Matthias Böhm (17)

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LIEBE IST NICHT MEHR

Der Zeiger der Uhr quält sich Millimeter um Millimeter, bis er sich mit einem Knacken auf die nächste Minute bewegt. Es ist 12 Uhr 55, der Himmel erstrahlt im schönsten Blau, und man spürt den Sommer in jedem kleinsten Luftzug, als der Schulgong ertönt. Die Türen der Klassenzimmer springen auf, und Scharen von Schülern quellen aus den Räumen, bevölkern die Gänge und schieben sich in Richtung Ausgang. Zu diesem Zeitpunkt nimmt niemand Rücksicht auf den anderen. Alle wollen nur eines: raus aus diesem Haus.

Mit einem Schlag stürmen hunderte von Schülern aus dem Gebäude und breiten sich wie ein Fächer auf. Unter ihnen ist Peter. Er ist 16 Jahre alt, liebt es, weiße T-Shirts und schwarze Jeans zu tragen, und kannte bisher nur zwei Dinge in seinem Leben: die Schule und das Fußballspiel mit seinen Freunden. Er befindet sich in der Strömung, die heimwärts führt, hat aber den Vorteil auf seiner Seite, dass er mit dem Fahrrad unterwegs ist und deshalb nicht zum Bus hetzen muss.

Er öffnet das Schloss, befestigt seinen Schulranzen auf dem Gepäckträger und löst das Fahrrad aus der Klammerung, um sich dann auf sein Gefährt zu schwingen und kräftig in die Pedale zu treten.

Dieser Schub reicht normalerweise aus, um von dem kleinen schmalen Fahrradparkplatz und um über einen kleinen Fußgängerüberweg auf den Radweg in Richtung Heimat zu kommen.

Doch diesmal ist alles anders. Als er sich auf sein Rad schwingt, erblickt er sie, ein Mädchen: Braunes leuchtendes Haar umschließt ihr seidenweiches Gesicht. Ihre Haut hat einen sanften, rosig braunen Ton. Sie trägt ein rotes, eng anliegendes T-Shirt und blaue Jeans. Ihre zarten Hände umschließen die Griffe des Lenkrades und massieren sanft den Stahl. Sie schwingt ihr Bein über den Sattel und setzt sich.

Seine Gedanken kreisen nur noch um dieses eine Wesen. Er hatte noch niemals zuvor solche Gefühle des Glücks und der Verwirrung zugleich.

Peter starrt sie unentwegt an, während er den Fahrradplatz entlangrollt, in der Hoffnung nur einen kleinen Blick von ihr zu erhaschen. Doch er hat Angst! Was soll er tun, wenn sie ihn anschaut? Soll er wegsehen? Lächeln? Wird sie ihn anlächeln? Je mehr Gedanken er sich macht, desto mehr verliert er sich in endlosen "Was-wäre-wenn"-Variationen.

Da passiert es! Sie dreht ihren Kopf. Ihr Haar schwingt langsam mit, wird aber von einem leichten Windzug wieder hinter die Schultern zurückgedrängt, so dass ihr Gesicht niemals länger als eine halbe Sekunde bedeckt bleibt. Es eröffnet sich ein Bild absoluter Perfektion und Symmetrie, ausgedrückt durch ihre braunen Augen, ihre Wangen und ihren Mund. Sie ist wie eine Droge, von der man nicht mehr loskommt.

Die Blicke treffen sich.

Peter weiß in diesem Moment nicht, was er machen soll. Bis er aus einer Reflexhandlung heraus einfach nur lächelt (Sein Gesicht wird von einer simplen Verzerrung seiner Mundwinkel überzogen, mit dem Hintergedanken, einen sympathischen Eindruck bei ihr zu hinterlassen). Doch es wird nicht erwidert, aber das Mädchen wendet sich auch nicht ab.

Wieder kommen in ihm tausend Fragen auf. Es scheint fast so, als wenn sie ihm irgendetwas zurufen wolle. Er versucht ihre Lippenbewegungen zu interpretieren: Vielleicht fragt sie, warum er sie so anstarre?

Wenige Sekunden später, als Peter auf dem Fußgängerüberweg rollt, erfasst ihn der Schulbus. Durch den Aufschlag wird Peter von seinem Fahrrad geschleudert und rutscht auf dem rauhen Teer noch einige Meter weiter, ehe er mitten auf der Straße zum Stillstand kommt. Die Haut seiner rechten Gesichtshälfte ist bis auf die Wangenknochen abgeschürft. Sein rechter Arm ist nur noch eine Mischung aus losen und hängenden Fleischfetzen, und sein rechtes Bein wirkt wie herausgeschraubt. Blut rinnt über die Straße. Seine Knochen sind gebrochen.

Eigentlich müsste Peter unerträgliche Schmerzen verspüren, doch er spürt nichts mehr, er hört nichts mehr, er sieht nichts mehr, und er fühlt nichts mehr. Peter ist nicht mehr.