Unbarmherzig brannte die Sonne auf die drei Gestalten herab, die sich vollständig abenteuerlich ausgerüstet durch das dichte dschungelhafte Unterholz kämpften. Als Hilfsmittel dienten ihnen nur Machete und Hände. Sie bewegten sich trotz sichtlicher Erschöpfung, durch Hitze und Anstrengung zügig Richtung Norden.
Nadine war Mike und Jason einige Schritte voraus und schien auch ihre Bewegungen schneller auszuführen. Sicher würden die beiden gleich wieder um eine Pause beten; sie waren einfach zu schwach. Na gut, sie fühlte sich auch erschöpft, doch der Gedanke vielleicht schon in wenigen Stunden die Entdeckerin dieses unglaublichen kulturellen Reliktes zu sein, beflügelte Nadine geradezu.
"Nadine." Mikes Stimme vibrierte vor Erschöpfung richtig.
"Wenn deine Stadt wirklich da ist läuft sie uns garantiert nicht weg."
Nadine drehte sich um und sah, dass Jason und Mike angehalten waren, und sich erschöpft auf ihre Knie stützten. Aufgebracht von deren Kraftlosigkeit schlug sie ihre Machete in den nächsten Baum und schloss die Augen. Ja nicht aufregen. Nadine war sehr schnell auf 180, doch meist konnte sie sich kontrollieren. Sie öffnete die Augen, zog das Messer mit einem Ruck aus dem Baum, und meinte mit einem gezwungenen Lächeln:
"Also gut, machen wir Rast."
Zu dritt saßen die Abenteurer schließlich auf einem provisorisch hergerichteten Lager, und hielten ihre Feldflaschen in den Händen. Jason blickte durch das dichte Buschwerk in Richtung Himmel.
"Wie weit denkst du, ist es noch, Nadine? Meinst du, wir schaffen es noch bis Sonnenuntergang in..."
Er blickte auf seine Uhr und fuhr fort:
"... in etwa 6 Stunden?"
Nadine zuckte mit den Schultern. "Vielleicht."
"Sicher gab es schon viele Expeditionen hierher. Wieso, meinst du, wurde die Stadt noch nicht entdeckt?" fragte Mike.
"Es ist schon seltsam. Eine Stadt ist leicht zu entdecken, vor allem mit dem Flugzeug."
Gab Nadine zu. "Doch es gibt auch viele Maya Siedlungen, die erst vor kurzem entdeckt wurden."
"Die Entdecker einer neuen Kultur. Ein schöner Titel", meinte Jason. "Stellt euch mal vor wie viele Expeditionen wir gesponsert bekämen. Wir wären berühmt."
Nadine nickte, und schon schwelgte sie in einer Welt, in der sie bereits berühmt war.
Nadine stand auf und zerschlug ein Moskito, das sich auf ihrem Arm niedergelassen hatte.
"Ich würde sagen, wir machen uns mal wieder auf den Weg."
Jason und Mike standen nickend auf, und etwas später, nachdem sie alles wieder in ihren Rucksäcken verstaut hatten, kämpfte sich das Trio wieder durch das Unterholz von Honduras, nordöstlich von Tegucigalpa, in Mittelamerika.
"Nadine, komm schon. Lass uns unser Lager aufschlagen. Es wird gleich richtig dunkel, und dann wird das schwer. Nadine!"
Mittlerweile war es dunkel geworden, nicht richtig, doch dunkel genug um besser nicht weiter zu gehen.
Doch Nadine wollte noch nicht aufgeben. Nicht etwa, weil sie zu stur war, nein, sie spürte, dass sie fast am Ziel war. Sie spürte es. Irgendetwas in ihr sagte ihr, dass sie dicht am Ziel war, nur einige Schritte entfernt. Nadine versuchte im Dämmerlicht etwas vor sich zu erkennen; die Umrisse einer riesigen Stadt der Xedra etwa. Doch auch wenn es schon dunkel war, sie fand keinen Anhaltspunkt. Da half auch ihre Taschenlampe nichts. Aber das Gefühl wurde immer stärker, so dass sie sogar Jason und Mike vergaß. Sie registrierte Jasons Rufe, die sich verloren anhörten, garnicht richtig. Nadine vergaß ihre Umwelt, es war als wären all die nächtlichen Tierstimmen plötzlich verstummt, und sie wusste, dass die Stadt, die sie suchte nur einige Schritte entfernt war. Dann sah sie ein gleißendes weißes Licht, einige Meter vor sich. Sie ging darauf zu, und das Leuchten machte ihr erstaunlicherweise nichts aus. Als sie die Quelle des Lichts erreicht hatte, erlosch der helle Führer, und Nadine sah sich einem Felsen gegenüber. Hier im Hondurasdschungel waren solche Felsen selten, doch nicht unmöglich. Nadine trat noch einen Schritt vor, und plötzlich gab der Boden unter ihren Füßen nach. Sie stürzte in eine felsige Röhre, die sie mit rasender Geschwindigkeit unter die Erde transportierte. Und ehe Nadine noch richtig verstand was geschehen war, blieb sie auf einem großen Haufen Gestrüpp liegen. Ihr Arm schmerzte ein wenig, und dann wurden ihre Gedanken wieder klarer. Sie rappelte sich auf und blickte den Tunnel nach oben, doch es war zu dunkel um erkennen zu können wie tief sie unter der Erde war, und ihre Taschenlampe, hatte sie wohl oben verloren. Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte sie Mauern, an denen Fackelartige Gebilde angebracht waren. Sie zog ihr Feuerzeug aus der Tasche und versuchte eine dieser Fackeln zu entzünden, was ihr nach einiger Zeit auch gelang. Sie entfachte auch all die anderen Fackeln, und schon bald war der Gang aus gelbem Stein vollständig erhellt. Nadine staunte: die Wände waren voll von Hieroglyphenähnlichen Schriften, und kunstvollen Reliefs. Diese Schrift war sehr seltsam, sie hatte sowohl ägyptische als auch chinesische Merkmale. Auch Maya schien darin enthalten zu sein, und die Mischung war schwer verständlich zusammengestellt, zu schwer für eine spontane Übersetzung. Jason könnte das vielleicht, er war der Sprachwissenschaftler... Jason. Und Mike. Wo waren die beiden?
Nadine ging zurück zum Tunnel. Unmöglich ihn wieder hinauf zu klettern, jedenfalls in der Dunkelheit.
