, der den Geruch nach Räucherstäbchen und ähnlichen Gewächsen noch unterstrich. Hinter dem Tresen stand ein junger Mann mit gebleichten Haaren, deren Stirnfransen zu einem Raverbalkon gegelt waren.

"Guten Tag, was kann ich für dich tun?" Er lächelte mich warm an. "Räucherstäbchen, Hanf, Kosmetik?"

"Eher letzteres. Ich suche ein Parfum für meine Freundin, für das keine Tiere gequält wurden" erwiderte ich. Der Raver schenkte mir noch einen warmen Blick und sagte dann:

"Leider führen wir keine Produkte, die kein Tiermehl enthalten. Aber wenn die Räucherstäbchen ihre Wirkung entfalten, fällt das nicht mehr auf." Ich bedankte mich und verlies das Geschäft.

Die Lust auf Parfum war mir vergangen, also beschloss ich, Marion ein paar Öle für ihre Duftlampe zu kaufen. So begab ich micht zum Öl-Haus. Das ganze Gebäude war vor lauter Lametta und Christbaumkugeln kaum noch zu sehen, üerall hingen Schilder wie Weihnachtsaktion! Noch kein Geschenk? 50% auf alle Waren! Ja, 50% Prozent mehr.

Das hielt mich aber nicht ab und ich ging hinein.

"Morgen, was wolln wir den?" wurde ich gefragt. Ich wies die Dame an der Kassa höflich darauf hin, das es schon Nachmittag sei und fragte um ätherische Öle.

"Wir hätten da etwas ganz neues..." begann sie einen Vortrag über die verschiedenen Zusatzstoffe. Dann wure ich gefragt welchem Anlass das Düftchen dienen sollte. "Einer intimene Stunde zu zweit vielleicht?" Also das ging die Frau wirklich nichts an. Ich verneinte und schlug vor, dass sie mir so ein Wässerchen zeigen sollte, das man in eine Duftlampe gießen kann. Sie begann wieder hinter ihrem Tresen zu räumen und Laden zu schupfen. Dann begann sie, mir die neuesten Kreationen vorzuführen.

Das mit Abstand scheußlichste war Christmas Tree. Noch ist mir kein Christbaum begegnet, der riecht wie eine Schachtel voller Lebkuchen, vermischt mit etwas von Christina Steinbäckers after shave. Ich kaufte mir ein paar Fläschchen normalen Zitronenduft, als mein Blick auf eine Schachtel fiel auf der Stand: 100% Tierfrei. Mein Herz machte einen Luftsprung und ich kaufte auch noch das Parfum, das hier um einiges billiger war.

 

Am letzten Schultag vor den Ferien überreichte ich ihr das Paket. Marion schien sich zuerst zu freuen, aber dann, als sie die verschiedenen Düfte in Händen hielt, verfinsterte ich ihre Miene zusehends. Dann nach einer Weile: "Soll das heißen, dass ich stinke?" Sie verabreichte mir eine schallende Ohrfeige und ging, ohne ein Wort zu meiner Rechtfertigung anzuhören. Zornig blickte ich zu Pippilotte Hendl, die nur schief grinsend mit den Schultern zuckte. Wenigstens hat Marion die Flaschen mitgenommen, was schließen lässt, dass sie mein Geschenk nicht vollends verachtete. Aber was hat es gebracht? Eine Ohrfeige und Weihnachtsferien, die sehr lange werden, denn ich habe ihre Telefonnummer vergessen. Warum muss man sich zu Weihnachten überhaupt was schenken? Jesus hat auch nichts bekommen. Naja, ich werde es wohl überleben müssen.

Frohe Weihnachten, Buch.

Dein Franz