Kathi Serles (14)
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MANCHMAL WÜNSCHTE ICH
Manchmal wünschte ich, ich wäre eine Prinzessin.
Ich würde mit erhobenem Kopf durch die Straßen gehen,
und alle müssten sich vor mir verneigen. Manchen würde
ich gnädig zulächeln, andere würde ich mit Verachtung
strafen.
Auf die Heuchler, die mir die Füße küssen, würde
ich herablassend und spöttisch hinunterschauen.
Meine Feinde müssten vor mir niederknien und unterwürfig
um Gnade winseln.
Die "Guten" würde ich mit meinem Lächeln belohnen
und mein Volk würde mich anbeten.
Ich würde das tun, was mir gerade Spaß macht, und ich würde mich von nichts und niemandem zu etwas zwingen lassen. Niemand würde je wagen, mein Tun in Frage zu stellen oder gar zu bemängeln. Für mich gäbe es keine Grenzen, und mit meinem Lächeln könnte ich sogar die ganze Welt für mich gewinnen.
Ich hätte große, schöne Kleider und würde
in einem riesigen Märchenschloss wohnen. Und jeden Tag würde
mich mein schöner Prinz mit einem sanften Kuss aufwecken.
Ich würde in einer Welt von Verschwendung und Überfluss
leben und mich daran jeden Tag erfreuen. Aber niemand würde
mich dafür verachten.
Ich wäre etwas Besseres, etwas Besonderes.
Denn ich wäre eine Prinzessin.
Manchmal wünschte ich, ich wäre unsichtbar.
Ich würde durch die Straßen gehen, und niemand würde mich bemerken. Ich würde den armen Sichtbaren lachend zusehen, wie sie sich abmühen mit der Welt.
Ich müsste es niemandem mehr recht machen. Ich müsste mich nicht mehr nach den anderen richten, um ihnen zu gefallen. Ich wäre nicht mehr abhängig von den Menschen. Niemand könnte mich mehr auslachen oder von oben herab behandeln. Denn ich wäre unerreichbar. Ich müsste nie wieder mit Leuten reden, die ich nicht mag. Nie mehr dieses ewige Heucheln, dieser Small Talk. Ich wäre endlich allein und könnte mich nur um mich selbst kümmern.
Ich wäre frei, müsste keine Regeln befolgen. Ich würde tun, was ich will. Ich wäre nicht an das Alltägliche gebunden.
Ich wäre etwas Besseres, etwas Besonderes.
Denn ich wäre unsichtbar.
Aber in Wirklichkeit gehe ich durch die Straßen und versuche,
möglichst nicht aufzufallen. Nicht anders zu sein als alle.
Ich lächle meinen Feinden ins Gesicht und behalte meine Meinung
für mich. Ich mache mich klein, wenn jemand kommt, der besser
zu sein scheint als ich. Ich bin feig. Ich höre die Musik,
die alle hören. Ich ziehe das an, was alle tragen. Ich rede
über das, über das alle sprechen. Ich tue das, was alle
tun.
Und dann und wann fliehe ich in meine Traumwelt, wo ich eine Prinzessin
oder unsichtbar bin.