Von: kingrimursel@hotmail
Liebe Kritikerrunde,
eines gleich vorweg: Ich habe nicht vor meinen Namen anzugeben. Klar, ich hör euch jetzt schon sagen "Man sollte zu seinen Werken stehen können" und so, aber man sollte schließlich auch schwimmen können, wenn man ins Wasser fällt, was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass man deswegen auch schwimmen wollen sollte, wenn keine Notwendigkeit dazu besteht. Ich könnte also durchaus meinen Namen angeben ich will nur nicht. Da dadurch wohl keinem ein Schaden entsteht, hoffe ich, dass euch das nicht stört. Danke im Voraus.
K.
PS: Dass eine Altersangabe erforderlich ist, leuchtet mir allerdings schon ein. Also, ich bin 16.
Türen sich öffnend, sich schließend
Also stellt euch mal vor. Ein äußerst beengtes, düsteres Dreckloch, kurz die Standardausgabe einer so richtig schön ungemütlichen Kerkerzelle. Sogar die Luft riecht irgendwie schon leicht vermodert. Unter dir der harte Steinboden der Tatsachen, vielleicht noch etwas abgemildert durch ein bisschen Stroh, über dir die Decke, hinter dir eine Wand, links von dir eine Wand, rechts von dir eine Wand sonst nichts.
Achja, vor dir eine Überraschung! Wand und eine bedauerlicherweise geradezu erdrückend massive Tür, die, wäre sie ein fühlendes Wesen, eigentlich Komplexe haben müsste, weil sie so gut wie nie ihrer wahren Bestimmung zugeführt wird denn die wahre Bestimmung von Türen ist es bekanntlich auf und zu zugehen.
Tja, diese Tür da öffnete und schloss sich pro Häftling gerade zweimal: einmal, wenn der Unglückliche mit einem Fußtritt über ihre Schwelle befördert wurde und das zweite Mal, wenn der Henker, bzw. der Leichenbestatter kam um ihn abzuholen. In der Zwischenzeit und diese Zwischenzeit konnte oft Jahre, Jahrzehnte, ganze Lebensalter betragen war das einzige, was sich öffnete und wieder schloss, eine winzige Luke, durch die Essen in die Zelle gereicht wurde.
Doch wenden wir uns nun ab von der Tragik der Tür, widmen wir uns statt dessen der Tragik jener jämmerlichen Gestalt, die da in einer Ecke der Zelle hockte und eben diese Tür finster anstarrte.
Dabei konnte Moribald Mandragun sich sogar glücklich schätzen. In derartig kurzen Abständen würde sie, die Tür so schnell nicht wieder auf und zu gehen.
Wahrscheinlich wollte man die peinliche Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen. Moribald war in seinen besten Zeiten immerhin ein ziemlich hohes Tier bei Hofe gewesen und es war immer unangenehm, wenn es einen Würdenträger erwischte unangenehm für die anderen Würdenträger vor allem.
Jetzt wartete Moribald nur noch auf die Verkündung des Urteils. Bald schon würde er diese Zelle verlassen, und, was der weniger positive Aspekt der ganzen Angelegenheit war, wenig später vermutlich auch diese Welt.
Während er wartete, ließ er noch einmal sein verkorktes Leben Revue passieren keine sonderlich erbauliche Beschäftigung übrigens. Der bestbewachteste Kerker im ganzen Königreich war kein Ort für Nostalgie und Moribalds Leben bot eigentlich auch wenig Anlass dafür (was ihn nicht darin hinderte, trotzdem darin zu schwelgen).
Allerdings hatte er es eine Zeit lang ausgesehen als stände das Glück auf seiner Seite, denn wenn nicht durch Glück, wie dann hätte er es vom gewöhnlichen Hochstapler, der mit simpelsten Tricks einfältigen Bauern das Geld aus der Tasche zog, bis zum Königlichen Haus- und Hofzauberer gebracht?
