Eva Grassl (17)

E-Mail: eva.grassl@hartl.steiermark.at

 

der verlust des körpers.

 

1. Was ist ein Körper?

 

Wir wollen uns den Körper als lebendiges, organisches und offenes System vorstellen, vor allem aber: als ein sinnliches.

Der Stillstand eines Körpers existiert nicht. Das heißt: Das, was wir als fixe Größe betrachten, was wir benennen und zu Vergleichen heranziehen, gibt es nicht. Nicht der Stillstand ist das Sein des Körpers. Alle Körper kommen und gehen, während sie da sind. Alle Körper bewegen sich also, innerlich und äußerlich. Was da ist, kommt und geht und ist nur da, indem es kommt und geht.

Der Inhalt einer Bewegung ist der Körper; und umgekehrt, der Körper ist der Inhalt einer Bewegung. Weil der Körper seinen Inhalt erneuert, wechselt er auch beständig seine Form, er öffnet und schließt sich, um sich Einflüssen preiszugeben und selbst Einfluß auf andere Körper oder Umgebungen zu nehmen: Darin liegt die Sinnlichkeit des Körpers, in seiner ständigen Vereinigung, die sich auf den Inhalt auswirkt, der wiederum eine Bewegung gebiert und so den Körper neu.

All das wird nicht vom Ansturm der äußeren Einflüsse erzwungen, sondern passiert in einem Einverständnis, das der Körper autonom vom Menschen trifft.

Das, was den Körper auszeichnet, ist also Bewegung. Die Bewegung verstärkt oder schwächt Teile des Körpers, zuerst keinem Prinzip folgend.

Zeigt sie dann aber eine Tendenz, heißt das Ziel dieser Entwicklung: Verfall. Der Inhalt entfernt sich weiter und weiter vom Ausgangszustand, bis diese einander nicht mehr betreffen oder noch Anzeichen eines Einflusses vorhanden sind. Ist der neue Inhalt stark genug, baut er sich einen eigenen Körper auf; andernfalls wird er absorbiert und in ein fremdes System eingebunden.

Für den Menschen bedeutet dies, dass er den Zeitpunkt, an dem ihm sein Körper unwiderruflich entzogen wird, falsch definiert hat. Der Tod des Körpers ist nicht Ende der Bewegung, sondern eben der Punkt, ab dem sie sich für eine bestimmte Richtung entscheidet, der Impuls für den nun beschleunigten Verlust des Körpers; die Bremse, die bis dahin angezogen war und nur ein mühseliges Vorankommen erlaubte, wird jetzt gelockert.

 

Das hatte Tamara am Anfang ihres Studiums im Buch eines Freundes gelesen. Einzelne Sätze notierte sie sich in ihr Fotoalbum, auf die letzte Seite; wenn sie sich daran erinnert, fällt ihr immer wieder ein, dass sie seitdem kein Foto mehr eingeklebt hat, die wenigen, die man von ihr gemacht hatte, waren nur für den Besitz des Fotografierenden bestimmt gewesen.

Inzwischen hat sie vergessen, wer dieser Bekannte war, der ihr das Buch geborgt hatte, wahrscheinlich studierte er damals Philosophie, und sie hatte ein paar Mal mit ihm geschlafen.

Sie hätte Lust gehabt, alles noch einmal nachzulesen, die paar Sätze, die sie sich notiert hatte, waren nicht sehr schlüssig und außerdem nur eine engere Auswahl, die ihre eigenen Gedanken bestätigten. Trotzdem hatte dieser Text etwas aus ihrem Unterbewußtsein hervorgeholt, was Tamara seitdem wie ein kostbares Fundstück im Licht betrachtete, betastete, das sie, je älter sie wurde, mehr und mehr entdeckte.

 

2. Wer ist Tamara?

 

Tamara hat den anderen also etwas voraus, besser: Sie hat etwas erkannt, etwas verfolgt und es sich zum Nutzen gemacht, dem andere kaum Beachtung zollen.