"Jason! Mike!" rief sie, doch auch nach mehreren Sekunden gab es keine Reaktion. Nadine versuchte noch einmal zu erkennen wie tief sie gefallen war, doch die Dunkelheit machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Sie würde bis zum Morgen warten müssen. Sie rief noch einmal nach ihren Gefährten, doch als wieder keine Reaktion kam, wandte sie sich wieder dem Gang zu. Sie ging ihn bis zum Ende entlang. Das konnte doch nicht das Ende dieses Ganges sein. Sie tastete die Sackgasse ab, und merkte schließlich durch Klopfen, dass dahinter etwas sein musste. Das musste eine Tür sein, dachte sie sich und suchte zuerst nach einem verborgenen Mechanismus. Doch als sie keinen fand schlug sie wütend dagegen. Verdammt, das konnte doch nicht sein! Diese verdammte Wand! Das musste einfach ein Durchgang sein! Mit aller Kraft stieß sie mit dem Fuß einige Male dagegen, und plötzlich schob sich die Tür auf. Was dahinter zum Vorschein kam raubte Nadine den Atem, und fast vergaß sie Luft zu holen. Da war eine riesige Halle, deren Wände voller kunstvoller Schriftzeichen waren. Die Decke war erstaunlich weit oben, woraus Nadine schloss, dass sie tief gefallen war, und an ihr hingen viele kristallene Prismen, die den Raum vollständig erhellten. Es war atemberaubend schön. Erst als Nadine sich an das schöne Licht gewöhnt hatte registrierte sie die Einrichtung der Halle. In der Mitte stand ein riesiges mit beeindruckenden Reliefs verziertes Portal aus mysteriösem schwarzen Gestein, und um es herum standen in einer bestimmten Ordnung einige dutzende ebenfalls schwarze und verzierte Sargähnliche Truhen. Noch immer staunend über eine allgemeine nicht näher bestimmbare Schönheit des ganzen, ließ Nadine die Fackel fallen, die sie nun wohl nicht mehr benötigte. Dann schritt sie langsam in Richtung des Portals. Als sie ein scharrendes Geräusch hörte und sich sofort umdrehte, sah sie wie die Tür begann sich langsam zu schließen. Nadine ließ es geschehen, gefangengenommen von der Schönheit der Wände und des Lichts. Sie würde die Tür schon wieder aufbekommen. Nun untersuchte sie das gigantische Portal genauer; es ragte mindestens sieben Meter in die Höhe und obwohl nachtdunkel, strahlte das pechschwarze Gestein ein seltsames Licht aus. Ebenso schienen das die Särge zu tun. Dann hörte Nadine Schritte. Sie kamen von hinten. Sie fuhr herum und wäre nicht überrascht gewesen, hätte sie einen geisterhaften Schemen der Xedra gesehen. Doch da war niemand. Aber Schritte... Sie kamen vom Gang aus dem Nadine eben erst gekommen war. Stimmen. Unkenntliche Stimmen. Jemand schlug gegen die Tür. Es war ein bedrohliches Pochen, ein Klopfen, das einem verborgenen Rhythmus zu unterliegen schien. Dann öffnete sich die Tür, und in die Halle herein traten zwei Gestalten.
Nadine atmete erleichtert oder vielleicht doch eher enttäuscht aus.
"Jason. Mike."
Die beiden standen mit offenen Mündern im Türbogen und blickten sich ungläubig um, gefesselt von der Schönheit dieses Raumes.
"Was ist das hier?" fragte Mike.
Nadine deutete auf die Särge. "Ich würde sagen eine Art Begräbnisstätte der Xedra. Wie habt ihr hierher gefunden?"
"Wir hörten deine Rufe, und deinen Rucksack hast du auch verloren." Mike hob demonstrativ den Rucksack hoch, der sogleich von Nadine angenommen wurde.
"Die Tür bekamen wir mit dem versteckten Knopf auf."
Verwirrt nickte Nadine. Sie erwähnte lieber nicht, wie sie die Tür aufbekommen hatte.
Jason ging staunend die Wände entlang.
"Erstaunlich. Diese Schriftzeichen..."
"Kannst du sie übersetzen?" fragte Mike.
"Sicherlich. Was ich brauche, ist Zeit. Und auch einige Vorlagen."
"Und das haben wir zum Glück ja beides", meinte Nadine, fügte hinzu: "Was haltet ihr von dem da?" , und wies auf das riesige schwarze Tor.
Mike ging auf das prächtige Objekt zu und betastete die Reliefs.
"Wow! Ein Portal. Vielleicht als Symbol des Todesübertritts?"
Jason kam hinzu. "Wäre möglich." Dann ging er zu einem der Sarkophage und fuhr über dessen seltsamerweise sauber gebliebene Oberfläche.
"Mich würde interessieren, wer oder was hier drin ist."
"Sehen wir nach." Mike versuchte die Abdeckplatte zur Seite zu schieben, doch erst als die anderen beiden halfen glitt sie scharrend zur Seite und gab schließlich, laut herunterfallend, den Inhalt des Sarges preis.
"Leer?" fragte Jason erstaunt.
Mike griff hinein und holte einen klirrenden Beutel heraus. "Nicht ganz."
Im Beutel waren Kunstgegenstände und Schmuck der Xedra eingehüllt, die sicher ein Vermögen wert sein mochten.
Nadine war ein wenig erstaunt. "Keine Leiche?"
Jason ging wieder zum Portal zurück. "Die anderen werden wahrscheinlich auch leer sein. Fast leer meine ich natürlich. Also keine Begräbnisstädte."
"Vielleicht eine rein symbolische Begräbnisstädte", meinte Mike, während er eine kleine schwarze Statue betrachtete, die ebenfalls in dem Beutel zu finden gewesen war.
"An der Schrift des Portals kommen ziemlich oft die Worte Tod und Glück vor. Seltsam."
Nadine stellte sich neben Jason, der gerade den Fuß des Portals betrachtete.
"Was ist das?" Jason bemerkte einen kleinen dunkelblauen Kristall aus dem schwarzen Gestein ragen.
Plötzlich gab es einen blendenden gleißenden Lichtblitz, und Nadine, Jason und Mike wurde von einer unbestimmbaren Kraft zu Boden geworfen. Einige Sekunden lang blieb die ganze Halle für die drei in einem weißen Licht unsichtbar. Dann erlosch es. Nadine rappelte sich zuerst auf, und es dauerte einige Sekunden, bis sie wieder richtig sehen konnte. Zum X-ten Mal verschlug es ihr heute den Atem, als sie sah was geschehen war. Sie wandte sich zu Jason, der, wie auch Mike, ebenfalls schon stand und verdutzt auf das Portal starrte. "Was hast du gemacht?"