Selbst die Idee zum großen Betrug, der ihm endgültig die Eintrittskarte in die feine Gesellschaft verschaffte, war nicht gänzlich auf seinem eigenen Mist gewachsen. Rosettarde, seine Verflossene, hatte damals den Plan ausgeheckt einen Plan ihrer unwürdig übrigens, denn im Grunde war er nicht einmal originell, basierte er doch weitgehend auf dem alten Drachen-Schmäh: du treibst irgendwie einen Drachen auf, zähmst ihn (was nicht weiter schwierig ist, wenn man den Trick kennt: Zuckerrüben Drachen sind verrückt danach) und lässt ihn dann ganze Landstriche verwüsten. Wenn erst einmal alle verfügbaren Jungfrauen dem Untier zwecks Beschwichtigung zum Fraß vorgeworfen sind, ist die Zeit für deinen Auftritt gekommen: Du reitest als edler Retter einher, befreist die Bevölkerung von ihrer Heimsuchung und kassierst haufenweise Gold und Edelsteine.
Der Grund, warum gerade Moribald mit dieser Masche so erfolgreich gewesen war, lag darin, dass er sich nicht wie seine Vorgänger als Ritter auszugeben pflegte sondern als Zauberer (was er genauso wenig war). Denn die Rittervariante hatte einen entscheidenden Nachteil: den hohen Drachenverschleiss. Während von einem ordentlichen Helden nämlich erwartet wurde, der Bestie auf traditionelle Weise durch Abschlagen des Kopfes bzw. der Köpfe also den gar auszumachen, reichte es für einen Zauberer durchaus vor der Drachenhöhle eine halbwegs eindrucksvolle Zeremonie mit möglichst viel violettem Rauch (aus irgendeinem Grund wirklich immer violett oder zumindest lila, frag mich keiner warum) und beachtlicher Gestanksentwicklung aufzuführen um anschließend zu verkünden der Lindwurm wäre durch den Zauber in das Reich der bösen Geister verbannt worden. (Man hatte ihn natürlich schon in der Nacht zuvor ausser Sichtweite gebracht). Der den meisten angeborene und durchaus nachvollziehbare Respekt vor Drachen sowie der bestialische Gestank sorgten dafür, dass niemand den eigentlichen Vorgang der Drachenverbannung genauer unter die Lupe nahm. Daher konnte ein Drache mehrmals verwendet werden und der Materialaufwand hielt sich folglich in Grenzen obwohl es Moribald natürlich nie in den Sinn gekommen wäre, sein geliebtes Haustier als Material zu bezeichnen. Mochte er auch sonst ein Schurke sein, niemand konnte ihm vorwerfen, dass er seinen Drachen jemals schlecht behandelt hätte. Er pflegte vielmehr ein überaus inniges Verhältnis zu seiner Haupteinnahmequelle und hatte dem Tier sogar einen Namen gegeben: Crunchy nach dem knirschenden Geräusch, dass es verursachte, wenn es irgend etwas Lebendiges zwischen seinen monströsen Zähnen zu Brei zermalmte.
Bei der Erinnerung daran traten Moribald Tränen der Rührung in die Augen. Wahrlich, welch trauriger Tag war es gewesen, als für Crunchy und ihn schließlich der Zeitpunkt der Trennung gekommen war dann nämlich, als er endlich genug ergaunert hatte um ein Leben im großen Stil führen zu können. Nur leider war mit dem Eintritt in vornehmere Kreise zwangsläufig auf ein Wechsel der Identität verbunden gewesen. Bauerntölpel, Gaukler, Drachentöter mit dieser Biographie konnte man bei Grafen, Fürsten und Baronessen wenig Eindruck schinden. Und so wurde aus dem draufgängerischen, undurchsichtigen und leicht dubiosen Drachenbezwinger der durch und durch ehrwürdige, seriöse Magier Moribald Mandragun (ein Künstlername natürlich) ein von allen geschätzter Ehrenmann, für den als Haustier aber nur mehr Jagdfalken, Rassehunde und für das Herrchen mit etwas exotischeren Geschmack bestenfalls dressierte Äffchen in Frage kamen.
