Marina Martinez Mateo (14)

E-Mail: NLalidis@t-online.de

 

ABSCHIED

8.5.

An meine Mutter:

Wenn du das hier liest, bin ich wahrscheinlich nicht mehr da. Wenn du diesen Brief in deinen zitternden Händen hältst, deine vor Tränen nassen Augen auf diese Zeilen richtest, werde ich hoch oben im Himmel schweben. Ich werde dort sein, wo es keine Wolken mehr gibt und die Sonne immer scheint. Dort werde ich einen schönen Platz haben, wo niemand Schlechter ist, der mir irgendein Leid zufügen kann. Von diesem Ort aus werde ich auf dich hinuntersehen, auf deine weinende Gestalt, die sich voller Verzweiflung die Hände vor das Gesicht schlägt und es gar nicht wahrhaben will. Vielleicht werde ich dann den Sprung bereuen. Vielleicht aber auch nicht, denn auch wenn mein Tod für dich unerträglich ist; mein Leben ist für mich noch unerträglicher, und ich bin mir sicher, Letzteres ist schlimmer.

Es tut mir trotzdem leid. Glaube mir, es war keine einfache Entscheidung. Nicht meinetwegen fiel sie mir schwer, nein, wenn es mir um mein Wohl gegangen wäre, hätte ich mich schon viel früher in diese andere Welt gestürzt, es ging mir um dich. Ich weiß, du liebst mich, und ich weiß, es wird hart für dich, deswegen habe ich solange gezögert. Vielleicht ist es egoistisch, so zu handeln, vielleicht hätte es noch einen anderen Ausweg gegeben. Ich weiß es nicht. Aber ich kann einfach nicht anders. Verzeihe mir.

Warum? Fragst du jetzt. Warum nur so eine grausame Tat? Ich will es dir erzählen. Ich weiß nicht, ob du es verstehen wirst, aber ich will es dir trotzdem erzählen. Es ist eine lange Geschichte, ich kann mich gar nicht erinnern, wann sie genau begann. Ich will sie Stück für Stück niederschreiben, will versuchen, meine Gedanken zu ordnen und sie in Worte zu fassen. Vielleicht gelingt es mir.

 

Es begann an einem ganz normalen Tag. Ich saß in der Bahn und las ein Buch. Als ich erst einige Haltestellen gefahren war, merkte ich, wie jemand sich neben mich setzte. Ich sah von meiner Lektüre auf und betrachtete mit Entsetzen die Person neben mir. Es war ein Mann. Groß und breit war er, mit einem buschigen, braunen Bart. Er mochte so um die vierzig sein. Man hätte seine kleinen Augen, die fast unter den dichten Augenbrauen verschwanden, übersehen können, wenn der Blick in ihnen nicht so voller Gier und Hass gewesen wäre. Wenn er jemanden mit diesem Blick ansah, stachen die Augen so heraus, dass man meinte, er wolle einen verschlingen. So schrecklich, wie dieser Blick auch war, er hätte nicht solchen Eindruck in mir hinterlassen, wenn die Erscheinung dieses Mannes nicht einen alten Alptraum, den ich als kleines Mädchen oft hatte, in meiner Erinnerung wachgerufen hätte:

Ich ging nachts alleine durch eine dunkle Gasse. Ich war nackt, aber ich schämte mich nicht. Ich hatte auch keine Angst. Ich fühlte nichts, war wie betäubt. Ich hörte ganz leises Gemurmel um mich herum, konnte aber niemanden entdecken, so oft ich mich auch umsah. Plötzlich entdeckte ich in einer dunklen Ecke zwei Augen, die in der Dunkelheit wie grelles Licht leuchteten. Sie starrten mich mit eben dem Blick an, den ich bei dem Mann in der Bahn wieder entdeckt zu haben glaubte. Ich ängstigte mich immer noch nicht und näherte mich dem Augenpaar.

"Wer bist du?" fragte ich, erhielt aber keine Antwort. Also fragte ich noch einmal. Ich bekam wieder keine Antwort, aber der Hass, der sich in dem Blick jener Augen spiegelte, wandelte sich zu Spott. Als ich ein drittes Mal fragte, wurde das Gemurmel, das ich vorher schon gehört hatte, langsam lauter, und nach kurzer Zeit konnte ich verstehen, was sie sagten: Sie riefen meinen Namen.

