Richard Groier (17)
E-Mail: giroflex911@icqmail.com
Naive Betrachtung von Leben und Tod sowie Anspielungen auf die Entstehung der Welt und Andeutungen auf den Kampf, der im Inneren von uns allen tobt.
Rund um mich herrscht etwas Leeres, Unbegreifbares. Es ist mein Inneres, und ich betrachte es aus einem tiefen Verließ in dem Kerker meiner verdammten Seele. Ich bete um Erlösung, doch nicht zu Gott, Gott hat mich zu oft enttäuscht.
Es begann, wie es immer begann. Ich wurde ruhig, meine Finger wurden kühl und klamm, ich konnte meinen Bauch nicht mehr fühlen. Vor meinen Augen liefen gewaltige, unbegreifbare Szenen ab. Szenen, in denen ich vor mir selber kniete und mich anbetete, um mein Leben flehte und mein eigenes Gesicht vor mir bedeckte. Ich schämte mich, dass ich so schwach war. Ich hörte ein ehrfurchterregendes Requiem, gesungen auf mich, ich hörte meine Stimme lachen und ich fühlte meine eigene Hand mir über das Gesicht streichen.
Ich sah einen grauen, schleierhaften Nebel aus mir aufsteigen, der meine Form annahm. Er schwebte in einige Entfernung, bevor sich eine gleißend helle Öffnung in dem unendlichen Dunkel auftat. Ich sah mich durch die Öffnung schreiten, und für einen kurzen, unendlich kurzen Augenblick erhaschte ich einen unscharfen, verzerrten und verschwommenen Blick auf die andere Welt dort draußen. Ich versuchte mich zu erinnern, aber ich war schon zu lange gefangen. Der Nebel hinterließ eine seltsame Leere, und ich spürte den Tod in mir.
Die Düsternis, die zuvor nur um mich gewesen war, begann langsam in mich einzudringen. Ich konnte mich nicht bewegen, ich konnte nicht sehen, hören oder fühlen. Alles, was ich konnte, war denken. Es verging sehr viel Zeit, und ich spürte, wie sich die Ewigkeit anfühlte, denn obwohl ich die Zeit erfahren konnte, erschien sie mir unwichtig. Ich wollte mich befreien, aber langsam begann auch die letzte Fähigkeit zu schwinden, mein Geist löste sich auf. Etwas kroch langsam in meine Gedanken, infizierte sie mit Krankheit, und bei jedem Gedanken, den ich fasste, pflanzte es sich fort. Ein Gedanke an das Licht schien es noch dunkler werden zu lassen, ein Gedanke an die Liebe erfüllte mich mit Hass.
Mir wird klar, dass ich sterbe. Ich lösche mit jedem flüchtigen Bild vor meinem inneren Auge jegliche Erinnerung an mein Leben. So stirbt als erstes die Vergangenheit. Schließlich vergesse ich, dass ich jemals gelebt habe, ich vergesse darüber nachzudenken, und als ich aufhöre zu denken, höre ich auf zu existieren, die Gegenwart stirbt, und die Zeit stirbt mit ihr. Wenn es kein Heute gibt, gibt es keine Zeit.
Warum bin ich noch? Irgendetwas lebt länger als der Geist. Die Hoffnung, das ewige Licht im Herzen, in jedem von uns, das uns mit der göttlichen Herrlichkeit verbindet, seit der Erschaffung der Welt, seit das Dunkel und das Licht einander bekämpfen. Und das letzte Licht wird nie sterben, das Dunkel führt einen aussichtslosen Kampf. Die Hoffnung ist unzerstörbar. Die Zukunft wird für immer leben, obwohl noch nie geboren, und zum Tode verdammt, sobald sie sich erfüllen muss. Doch wie soll die Welt sich selbst erfüllen? Endet jedes Leben in dieser dunklen Welt, die nicht dunkel ist, weil dunkel nur ein Begriff ist für das, was wir nicht sehen und nicht verstehen können? Wir können es nie verstehen, weil wir aufhören darüber nachzudenken, sobald es sich uns offenbart.
Und dieses Unbegreifbare wird uns alle vernichten, und nur unsere Hoffnung, die uns zu Menschen macht, wird bestehen. Es ist das Licht in uns, und die Lichter in uns, und seien sie noch so armselig, sind unvergänglich. Sie werden mehr und mehr, und irgendwann wird es in dem Dunkel hell von all den Lichtern, und das Dunkel vernichtet sich selbst, das Licht bricht aus allen Winkeln der Verdammnis hervor, befreit sich selbst und erringt allein durch Selbstaufgabe einen gewaltigen Sieg. Und ich werde wiedergeboren in einer neuen Welt, und die Zeit wird wiedergeboren, und es gibt ein neues Heute, ein neues Morgen, eine neue Wirklichkeit. Nur die Erinnerung an Altes bleibt für immer verloren. So bleibt dem Dunkel nur der erneute Versuch, das Licht zu besiegen.
Das Dunkel ist doch nur eine Metapher für den Tod, den keiner beim Namen zu nennen wagt. Doch ich fürchte mich nicht vor dem Tod. Befreit er uns nicht einfach von der Last der Erinnerung? Eine Erinnerung an eine schlechte Welt, einen verdammten Ort; und die Dunkelheit, ist sie nicht ein schützender Mantel vor unseren Augen, der uns davor bewahrt, unbegreifliche, nicht erdenkbare Dinge zu sehen, die uns doch nur in einen Abgrund des Wahnsinns stoßen würden? Ist nicht der gesamte Kreislauf von Leben und Tod ein gewaltiger, immer wiederkehrender Schöpfungs- und Vernichtungsakt, eine einzige Symphonie aus Leben, Erschaffen, Vernichten und Sterben? Unsere Existenz ist das Sterben, unser Leben hat nur das Ziel, sich selber zu beenden.
Ein tiefer Sinn ist nicht begreifbar, er ist Teil des Dunkels und Teil des Lichts, aus dem alles entstand. Es gibt keine Sprache, kein Wort für das Unendliche, für das, was Gut und Böse verbindet oder unterscheidet, obwohl es die Essenz von allem ist. Wir bestehen aus beiden, wieso haben wir keinen Begriff für etwas, dass bei uns, um uns und ständig in uns ist, und kämpft. Wie zwei Brüder, die weder mit noch ohne einander leben können, sie müssen sich vernichten, nur um sich dann selbst wieder zu erschaffen.
Wie gern wäre ich wieder in meinem dunklen Kerker, sähe
nicht, hörte nicht und fühlte nicht. Gibt es einen Weg
dorthin? Muss ich warten? Ich warte, denn Zeit ist nicht wichtig.
Durch den Tod habe ich gelernt ihn zu lieben, und ich sehne mich
nach ihm. Und dafür lebe ich.
Copyright groier.2000