Na, ists euch schon aufgefallen? Drachen scheinen in dieser Liste nicht auf, also Lebewohl, Crunchy!
Und von da an gings bergab. Zwar kam seine dunkle Vergangenheit nie ans Tageslicht, doch das war ja die grausame Ironie des Schicksals: Nicht die große, dreiste Täuschung, auf der er sein ganzes Leben aufgebaut hatte, war es, die ihn schließlich dorthin gebracht hatte, wo er nun gelandet war nein, ein ganz gewöhnlicher Schwindel, von der Art wie er in gewissen Kreisen so alltäglich ist, Geld, das man für hehre Zwecke sammelt (Suche nach dem heiligen Gral, Bekehrung der Heiden usw.) und das am Ende doch nur in die eigene Tasche wandert.
Der Betrug mit dem Drachen allerdings war noch immer nicht aufgeflogen und so würde es in alle Ewigkeit bleiben, denn er selbst würde die Menschheit gewiss nicht darüber aufklären (obwohl es in seiner verfahrenen Situation auch keinen Unterschied mehr machte) und die einzige, die sonst noch davon wusste, war Rosettarde, seine Komplizin, die sich, bräche sie ihr Schweigen, doch nur selbst kompromittierte.
Ach, Rosettarde... hatte Moribald beim Gedanken an Crunchy noch feuchte Augen bekommen, stützte ihn nun die Erinnerung an seine einstige Geliebte in regelrechte Verzweiflung, oder besser gesagt: bestärkte ihn in seiner Verzweiflung (denn Verzweiflung war für ihn mittlerweile zum Dauerzustand geworden).
Die ganze Zeit über war Moribald also so sehr von den Geistern seiner Vergangenheit in Anspruch genommen, dass er völlig vergessen hatte, die Kerkertür finster anzustarren. Zeit, ihr wieder mehr Beachtung zu schenken. Eben jetzt, als Moribalds ohnehin getrübte Stimmung wiedereinmal einen Tiefpunkt erreicht hatte, machte sie sich durch verheißungsvolles Knarren bemerkbar. Verheißungsvoll deshalb, da Türen im Ruhezustand keine Geräusche von sich geben. Sie knarren nur, wenn sie geöffnet oder geschlossen werden was im Fall einer Tür wie dieser zumindest Abwechslung versprach.
Die, die die Tür geöffnet und somit zum Knarren gebracht hatte, war welch ein Zufall (und zwar tatsächlich nichts als ein Zufall! Sehe ich hier ungläubige Blicke! Habt ihr etwa noch nie gehört, was passiert, wenn man vom Teufel spricht?!) war also niemand anderes als eben jene, von der gerade die Rede war: Rosettarde.
Als sie eintrat, schlug ihr natürlich sofort der wenig einladende Gestank von Fäulnis und Moder entgegen. (Wer in Kerkerzellen liebliche Düfte erwartet, ist selber schuld.) Folglich kräuselte sie also zu aller Erst einmal missbilligend ihr zierliches Näschen (kräuselte, wohlgemerkt. Derart elegante Nasen sind nicht geschaffen zum Rümpfen).
"Du, Rosettarde hier? Hier, an der Stätte meiner Niederlage? Kommst du, dich an meinem Elend zu weiden?" klagte Moribald mit leidendem Blick. Und er gab sich wirklich große Mühe mit dem leidendem Blick, weil er irgendwie das Gefühl hatte, an dieser Stelle sei eine theatralische Geste die einzig angebrachte Reaktion. Außerdem lag er mit seiner Vermutung wahrscheinlich gar nicht zu falsch, hatte das reizende Fräulein bei Abschied damals doch angedeutet, sie wolle ihn nie wieder sehen, es sei denn mit mindestens sieben Messern im Rücken.
