Marlene Kelnreiter (17)

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Das Schöne und das Bier

Es ist richtig dunkel. Gerade eben erst geworden. Dunkel schon länger eigentlich. Es ist Winter. Es wird schnell dunkel. Aber er hat trotz allem erst jetzt die Lampe angemacht. Eine Halogenlampe. Sie verbreitet kühles, weißes Licht in der einen Ecke der Wohnung. Staub wirbelt herum, nein, er wirbelt nicht, er steigt ordentlich aufwärts. Man sieht es im Strahl der Lampe. Es ist leise. Ganz leise. Seltsam leise. Kein Geticke. Er hat die Uhr gestern um acht zerschlagen. Sie liegt jetzt zerschellt auf dem Boden. Er hat die Scherben noch nicht weggeräumt. Wozu auch. Er hat es nämlich nicht mehr ausgehalten. Dieses ununterbrochene Geticke mit der ständigen Ermahnung daran, dass die Zeit voranschreitet und er dasitzt. Und er im Dasitzen das Leben hinter sich und vor ihm vorbeiziehen und etwa Schwarzes auf sich zukommen lässt. Er war jung. Trotzdem. Er ließ sich nicht gerne ermahnen.

Manchmal saß er da und dachte. Meistens aber saß er einfach nur da.

Jetzt ist es ruhig. Es fahren auch keinen Autos mehr. Nichts. Wenn es um ihn herum so ruhig ist, beginnt sein Kopf zu rauschen und zu reden. Rauschen wie die Meereswellen im Sommer und Reden wie die Menschen am Tag unten auf der Straße. Laut und einfach so.

Doch diejenigen, die schweigen, wissen, dass es nichts zu sagen gibt.

Er konnte seinen Kopf nie verstehen. Er bemühte sich auch gar nicht mehr. Er hatte mit ihm abgeschlossen. Aus.

Langsam beginnt sie zu riechen. Seltsam. Süß irgendwie.

Was hätten’s denn gern? Bitteschön? Ein Nusskipferl. Gern. Mit Zucker? Viel Zucker. Bitte sehr. Schön süß ja, Bitteschön. Macht zehn Schillinge. Bitte sehr. Dankeschön. Wiedersehen bitteschön!

Die Heizung fängt hin und wieder an zu rauschen. Aber das Rauschen in seinem Kopf übertönt es. Also ist es wirklich still.

Er hat Durst. Wasser. Ein großes Becken Ozean. Ein kleiner Teich am Herbstlaub. Ein unscheinbares Loch im Holzfass. Bier. Er will Bier. Aber zwischen ihm und dem Kühlschrank liegen all die Uhrglasscherben. Er hockt sich nieder und schiebt sie mit der bloßen Hand zur Seite. Er schneidet sich in die Finger. Bestimmt mehr als viermal. Tiefe, fleischige Schnitte. Bald wird er auch so stinken. Gut hatte er das gemacht.

Die Beleuchtung im Kühlschrank ist kaputt. Er tastet blind darin herum, wühlt sich durch alten Salat, über Wurstberge, drei Äpfel fallen heraus und rollen Richtung Uhr. Die Bauern holen im Sommer die Äpfel von den Bäumen in den Keller.

Was war das? Von ihr? Nein, alter Pudding. Er findet eine Flasche Bier. Sie ist schon offen. Trinkt.

Er möchte sie über die Glasscherben der Uhr hinwegrollen, aber sie kommt immer wieder zurück. Wie viel Zeit zwischen damals und heute wohl vergangen ist? Er vermisst die Uhr also doch. Fast.

Er zündet die Tageszeitung an. Kurz brennt sie lichterloh, dann bleibt ein Häufchen Asche am Fußboden liegen. Zwischen der zerbrochenen Uhr und dem leeren Bierglas und dem offenen Kühlschrank und ihm. Er bleibt sitzen. Mitten drin. Legt sich hin. Der Boden ist kalt. Wartet. Ein Seehund am Eis.

Hat er jetzt erreicht, was er wollte?

Er musste morgen unbedingt spazieren gehen.