"Ich habe.. ich habe diesen Kristall gedreht. Sonst nichts."
Zwischen dem Schwarzen Torbogen war nun ein weißes sich kräuselndes Energiefeld gespannt.
Mike kam näher. "Wow..."
"Was zum Teufel ist das?" Nadine hatte etwas derartiges noch niemals gesehen.
Mike sagte: "Wir sind die Entdecker. Wir sollten ihm einen Namen geben."
"Todestor vielleicht", schlug Jason vor.
"Wie kommt ihr jetzt darauf ihm einen Namen zu geben?" Noch bevor Nadine diese Frage ausgesprochen hatte verspürte sie den Drang dem Ding einen Namen zu geben.
Mike zuckte die Schultern. "Weiß nicht. Schon irgendwie seltsam." Nach einer kurzen Pause, die darin bestand das Portal anzustarren fügte er hinzu:
"Wie wäre es mit Stargate?"
"Wohl zuviel ferngesehen", sagte Jason mit abschätziger Mine. "Besser ist meiner Meinung nach Portal der Xedra. Einfach aber aussagekräftig."
Nadine kam langsam zur Besinnung. "Wichtiger als der Name ist doch wohl der Zweck. Es steht inmitten leerer Särge und..."
Plötzlich hörte sie Stimmen. Schreie. Ganz leise, und doch ganz nah. Sie kamen von jenseits des Schleiers aus Licht..
Komm zu uns! Komm her! Du gehörst zu uns!
"Hört ihr das auch?"
Mike und Jason lauschten, schüttelten dann jedoch den Kopf.
Komm! Komm her! Hierher! Zu uns!
Nadine verspürte ganz plötzlich den Drang zu ihnen zu gehen, wer auch immer sie sein mochten.
Sie setzte sich in Bewegung, auf das Portal zu. So ein schönes weißes Licht.
Es war dasselbe, das ihr auch den Weg zur Höhle gewiesen hatte; so schön...
"Nadine. Was tust du?" Jason hielt sie am Arm fest. Sie war kurz davor durch das Portal zu schreiten.
Mike schien den Ernst der Lage nicht zu erkennen und witzelte:
"Aber Achtung, sonst wachst du auf Abydos wieder auf, und siehst dich dem bösen Ra gegenüber."
"Mike!" schrie Jason mit saurem Unterton. Nadine wies eine ungewöhnliche Stärke auf.
"Sie will wirklich durchgehen! Hilf mir lieber, anstatt so einen Müll zu quatschen!"
Doch da war es schon zu spät. Nadine hatte nur ihre Hand in das weiße Licht gestreckt, und plötzlich löste sich der Rest ihres Körpers auf, und schwand als Art Pulver in das Portal.
Wo bin ich? Wo bin ich? Das einzige was Nadine einfiel war diese Frage, als sie inmitten einem gleißenden weißen Licht erwachte. Das Licht; es bewegte sich. Wo war sie hier? Sie versuchte etwas zu erkennen, zu sehen. Doch irgendetwas stimmte nicht, ganz und gar nicht. Sie konnte sich nicht bewegen, und dennoch sah sie in alle Richtungen. Sie hatte keinen Körper mehr! Nadine versuchte ihre Arme zu bewegen, ihre Beine, ihren Kopf; doch sie konnte es nicht. Zuerst war sie beunruhigt darüber, doch schon einige Sekunden später dachte sie garnicht mehr darüber nach. Eine seltsame Welle des Glücks überrollte sie, oder besser: ihr isoliertes Bewusstsein. Aber da war nicht nur Glück. Es waren alle schönen Gefühle, die sie von früher nur aus einigen Sekunden Erfahrung kannte.
Dieses Licht; es beinhaltete alles Schöne dieser Welt, so schien es. Dieser Welt? Welcher Welt?
Das weiße Licht pulsierte, und die offenbar einsame Seele, die sich ganz und gar nicht einsam fühlte, vergaß woher sie kam, wer sie war, und was Haß und Bosheit waren.
Hier bin ich zu Hause. Doch woher komme ich? Ich war schon immer hier. Doch gab es nicht eine Welt, vor dieser? Vor langer Zeit? Die Seele war sich nicht sicher. Damals... Nein! Ich war schon immer hier. Die Seele schwelgte von da an in dem weißen Licht, das ihr die Sorgen genommen und Glück gegeben hatte; es hatte allen Hass und alle Bosheit verzehrt, die jemals in dieser Seele gewohnt hatten, und schien sich jetzt freudig zu kräuseln. Dann ertönte eine Stimme, keine richtige, wie sie die Seele aus einem längst vergangenen Leben zu kennen glaubte. Nein, es war eher ein Gedanke, der im Strom des Lichtes schwamm. Es wird Zeit uns zu verlassen. Euch verlassen, aber wieso? Zum ersten Mal in ihrer ganzen Existenz spürte die Seele etwas schlimmeres als Glück. Es wird Zeit zurück zu kehren. entschied der Gedanke. Zurück? Wohin zurück? Die Seele konnte das nicht verstehen. Zurück in die wahre Welt. Jetzt!
Kaum war dieser Gedanke vollführt, spürte die Seele etwas, von dem sie, obwohl es ihr unbekannt war, sofort wusste, dass es Schmerz genannt wurde. Nadine?
Tausende von bösen Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen überfielen sie; etwas geschah mit ihr, doch sie wusste nicht was es war. Sie war gefangen, und Erinnerungen verdrängten sie.
"Ster... Sterbe ich?..." Wer war das? Der Seele letzter Gedanke, bevor alles schwarz wurde.
"Ich le... lebe..."
"Mr. Teery! Kommen sie her. Sie ist aufgewacht.
Jason ließ den Automaten, an dem er sich gerade zu schaffen machte sofort links liegen, obwohl er das Geld schon eingeworfen hatte. Und nun wartete der Automat darauf die Bestellung des jungen Mannes entgegen zu nehmen. Vergeblich, denn dieser rannte schon den, relativ zu anderen Krankenhäusern, schmalen Gang entlang, bis er nach einigen Metern mit einer gefährlich aussehenden Kurve in einem der Zimmer verschwand.