Es klang, als ob Hunderte von Menschen meinen Namen nannten. Sie schrien immer mehr, bis ihre Schreie so laut von den Wänden der Häuser dröhnten, dass sie meine Ohren betäubten. Mit einem Mal bekam ich Angst. Und zwar so heftige, dass ich zu zittern begann und meine Knie mich nicht mehr halten konnten. Kalter Schweiß formte sich auf meiner Stirn. Ich wollte mir die Ohren zuhalten, um das schreckliche Geschrei nicht mehr hören zu müssen, aber meine Glieder waren wie erstarrt, und es war mir unmöglich, meine Hände bis zu meinen Ohren zu heben. Ich sah noch ein letztes Mal in das scheußliche Augenpaar, das über meine plötzliche Panik zu lachen schien, und wachte schließlich schweißgebadet auf.

Diesen Traum rief also der Blick des Mannes in der Bahn in meiner Erinnerung wach. Ein schwer zu erklärendes Gefühl kam in mir auf. Es war eine Art Ekel, den ich plötzlich für den Mann neben mir empfand. Ich konnte es nicht begründen, ich schämte mich selber dafür, dass ich diesen Traum nicht vergessen konnte, aber ich konnte nichts gegen die Angst tun, die immer stärker in mir wurde und schließlich, als das Gefühl der Panik endete, das ich während dem Ende meines Traumes empfand. Ich wollte schreien, konnte mich aber gerade noch beherrschen und den Ausruf hinunterschlucken. Ich konnte es nicht ertragen, weiter neben dem Mann sitzen zu bleiben, und stieg zwei Haltestellen früher aus, als ich vorhatte. Als die Bahn an mir vorbei weiterfuhr, atmete ich erleichtert auf, und kaum war sie nicht mehr zu sehen, lachte ich schon darüber, dass ich so nachtragend war und nie etwas vergessen konnte.

Im Laufe des Tages vergaß ich den Vorfall in der Bahn und widmete mich meinen täglichen Aufgaben. Erst am Abend, als ich im Bett lag, der Vollmond durch das Fenster in mein Zimmer leuchtete und die Möbel weiß und unheimlich schimmern ließ, da erinnerte ich mich wieder an den Traum, und ein kalter Schauer lief mir den Rücken herunter. Ich fühlte mich unwohl in meinem Bett, begann zu schwitzen, obwohl mir kalt war. Ich wälzte mich nervös hin und her und konnte keine Ruhe finden, geschweige denn Schlaf. Schließlich stand ich auf, ging ins Bad und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht.

Als ich mich wieder in mein Bett legte, war ich nicht mehr so nervös und konnte ruhig liegen bleiben, bis ich eine Weile später endlich merkte, wie meine Augen sich schlossen, und ich langsam in eine Traumwelt fiel. Doch nicht ein süßer Traum war es, der mich die Nacht über begleitete, nein, es war der Alptraum aus meiner Kindheit, der sich in jener Nacht wiederholte. Und es war nicht das einzige Mal, dass dieser Traum wiederkam. Er verfolgte mich die nächsten drei Nächte lang und raubte mir den Schlaf.

Als ich am Morgen nach der dritten Nacht aufwachte und in den Spiegel schaute, erkannte ich, dass man mir die schlaflosen Nächte ansah. Tiefe schwarze Ringe umrandeten meine Augen, in deren Blick man sehen konnte, welch Schreckensbilder ich mit ihnen erblickt hatte. Sei es auch nur mit meinem inneren Auge gewesen. Mein Körper erschien mir schmutzig und ungepflegt, weil ich in den letzten Tagen keinen Gedanken gehabt hatte, der nicht mit dem Traum und dem Mann in der Bahn zusammenhängen würde. Ich fühlte mich müde, und doch sah ich mit Angst der nächsten Nacht entgegen. Ich schämte mich für mich, weil ich einen Traum so ernst nahm, aber ich konnte nichts dagegen tun, dass ich immerzu daran denken musste. Ich konnte und wollte mich niemandem anvertrauen, da ich genau wusste, dass niemand mich ernst nehmen würde. Du auch nicht. "Es ist doch nur ein Traum." hättest du gesagt "Denke nicht mehr daran." Und ich hätte geschwiegen und gedacht: Was würde ich nicht lieber tun, als nicht daran zu denken. Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine Sorgen für mich zu behalten und weiter schlaflose Nächte zu verbringen.