Tamara wird im Spätsommer 41 Jahre, man würde ihr Alter vielleicht richtig schätzen, wenn man darum gebeten würde, aber in dieser Vermutung würde dennoch ein leises Zögern mitschwingen. Man hat andere Vorstellungen von Frauen ihres Alters. Tamara ist schön; das ist der einzige Begriff, der wirklich passt, um ihr Aussehen zu beschreiben. Selbst wenn sie neben Julian steht, der 15 Jahre jünger ist als sie und dessen Gesichtszüge etwas bezaubernd Weibliches besitzen, hat man nur Augen für Tamara, die schön ist, schön, schlicht und ernst.

Ganz anders Tamaras Mutter, eine polnische Bäuerin, die heute bei Verwandten an der Grenze zu Österreich lebt, mit einem Gesicht und einem Körper wie aus grauem verwitterten Stein und stumpf leuchtenden Augen. So ist sie aufgewacht, als der Krieg zu Ende und sie mit Tamara schwanger war, wie aus einem mehrjährigen Schlaf aufgewacht, und ist sich der Zeit bewußt geworden, die sie im Stillstand verbracht hatte und die ihr einfach durch die Finger geronnen ist wie Sand, sie ist mitten im Altern zu sich gekommen.

Tamara hingegen hat knapp nach dem Schulabschluß, und als sie erst kurz in der Stadt war, begriffen, wahrscheinlich auch erst durch das Buch des Bekannten. Tamara ist wachsam; sie will ihre Zeit nicht aus den Augen lassen. Zeit drückt sich in der Veränderung aus. Die Veränderung ist die Manifestation der Bewegung. Was ihr Körper tut, kann sie nicht ändern, aber sie kann ihn dabei beobachten und ihn rechtzeitig ertappen, wenn er meint, ihr etwas vorenthalten zu können.

Ob Tamara das Buch zu Ende gelesen hat, weiß sie nicht mehr, denn da hat sie wahrscheinlich schon ihre Entdeckung gemacht: Ein Stillstand des Körpers selbst existiert nicht. Die Bewegung führt aber letztendlich zum langsamen Verlust des Körpers. Will sie also etwas für sich von ihrem Körper retten, muß sie den Stillstand des Körpers außerhalb dessen herbeiführen. Sie muß sich einen von der Bewegung unantastbaren Abdruck ihres Körpers konstruieren.

 

3. Troja

 

Polymorphes Begehren. Die Seelischen und anderen Altertümer Sigmund Freuds. Im österreichischen Rundfunk war vor ungefähr eineinhalb Jahren ein Beitrag mit diesem Titel übertragen worden. Eine Schriftstellerin hatte in Zusammenarbeit mit Tontechnikern einen Text Freuds auf über 20 Tonspuren aufgenommen und diese dann in einer Collage zusammengefügt: sie übereinandergelegt, ineinander übergehen oder auslaufen lassen, hervorgehoben, verflochten, abrupt abgeschnitten.

Das Ergebnis war ein akustisches Troja, die Stimme der Sprecherin verschüttete sich selbst unter Satzbrocken und Worttrümmern. Eine antike Stadt oder eine menschliche Seele.

Auch die Sprache ist ein beweglicher, offener Körper, andernfalls wäre dieser Beitrag auch nicht möglich gewesen. Die Sprache ist genauso unbeständig wie eine Stadt oder ein Seelenleben, sie ist unbeständig, weil der Mensch unbeständig ist, und diese nur durch den Menschen existieren (was also heißt: durch ihn Bewegung erhalten). Hätte man versucht, diesen gesprochenen Text wieder zurückzuführen in einen geschriebenen, wäre man schon beim Entwurf gescheitert.