Nadine lag sichtlich verwirrt und weiß gekleidet, auf dem Krankenbett. Neben dem Bett hing ein an der Decke befestigtes durchsichtiges Paket, gefüllt mit gelblicher Flüssigkeit, die mit Hilfe eines dicken Schlauches ihren Weg in Nadines Blutkreislaufs fand. Der Arzt, der Jason gerufen hatte, stand über Nadine gebeugt, und meinte routiniert lächelnd:
"Wie schön, dass sie endlich aufgewacht sind."
Nadine blickte sich verwirrt um. Sie versuchte zu sprechen, zu fragen, wo sie hier sei, wer sie sei und, was am wichtigsten war, warum sie hier sei. Doch kein Laut verließ ihre Kehle. Sie sah an sich herab, und erkannte etwas, was sie zuvor noch niemals gesehen hatte, was ihr jedoch sofort bekannt vorkam; Sie hatte einen... ja, einen Körper. Doch was bedeutete dieses Wort eigentlich? Wozu war es gut? Wozu war er gut? Hatte sie ihn denn zuvor schon jemals gebraucht? Und wer waren diese Wesen?
Nadine blickte ängstlich zu Jason, der daraufhin zu ihr kam und leise und beruhigend auf sie einredete.
Nein! Komm nicht näher! Sie hatte Angst vor dieser Kreatur. Sie hatte Angst vor dieser Welt; Sie war so dunkel und voller Haß und Boshaftigkeit, die sich langsam durch diesen unsinnigen Körper fraßen und Nadines Seele vergifteten. Nadine schloss ihre Augen. Seltsam, zuvor hatte sie immer alles gesehen, und nun sah sie gar nichts mehr. Und plötzlich, als hätte es ihr irgendjemand gesagt, in der Dunkelheit böser Gedanken, wusste sie, dass sie... lebte.
"Wie geht es ihr?"
Der Mann, der dem Arzt in seinem Büro gegenüber stand, blieb sehr ruhig als er die Frage stellte, und doch merkte man wie sehr er hoffte eine bestimmte Antwort zu bekommen.
Der Mann im weißen Kittel wandte sich ab, und sah auf einen Bogen bedrucktes Papier.
"Nun, ich würde sagen es geht ihr erstaunlich gut. Nach den Werten zu urteilen."
Der Arzt legte die Blätter weg und wandte sich wieder Russel zu.
"Sehen sie, sie schläft nun schon seit 56 Stunden, seit sie zum ersten Mal erwachte. Sie schläft unruhig und somit nicht sehr fest, doch wir wollen sie nicht wecken. Der Schlaf scheint keine Auswirkungen auf ihren gesundheitlichen Zustand zu haben. Wurde ihnen denn schon erzählt, wo wir sie gefunden haben? Das finde ich nämlich sehr interessant."
"Garnichts weiß ich. Nadine verschwand vor vier Monaten auf ihrer großen Reise, von der sie schon seit Monaten geschwärmt hatte. Und nun liegt sie hier, in einem australischen Krankenhaus. Ich möchte nur mal wissen wie sie von diesem Dschungel, wo auch immer, hierher nach Halls Greek kommt."
"Nun, gefunden wurde sie am Nordrand der Gibsonwüste. Sie wäre gestorben, wäre sie nicht sofort nach Halls Greek gebracht worden. Eigentlich war es ein Wunder, denn eigentlich wird die Wüste gemieden. Erstaunlicher Weise scheint sie auch keine Probleme mit Wasser oder Nahrung gehabt zu haben. Als sie hier eintraf schlief sie, doch ihr körperlicher Zustand war nicht unbedingt sehr bedenkenswert. Eine größere Reise durch die endlosen Weiten der Gibsonwüste scheint sie also nicht gemacht zu haben. Ich kann mir wirklich nichts davon erklären. Vielleicht wissen sie noch etwas, was offiziell nicht bekannt war." Aufforderung gegenüber Russel stand dem Arzt ins Gesicht geschrieben.
"Ich denke nicht. Monatelang suchte sie in alten Büchern und Pergamentrollen nach etwas eigentlich völlig unbekanntem. Ich machte mir Sorgen um sie; sie vernachlässigte die Familie und ihre Freunde. Nur Jason und Mike schwirrten die ganze Zeit herum. Und dann, vor vier Monaten, machten die Drei sich auf nach... wie hieß das doch gleich?! Na, wie auch immer, sie wollten in irgendeinem Dschungel nach den Zeugnissen einer unbekannten Zivilisation suchen."
Russel schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf.
"Was war ich froh zu hören, es ginge ihr gut. Und Natalie erst."
Der Arzt nickte, als würde er verstehen, was in seinem Gegenüber vor sich ging.
"Kann ich sie sehen?"
Wieder ein Nicken, und einige Minuten später, nachdem Russel durch Krankenhausgänge und über ein paar Etagen geführt worden war, stand er schließlich wenige Schritte von seiner schlafenden Frau entfernt vor deren Krankenbett.
Blinzelnd öffnete Nadine die Augen und setzte sich sogleich auf. Was machte sie hier, in einem Krankenhaus? Russel sprang von seinem Stuhl neben dem Bett auf, als er bemerkte, dass Nadine aufgewacht war, und rief ihren Namen.
Nadine blickte sich verwirrt um, doch Sekunde um Sekunde wurde alles klarer.
"Russel?" Sie wusste, wer sie war, sie wusste, wo sie war, und das, obwohl sie diese Welt eigentlich garnicht kannte. Doch sie hatte Erinnerungen an diese Welt. Nadine merkte, dass ein wenig Flüssigkeit aus ihren Augen lief, und auf ihre Kleidung tropfte. Sie weinte, das wusste sie. Sie vermisste etwas, ein Gefühl, das sie hier in diesem Raum suchte und suchte und nicht fand. Jedenfalls nicht in einer solchen Konzentration wie sie es in diesem Licht erlebt hatte.
Russel kam zu ihr und wischte ihr die Tränen aus dem Gesicht. "Was ist? Wieso weinst du?"
"Russel. Wo ist all das Glück? Ich habe Erinnerungen daran, doch wo ist es?"
Da Russel nicht wusste was sie meinte, drückte er sie ganz fest an sich, und auch ihm lief eine Träne die Wange herab, vor soviel Glück.
"Ich erinnere mich daran, dass ich vor diesem Portal stand. Ein so schönes Portal. Und ich ging hindurch. Dann schien ich eine Zeit lang geschlafen zu haben, und ich erwachte im..."
Jason, Mike und Russel standen um Nadine, die aufrecht in ihrem Krankenbett saß.
"...im puren Glück."
"Im Glück?!" Jason war erstaunt, wie auch die anderen beiden.