Mit diesem Gedanken machte ich mich an jenem Tag auf den Weg in die Schule. Ich fuhr mit der Bahn. Doch diesmal hatte ich nicht die Ruhe, ein Buch zu lesen. Ich blickte mich dauernd nervös um, weil ich befürchtete, den Mann wieder zu sehen. Doch er erschien nicht. Erst als ich ausgestiegen war und die Bahn an mir vorbeifuhr, sah ich ihn, wie er am Fenster saß und mit seinem hasserfüllten Blick ins Leere schaute. Er grinste ironisch. Ich wusste nicht, ob er mich angrinste. Jetzt weiß ich es. Diese unbegründbare Angst, die in der letzten Zeit so oft in mir aufgekommen war, erschien wieder in meinem Herzen und breitete sich mit so einer unglaublichen Geschwindigkeit über meinem ganzen Körper aus, dass sie mich im nächsten Moment ganz eingefangen hatte. Ich hörte, wie ein leiser unterdrückter Schrei über meine Lippen glitt, und als ich sah, dass alle Menschen in meiner Nähe mich darauf erschrocken anblickten, rannte ich, so schnell ich konnte, ohne bestimmtes Ziel los.

Einige Minuten später wich die Angst wieder von mir, und meine Vernunft kam zurück. Ich blieb stehen und sah mich um. Wo war ich hingelaufen? Ich musste erst einige Sekunden nachdenken, bevor ich den Spielplatz wiedererkannte, auf dem ich mich befand. Es war der Spielplatz, wo wir früher immer zusammen hingegangen waren. Erinnerst du dich noch? Ich ging damals noch in die Grundschule, und immer, wenn du mich abholtest, blieben wir noch ein bisschen dort und schaukelten. Warum war ich gerade dorthin gelaufen? Ich wusste es nicht. Dieser Platz erweckte so schöne Kindheitserinnerungen in mir. Es waren so friedliche Zeiten, die ich mit diesem Ort verband. Mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen setzte ich mich auf die rostige Schaukel und stieß mich mit den Füßen vom Boden ab. Der kühle Wind wehte mir ins Gesicht und ich verspürte so viel Glück und Frieden, dass mir ganz wohl ums Herz wurde. Ich vergaß für einen Moment vollkommen die Zeit, die Schule und sogar den Mann in der Bahn. Ich weiß nicht, wieviel Zeit ich dort verbrachte. Ich war wie in einer anderen Welt. Ich war mit meinem Geist dort, wo ich sein werde, wenn du das hier liest. Ja, ich war im Paradies. Ich schwebte in den Wolken, die Sonne erleuchtete meinen Körper und der Wind wehte mir mit seiner angenehmen Frische die Haare vom Gesicht. Es war das schönste Gefühl, das ich je hatte und ab dem Augenblick verfolgte mich die Lust, es für immer zu verspüren.

Als ich zurück auf die düstere menschliche Welt kam, dämmerte es schon. Und plötzlich wurde mir klar, was ich getan hatte. Ich hatte die Schule geschwänzt und den ganzen Tag alleine auf einer Schaukel verbracht. Es war sieben Uhr. Ein schrecklich schlechtes Gewissen kam in mir auf. Ich wollte nicht nach Hause gehen, aus Angst vor deiner Reaktion, aber dann war ich doch noch vernünftig genug, es zu tun. Alles weitere weißt du ja, aber ich hoffe, dass du jetzt mein damaliges Handeln verstehst.

In dieser Nacht blieben die Alpträume aus. Ich schlief, was ich schon lange nicht mehr erlebt hatte, am Stück und wachte am nächsten Morgen mit so einer Motivation und Sicherheit auf, dass ich mich selber wunderte. Die ganzen Ängste und Bedenken, die ich in den Tagen zuvor immer öfter gehabt hatte, schienen mir plötzlich ganz unbegründet und übertrieben. Mit einer Ruhe, die tief aus meiner Seele kam und mich leise pfeifen ließ, machte ich mich auf den Weg zur Schule. Auch in der Bahn geschah nichts, was mich aus dieser Ruhe hätte bringen können. Vielleicht war der Mann da, aber ich wollte nicht meine Augen vom Boden heben und mich umsehen.

