Markus Grundtner (15)
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Stille Wunden
Wenn sie ihn mit ihrer krächzenden Stimme anspricht, sich mit ihm, regelmäßig bizarre Grimassen schneidend, unterhält, anschließend den Blick ihres farblich verschieden gearteten Augenpaares auf seinen dümmlichen Gesichtsausdruck konzentriert, ihn um einen kleinen Gefallen bittet, er, für ihn ist das absonderlicher Weise selbstverständlich, vorgibt, keinerlei Gegenleistung zu erwarten, ja sogar zufrieden scheint, es fertig zu bringen, ihr ein winziges, trotzdem abscheulich schief geratenes Lächeln auf die verzogenen Lippen "zaubern" zu können, möchte ich sie am liebsten jäh an ihren glänzend-fettigen, von Schuppenflechten durchzogenen Haaren packen, sie an jenen gewaltsam zu Boden zerren, ihr überraschtes, dennoch weiterhin ausdrucksarmes Konterfei durch meine säuberlich geschnittenen Fingernägel zerkratzen, ihr die schiefen, lückenhaften Zähne herausreißen und sie treten, bis ihr unförmiger Brustkorb weit, zu beiden Seiten, ihre kleinen und flachen dennoch, auch für ihn immer wieder, interessanten Brüste in der Mitte so lebendig wird sie sich nie wieder fühlen zerreißend, aufklafft, und ihre deformierte Schädeldecke einfällt. Dann, gleichgültig, ob sie noch unschuldig atmet, was ich zu Recht bezweifle, oder die warme Mischung aus ihrem Speichel und ihrem Blut langsam erkaltet, würde ich nur zu gerne in ihre verbleibende, nahezu heile Bauchhälfte ein tiefgehendes Kreuz, welches, der Länge nach, genau unter dem asymmetrischen Rippenkranz seinen Anfang nimmt und, der Breite nach, durch ihren kleinen, ekelhaften Nabel verläuft, schneiden, darauf warten, dass zunächst ihre Darmwindungen und anschließend die halb verdaute, grün-braune Nahrung hervortritt und jene dann zwischen und über ihre ungleich langen, behaarten Beine hinab rinnt. Letzten Endes würde ich ihr die von aufgeplatzten Pusteln und Pickeln beherrschte Haut abziehen und anschließend ihn, dessen stupide Sturheit und unermesslicher Starrsinn ihn niemals ohne weiteres kraftlos zu Boden sinken lassen, mit jener rauhen Haut erst aufhören zu würgen, wenn er seinen ganzen Mageninhalt, welcher von geschmacklosem Essen bis zu seiner giftigen, ätzenden Gallenflüssigkeit reicht, erbrechen muss. Es ist mir jedoch, im besten Falle, nur möglich, ihm Kopfschmerzen zu bereiten, als würde ein noch nie dagewesener Druck zugleich von außen und von innen auf seinem toten Kopf lasten.
Jedoch hält er mich andauernd ängstlich zitternd im wimmernden Zaum. Wir sind Brüder. Zwillinge. Was man auf den ersten Anblick verkennen und sicherlich auch bei späterer, genauerer Betrachtung nicht wirklich zu glauben vermag. Er muss mich einfach verdrängen, der Gute kann gar nicht anders, als seine hageren, spindeldürren Arme, vor allem sich selbst und sie, vor mir, schützend gegen meine Absichten, die ich ihm in kurzen und schnellen aufflackernden Bildern, wie im zuckenden Licht defekter Neonröhren, unterbreite, falls er ruckartig blinzelt oder seine Augen schließt, um Ruhe zu finden, zu stemmen. Je mehr Widerstand er jedoch leistet, desto mehr nimmt meine Kraft und meine Stärke überhand. Seine verkrampften, spitzen Finger treiben die ungeschnittenen, dreckigen Nägel in meine glatte, makellose Handfläche und hinterlassen unschöne, alles andere als ästhetisch zu bezeichnende Spuren, indes, er versucht mich zu bändigen. Den merklichen Überbiss rammt er in einem angeborenen, bei Menschen generell gedankenlos getätigten Beißreflex in meine perfekte Unterlippe von gesunder Farbe, um mir meine klare, unverfälschte Stimme zu rauben, wahrt aber seine gewöhnlichen, kantig-unmenschlichen Gesichtskonturen, damit er innerhalb seiner krankhaften Umgebung nicht auffällt.
Bis jetzt war sein Wille stark, und sein zähes, ledernes Fleisch nur ein einziges Mal ungebrochen.
Bis jetzt.
Er weiß noch nichts davon. Aber seine Ferse fing vor gar nicht allzu langer Zeit an, infernalisch zu jucken und ebenso zu brennen. Ich wartete, bis er die steile, zum finsteren Keller seines allerletzten, häuslichen Zufluchtsortes führende Treppe erfüllt von purer, wahrlich berechtigter Furcht, es könne jemand Böses plötzlich aus einem der vielen dunklen Winkel hervorbrechen, ihm ekstatisch folgen, seinen verzweifelt aufgerissenen, von rauhen Warzen und Blutgeschwüren übersäten Mund und seinen schrill ausgestoßenen, unhörbaren Schrei durch kalte Hände glatter, samtweicher Haut ohne jegliche Narben oder Unebenheiten im Keim ersticken, sodass ebenso seine schwer keuchende Sauerstoffzufuhr abgeschnitten wird, und ihn schlussendlich hinab zerren, hinauf lief, ergriff ich geschickt seinen Fuss und begann ihn geistesgegenwärtig, lange hatte ich diesen Moment herbeisehnen müssen, während er verzweifelt strampelte und wild und ungelenk um sich trat und schlug, verbissen zu kratzen, zog ihm genüßlich Streifen um Streifen seiner vormals undurchdringlichen, verkrusteten, schwarz gefleckten Hornhaut von dem widerwärtigsten Teil seines verunstalteten Beinskeletts ab, und tief im Fleisch der Sohle verborgen kam die abgebrochene Klinge meines längst verlorenen, beinahe schon vergessenen Taschenmessers zum Vorschein, durch welches ich, er sah immer interessiert und begeistert mit seinem linken triefenden und dem rechten ausgestochenen Auge, aus jener düsteren, entzündeten Höhle eher weniger, zu und beobachtete mich sehr genau, derweil ihm die Spucke übers Kinn den Hals entlang hinunter lief, als kleines Kind vornehmlich Nacktschnecken, Regenwürmer und Kröten nach oder während starken Gewittern einher gehend mit sintflutartigen Regengüssen bei lebendigem Leib zergliedert, oder, wenn ich den gebräuchlichen Fachausdruck verwende, viviseziert habe.
Falls sie nun wieder, ihre Arme schlaff herabhängend und ihre faltigen Mundwinkel, scharf wie eine reflektierende Rasierklinge, zu freundlicher Mimik, nach oben gezogen, in seinem mehr und mehr von Rissen voll Eiter und blutigen Furchen durchwachsenen, häßlichen Angesicht stehen, zu ihm, so weit es ihr möglich ist, lieb und nett aufschauen sollte, und er erneut die Intention hat, den eigennützigen Helden und Retter vor seiner selbst zu spielen, werde ich ihm jeden seiner knochigen Finger separat abtrennen, bevor ich sein krummes Rückgrat durchschneide.
Dann sind seine verkrüppelten, verfault stinkenden Hände endgültig mein.