"Ja, es war so... schön. Ich hatte keinen Körper; ich schwebte, und ich sah alles. Überall war dieses weiße lebendige Licht. Es sprach zu mir, und es schien aus Glück zu bestehen."
Russel war sich nicht sicher, ob sie das was sie da erzählte wirklich erlebt hatte, oder nur halluzinierte.
Doch wie einfach war es schon eine solche Geschichte zu glauben. Er sah zu Mike, der zu überlegen schien.
"Und wie bist du hierher gekommen? Weißt du das auch, Schatz?"
"Nun, das Licht schickte mich fort. Es sagte es wäre zeit in die wahre Welt zurückzukehren. Und das nach all den Jahren, die ich glaubte dagewesen zu sein. Und dann waren es doch nur vier Monate gewesen. Als ich in diesem Licht schwebte, da gab es keinen Hass oder andere schlechte Gefühle für mich. Und auch diese Welt hatte ich vergessen. Ich war wirklich der Meinung gewesen das Licht sei schon seit jeher meine Heimat gewesen."
Sie blickte sich - offensichtlich ängstlich - in dem Raum um.
"Und wisst ihr was ich hier sehe, was euch allen verborgen bleibt?"
Die drei Männer schüttelten leicht den Kopf.
"Ich sehe Hass und Gewalt. Neid und Pein. Ich sehe kein Glück und keine Liebe. Ich sehe eine Welt, in der es sich nicht lohnt zu leben. Als ich tot war sah ich Glück und Freude. Überall."
Russel packte sie an den Schultern. "Aber Nadine, was redest du da? Du warst niemals tot. Du warst nicht einmal jemals in Gefahr."
Nadine legte ihre Hände auf die Russels.
"Aber Schatz. Ich war tot. Mein Körper nicht. Weshalb denkst du, wäre ich sonst zurück geschickt worden?"
Russel wich einen Schritt zurück, und sah zu Jason.
"Sie denkt wohl, das Portal sei eine Pforte in den Tod. Aber nicht für Lebende zugänglich."
Mike schaltete sich ein: "was für einen Sinn macht es, nur den Toten zu erlauben dieses Tor in den Tod zu durchschreiten?"
"Durch einen normalen Tod würde man also nicht ins eigentliche Reich des Todes gelangen. Richtig."
Russel sah Nadine perplex an. "Denkst du das wirklich? Nur diejenigen, die dieses Portal durchschreiten gelangen in die schöne Welt des Glücks? Was ist mit den gewöhnlich Gestorbenen?"
"Die bleiben gefangen in ihrem toten Körper, für immer. Oder sie gelangen auch in das Licht des Glücks. Vielleicht entdeckten die Xedra diesen Zugang, na ja, für die Lebenden. Diese werden ja nur, wie ich, nach einigen Monaten wieder herausgeworfen, ihnen wird der Zugang nicht verwehrt", meinte Nadine.
"Ein Urlaub im Glück also", schloss Mike.
Verständnislos schüttelte Russel den Kopf. "Klingt ein wenig seltsam." Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass irgendjemand diese Welt des Todes freiwillig betreten würde. Man sollte doch meinen, dass das Leben der schönere Teil der Existenz der Seele darstellt. Und wo lässt sich hier die rein wissenschaftliche Anschauung finden, dass die Seele lediglich ein komplexes Netz aus Neuronen sei? Russel sah seiner Frau in die Augen um herauszufinden ob sie dieses Feuer der Ernsthaftigkeit in sich trugen, und entdeckte etwas seltsames unbeschreibliches, etwas falsches, das er jedoch nicht definieren konnte. Was mochte ihr in den letzten vier Monaten nur geschehen sein?
"Ihr solltet es unbedingt auch tun!"
"Durch das Portal schreiten?" fragte Mike etwas erstaunt.
"Ja. Es war so schön..."
Wieder schüttelte Russel den Kopf. Und die schmerzlichen Erfahrungen danach? Hatte Nadine sie denn etwa schon wieder vergessen? Zu wenig Glück, zuviel Hass... Auch wenn diese andere Welt so schön sein sollte, wäre es wohl sinnvoller sie erst mit dem Tod zu betreten.
Was sollte sie nur machen? Sie sehnte sich so sehr. Sie vermisste es, und sie hasste es hier. Sie musste wieder zurück. Ja, das war die einzige Möglichkeit, auch wenn sie sich langsam an die hasserfüllte Luft gewöhnte. Es ging zu langsam, und der Schmerz fraß sie regelrecht auf. Nun lag sie schon seit etwa drei Tagen in diesem Krankenhaus, und noch keine Nacht hatte sie richtig schlafen können. Sie musste wieder zurück. Doch was war mit ihrem Leben? Sie hatte Freunde, eine Familie und einen Beruf, in dem sie durch die Entdeckung der Xedra nun hoch angesehen war. Russel, Natalie...
In einigen Wochen hätte sie sich sicher an den Hass und Schmerz gewöhnt, doch vergessen könnte sie ihn niemals in ihrem Leben. Sollte sie das hinnehmen um das Leben zu behalten? Das Leben war wirklich etwas schönes, wenn man darüber nachdachte, doch war es wirklich so schön wie das pure Glück? Nadine erinnerte sich an ihre glücklichen vier Monate, die ihr noch immer wie ein ganzes Leben vorkamen. Ja, sie hatte sich wohl entschieden.
"Nadine, du wolltest mit mir reden?" Russel kam in das abgedunkelte Krankenzimmer und schloss auch sofort die Tür hinter sich. Nadine hatte ihn angerufen, er solle doch sofort herkommen, mitten in der Nacht. Er drehte sich in Richtung Bett und erwartete eine aufgesetzte Nadine in weißer Krankenbekleidung darin. Doch stattdessen saß sie auf einem Stuhl neben dem Bett, vollständig gekleidet und mit einer Tasche auf dem Schoß, als wolle sie zu einer längeren Wanderung aufbrechen.
"Oh, du wurdest schon entlassen?" Erstaunt kam Russel einige Schritte näher an seine Frau heran.
"Nein."
"Aber wieso..."
"Ich habe beschlossen zurück zu kehren."
"Zurück? Nach Hause?
Nadine schüttelte den Kopf. "Nein. Zurück ins Glück."
"Du meinst..."
"Ja. Ich werde wieder in die Welt des Todes gehen."
Russel war total perplex. Er konnte das einfach nicht verstehen. Mag sein, dass er es hätte können, wäre auch er in dieser Todeswelt gewesen. Doch als einfacher Lebender...