Das nächste erschreckende Ereignis geschah in der Schule. Es war während der Pause. Ich ging gerade zum Getränkeautomaten, um mir eine Coca-Cola zu holen, als ich ihn dort stehen sah. Er, der Mann, der mir die Nächte raubte, der mich zu verschlingen drohte, der mich zum Sprung aus dem Leben treibt, stand kaum fünf Meter von mir entfernt an eine Wand gelehnt und starrte mit seinem hasserfüllten Blick in die Leere. Ich schluckte. Ich wusste nicht, ob ich schreiend weglaufen oder mich meiner Furcht widersetzen und, auf ihn zugehend, das tun sollte, was ich schon vorher tun wollte. Ich entschloss mich für die zweite Option, was mich zwar heftige Überwindung kostete, aber, so dachte ich jedenfalls, die einzige Möglichkeit war, meine Angst irgendwann loszuwerden.

Also näherte ich mich langsamen Schrittes dem Automaten und steckte die Münze hinein, ohne meinen Blick auch nur einen Moment davon abzuwenden. Alles war still. Der Mann und ich befanden uns alleine auf dem Schulflur. Er konnte mit mir tun, was er wollte, und in Ruhe fliehen, ohne von jemandem entdeckt zu werden. Das wurde mir erst jetzt bewusst, und plötzlich begann ich zu schwitzen und zu zittern. Ich war kurz davor, wegzulaufen und Geld und Getränk im Automaten zu lassen. Die ganze Angst, die ich den Tag über unterdrückt hatte, kam jetzt mit einem Mal hoch. Ich konnte nicht mehr klar denken und fühlen, aber ich musste wohl einige Zeit dort stehengeblieben sein, ohne etwas von meiner Umwelt mitzukriegen, denn plötzlich hörte ich eine Stimme sagen: "Entschuldigung, dürfte ich auch mal an den Automaten?"

Ruckartig drehte ich mich um und sah geradewegs in die leuchtenden Augen mit dem grausamen Blick. Einige Sekunden blieb ich in Panik stehen und starrte ihn an, der so nah an mir stand, dass er mich hätte berühren können. Der Hass in seinen Augen wandelte sich zu Spott, genau wie in meinem Traum und ein grausames Grinsen glitt über sein Gesicht. In diesem Moment konnte ich mich nicht mehr halten. Ich dachte an nichts mehr. Ich vergaß, dass ich mich mitten in der Schule befand, dass ich noch eine Cola-Flasche im Automaten hatte, für die ich gerade mein gesamtes Taschengeld ausgegeben hatte, und dass meine Klasse auf mich wartete.

Ohne mich umzusehen rannte ich los. Ich ließ den Mann hinter mir zurück, ohne überhaupt zu sehen, wie er darauf reagierte. Ohne auf irgendetwas um mich herum zu achten, lief ich aus der Schule, und ohne es selber richtig zu merken, rannte ich wieder zu dem Spielplatz. Ich wollte den Gedanken an ihn wegdrängen, so tun, als wäre er nie dagewesen. Aber er war da. Bei jedem Schritt, den ich tat, verfolgte er mich. Zu jedem Gedanken, den ich hatte, mischte er sich dazu. Obwohl ich versuchte, mir auszureden, wie sehr mich dieser Mann in einen Bann gezogen hatte, merke ich jetzt, dass ich ihn von Anfang an nicht vergessen konnte. Nach und nach fraß er meine Gedanken auf. Erst als ich auf dem Spielplatz war, fühlte ich wieder ein angenehmes Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, das mich alles vergessen ließ. Zum Glück konnte ich mich diesmal bremsen und blieb nur solange an diesem magischen Ort, bis die Schule auch zuende war, so dass du nichts davon mitbekommen konntest. Was ich während der Zeit auf dem Spielplatz tat, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich mich sehr wohl fühlte. Und dass ich diesmal auf der menschlichen Welt blieb. Ich fand keinen Zugang zu der anderen.

Die ganze nächste Woche ging ich nicht mehr zur Schule. Ich traute mich nicht mehr. Immer, wenn ich morgens aufwachte und dachte, heute schaffe ich es, mich zu überwinden, packte mich spätestens in der Bahn die Panik und ich konnte nicht anders, als zu dem einzigen Ort zu gehen, wo ich mich sicher fühlte, dem alten, verlassenen Spielplatz. Vielleicht hätte ich dir etwas von diesen Problemen erzählen sollen. Vielleicht, aber ich wagte es nicht. Ich fürchtete, du würdest mich nicht verstehen, ich war mir sicher, du würdest mich zwingen, wieder zur Schule zu gehen, und das wollte ich unter keinen Umständen. Die ganze Woche verbrachte ich auf einer rostigen, alten Schaukel. Ich weiß nicht, warum dies der einzige Ort war, an dem ich meinen Kopf von dem schrecklichen Mann befreien konnte. Ich habe nur eine Vermutung: Ich glaube, es ist ein magischer Ort, zu dem böse Geister keinen Zugang haben, denn ich bin mir sicher, der Mann ist ein böser Geist. Wie sonst hätte er mich in meinen Träumen, in meinen Gedanken und in der Realität beherrschen können?

