Charlotte Sophie Meyn (16)
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Klassentreffen
Finger fahren über Fotos; kräftige Männerfinger, gepflegte Damenfinger mit sorgfältig lackierten Nägeln. Durch den Raum fliegt unverbindliches Geplauder; jede zweite Frage lautet: "Und, was machst du jetzt?", jeder zweite Satz beginnt mit "Weißt du noch..." Sie sind allesamt gut angezogen, die Frauen dezent geschminkt, die Männer glatt rasiert. In der Luft mischen sich Parfümgerüche. Alle sind sie wohlhabend und erfolgreich, alle genießen sie einen tadellosen Ruf.
Oder?
Die Frau in der Ecke ist auf keinem der Fotos. Ob sie eingeladen wurde? Vielleicht. Sie gehört allerdings nicht dazu mit ihrem blassen, runden, ungeschminkten Kindergesicht. Ruhig sitzt sie in der Ecke. Mit ihren Augen scheint sie die Anderen einzusaugen. Eifrig stenographiert sie in das kleine Notizbuch mit, das auf ihrem Schoß liegt. Es ist unklar, ob der Rest der Leute überhaupt bemerkt hat, dass sie da ist.
Früher war sie anders. Früher hätte sie jeder sofort bemerkt. Doch als Journalistin muss man mit dem Hintergrund verschmelzen, das hat sie inzwischen gelernt, denn so erfährt man am meisten.
Sie weiß viel. Vor allem weiß sie, wo sie nach Informationen suchen muss.
Wie viel weiß sie?
Einige schaue zu ihr herüber. Sie wird nervös. Es ist nicht wie sonst. Diese Leute kennen sie. Erkennen sie? Sie weiß, dass es Zeit ist, zu gehen. Unauffällig, aber hastig verschwindet sie. Ihr Notizbuch bleibt auf ihrem Stuhl liegen.
Kurz darauf bemerkt sie ihren Fehler und kehrt wieder zurück. Die Anderen erwarten sie. Sie haben das Notizbuch entdeckt.
Zwanzig Minuten später ist das Treffen zu Ende. Sie kommen aus dem Gebäude. Papiertaschentücher werden ausgetauscht, um die Hände zu säubern.
Die Frau, die auf keinem der Fotos war, ist nicht dabei. Sie liegt in einer Besenkammer. Ein teures Schweizermesser steckt in ihrem Körper. Neben ihr liegen die blutbefleckten Überreste ihres Notizbuchs.
Die wohlhabenden, gepflegten Männer und Frauen fahren in ihren auf Hochglanz polierten Autos davon. Nur ein einsamer VW bleibt auf dem Parkplatz stehen. Niemand kann ihn mehr wegfahren.
Welch einen tadellosen Ruf sie doch alle genießen.