Verena Lippa
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Regen
Es ist dunkel und kalt. Unter anderen Umständen hätten mich keine zehn Pferde vor die Tür gebracht. Und schon gar nicht so luftig bekleidet. Sommerschuhe, einen Mini, bauchfreies Top und eine durchsichtige langärmlige Bluse. Natürlich alles in Schwarz. Ich bin immer schwarz gekleidet. Passt gut zu meiner Situation. Die Farbe der Trauer. Wie auch immer, es ist nicht gerade die ideale Kleidung für einen Marsch im strömenden Regen. Na ja, was solls. Jetzt ist es auch schon egal. Meine Haare hängen wie Regenwürmer in mein Gesicht, Bäche aus Regenwasser strömen meine Wangen, meine Stirn hinab. Ich bin so froh, dass mich kaum jemand wahrnimmt. Oder vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Bestimmt werde ich von jedem vorbeifahrenden Menschen angeglotzt und für verrückt gehalten. Aber nein, ich bin ihnen bestimmt egal. Es hält schließlich keiner an. Warum auch? Ich würde ihnen bestimmt die Bezüge ruinieren.
Es ist eine selbst eingebrockte Traurigkeit. Wollte ich mich doch mit Markus, meinem Ex, in einem Café treffen. Nur eine SMS hatte ich ihm geschickt. "Es ist an der Zeit, die ganze Scheiße aus der Welt zu schaffen. Ich werde dir keine Szene machen. Komm bitte morgen ins Café Maior, zwischen 20.30 und 20.45 Uhr."
Ich habe tatsächlich geglaubt, dass er kommt.
Natürlich hatte ich gewusst, dass er zu feig sein würde, um mit dem Mädchen zu sprechen, dass für ihn einmal "die Richtige" gewesen war. Denn mit seinen fast neunzehn Jahren war er noch immer Jungfrau. Ja, ich geb es zu: Auch ich bin noch jungfräulich. Aber ich bin auch erst siebzehn. Er war nein, ist meine große Liebe. Aber vor einer Woche habe ich ihm meine Meinung über seine Freunde gegeigt hirnlose Primitivlinge, die nichts außer Sex im Kopf haben. Anscheinend war er dann so beleidigt, dass er zwei Tage danach Schluss gemacht hatte obwohl ich mich in diesen Tagen bei ihm mindestens zwanzig Mal entschuldigt hatte. Na ja. War logisch. Warmduscher. Aber seine Augen, sein Lächeln, seine Stimme ... ich fange an zu weinen jetzt schmeckt der Regen salzig. Und er brennt. Es wird mir klar, warum es in den Gedichten immer "brennende Tränen" heißt. Sie brennen wirklich. Wie Feuer auf nacktem Fleisch. Ich wische mir jedoch weder die Strähnen aus der Stirn, noch das nasse Feuer von den Wangen. Es soll weh tun. Das ist die Strafe dafür, dass ich ihn so liebe. Es soll mir zeigen, wie dumm und naiv ich doch bin. Meine Schuhe reiben. Das tun sie immer, wenn ich schwitze oder wenn es regnet. Ich werde sie nicht ausziehen, denn dann muss ich auf diesen glitschigen Steinen gehen. Ich weiß, sie sind spitz. Eine Erfahrung, die ich letzten Sommer gemacht habe. Nach 200 Metern waren meine Füße blutig.