Am Freitag dieser Woche geschah etwas, das mir die letzte Hoffnung nahm. Ich war wie immer auf dem Spielplatz. Ich dachte an nichts. Ich spürte die Sonne auf meinem Körper und fühlte mich wohl und ruhig. Da verdunkelte ein Schatten die Sonne, und eine eisige Kälte bildete sich in meinem Innern und weitete sich mit rasender Geschwindigkeit in meinem ganzen Körper aus. Erschrocken sah ich auf, um zu erkennen, was den Schatten gebildet hatte. Und da war er wieder. Der schreckliche Mann mit seinem hämischen Grinsen. Ich starrte ihn bewegungslos an, während sich kalte Schweißperlen auf meiner Stirn bildeten. Ich starrte auf seinen breiten Körper, auf seine muskulösen Arme, auf seinen buschigen Bart. Nur den Blick in seine Augen mied ich. Ich hatte mir vorgenommen, mich diesmal nicht einschüchtern zu lassen. Ich wollte ihm, seinem Blick und seinem Grinsen trotzen und starrte ihn einfach an. Auch er rührte sich nicht. Er grinste nur. Es war wie ein stiller Kampf, in dem es darum ging, wer am Längsten durchhielt. Und ich war entschlossen, zu gewinnen.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort standen, aber ich merkte schon, dass meine Beine mich nicht mehr lange halten würden, als er endlich das qualvolle Schweigen mit einem lauten höhnenden Lachen brach. Ich zuckte kurz erschrocken zusammen, konnte mich aber sofort wieder beherrschen und senkte meinen Blick nicht.

"Was starrst du mich so an?" rief er laut.

Ich antwortete nicht. Dafür reichte mein Mut nicht. "Das weißt du doch ganz genau." Dachte ich, blieb aber still.

"Kannst du nicht antworten?" fragte er im gleichen Tonfall.

Ich schwieg weiterhin und versuchte, ruhig zu bleiben, obwohl meine Angst immer stärker wurde und ich wusste, dass ich nicht mehr lange durchhalten würde. "Wenn du noch etwas sagst" dachte ich "dann halte ich das nicht mehr aus. Dann sterbe ich."

Der Mann schüttelte den Kopf und drehte sich um, als wolle er gehen. Als er sich ein wenig entfernt hatte, fasste ich genug Mut, um leise vor mich hin zu murmeln: "Bitte... Verschwinde aus meinem Leben." Ich weiß nicht, was ich mir davon erhoffte, dies zu sagen. Denn obwohl ich mir auf keinen Fall wünschte, er würde mich hören, wollte ich doch, dass er tat, was ich sagte.

"WAS!?" Er drehte sich ruckartig zu mir, als er das fragte. Ich sagte nichts mehr. Erst als er sich mit großen Schritten mir näherte und immer wieder mit seiner schrecklich dröhnenden Stimme rief: "Was hast du gesagt? Was?" wich ich mit immer schnelleren Schritten nach hinten aus, bis ich schließlich begann, so schnell, wie ich konnte, zu laufen. Ich drehte mich noch einmal zu ihm um und sah, dass er mir nicht folgte. Darauf fiel mir zwar ein Stein vom Herzen, ich blieb aber trotzdem nicht stehen. Ich wusste nicht, wohin. Nach Hause traute ich mich nicht, ich war schließlich in der Schulzeit, und ich hätte dir nicht erklären können, warum ich das alles tat. Ich wusste es ja selber nicht. Aber auf der Straße fühlte ich mich nicht sicher. Ich konnte nicht aufhören zu laufen, bis ich mich nicht in Sicherheit fühlte. Nur, wo fühlte ich mich so? Ich merkte, dass es keinen Ort außer zu Hause gab, wo ich mich nicht von ihm beobachtet fühlen würde. Also lief ich weiter. Pausenlos. Bis ich nach Hause konnte.

