Lukas Winter (15)

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Der Kanal

… »Achtung, an deinem Bein,…« flüsterte er, als plötzlich ein lautes Kreischen von ihr die Stille unterbrach, und in den unendlichen Weiten des Kanalsystems von New York hallte. Sie sah an ihren Fuß und sah, wie eine Ratte an ihren Schuhen knabberte wieder ertönte ein schrei: »Ahhhh, Pete, Ratten!«

Pete versuchte sie zu beruhigen, aber es gelang ihm nicht wirklich, er nahm seine Fackel und schwenkte sie knapp über dem Boden ein paar mal hin und her, die Ratten bekamen Angst und verschwanden in der Dunkelheit des Kanals. Jane zitterte am ganzen Körper, erstens hatte sie fürchterliche Angst, zweitens war ihr Kleid für so ein Abenteuer einfach nicht warm genug.

Die beiden setzten ihre Flucht fort, als Jane plötzlich stehen blieb: »Pete, du hast doch sicher auch schon einmal davon gehört, hier unten soll doch der Abschaum der Menschheit leben. Sie sind dreckig, brutal und…«

Jetzt blieb Pete auch stehen, er versicherte ihr, dass sie nicht auf solche Kanalbewohner treffen würden und wenn doch, glaubte er nicht an die Brutalität dieser Männer. Für alle Fälle hätte er ja auch noch seine Pistole. Bevor sie weitergingen, fasste Jane nach Petes Hand, welche sie nicht mehr losließ. Die beiden, schon völlig durchnässt, bewegten sich vorsichtig durch den glitschigen Kanal. Als plötzlich Jane falsch auftrat und ausrutschte. Nun lag sie da im dreckigen, stinkenden, nassen Kanal. Pete versuchte ihr aufzuhelfen, aber Janes rechter Fuß schmerzte zu sehr. Schon kamen die ersten Ratten daher gekrabbelt und beschnupperten Janes Kopf. Doch als sie Pete mit seiner Fackel bemerkten, verschwanden sie in Windeseile.

Nach ein paar Minuten Stille hörte Pete plötzlich Schritte, Janes Arme schlangen sich um Petes Hals. Er fuhr ihr mit seiner rechten Hand durchs Haar, als plötzlich ein Mann aus dem Dunkeln hervortrat.

Er sah ziemlich dreckig aus und auch sein Geruch war abstoßend. Nur eins fehlte, er war nicht brutal; als er die verletzte Jane sah, stellte er sich als Jack vor und bot seine Hilfe an. Pete nahm dankend an, er hob die mittlerweile vor Angst bewußtlose Jane hoch und folgte dem Mann.

Nach ein paar Kanalkrümmungen und Verzweigungen kamen sie in eine Art Raum. Es war ein sehr großer Raum. Jack drehte sich um zu Pete und meinte: »Willkommen in meinem Zuhause.« Man sah Jack die Freude an, dass er einmal jemandem sein Zuhause zeigen konnte.

Aber er lebte dort nicht allein, es waren noch einige andere Männer und auch Frauen dort. Allesamt wunderten sich über den Besuch der Fremden. Als sie die verletzte Jane sahen, machten sie sofort einen Platz frei, sie polsterten ihn aus, um Jane dann hinzulegen. Zum Erstaunen von Pete waren die Leute dort sehr freundlich, sie hatten sogar einen Verbandskasten hier unten. Sie hatten nicht viel, aber sie boten Pete etwas zu essen und zu trinken an, auch Jane versorgten sie mit Wasser. Es war nicht gerade frisches und sauberes Wasser, ja man konnte es sogar riechen, aber es war besser, als zu verdursten.

Nun erwachte auch Jane, sie trank das angenehm kühle Wasser. Doch plötzlich sah sie die dreckigen Gesichter, die um sie saßen, und gerade damit beschäftigt waren, ihren Fuß einzubinden. Jane wollte schreien, doch als sie Petes Gesicht erkannte, beruhigte sie sich wieder.

Pete drehte sich nun wieder um und ging zu Jack. Pete begann sich mit Jack zu unterhalten. Pete erzählte ihm, dass Jane und er auf der Flucht waren. Jack und Pete stellten fest, dass sie nicht so unterschiedlich waren. Jack war auf der Flucht vor der Gesellschaft und der Polizei. Er war auf der Suche nach Gerechtigkeit. Und Pete war auch auf der Flucht vor der Polizei, er erzählte Jack seine Geschichte: »Und mich verfolgt die Polizei, weil ich Jane gekidnappt habe. Mittlerweile planen wir aber schon gemeinsam, wie wir der Polizei entkommen könnten.« Als Pete ausgesprochen hatte, begannen beide zu lachen. So laut, es hallte in allen Kanälen, die von diesem Raum wegführten…