Die Schrift ist keine Dokumentation der Sprache. Sie ist ihre Verstümmelung, ein System schwanzloser Abkürzungen. Die Schrift ist nicht körperlich, sie erweckt nicht einmal den Anschein: dürre Buchstabenkörper auf weißem Hintergrund. Unsere erste wichtige Feststellung zu Körpern war: Ihr Stillstand existiert nicht, sie bewegen sich, weshalb man sie auch keiner Definition unterwerfen kann, ohne sich nicht selbst zu täuschen. Die Schrift ist ein einziges Benennen und konstruieren. Die Schrift selbst bewegt sich nicht, man kann nur ihre Bestandteile miteinander kombinieren. Damit ändert sich ihr Sinn, sie bleibt aber noch immer mit sich allein. Sie lässt sich nicht von außen beeinträchtigen, nicht einmal von ihrem Träger, obwohl sie nur durch ihn existent ist. Zerreißt man das Blatt Papier, auf das man etwas geschrieben hat, verbrennt man es, ist auch die Schrift zerstört, und zwar unwiederbringlich und ohne, dass aus ihr etwas Neues entstanden wäre.

Die Schrift ist ein Konstrukt und sie ist eine Lügnerin, wenn sie die Welt der Körper benennen will. Jeder Schriftsteller ist ein Lügner; deshalb erfinden sie auch ungeniert Figuren für ihre Texte, Orte für ihre Figuren und Handlungen, um die Seiten zu füllen.

 

4. Das Kind

 

Als Tamara einmal zu Besuch bei der Schwägerin war, hatte diese sie kurz mit der kleinen Nichte allein im Zimmer gelassen, da die Schwägerin nichts im Haus gefunden hatte, womit sie Tamara bewirten konnte, und beim Kaufmann schnell etwas Milch und Gebäck holen wollte. Sie nahm den kleinen Buben mit dem verschmierten Kinn, der grinste, dass das rote Zahnfleisch, in dem seine dünnen weißen Zähnchen steckten, sichtbar wurde, auf den Arm und verließ, weiterhin laut redend, die Wohnung.

Es war so etwas wie eine Gehässigkeit der Schwägerin Tamara gegenüber, dass sie sie in den engen Räumen, in denen alle Möbel nach ausgespuckter Milch rochen, zurückließ, noch dazu mit dem kleinen Mädchen, das ungefähr im gleichen Alter war wie ihre eigene Tochter.

"Willst du weiterspielen?" fragte Tamara und zeigte auf das Brettspiel, auf dem sie, bevor Tamara gekommen war, die Spielkegel säuberlich aufgebaut und mit einer plötzlichen Bewegung wieder vom Tisch gestoßen hatte.

"Nein," sagte das Kind und streckte kokett sein Bäuchlein vor. Dann griff es sich mit einer Hand fest zwischen die Schenkel.

"Musst du auf den Topf?" fragte Tamara.

Das Mädchen nickte. Tamara fasste es unter den Achseln an und trug es ins Badezimmer. Das Kind nahm seine Hand erst weg, als Tamara es dazu aufforderte, um ihm die Hose hinunterziehen zu können.

Sie setzte das Mädchen auf die Klobrille und hielt es leicht am Oberarm fest, während Wasser in die Muschel tröpfelte. Die Beinchen baumelten ein paar Zentimeter über dem Boden hin und her.

Als das Kind fertig war, hob Tamara es herunter und kniete sich vor ihm nieder, um es wieder anzukleiden. Sie spürte die wachen Augen in ihrem Genick. Kurz bevor sie sich wieder aufrichten wollte, streckte die Nichte plötzlich die Hand aus und legte sie Tamara in den Schritt. Wieder diese spöttischen Augen, die die Reaktion in ihrem Gesicht beobachteten.

"Ich muß nicht auf die Toilette," sagte Tamara und schämte sich wegen der direkten Aufforderung.

Das stumme Kind bewegte leicht die Finger, nach oben, als wollte es sie durch den Stoff in Tamaras Körperinneres bohren.

"Das habe ich auch nicht gemeint."