Als ich die Haustür hinter mir zugemacht hatte, fühlte ich mich plötzlich so ruhig und erleichtert, dass ich mich selber über mich wunderte. Was gab mir diese plötzliche Sicherheit? Dass ich eine Tür hinter mich zugemacht hatte? Ich glaubte doch, und glaube es jetzt noch, er wäre ein Geist. Können Geister denn nicht auch durch Wände gehen? Während ich mir all diese Fragen stellte, verschwand nach und nach meine innere Ruhe, und als ich plötzlich laute Schritte hörte, war meine Angst fast wieder so groß, wie sie es auf der Straße gewesen war. Ich merkte, dass dieser schreckliche Mann mir immer mehr von meinem Leben nahm. Vorher hatte ich ja noch den Spielplatz gehabt, um mich dorthin zurückzuziehen, doch jetzt blieb mir nicht nur das nicht mehr, nicht einmal zu Hause fühlte ich mich jetzt noch wohl. Ich zitterte. Ich fühlte mich so machtlos. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mit einem Mal wurde mir ganz kalt und heiß.

Ich legte mich ins Bett, schloss die Augen und versuchte, die Schritte, die immer lauter wurden, zu überhören. Doch es ging nicht. Sie waren viel zu laut. Wie Hammerschläge neben meinem Ohr klangen sie. Ich hielt es nicht mehr aus und konnte einen Schrei aus vollem Halse nicht unterdrücken. Du weißt sicherlich noch, wie du in mein Zimmer gestürzt kamst und versuchtest, mich zu beruhigen, indem du mit deinen zarten Händen meine schweißnasse Stirn streicheltest. Dass du einen Arzt holtest, fand ich im ersten Moment übertrieben. Ehrlich gesagt, machte mir der Gedanke Angst, er könne irgendeine psychische Schwäche in mir entdecken. Doch als ein freundlicher, gutaussehender Mann in mein Zimmer kam und sagte, ich hätte hohes Fieber und würde phantasieren, war ich froh, dass du ihn geholt hattest, denn das gab mir noch einen leichten Hoffnungsschimmer, dass meine ganzen Ängste und die Schritte, die ich gehört hatte, auf das hohe Fieber zurückzuführen waren. Ich hatte mich etwas beruhigt, doch in meinem Innern lebte die unbegründbare Angst weiter.

In den nächsten Tagen, in denen ich mich nicht aus dem Bett bewegen durfte, konnte ich mich nicht wirklich auskurieren, denn kaum hatte ich meine Augen geschlossen, erschien mir der Mann, mit seinem schrecklichen Gesicht und seinem ängstigenden Blick. So versuchte ich Tag und Nacht, meine Augen aufzuhalten. Deswegen ging es mir immer schlechter. Ich schlief nicht und redete nicht. Immer mehr verzog ich mich in meine eigene Welt und versperrte jedem Anderen den Zugang zu ihr. Jetzt weiß ich, dass das ein Fehler war, doch jetzt gibt es kein Zurück. Ich merkte, wie besorgt du warst. Das muss gesagt sein. Denke nicht, dass es mir ganz egal war, aber ich konnte nicht anders. Ich hörte oft die Schritte. Manchmal leise, doch manchmal sogar noch lauter als beim ersten Mal. Dann wälzte ich mich unruhig im Bett herum und versuchte, oft vergeblich, einen Schrei zu unterdrücken.

Eines Abends schlief ich schließlich doch ein und träumte einen Traum, der zwar schrecklich war, aber doch irgendwie wunderschön:

Es war ein heller, sonniger Tag. Der Himmel war wolkenlos. Ich schlenderte durch den Wald, mit einer Ruhe, die ich nur im Traum verspürte. Ich summte leise ein altes Kinderlied vor mich hin. Überall waren Tiere. Vögel, Hasen, Eichhörnchen. Ich näherte mich langsam einem Vogel, der auf einem kleinen Baum saß, und wollte ihn auf die Hand nehmen, als plötzlich hinter dem Baum der schreckliche Mann hervorkam und sein höhnendes Lachen lachte. Ich drehte mich erschrocken von ihm weg und wollte fortlaufen, doch plötzlich hatten sich alle Tiere in den lachenden Mann verwandelt, und sie kamen immer näher. Ich nahm meinen Mut zusammen und drängte mich zwischen ihnen durch. Sie lachten weiter und verfolgten mich, während ich, so schnell ich konnte, durch den Wald lief. Ich versuchte, an nichts zu denken, mich nur auf das Laufen zu konzentrieren und vor allem nicht nach hinten zu sehen. Der Wald wurde immer dunkler und unheimlicher, immer seltsamere Geräusche ertönten in meinen Ohren. Ich fühlte mich verloren, verzweifelt, voller Angst. Die Geräusche um mich herum wurden immer lauter und ich fühlte, dass ich kurz davor war, zusammenzubrechen, als ich mich plötzlich vor einem riesigen Abhang befand.