Aber anstatt eventuell vorhandener Schadenfreude freien Lauf zu lassen, sprach Rosettarde im geschäftlichen Ton: "Um gleich zur Sache zu kommen: Das Urteil, das sie über die gefällt haben ich bin nicht damit zufrieden. Ganz und gar nicht."
"Nicht zufrieden" da untertrieb sie offensichtlich. Es schien sie sogar so sehr zu wurmen, dass der Ärger darüber für einen kurzen Moment ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
Derweilen fragte sich Moribald bange, was wohl dermaßen ihren Unmut erregte und er wollte auch schon zu einer entsprechenden Frage ansetzen (weil das mit dem Urteil ja irgendwie auch für ihn ziemlich entscheidend war), als sie seinen beherzten Versuch durch eine elegant abwinkende Handbewegung wieder abwürgte.
"Nicht, es hat keinen Sinn, dich jetzt schon zu beunruhigen. Noch ist es ja nicht sicher. Aber für alle Fälle, nimm das hier" und sie drückte ihm etwas in die Hand. Er kam gar nicht dazu, es sich näher anzusehen, denn was nun folgte, war so überraschend, dass er alles andere vergaß:
"Du musst wissen: Ich liebe dich nämlich immer noch."
Und hier haben wir also einer jener seltenen Situationen, in denen sich die Fensterlosigkeit in Kerkerzellen tatsächlich einmal als Vorteil erweist: Wäre nämlich ein Fenster da gewesen, hätte nicht gefehlt, und Moribald wäre womöglich raus gesprungen, nur um sich zu überzeugen, dass es kein Trugbild, sondern tatsächlich Rosettarde war, die das gerade gesagt hatte. Hatte sie nicht gerade eben noch düster dreingeschaut? Aber andererseits: wie sanft ihr Blick, wie weich ihre Stimme bei diesen Worten plötzlich geworden war! Das arme Kind, wahrscheinlich hatte sie sein Bild in all den Jahren einfach nicht aus dem Kopf bekommen und nun kehrte sie zu ihm zurück, weil sie endlich erkannt hatte, dass sie ohne ihn nicht leben konnte!
Das gab einen gehörigen Auftrieb für Moribalds Selbstvertrauen, das könnt ihr mir glauben! Ja, was wunderte er sich eigentlich? War es nicht völlig logisch, dass die Mädchen einfach nicht anders konnten als ihn zu lieben? Welch weibliches Wesen vermochte schon seinen Charme zu widerstehen? Aber ehe er sich noch weiter in Selbstbeweihräucherung ergehen konnte, fuhr Rosettarde schon fort:
"Na gut, du hast mich zwar so mir-nichts-dir-nichts abgestreift wie einen ausgedienten Handschuh" Sie machte eine kleine Pause, um ihm genügend Zeit zu geben, angemessene Zerknirschung an den Tag zu legen " aber ich habe dir verziehen".
Das mit der Zerknirschung funktionierte übrigens ganz prächtig. Moribald musste sich nicht einmal verstellen. Nicht etwa, dass er plötzlich so sensibel geworden wäre zu erkennen, wie sehr er durch sein egoistisches Verhalten Rosettardes Gefühle verletzt hatte nein, schlichtes Selbstmitleid war es, das ihn so verlegen und reumütig aus der Wäsche gucken ließ. Als er damals der hübschen und sogar adeligen aber verwaisten und daher mittellosen Rosettarde nahezu zeitgleich mit Crunchy den Laufpass gegeben hatten zu Gunsten von Lady Trampelle, die ob ihres fortgeschrittenen Alters sehr bald schon das Zeitliche zu segnen und ein beträchtliches Vermögen zu hinterlassen versprach hatte er nämlich aufs falsche Pferd gesetzt. Ätsch. Wer konnte auch ahnen, dass die alte Schachtel Trampelle in der Nacht vor der Hochzeit mit dem Kammerdiener durchbrennen würde? Während Rosettarde durch ausdauerndes Honig-um-weiße-Bärte-Schmieren es mittlerweile tatsächlich geschafft hatte vom greisen herzog adoptiert zu werden um später seinen gesamten Besitz zu erben! Ja, es gibt sowas wie Gerechtigkeit auf dieser Welt.