Tamara schwieg nun. Das Mädchen hatte das Befehlen übernommen, war stärker als Tamara, die nun gehorchen musste. Sie ging wieder auf die Knie.

Das Mädchen öffnete unglaublich schnell und geschickt die Knöpfe der Bluse, die Hose, seine Hände drangen kalt und feucht unter den Stoff, der Tamaras warme Haut einschloß, dann der kleine Kopf und der gierige Mund, die über die Stellen herfielen, die anders waren als die des Mädchens, Tamara schloß die Augen und bewegte sich so wenig wie möglich, einmal zuckte sie zusammen, als die Finger des Kindes in ihren Mund fuhren und sich in ihren Gaumen krallten; Tamara stütze sich auf die glatten Fließen und hoffte verängstigt, dass die Schwägerin bald zurückkehrte.

 

5. Tamara und Julian

 

Julian dachte an diesen Vorfall, den ihm Tamara einmal erzählt hatte, als er zur Küste ging, die etwa einen Kilometer vom Hotel entfernt lag.

"Hat es dich erregt?" hatte er sie damals gefragt, und sie hatte heftig genickt.

"Von diesem Kind berührt zu werden, war eine intensivere Erfahrung als mit jedem Mann, mit dem ich geschlafen habe. Es hat mir in die Brust gebissen, und mit einer unbedachten Bewegung mit dem Knie fest in den Schamhügel getreten. Trotzdem war es lustvoll, oder gerade deswegen, gerade weil es total unerfahren mit einem erwachsenen Körper war, weil es nicht wußte, wie es mich berühren musste, um mir Lust zu verschaffen, es war einfach ein Aufeinanderprallen zweier Körper. Es war, als würde man vor eine schwarze Wand treten, und man hätte kein Spiegelbild vor sich, das einem wie ein Negativ den eigenen Körper gänzlich verkehrt zeigt, sondern man würde nur gerade ausschauen können und nichts sehen, und zur Seite blicken und nichts erkennen können, man könnte seinen Körper nicht mehr über ein Medium erfahren, sondern nur mehr an ihm selbst."

Die Worte Tamaras begannen, kaum dass sie die letzte Silbe gesprochen hatte, schon wieder von vorne in Julians Kopf zu laufen, er bekam dieses Karussell und das entspannte Gesicht, das Tamara gemacht hatte, während sie ihm davon erzählte, einfach nicht mehr aus den Gedanken.

Eine Möwe schrie, die Sonne schien schon am Vormittag hell, aber Julian war wütend und setzte seine Schritte immer fester auf den Kiesboden auf, ohne die anderen Spaziergänger, die ihm freundlich entgegen lächelten, zu beachten.

Er war um einiges jünger als Tamara, er war erfolgreich im Beruf und bei den Frauen, und er liebte sie, er hatte es ihr schon oft gesagt – und war ebenso oft darüber hinweggegangen, wenn sie nichts darauf erwiderte, nur schmerzlich lächelte. Sie hatte eine schwierige Ehe und Scheidung hinter sich und eine Tochter, die nicht bei ihr, sondern bei ihrem Ex-Mann und deren neuer Frau lebte, und die sie höchstens drei- bis viermal im Jahr sah; das alles aber war lang her, und er, Julian, war ihr immer beigestanden, hatte sie immer mit Respekt behandelt und nichts von ihr verlangt, was sie nicht wollte. Seit fünf Jahren waren sie zusammen; Tamara weigerte sich jedoch immer noch, ihn als ihren Lebensgefährten vorzustellen, oder mit ihm zusammenzuziehen. Von Heirat ganz zu schweigen; sie trug noch immer den Namen ihres früheren Mannes.

Versuchte er, sich ihr zu nähern, wich sie zurück. Ließ er sie, entfernte sie sich noch weiter von ihm. Die Freiheit, die er ihr geben wollte, nutzte sie, um sich eigene Welten und Geheimnisse zu schaffen, die sie dann wie eine Mauer zwischen sich und ihn auftürmte. In enger Umarmung erstickte sie fast und verfiel in Teilnahmslosigkeit.