"Das meinst du doch nicht im Ernst!" Er rannte zu Nadine und packte sie an den Schultern.
"Du kannst doch nicht im Ernst wieder dahin zurück wollen!"
Die entschlossene Frau streifte Russels Hände von ihren Schultern.
"Ich muss es tun."
"Wieso!" Russel versuchte sich zu beherrschen, doch seine Frage glich schon fast einem Schrei.
"Ich... ich gehöre dorthin." Nadine schien ängstlich und doch entschlossen zu sein.
Russel ließ von ihr ab, drehte sich um und ging ein paar Schritte in Richtung Tür.
"Und unsere gemeinsame Zeit? Die ganzen sieben Jahre Ehe? Natalie. Und deine Arbeit, die dir doch soviel bedeutet?" Seine Stimme war viel leiser und ruhiger geworden, als würde er verstehen, was in Nadine vor sich ging,
"Du suchst nach Glück. Wenn du dich erinnerst, sag, siehst du dann nur Hass und Schmerz?"
Mittlerweile hatte Russel sich wieder seiner Frau zugewandt und war einige Schritte nähergekommen.
Er hatte recht. Es gab sehr viele glückliche Erinnerungen an vergangene Geschehnisse dieser lebendigen Welt. Mit ihren Freunden, mit ihrer kleinen Tochter...
"Das ist es nicht."
"Nein?"
"Ich gehöre in diese andere Welt."
"Und was macht dich da so sicher?"
Nadine schloss die Augen, und wäre es heller gewesen hätte Russel die Träne gesehen, die ihr über die linke Wange lief.
"Ich werde zurück ins Glück gehen. Bitte versuch nicht mich aufzuhalten."
"Aber wie sollte ich das tun?" Russel kam wieder ein wenig näher an Nadine heran.
"Ich kann dich nicht einfach in dein Verderben ziehen lassen! Es mag sein, dass es nicht sehr gut gelaufen ist, in den letzten Wochen vor deiner Reise zu deiner großen Entdeckung. Aber trotzdem liebe ich dich noch. Ich fand einfach, dass du zu sehr an deine Arbeit gedacht hast."
Nadine schüttelte den Kopf und eine weitere, für Russel unsichtbare, Träne lief über ihr Gesicht.
"Du verstehst es nicht. Ich will dich und Natalie nicht verlassen, doch ich kann nicht anders."
"Aber wenn du stirbst, in einigen Jahrzehnten, dann wirst du diese Welt des Glücks wiedersehen. Bis dahin solltest du dein Leben genießen, und nicht vergeuden."
"Wenn aber nun diese glückliche Welt des Todes nur durch dieses Portal betreten werden kann? Wenn meine Seele bei einem normalen Tod für ewig in dem toten Körper gefangen bleibt? Nein, ich vermisse dieses Glück, und nur indem ich so schnell wie möglich dorthin zurückkehre, kann ich mir sicher sein es jemals wieder zu sehen."
"Ja, vielleicht kannst du dir dann sicher sein. Doch was, wenn die Welt nach einem normalen Tod viel schöner ist als die dir bekannte? Du hättest dein ganzes Leben verworfen, und dieses ist viel glückvoller als du denkst. Vielleicht sogar schöner als deine verdammte Glückswelt, du hast es nur..."
"Nein! Ich habe es ganz bestimmt nicht vergessen! Ich habe es von Anfang an gewusst! Du verstehst es nicht!"
"Gibt es keine Hoffnung mehr in dir?"
"Hoffnung? Auf was?"
"Darauf, dass du nach einem glücklichen Leben mit mir und deiner Tochter, an deinem Todestag in eine schöner Welt treten wirst; schöner als alles was du je gesehen hast."
"Hoffnung... Nein! Ich denke nicht, dass diese Hoffnung sinnvoll wäre."
"Das heißt also, dass dir in dieser Glückswelt nicht nur all deine schrecklichen Gefühle wie Hass und Pein genommen wurden. Auch deine Hoffnung wurde zerstört."
Wurde ihre Hoffnung wirklich zerstört? Hoffnung. Je mehr Nadine über dieses Wort nachdachte, um so mehr wurde ihr seine Stärke klar. Stärker als... Glück? Vielleicht, doch sie hatte sich entschieden.
Mit einem Ruck stand Nadine von dem Stuhl auf, und kam langsam nah an Russel heran.
"Bitte versuch nicht mich aufzuhalten."
"Tut mir leid. Ich kann dich nicht einfach gehen lassen."
Nadine war klar gewesen, dass er sie nicht so einfach gehen lassen würde. Sie fand es nichteinmal sehr schlimm, sondern verständlich, obwohl sie ihn gehen lassen würde, wäre sie an seiner Stelle.
"Du wirst mich nicht aufhalten können. Doch bevor ich endgültig gehe, möchte ich dir noch etwas geben." Nadine griff gezielt in ihre Tasche, und holte ein handgroßes metallisches etwas heraus.
Erst als sie es auf Russel richtete erkannte er, dass es eine Pistole war. Er wich einen Schritt zurück, doch sofort war er sich sicher, dass sie niemals auf ihn schießen würde.
"Ich lasse dich dennoch nicht gehen. Du wirst nicht auf mich schießen, niemals."
"Wie kannst du dir da so sicher sein?"
"Ich weiß es einfach."
"Genauso, wie ich weiß, dass ich zu dem Glück gehöre?"
"Und ich kenne dich", gab Russel zurück während er - unmerklich leicht - den Kopf schüttelte.
"Aber du weißt auch, dass ich nicht wie vorher bin. Gib zu, dass du dir auch sicher warst, ich würde nun - nachdem ich aus dem Glück zurück bin - für immer mit dir und Natalie zusammen bleiben."
Da hatte sie tatsächlich recht. Würde sie tatsächlich schießen, um an das Glück zu kommen?
"Würde ich dich nun erschießen, könnte ich nicht weiterleben ohne mir tagtäglich Vorwürfe zu machen. Doch wenn ich das Glück betrete, würde ich alles vergessen, alles."
Sie würde also schießen.
"Aber in etwa vier Monaten würdest du wieder aus der Welt des Glücks verbannt werden."
"Ich werde sie einfach immer wieder betreten."
"Und wenn das nicht funktioniert? Was dann?" Russel war aus Angst vor der Pistole einen weiteren Schritt zurückgewichen, und er sah, dass Nadine darüber nachdachte.
"Ich werde wohl darauf hoffen müssen, ich..."
