Kathrin

E-Mail: citrus@chello.at

 

Eine Geschichte

Ich ducke mich. Der Suchtrupp rennt an mir vorbei. Sie haben mich nicht gesehen. Ich trete einen Schritt zurück und stoße an ein weiches Etwas. Ich beuge mich darüber. Da erst erkenne ich dich. Du gibst wimmernde Laute von dir und rollst dich stöhnend am Boden hin und her. Dein Gewand ist blutüberströmt, deine Haare sind von Blut & Schmutz verklebt. Aus der Wunde an deiner Stirn läuft dein Lebenssaft aus.

Ich ziehe mein Hemd aus und reiße es in Streifen. Einen binde ich dir wie ein Stirnband um den Kopf, mit einem anderen versuche ich das Blut, das aus deinem linken Oberschenkel läuft, zu stoppen. Wäre ich mir sicher, dass der Trupp weg ist, würde ich loslaufen und dir Wasser bringen. Doch so kauere ich mich einfach neben dich und drücke deine Hand. Es dauert nicht mehr lange, du hast schon zuviel von der lebenswichtigen, roten Flüssigkeit verloren.

Du stirbst leise in meinem Arm. Ein letzter Seufzer der Erleichterung entweicht dir, dann kippt dein Kopf in meiner Hand schwer nach hinten, und dein Herz hört auf zu schlagen. Jetzt geht es dir besser, du musst nicht mehr miterleben, was hier vor sich geht, du siehst nicht mehr, wie sich das Elend hier mit jedem Tag vergrößert.

Aber mich hast du zurückgelassen, ich habe gerade meinen besten Freund verloren. Hast du etwa vergessen, was wir uns vor einem halben Jahr geschworen haben? Hast du vergessen, dass wir gesagt haben, wir stehen das gemeinsam durch, wir wollten überleben, hast du das etwa vergessen?

Heulend knie ich über dir. Gib mir 10 Minuten, 10 Minuten um schwach zu sein. Sonst waren wir nie schwach, haben uns verboten zu weinen, waren stark. Aber jetzt bin ich alleine, jetzt erlaube ich es mir schwach zu sein, du hast mich ja im Stich gelassen.

Die 10 Minuten sind um, und ich reiße mich zusammen. Jetzt bin ich wieder stark, der starke Micke, dem nichts etwas anhaben kann. Ich zerre dich in einen Müllcontainer, das ist ehrenvoller, als auf der Straße liegenzubleiben. Ich werfe noch einen letzten Blick auf dich, es ist ungewohnt, dich so zu sehen. Schnell schließe ich den Deckel des Containers, bevor ich wieder von den Tränen überwältigt werde. Die anderen werden schon auf uns warten, ich muss ihnen die Nachricht überbringen.