Sie beachtete keinen anderen Mann, der um sie warb – und davon gab es nicht wenige – und manchmal, wenn sie neben ihm saß, bemerkte sie, wie sie ihn von der Seite studierte und errötete, wenn er sich schnell zu ihr drehte. Aber er war sich nicht sicher, was sie für ihn empfand. Vielleicht bewahrte sie Distanz, um nicht verletzt zu werden, vielleicht schämte sie sich aufgrund des Altersunterschiedes. Vielleicht hatte sie sich auch für ihn entschieden, weil sie sich in Sicherheit wiegen konnte, dass er nie ganz zu ihr durchzudringen vermochte.

Julian blickte hoch, in das hübsche Gesicht einer Zwanzigjährigen, die ihn interessiert beobachtete. Er schloß – im Gehen – die Augen und sah folgendes Bild vor sich: Er, in einem schäbigen Umhang und den Kopf gesenkt, auf einem Hügel, zu dessen Fuß sich eine Horde nackter Frauenkörper wanden und über ihm in einer Wolke eingebettet das abweisende Madonnenanlitz Tamaras, dem er bittend die Hände entgegenhob.

 

6. Tamaras Aufzeichnungen

 

Dies ist eine Erzählung für Tamara, die Hauptperson und die einzige rechtmäßige Adressatin. Genau genommen ist dies aber nur eine kleine Aneinanderreihung der Dinge, die Tamaras Leben betreffen. Die wirkliche, körperliche und sinnliche Tamara werden wir mit diesen entstellten Fragmenten kaum kennenlernen. Trotzdem hätte sie sich darüber gefreut.

(Ich sage "hätte", da sie vergangenen Sommer, kurz vor ihrem 41. Geburtstag, einen tödlichen Unfall erlitten hat. Noch an der Unfallstelle ist sie verblutet, ein Auto hat sie angefahren, als sie an einer Straßenecke in einer kleinen Stadt in Italien stand. Sie hielt eine Getränkeflasche aus Glas in der Hand, die beim Aufprall zerbrochen ist und sich in ihren Oberschenkel gebohrt hat. Die Passanten wollten ihr helfen, es hatte aber keinen Sinn mehr, alles umsonst. Der Unfalllenker erlitt einen Nervenzusammenbruch, er hatte sich an die Tote geklammert und konnte nur mit Gewalt bewegt werden, sie wieder loszulassen. Ich wollte ihr den Text zum Geburtstagsfest schenken.)

Der Grund, warum Julian seinen Spaziergang so wütend angetreten hat, hängt nämlich mit den Aufzeichnungen zusammen, die Tamara führt. Kurz nachdem sie also in die Stadt gezogen war, dieses Buch des Bekannten gelesen und sich darüber ihre Gedanken gemacht hatte, hatte sie einen einfachen Notizblock zur Hand genommen und ihre erste Eintragung niedergeschrieben, in ihrer kleinen, engen Schrift. Das ist inzwischen über 20 Jahre her, sie hat keinen Tag ausgelassen, inzwischen sind es zehn Kollegblöcke, die Tamara auf jeder Reise bei sich trägt. In ihrer freien Zeit setzt sie sich über die Aufzeichnungen, mit einem Stift in der Hand, und überarbeitet sie immer wieder und wieder, fügt hinzu, bessert aus, malt Zeichen an den Blattrand wie Wegweiser, Ausrufzeichen, Fragezeichen, Unterstreichungen, die Außenstehenden wie eine Codierung erscheinen mögen, für Tamara aber nichts weiter als einfache Gedächtnisstützen sind: Sie kennt die Notizen in- und auswendig, jede Anmerkung hat sie im Kopf, trägt sie mit sich.