Ohne zu überlegen und ohne die geringste Angst davor zu empfinden, stürzte ich mich kopfüber in die Tiefe. Bilder rauschten mit unglaublicher Geschwindigkeit an mir vorbei und eine kühle Luft wehte mir entgegen. Es war ganz still und ruhig. Irgendwie schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Ich fühlte mich wohl und ließ ein glückliches Lächeln über meine vom Wind ausgetrockneten Lippen gleiten.

In diesem Glücksmoment wachte ich auf. Ich lag im Bett, und verschiedene Gefühle durchströmten mich. Irgendwie hatte ich Angst, weil mir wieder klar wurde, wie sehr mich der Mann beherrschte, doch gleichzeitig zeigte mir der Traum, dass es doch noch einen Hoffnungsschimmer gab, und ein neuer Gedanke bildete sich in mir... Du weißt wohl, was dieser Gedanke war. Zuerst zweifelte ich. Sollte ich das wirklich tun? Konnte ich dir das antun? Solche Fragen stellte ich mir immer wieder, doch schon bald merkte ich, dass der Traum eine klare Botschaft war, die mir sagen wollte, dass es keinen anderen Ausweg gab. Trotzdem versuchte ich, diesen Gedanken zu verdrängen und redete mir ein, der Mann würde mit der Zeit von alleine aus meinem Leben verschwinden. Doch ohne, dass ich es wollte, nahm der Gedanke in meinem Unterbewusstsein langsam Form an, und aus einem Gedanken wurde ein Plan, den ich jedoch nicht auszuführen wagte.

Erst als, einige qualvolle Tage später, gestern, etwas geschah, das mir die letzte Hoffnung darauf nahm, irgendwann aus diesem Alptraum aufzuwachen, stand mein Entschluss fest: Ich wollte nicht mehr weiterleben. Nicht unter diesen Umständen. Ich denke, hätte ich diesen seltsamen Traum, den ich gerade erzählte, nicht gehabt, so hätte ich es nicht getan, denn dann hätte ich nicht gewusst, ob der schreckliche Geist, der mich in Form des Mannes verfolgte, mich auch nach dem Tod weiter quälen würde, doch ich bezweifle nicht, dass der Traum eine Botschaft von guten Geistern war, die mir zeigen wollten, dass es doch einen Ausweg gibt. Doch als erstes will ich dir von dem nächsten grausamen Geschehen berichten.

Ich lag abends im Bett. Tiefe Dunkelheit herrschte. Unruhig wälzte ich mich hin und her und versuchte, wach zu bleiben. Ich hatte mir inzwischen schon einige Tricks ausgedacht, zum Beispiel, die Tür aufzulassen, damit immer wieder kalte Luftströmungen kamen, oder das Radio laufen zu lassen. Doch nach den vielen Nächten, die ich durchgemacht hatte, half auch das nicht mehr. Ich erinnere mich nicht mehr genau, ob ich noch halb wach oder schon fest am Schlafen war, aber das ist ganz egal, denn Geister kennen darin keinen Unterschied. Plötzlich hörte ich eine zwar vertraute, aber doch grausige Stimme, die leise flüsterte. Ich riss erschrocken die Augen auf, sah aber niemanden. Doch die Stimme flüsterte weiter. Ich verstand nicht, was sie sagte, erkannte aber sofort die Stimme des Mannes wieder.

In dem Moment wurde mir klar, dass ich das alles nicht mehr durchmachen wollte, und da ich mir deshalb auch sicher war, dass er mir bald nichts mehr antun könnte, fasste ich auch Mut. "Was willst du noch?" schrie ich "Du hast mir schon genügend Leid zugetan! Was erwartest du noch von mir?" Das Geflüstere wurde allmählich lauter und da verstand ich, was er sagte: "Komm mit mir..." flüsterte er "Komm her, damit ich dich umarmen kann und deinen zarten Körper streicheln..." Auf meinem Rücken bildete sich eine Gänsehaut, als ich merkte, wie etwas mich dort berührte. Ich wollte schreien, doch der Schrei erstickte in meiner Kehle. Ich konnte mich nicht bewegen, lag einfach nur still da und ließ alles über mich ergehen. Seine Berührungen, mal zärrtlich, mal brutal waren wie Schläge auf meinem Körper. Überall, wo er mich anfasste, verspürte ich einen scharfen Messerstich. Und doch sah ich ihn nicht.