Rosettarde war damals jedenfalls ziemlich sauer gewesen. (Die Sieben-Messer-Drohung war noch das Freundlichste, was er bei der Trennung zu hören bekommen hatte). Sah ihr gar nicht ähnlich, dass sie sonst nachtragend wie ein Elefant ihm nun so großmütig verzieh. Aber wer konnte ihm schon lange böse sein?
Und wäre ihre plötzliche Sinneswandlung nur vorgetäuscht, wäre ihr Lächeln dann so lieblich, ihr Tonfall so mild? Würde sie dann sagen:
"Du ahnst ja gar nicht, wie sehr es mich schmerzt in der Stunde der Not nicht an deiner Seite stehen zu können?" Das sagte sie nämlich. Und fügte hinzu:
"Versprich mir, mein Geschenk von nun an immer bei dir zu tragen als ein Symbol für unsere innere Verbundenheit. Es soll dir zeigen, dass ich in Gedanken bei dir bin auch wenn ich selbst dich nun verlassen muss."
So sehr sich Moribald auch beeilte zustimmend zu nicken, er kam doch nicht dazu nun seinerseits eine Bitte vorzutragen (wo sie doch neuerdings so gute Beziehungen zum Herzog hatte, könnte man da nicht ein gutes Wort für ihn einlegen?), denn Rosettarde hatte bereits ihre Röcke zusammengerafft und rauschte von dannen nicht ohne ihm noch einmal ein melancholisches Adieu zuzuhauchen (das ihm eigentlich damals schon zu denken hätte geben müssen: Melancholie beim Abschied ist ja schließlich nur dann angebracht, wenn man nicht erwartet sich wiederzusehen). So plötzlich wie sie gekommen war, verschwand sie nun auch wieder aus seinem Leben, dass sie wie ein flüchtiger Sonnenstrahl für einen kurzen Moment erhellt hatte.
Na, wenigstens hatte er jetzt endlich Zeit ihr Geschenk näher zu betrachten: Ein seidenes Spitzentaschentuch, stilecht mit eingestickten Monogramm und außerdem Moribald sog den Duft genießerisch ein, der erste Wohlgeruch seit er dieses stinkende Loch betreten hatte! mit Rosettarde Lieblingsparfum beträufelt (obwohl "in Rosettardes Lieblinsparfum getränkt" den Kern der Sache eher trifft, nach der Intensität zu schließen, mit der der Duft alle anderen Gerüche im Raum mühelos neutralisierte). Moribald presste es an sein Herz, seufzte noch einmal mit träumerisch in die Ferne gerichteten Blick "Ach, Rosettarde!" und schwor sich, es bis zum bitteren Ende nicht mehr aus der Hand zu legen. Ja, er hatte wirklich Sinn für Theatralik. In dieser Stellung verharrte er also einige Zeit, bis er durch neuerliche Tür-Aktivität aus seiner Verzückung gerissen wurde.
Tatsächlich, bei der alten Kerkertür herrschte an diesem Tag Hochkonjunktur. Kaum zu glauben, aber sie wurde schon wieder geöffnet! Moribald hielt den Atem an, in der Hoffnung, es sei Rosettarde, die noch einmal zurückgekehrt war, aber Pustekuchen, es war bloss der Scharfrichter, der kam um ihn zur Vollstreckung des Urteils zu führen.
"Auch gut", dachte Moribald "erfahr ich wenigstens endlich, was ich zu erwarten habe."