Was hatte sie da gesagt? Sie hoffte...
"Es gibt also doch noch Hoffnung in dir."
"Nein. Ich werde gehen."
"Dann wirst du mich erschießen müssen."
Entschlossen kam Russel auf Nadine zu und ließ sich die Pistole auf seine Brust halten.
Er schloss die Augen und hoffte...
Dann, Sekunden später, hörte er den Knall und sofort wurde ihm schwarz vor Augen. Nichteinmal Schmerzen spürte er. Es gehört eben zur Hoffnung, dass das Erhoffte manchmal nicht eintrifft.
Sie fühlte sich garnicht gut. Sie war müde, weil sie die letzten Tage nur sehr wenige Stunden geschlafen hatte, und sie fühlte sich schlapp und kraftlos. Die Frau stolperte zu einem nahestehenden Baum und lehnte sich an ihn. So wie es aussah, war sie auf der bisherigen Reise irgendwie krank geworden; sie fühlte sich schlecht, und ein starkes Fieber loderte in ihr. Lange würde sie nicht mehr durchhalten. Orientierungslos blickte Nadine sich um, doch alles was sie sah, war der dichte nächtliche Dschungel, und zu allem Überfluss drehte er sich auch noch. Wieder stolperte Nadine mühsam einige Schritte weiter. War sie hier denn überhaupt richtig? Woher wusste sie wohin sie musste? Kraftlos ließ sie sich zu Boden sinken. Sie würde erst einmal schlafen, und morgen dann im Hellen und gestärkt durch den Schlaf weitersuchen. Das Fieber glühte, und einen Moment war sie sich nicht sicher, ob sie den nächsten Morgen überhaupt erleben würde. Nicht mehr länger darüber nachdenkend schloss sie die Augen und lauschte unbewusst ihrem viel zu lauten und zu schnellen Herzschlag, bis sie eingeschlafen war. Und sie wäre wohl nie wieder erwacht, wäre die dunkle schemenhafte Gestalt nicht zu ihr gekommen um sie mit Wasser und Rufen zu wecken.
Mit einem Satz saß Nadine sich auf, als sie Rufe hörte und Wasser schmeckte. Verwirrt blickte sie sich um; es war noch immer - oder vielleicht auch schon wieder - dunkel. Ein starker Wind wehte, und ein paar Regentropfen entflohen dem festen Griff der Wolken. Dann sah sie den Schemen einige Meter entfernt im Unterholz stehen. Nadine sprang auf und rief:
"Wer ist da? Russel?" Doch die Gestalt schien keine Anstalten zu machen sich zu zeigen. Ob sie dachte, Nadine würde sie nicht sehen? Der Schemen war groß und kräftig, und eindeutig männlich. Doch er hatte etwas seltsames an sich, es war fast so, als könnte man durch ihn hindurch sehen.
Nadine bekam Angst. Beklemmung machte sich in ihr breit, und sie schrie noch einmal.
Dann rührte sich die Gestalt und kam auf die Frau zu. Doch Nadine bekam nur noch mehr Angst, und wich einige Schritte zurück, bis sie etwas seltsames spürte; es ging von der Gestalt aus, und ließ sich wohl am besten mit Verbundenheit beschreiben. Diese Verbundenheit ließ sie anhalten, und sie wartete bis der Schatten wenige Schritte vor ihr stand. Obwohl der Himmel übersät war, von dunklen Regenwolken, so gab es nun für diese einen Grund sich zu zerstreuen, und dem Mond - der voll erleuchtet und wunderschön am Himmel stand - Platz für sein Licht zu schaffen, das die Szene nun mit Glanz und Herrlichkeit verband. Und Nadine sah, wer dort vor ihr stand, und sie kannte ihn, obwohl sie ihn noch nie gesehen hatte. Der Mann trug einen dunkelblauen kuttenartigen Mantel, der an Ärmeln und Kragen mit goldenen Stickereien verziert war. Eine noch dunklere Kapuze hüllte einen Großteil des Gesichtes, das ohne Frage zu einem Mann mittleren Alters gehörte, ein.
Lange standen beide da und blicken sich in die Augen, bis Nadine das Schweigen brach, indem sie fragte: "Ich kenne dich. Und doch... Wer bist du?"
Als der Dunkle zu sprechen begann schien der Wind sich zu verstärken, und der Mond heller zu leuchten als Nadine es jemals zuvor gesehen hatte. Seine Stimme war tief, und dunkel wie er selbst, und wieder spürte Nadine diese Verbundenheit in sich.
"Auch ich kenne dich. Doch ich habe dich niemals vergessen. Du scheinst dich nicht mehr zu erinnern."
War er... die Stimme des Glücks?
"Ja. Ich schickte dich zurück in diese Welt, und ich hatte befürchtet, dass du wieder kommen wirst. Damit hast du dein Schicksal besiegelt."
Nadine verstand ganz und gar nicht.
"Was soll das heißen?"
Es schien, als würde die dunkle Gestalt seufzen, bevor sie begann:
"Das Volk der Xedra lebte hier über vierhundert Jahre ohne größere Probleme. Doch eines Tages kam ein Mann zu ihnen, der ihnen von Wohlstand und Glück vorschwärmte, und er schlug immer mehr Xedra in seinen Bann. Diese Welt zu verlassen und im Glück zu leben, hielten nahezu alle für sinnvoll. Schließlich kam der Tag, an dem der Fremde dieses Portal bauen ließ, und fast alle Xedra durchschritten es." Der dunkle Schemen schien noch einmal zu seufzen und fuhr schließlich fort:
"Ich schickte sie alle wieder zurück, doch überlebt hatte es fast niemand; das Originaltor in eurem heutigen Australien dient unumgänglich als Ausgang, und die Wüste, die vor Jahrhunderten sogar noch schrecklicher war als heute, machte all den zurückgeschickten Xedra den Gar aus. Doch ein starker Krieger dieses eigentlich sehr friedliebenden Volkes fand den Weg - zusammen mit einem Gelehrten, der in der Wüste lebte - zurück nach Honduras. Er erzählte den übrigen Xedra von der ganzen Sache, und seitdem wurde das Portal nur noch für die sowieso schon Toten benutzt."
"Das erklärt schon einiges, aber-"
"Warte", unterbrach sie der Wächter. "Ich habe dir den Weg gewiesen, damals, doch ich habe mich geirrt. Nur durch meinen Fehler wird dein Tod kommen."
"Mein Tod...? Was...?"