Sie stinkt.

Und einkaufen.

Langsam roch sie wirklich erbärmlich. Vielleicht sollte er sie auch auf den kalten Boden herunterlegen.

Er musste morgen wieder einmal raus an die frische Luft gehen. Weg von hier.

Das Telefon läutet. Laut. Schrill. Das Klingeln durchschneidet die stehende Luft. Er schreckt auf und beginnt zu zittern.

Gerade wäre er ruhig geworden und hätte begonnen zu planen. Für die Zukunft. Das tat er sonst nie.

Wozu auch.

Und jetzt dieses idiotische Telefon. Sollte er abheben? Was für ein blöder Gedanke. Das würde auffallen. Nur nicht auffallen. Ruhig.

Es hört auf zu läuten, aber er zittert weiter. Rund um die Knie zuckt es am schlimmsten. Und um die Mundwinkel. Es sieht aus, als würde er sich nicht entscheiden können, zwischen lachen und weinen, zwischen Orangen und Zitronen.

Vielleicht ist ihm nur kalt? Schweiß tritt ihm auf seine Stirn, kommt unter seinen Achseln hervor, läuft seinen Rücken hinab. Der größte Wasserfall war aber doch in Afrika?! Oder war er ganz woanders ? Er würde ertrinken hier. Fühlt sich jämmerlich. Er wollte Bier. Aber kein Wasser.

Und dieser Geruch. Legt sich über ihn wie eine schwere Regenwolke kurz vor dem Ausbruch. Vibriert. Reibt. Kratzt. Oder liegt sie auf ihm? Wer war da?

Hilfe. Geh runter von ihm/falls du es bist! Lass ihn.

Er will jetzt nicht. Er ekelt sich. Würgt. Schluckt. Beugt sich. Krampfhaft.

Sie stinkt, verdammt noch mal, erbärmlich, verfault.

Er will das nicht.

Entschuldigung.

Wo war die Polizei? Wo Hilfe? Sein Kopf hört auf, laut zu sein, nun dröhnt die Heizung. Ein Orchester aus Pauken und Trompeten, mitten im dritten Satz, Andiagio Allegro. Ein Toben wie ein Herbststurm dringt in ihn ein, zerfetzt seine Gehirngänge, lässt sie explodieren, Funken sprühen. Und der Geruch. Ich Du Er Sie Es Wir Ihr Sie. Es war Sie. Sie. Er würde ertrinken.

Nein, er musste jetzt klar denken. Wo? Im Bauch. Logisch. Rational. Ruhig werden. Normal. Normig. Normen. Er richtet sich auf. Zitternd. Schwach. Feucht. Wie ein junger Seehund, noch nicht trockengeleckt von der Mutter.

Er will doch schon immer etwas ändern, oder? Aber

Wozu.

Trotzdem. Trotzdem kriecht er auf allen Vieren hinüber. Zerrt an ihr. Zerrt sie herunter. Sie schlägt unsanft am Boden auf. Du dicker Sack, du dicker Sack! Die Kinder würden jetzt singend im Kreis hüpfen. Mühsam schleppt er sie mit zurück. Aufs Eis.

Die Halogenlampe flackert leicht.

Der Geruch – stark bleiben. Stark bleiben. Immer brav und stark. Und schön und nett. Immer acht geben, dass die Bügelfalte in Ordnung ist.

Trinken. Er will noch schnell trinken. Bier am besten. Der Kühlschrank ist noch offen. Wühlt noch einmal darin herum. Findet noch einmal Bier. Das letzte. Verschlossen. Also schlägt er es gegen den Kasten, es zerspringt. Wie die Uhr gestern. Er trinkt aus dem übriggebliebenen Teil und schneidet sich die Lippen ordentlich blutig.

Dann legt er sich neben sie. Zündet sie – mit den gleichen Zündhölzern wie vorhin die Tageszeitung – unten an. Und oben. Dann er sich – unten die Hosenbeine, dann auf seinem Kopf, und ein Zündholz auf seinen Bauch, auf den Wollpullover. Jener brannte wunderbar.