Und noch einmal Pustekuchen, der Scharfrichter teilte ihm nämlich höflich mit, es sei Teil der Strafe, ihn bis zum Schluss im Ungewissen zu lassen. Deshalb wurden Moribald dann auch die Augen verbunden, weshalb er ausser dem Gerumpel des Karrens, auf den man ihn verfrachtet hatte von seiner letzten Fahrt nicht allzuviel mitbekam.
Als man ihm am Ziel angelangt die Augenbinde wieder abnahm, bemerkte Moribald nicht viel Unterschied zu vorher. Um ihn herum war pechschwarze Nacht. Da seine Augen ja mittlerweile an Dunkelheit gewöhnt waren, brauchte er nicht lange, um sich zu orientieren, und trotzdem länger, als seine Bewacher, allesamt Mitglieder der Königlichen Garde übrigens (wie er wohl zu dieser Ehre kam?) brauchten, um den Ort des Schreckens zu verlassen. Tatsächlich, vorher war ihm gar nicht bewußt gewesen, dass Menschen sich so schnell bewegen konnten.
Sein neuer Aufenthaltsort wirkte seltsam vertraut. Nichts als Stein rundherum und dann die karge Einrichtung (in diesem Falle ein paar herumliegende Felsbrocken) und erst dieser eklatante Mangel an Fenstern und Licht das kam ihm doch irgendwie bekannt vor. Die naturbelassene Oberfläche des Steins schroff und felsig und dann noch all diese Tropfsteingebilde ringsum ließen vermuten, dass er sich in einer Höhle befand, doch der einzige Unterschied zu seine Kerkerzelle lag eigentlich darin, dass dieser Ort hier wesentlich geräumiger war. Ein Umstand, der Moribald allerdings eher beunruhigte, da große Höhlen nun mal in der Regel auch von großen Tieren bewohnt werden und dass diese Höhle bewohnt war, daran gab es keinen Zweifel. Die dekorativ in der Gegend verstreuten Knochen und Schädel sprachen eine deutliche Sprache.
Moribald stellte erfreut fest, dass seine Fesseln sich leicht lösen ließen, doch seine Freude wurde bald gedämpft durch die Entdeckung, dass irgend jemand so ausgesprochen freundlich gewesen war, den einzigen Ausgang durch einen riesigen Felsbrocken zu versperren. Die Hasenfüße der Königlichen Garde hatten sich also doch nicht auf schnellsten Wege aus dem Staub gemacht, sondern die Zeit, in der er noch damit beschäftigt gewesen war, ihre fast übermenschliche Geschwindigkeit zu bewundern, genützt um ein paar Extrasicherheitsmaßnahmen zu treffen.
Das war nun der richtige Moment in Panik auszubrechen. Sicher, von der Höhle, die wohl eine Art Eingangshalle darstellte, zweigten mehrere Wege ab, doch sie alle führten nur noch tiefer in den Berg hinein und früher oder später vermutlich zu einem blutrünstigen Monster und Tod und Verderben. Das konnte er genau so gut in aller Ruhe hier erwarten.
Moribald war ja nun wirklich nicht der Tapferste, aber jetzt trug er sein Los mit erstaunlicher Fassung. Tatsächlich hatte er sich schon längst mit der Ausweglosigkeit seiner Situation abgefunden und überließ sich nun ganz Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Wenn sich das Untier nicht beeilte, würde es ein Opfer bald nur mehr in flüssiger Form vorfinden, vor Selbstmitleid zerflossen nämlich.