"Erinnerst du dich an das Licht, das dir den Weg zur Höhle wies? Das war ich. Doch ich erkannte meinen Fehler und schickte dich zurück. Und nun sehe ich, dass mein Fehler dich das leben kosten wird."
"Aber wieso das? Was war dein Fehler?"
Nadine verstand nicht ganz, was er da sagte. Sein Fehler?
"Als du vor einigen Monaten hierher kamst, sah ich dich bereits tot. Ich kannte dein Schicksal, und es enthielt deinen unmittelbaren Tod. Doch dieses Schicksal erfüllt sich nun nur, weil ich mich geirrt habe."
Obwohl Nadine noch immer nichts verstand, nickte sie. Sie war so müde und schwach. Sie wollte einfach nur schlafen.
"Ich möchte das nun wieder gut machen. Leider kann ich dich nicht direkt zum Portal oder in das Glück transportieren. Und in deinem Zustand ist es wirklich sehr unwahrscheinlich, dass du es noch schaffen wirst. Ich kann dir den Weg weisen, doch du musst ihn beschreiten."
"Aber wenn ich doch sowieso sterbe... heißt das also, dass die Welt nach dem normalen Tode anders aussieht, als die hinter dem Portal?"
Der Wächter schwieg.
"Ich verstehe: sollte ich es nicht schaffen nun noch das Portal zu durchschreiten, werde ich als Seele bis in alle Ewigkeit im Körper gefangen sein."
Der Dunkle schüttelte den Kopf.
"Das habe ich nicht behauptet. Vielleicht ist es auch schöner. Aber egal für welchen der beiden Wege du dich entscheidest, was du brauchst ist Hoffnung."
Nadine nickte. "Also gut, weise mir den Weg!"
Der Wächter schien gerne zu seufzen, denn er tat es schon wieder, und nur einige Sekunden später, war er verschwunden. Stattdessen leuchtete in weiter ferne ein helles weißes Licht, dem Nadine auch sofort und unter Schmerzen folgte.
Nur noch einige Meter bis zum Glück. Nadine keuchte, während sie schon fast kriechend den Eingang zum Tunnel der Xedra erreichte. Doch sie konnte nicht mehr. Sie war am Ende ihrer Kräfte, und auf dem Weg hierher hatte sie sich schon einige Male übergeben müssen. Tausend kleine Wunden, die das Unterholz hinterlassen hatte, ließen ihr Blut aus dem Körper fließen, und durch das Fieber drehte sich alles um sie herum. Mit einem letzten Kraftesakt schob sich die Halbtote, unter Schmerzen in den Tunnel. Sie rutschte ihn hinunter, bis sie mit einem Schmerzensschrei schließlich unten ankam. Nun war es endgültig vorbei. Sie konnte sich nicht mehr rühren. Nadine schloss die Augen und...
"Schnell! Da ist sie! Wie weit ist es bis zur Lichtung? Ist der Hubschrauber schon da?"
Mit einem Ruck öffnete die Augen, und sie war erstaunt, woher sie die Kraft dafür hatte. Sie sah, wie sie jemand aufheben wollte, und wie jemand anderes am Tunnel hantierte. Sie kannte die Personen! Das waren Mike und Jason! Mit einer Kraft, die in ihrer Situation völlig unglaublich war riss sie sich von Mike los, der dadurch zu Boden fiel, und weiter in den Gang hinein geschleudert wurde.
"Nadine!" Ohne zu zögern richtete Nadine sich auf und wollte schnell an Mike vorbei in die große Halle rennen, doch sie war so schwach und hatte so große Schmerzen, dass es bestenfalls ein langsames Gehen war. Als Nadine bei Mike angekommen war, war dieser schon wieder auf den Beinen und baute sich drohend vor ihr auf.
"Nadine, tu das nicht! Wir wollen dir doch nur helfen."
Nadine fiel auf die Knie und schrie:
"Ihr versteht auch gar nichts! Wenn du mich jetzt nicht durchlässt, dann werde ich sterben!"
"Aber nein! Ganz in der Nähe steht ein Hubschrauber. Du wirst wieder vollständig gesund."
Mike kam auf sie zu.
"Komm. Lass uns gehen." Er wollte ihr aufhelfen, und rechnete nicht Nadines Angriff. Noch einmal nahm sie all ihre Kraft zusammen, sprang auf und stieß Mike zu Boden. Ohne darauf zu achten, was mit ihm geschah, machte sie einen Satz nach vorne, und rannte mit lächerlicher Geschwindigkeit auf die, zum Glück schon offene, Tür zu Halle der Xedra zu. Dann drehte sie sich um, und sah, dass Mike sich offensichtlich den Kopf an der Wand gestoßen hatte und ohnmächtig da lag. Jason stand neben ihm und rief:
"Nadine! Komm zurück!"
Geschwächt sank sie wieder auf die Knie und kroch einige Schritte weiter.
"Ich könnte niemals weiterleben, nachdem ich Russel das angetan habe! Lieber sterbe ich, denn dann werde ich ihn vielleicht wiedersehen."
Nur noch ein paar Meter, bis zur Freiheit. Sie würde von allem befreit sein, von ihren Schmerzen und sogar ihrem Gewissen. Als sie noch einmal zurücksah, schloss sich gerade die Tür zur Halle, vor Jasons Nase. Er würde einige Sekunden brauchen, sie wieder zu öffnen. Und Nadine kroch weiter und weiter, und sie kam dem Portal immer näher. Plötzlich spürte sie einen schrecklichen stechenden Schmerz in ihrer Brust, und sie hielt an. Was war das? Alles drehte sich und wurde immer dunkler. Ohne die Konsequenzen zu bedenken schloss sie die Augen, und konnte sie nicht wieder öffnen. Alles wurde schwarz und ihre Gedanken erloschen, doch die Hoffnung überlebte.
Aufrecht saß Russel in seinem Krankenbett. Seine Brust war vollständig mit Verbandszeug umhüllt, und in seinen Händen hielt er ein Photo. Es zeigte Nadine mit Natalie im Arm, als diese erst drei Jahre alt gewesen war, und ihn als kleine glückliche Familie. Es war keines dieser gezwungenen Photos. Man konnte das Glück, das aus ihm strömte richtig spüren, und Russel tat das gerade. Mit einer traurigen Mine legte er das Zeugnis glücklicher Zeiten langsam und umgedreht auf den Nachttisch, während er dachte: Wenn sich jeder in eine vermeintlich schönere besser Welt flüchtet und sie dem Leben vorzieht, wie lange wird die Menschheit dann wohl noch existieren?