Phie (16)
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Ein ganz normaler Abend
Sie saß alleine an dem runden Holztisch und fuhr mit dem Zeigefinger der linken Hand langsam die feinen Maserungen entlang.
Vor ihr stand ein Porzellanteller, auf dem der Reis inzwischen kalt geworden war, aber sie nahm das gar nicht wahr.
Immer wenn es Stress in der Arbeit gab, hatte sie keinen Hunger, und seitdem der große Vertrag unterzeichnet war, sah sie aus wie eine lebendige Leiche.
Die Wangenknochen waren nur noch von ihrer wachsbleichen Haut überzogen, die trotzdem merkwürdig spannte, die Haare hingen strähnig über die großen, dunklen, in Höhlen liegenden Augen, die starr den Bewegungen ihrer Hand folgten.
Ihre papierenen Hände mit den überlangen, schmalen Fingern, die sich rastlos bewegten wie eigenständige Lebewesen, glitten jetzt über den Stoff des Rocks, um ihn glatt zu streichen.
Für einige Augenblicke verharrten sie am Saum, knapp über dem Knie, und zupften an der Laufmasche, die darunter hervorkam.
Seufzend stand sie auf.
Der Stuhl schrammte über die glasierten Tonfliesen und stand für den Bruchteil eines Augenblicks auf den beiden hinteren Beinen in der Schwebe, bevor er langsam wie in Zeitlupe wieder nach vorne kippte.
Ihr Blick hing an einem imaginären Punkt an der gegenüberliegenden Wand und ließ diesen nicht los. Sie tastete nach dem Teller und hob ihn hoch. Er wog schwer in ihrer mageren Hand, und nun fand sie auch die Kraft, sich aus der Erstarrung zu reißen, und schritt zur Küche.
Der Teller wurden in der Spüle abgeladen.
Das Wasser schoss in einem kräftigen, weißen Strahl aus dem Hahn und drehte sich in der Spüle wie ein Wirbelsturm im Kreis, bevor es in den Abfluss stürzte.
Tausende kleine, glitzernde Perlen sprangen lebhaft umher und setzten sich auf jeden Platz, den sie erreichen konnten, rannen weiter, schlossen sich zu größeren Tropfen zusammen und setzten ihren Weg dann wieder fort.
Auch ihr Gesicht wurde von dem kühlen Schauer benetzt, und zum ersten Mal an diesem Abend umspielte ein sanftes Lächeln ihre Lippen. Ein kurzer Blick auf den Teller, auf dem immer noch der Reis lag, der nun schon beinahe unter Wasser gesetzt war, dann drehte sie sich um und ging zurück ins Wohnzimmer, wo sie sich auf die Couch setzte Für Abwaschen war später noch Zeit!
Doch dann quälte sie sich noch einmal aus den Kissen und umrundete das niedrige Tischchen. Es knackte, als sie auf den Knopf drückte, und eine Sekunde später löste ein graues, flimmerndes Bild die eintönige Schwärze ab.
Sie lagerte ihre schmerzenden Beine hoch, wählte ein Programm, und endlich konnte sie sich entspannen.
Ihr Kopf wurde schwer und sank kurze Zeit später auf die Seite.
Nun konnte man nur noch ein leises Atmen hören und ein seliges Lächeln auf ihren Lippen erkennen, als sie einschlief.