Es gibt fast keinen weißen Fleck mehr, der durch das Buchstabengewirr durchscheint, alles ist beschrieben, angefüllt, Zeilen über Zeilen, Sätze über Sätze, die ursprünglichen Worte sind verschüttet, es ist eine eigene Stadt, die sich Tamara mit ihren Aufzeichnungen aufgebaut, eingerissen, umgestaltet hat, ein Troja, in dem nur sie leben kann. Tamara hat sich eine neue Körperlichkeit konstruiert, zu der nicht einmal Julian Zugang hat, genauso wenig, wie er je die Bindung zwischen der Nichte und Tamara nachempfinden kann, dem Kind, auf das er so eifersüchtig ist, weil Tamara, die Frau, mit ihm etwas teilte, was sie ihm nicht gab: Ihren Körper.

 

7. Was zeichnet Tamara auf?

 

Als Julian erschöpft zurückkehrte, fand er Tamara immer noch vor, wie er sie verlassen hatte. Sie lag nackt auf dem Bett und war versunken in sich selbst. Er schaute Tamara an, und Tamara schaute ins Leere. Vielleicht hatte sie nicht einmal bemerkt, dass er gegangen war.

Er stellte sich in die Ecke, von der aus er Tamara beobachten konnte, ihre Beine, die sie etwas gespreizt hatte, die Brüste, die platt auf ihrem Brustkorb lagen, ihr langes braunes Haar, das sich über das halbe Bett wandte. Sie war mitten in ihrem morgendlichen Ritual, ihre Hände tasteten jeden Zentimeter ihres Körpers ab, sie ließ nichts aus, drückte die Wangen, die Schläfen, fuhr die Venen entlang, die sich blau unter ihre glatten hellen Oberschenkel zogen, strichen über die Lider, die Ohrläppchen, pressten ihren Unterleib und glitten vorsichtig über die empfindlichen Stellen. Wenn sie fertig wäre, würde sie ruhig und immer noch so konzentriert, als wäre sie in Trance aufstehen und ein paar Zeilen in ihrem Block notieren.

Julian starrte ihr zwischen die Beine, wo sich der Körper auftat, er dachte immer noch an das Kind, dass sie ungefähr so berührt haben musste, wie es Tamara jetzt hat. Als er das zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er gedacht, sie wolle ihn damit erregen; er hatte sie ihr genähert und sie wild auf den Mund geküsst. Tamara hatte ihn weggestoßen und angesehen, als wäre er eine lüsterne Bestie. Es war ihm verboten, sie dabei zu berühren; es war ihm verboten, dies als sexuelle Handlung zu betrachten.

"Liebst du mich?" fragte er laut.

Sie antwortete nicht. Ihre Finger strichen über die Lippen und stellten jede neue Erhebung und Vertiefung, jegliche Änderung der Hautoberfläche fest.

Julian zog sein Hemd über den Kopf. Danach löste er den Gürtel und ließ die Hose nach unten rutschen.

Tamara war fertig und erhob sich vorsichtig. Sie hielt nach ihrem Block Ausschau. Ihn beachtete sie nicht, auch nicht seine bloßen Genitalien, die ihr stumpf entgegen starrten.

"Liebst du mich?" wiederholte er.

Bevor sie am Tisch angelangt war, hatte der ihre Aufzeichnungen in der Hand, stieß sie zurück aufs Bett und begann die Seiten zu zerreißen. Das strapazierte Papier zerfiel fast von selbst unter seinen Fingern.

Tamara wollte ihn davon abhalten, aber er war schneller als sie, schneller über ihr und schneller in ihr. Der ganze Boden war bedeckt mit den Fetzen, sie versuchte sich jeden in ihr Gedächtnis einzuprägen, sie schloß die Augen und begann zu memorieren, was sie in jahrelanger Arbeit ermittelt hatte, sie versuchte, jede Seite als Bild abzuspeichern, sie fragte sich, ob es schon zu spät sei, noch einmal anzufangen.