Als er fertig mit mir war, ging das Fenster auf, und er war verschwunden. Ich lag nur da und weinte. Mein ganzer Körper schmerzte, und ich zitterte. Meine Glieder waren wie erstarrt, ich hatte keine Kraft, um mich zu bewegen. Erst ein paar Minuten später hatte ich mich soweit erholt, dass ich mit einer langsamen Bewegung meinen kalten Arm zum Nachttischlämpchen ausstrecken und das Licht anmachen konnte. Ohne, dass ich groß überlegen musste, wusste ich sofort, was zu tun war. Jetzt war es soweit, den Plan, der sich in meinem Unterbewusstsein entwickelt hatte, zu verwirklichen. Ich stand auf und holte einige Blätter aus meinem Schreibtisch. Dann begann ich, diesen Brief zu schreiben. Gleich, wenn ich fertig bin, werde ich mich aus dem Haus schleichen. Ich werde durch die dunklen Straßen gehen und keine Angst haben. Wovor auch? Die Erlösung steht bevor, was soll da noch Schlimmes passieren?

Wische dir die Tränen aus dem Gesicht. Höre auf zu weinen. Dein Leben geht doch weiter. Genau wie meines. Nur in einer anderen, viel schöneren Welt. Und in ein paar Jahren werden wir uns dort wiedersehen. Glaube nicht, dass du mich brauchst. Ich weiß, du tust es nicht. Jetzt wirst du die anderen Seiten des Lebens entdecken. Kannst nachts weggehen und vielleicht etwas mit einem Mann anfangen. Denke daran, es gibt keinen Grund zu trauern, denn für mich ist jetzt alles viel schöner. Bitte, sei glücklich. Ich weiß, es ist schwer, doch tue es mir zuliebe. Schaue in den Himmel und schenke mir dein liebes Lächeln, das mir so vertraut ist, und das ich so mag.

Ich werde dich vermissen, Mama. Ich liebe dich.

Eva

 

Tagebucheintrag von Evas Mutter

19.5.

Ich kann es nicht glauben. Ich fasse es nicht. Wie kann das wahr sein? Ich kann nicht aufhören zu weinen. Warum ich? Warum sie? Ich hätte etwas merken sollen, etwas unternehmen. Oh, Gott! Wie konnte ich das zulassen? In den Tagen, in denen sie immer so abwesend war, so unglücklich, da hätte ich mich zu ihr setzen sollen. Sie umarmen, küssen, sie auffordern, mir ihr Problem zu erzählen. Ich glaube, ich habe sie viel zu selten umarmt, ich hatte zu wenig Zeit für sie.

Vielleicht war es auch der Tod ihres Vaters, vielleicht hat sie das so verletzt. Aber es ist doch schon so lange her... Warum hat sie mir nichts erzählt? Warum hat sie mir nicht ihre Sorgen anvertraut? War ich so selten mit ihr, dass sie so wenig Vertrauen zu mir hatte?

Meine Tochter psychisch krank! Wieso nur? Doch was war wahr und was Einbildung? War vielleicht der erste Teil ihres Briefes so, wie es sich wirklich zugetragen hat? Oder war sie von Anfang an krank gewesen?

Ach, mein Mädchen, meine Kleine! Wie oft habe ich dir sagen wollen, wie sehr ich dich liebe, und habe es doch nicht getan. Und jetzt... Es tut mir so Leid, dass ich dich im Stich gelassen habe, es tut mir so sehr Leid. Und ich weiß nicht einmal, wieso ich so zu dir war. Vielleicht habe ich dich im Geheimen für mein verlorenes Leben schuldig gemacht, für Eduards Tod. Aber irgendwie dachte ich auch, du wärest zu alt für Liebkosungen, für solche Gespräche von Mutter zu Tochter. Wie konnte ich so dumm sein, so zu denken!

Doch Schluss jetzt. Ihr letzter Wunsch war es, mich vom Himmel aus glücklich zu sehen, und das will ich ihr gönnen. Ich werde aufhören zu weinen und nur in Freude an sie denken. Das bin ich ihr schuldig.

Auf Wiedersehen, meine Süße. Ich denke an dich.