Plötzlich packt mich eine Art stummer Zwang, und ich nehme meine Schuhe in die Hand. Die Steine haben sich nicht verändert. Sie sind durch das Wasser sogar noch schärfer geworden. Den ersten Schnitt spüre ich bereits nach wenigen Metern. Wieder fährt ein Auto vorbei. Es spritzt mich von oben bis unten mit dreckigem Pfützenwasser an. Auch egal. Ob ich jetzt nur nass oder nass und schmutzig bin, wen kümmert das schon? Niemanden. Ich bin schließlich allein. Ich verfluche meine Sturheit, meinen Stolz. Unbedingt wollte ich Markus zeigen, was er aufgegeben hat, was er jetzt verpasst und nie wieder spüren wird. Und dafür hatte ich mich so knapp angezogen. Und genauso dezent geschminkt, genauso, wie er es mag. Schon lange schmerzen meine Augen von der Wimperntusche. Das nächste Mal trage ich eine wasserfeste. Und obwohl der Wetterbericht Schlechtwetter am Ende des Tages angesagt hat, wer muss sich anziehen wie im Hochsommer? Ich könnte mir eine runter hauen. Der Regen passt so schön zu meiner Stimmung. Absoluter Weltuntergang. Den wünsche ich mir jetzt. Oder einen betrunkenen Autofahrer, der mich überfährt.
Mein Körper ist taub. Langsam verwischt die Blutspur, die meine offenen Sohlen hinter sich herschleifen. Die ganzen Füße sehen in diesem dämmrigen Licht wie in Teer getaucht aus. Ich weiß, es ist Blut. Blut und Schlamm. Also müsste die Farbe eine Mischung aus rot und braun sein. Ich sehe wieder auf, instinktiv. Klatsch. Ein Ast ist in meinem Gesicht. Eine klar spürbare Schürfwunde. Sie muss tief sein, denn an den Stellen, an denen mich dieses dämliche Gestrüpp getroffen hat, wird es plötzlich ganz warm. Er hat mir knapp über der linken Augenbraue die Haut aufgerissen. Über meine Nase rinnt der erste Tropfen Blut. Ich muss ja ausschauen wie zusammengeschlagen. Aber das bin ich schließlich auch. Wenn auch nicht körperlich. Markus hat mein Herz verprügelt. Der Weg will kein Ende nehmen. Verdammt, warum habe ich nur den letzten Bus verpasst? Zu Fuß Gehen habe ich bis jetzt immer gemocht, oft gehe ich diesen Weg vom letzten Rest Zivilisation, dem Café am Dorfrand, bis zu uns nach Hause. Immer schlägt mir fast der Ast ins Gesicht. Denn ich lese so viel ich nur kann. Und diese Strecke ist ideal dazu. Was solls, das nächste Mal habe ich eben eine Heckenschere mit. Ich habe noch eine gute Viertelstunde zu gehen. Eine lange Zeit, in der viel passieren kann. Es ist eine Frechheit, wie wenig Licht hier auf dem Land ist. Vor allem auf den Landstraßen. Es ist richtig gefährlich, um diese Zeit hier zu sein, ohne Auto, ohne Motorrad. Und selbst jetzt denke ich nicht an meine eigene Sicherheit. Ich denke an Markus. Markus. Markus. Mir fallen seine Worte ein, wie wir uns das erste Mal gesehen haben. Eine Woche später waren wir im Kino, er hat seinen Cousin mitgebracht, ich meine beste Freundin. Als wir uns für die Karten angestellt haben, hat er seinen starken Arm um meine Taille gelegt. Und fünf Minuten später sind wir wild knutschend in einer Ecke gesessen. Nie haben wir viele Worte gebraucht. Wir haben immer gewusst, was der andere sagen wollte, was der andere dachte. Wir sind uns unheimlich ähnlich ich hätte wirklich wissen müssen, dass er nicht kommt. Wäre ich ja auch nicht. Ich weiß gar nicht mehr, an was ich denken soll. Zum einen verstehe ich ihn, zum anderen möchte ich ihm am liebsten die Haut abziehen, weil er so ein mieser Kerl ist. Zwei weiße Lichter kommen mir entgegen. Sie schwanken wie zwei betrunkene Matrosen bei starkem Seegang. Sie kommen beängstigend schnell näher. Der Fahrer hat geschätzte 180km/h drauf.
Ich frage mich, ob es so klug war, sich so etwas zu wünschen. Ich höre die letzten Worte meiner toten Oma.
Pass auf, was du dir wünscht, es könnte in Erfüllung gehen.
© by Verena Lippa, 1.6.2000