Antwort von Katharina Seiler
Hallo!
Vielen Dank für die umfassende Kritik. Ich glaube, dass anscheinend einige Erklärungen nötig sind, damit auch andere Menschen mein Gedicht verstehen.
Ich möchte eher nicht einzeln auf die angesprochenen Störfaktoren, die meine lieben Kritiker/innen gefunden haben, eingehen, sondern das Bild zeigen, dass ich vor meinen Augen sehe, wenn ich mein Gedicht lese:
Jemand steht hoch oben. Der Wind und die Luft sind ihm unerträglich,
und trotzdem sehnt er sich nach ihrer Freiheit. Sie sind ihm hauptsächlich
deswegen unerträglich, gerade weil er sich nach ihnen sehnt.
Vielleicht steht er in einem Hochhaus, vor einem Fenster, dass
sich nicht öffnen lässt. Und er sieht hinaus in die
Luft. Er ist so fasziniert von dem Gedanken der Freiheit, dass
er gar nicht bemerkt, dass nur Freiheit auch nicht gut ist
er ist so begeistert, dass er vergisst, dass man trotz der Freiheit
immer noch Boden unter den Füßen braucht. Er sieht
nicht, dass luftiger Wind eigentlich nur Wind ist,
und dass windige Luft eigentlich nur Luft ist
er ist geblendet von der anscheinenden Vielfalt der Freiheit,
er ist betrunken von der Sehnsucht.
Das ist die erste Hälfte seines Fühlens die zweite
Hälfte ist eine unglaubliche Verzweiflung, weil seine Träume
gefallen sind. Er sieht auf sein Leben zurück und bemerkt,
dass er nichts von dem verwirklicht hat, was er sich einmal erträumte.
Er sieht seine Träume vor sich, tief unter sich auf dem Boden
liegen. Nicht nur tief, sondern sogar zehn Meter tief. Es sind
deshalb genau zehn Meter, weil das sicher eine wirklich todbringende
Höhe ist. Und seine Träume sind tot. Sie liegen schon
unter ihm, sie sind vor ihm durch das Glas des verschlossenen
Fensters gesprungen. Das Glas hat sie durchbohrt, aber sie sind
immer noch wunderbar und machen ihn dadurch verwundbar
darum wund-(er)-bar.
Weil ihn seine Träume und Ideen immer noch sosehr faszinieren,
sind sie gefährlich. Durch das Glas sind seine Träume
kristallen geworden aber sie sind auch gefallen, darum
geerdet.
Er hat es nicht geschafft, sie bis jetzt zu verwirklichen, und
sieht auch in Zukunft keine Möglichkeit mehr. Darum sind
sie auch gefährlich. Doch die Faszination seiner früheren
Ideale und die damit verbundene Depression, weil er sie nicht
erreicht hat, überdecken die Gefahr seines eigenen Sturzes.
Er lässt sich von ihnen in die Tiefe ziehen, er ist zu schwach,
um dagegen anzukämpfen.
Er springt durch das geschlossene Fenster er musste Anlauf
nehmen, damit er die Glasscheibe auch durchbrechen kann. Er ist
außer Atem, und darum sind seine Lungen ausgewunden. Er
ist am Ende und hat keine Kraft mehr, auch darum ist der Sauerstoff
aus ihm ausgewunden. Und endlich ist er in der Luft, in der windigen
Luft, und luftiger Wind umstreift ihn. Endlich ist er frei, oder
fühlt sich zumindest so. Wenigstens darf er das so kurz vor
seinem Tod noch ein einziges Mal erleben, denkt er sich. Wenigstens
einmal frei.
Er schlägt auf auf dem Boden, auf dem schon seine Träume
aufschlugen. Er ist gefallen, er ist zu schwach gewesen, er ist
zusammengebrochen. Darum sind auch seine Lungen nicht nur ausgewunden,
sondern auch zusammengebrochen. Sein Leben ist eben zersplittert,
zersplittert mit blutrotem Rand. Er hat vergessen, dass man trotz
Freiheit einen guten Boden unter den Füßen braucht.
Das ist mein Bild. Vielleicht verstehen jetzt mehr Leute mein Gedicht? Ich habe keine Ahnung aber ich freue mich auch schon, wenn ich damit nur zum Nachdenken anrege, weil es uns allen einmal so gehen kann. Uns allen kann es passieren, dass wir keine Kraft mehr haben, an uns und unsere Träume zu glauben. Sehr tödlich.
Katharina