Zittern wie Espenlaub, Schlottern vor Angst, Wimmern und Jammern, Heulen und Zähneknirschen? Nicht mit Moribald. Stattdessen beschränkte er sich darauf dumpf und teilnahmslos ins Leere zu starren ins Leere! Nicht in den besonders dunklen, besonders breiten Gang, aus dem schon seit geraumer Zeit diese seltsamen Geräusche drangen starrte er, nicht auf den alle Hoffnungen zerschlagenden, ihm den Weg zu Freiheit, Licht und Leben verwehrenden Felsbrocken (der übrigens ein ebenso würdiges Anstarr-Objekt wie die gute alte Kerkertür gewesen wäre), nein, ins Leere! Wenn einem in ausweglosen Situationen schon nichts anderes einfällt, als irgendwohin zu starren, dann starrt man aber bitte finster und nicht dumpf! doch zumindest irgendetwas Sinniges an, etwas, das mit der jeweiligen Situation zu tun hat, etwas auf das man seine Wut, seine Angst, seinen Hass projizieren kann aber ins Leere? Dieser Mann hatte mit seinem Leben abgeschlossen.
Doch zurück zu den seltsamen Geräuschen: Sie wurden lauter.
Und noch immer verzichtete Moribald darauf sichtbare Anzeichen von Panik an den Tag zu legen. Erst als selbst der Boden unter seinen Füßen unter den Tritten des herannahenden Ungeheuer zu zitter begann, bequemte er sich überhaupt Notiz davon zu nehmen. Obwohl die Angelegenheit doch an und für sich ausreichend Grund zur Beunruhigung bot, sollte man meinen. Schließlich konnte das Lauter-Werden der Geräusche nur eines bedeuten: Was immer sie auch verursachte, es kam näher.
Und näher. Und plötzlich war es da. Es war da und er war auch noch da ein Tatbestand, der er bis vor gerade eben noch für einen Widerspruch in sich gehalten hätte. Falls das Untier näher konnte es wegen der schlechten Lichtverhältnisse nicht klassifiziert werden falls das Untier also tatsächlich vor hatte, ihn zu vertilgen (und Moribald zweifelte keinen Moment daran), dann ließ es sich jedenfalls Zeit damit. Denn momentan tat sich diesbezüglich wenig.
Das Monstrum verharrte im Stillstand. Und obwohl es folglich die Fortbewegung gänzlich eingestellte hatte, produzierte es immer noch am laufenden Band seltsame Geräusche. Nicht so donnernd diesmal, eher krachen, knackend .. knirschend. Als ob es etwas ... zermalme. Knirschend! Zermalmend! O Freude, o Jubel!
Nie zuvor hätte Moribald geglaubt, dass er über ein Geräusch derart in Verzückung geraten konnte. Selbst das Harfenspiel der Engel im Himmel hätte ihm in diesem Moment nicht lieblicher erscheinen können.
Zermalmend! Knirschend! Crunchy!
Welche Erleichterung. Damit war er aus dem Schneider. Klar, Crunchy war eine menschenfressende, blutrünstige Bestie aber er war s e i n e menschenfressende, blutrünstige Bestie! Jeden anderen würde er auf der Stelle zerfleischen, aber ihn? Nie! Nicht, sein geliebtes Herrchen! Im Gegensatz zu gewissen anderen (warum sind Frauen da bloß so sensibel?) hatte er ihm die Trennung damals gar nicht übel genommen. Da Drachen ja sowieso viel älter als Menschen werden, war der endgültige Abschied ohnehin nur eine Frage der Zeit. Ja, die beiden waren eben richtig dicke Kumpels.
Jetzt, da er also dem Sensenmann noch einmal von der Schippe gesprungen war, hatte er endlich wieder etwas Muße gewisse Überlegungen anzustellen:
Das hatte man sich ja fein ausgedacht. Ihn hier in dieser Höhle einschließen damit er dann vom Drachen gefressen werde. Tja, daraus würde wohl nichts werden. Vom Drachen gefressen! Ha! Von einem Schmusekätzchen hatte er mehr zu befürchten! Aber das konnten die ja nicht wissen. So ein Pech aber auch.
Im Nachhinein wunderte er sich nur, warum Rosettarde so aufgebracht über das Urteil gewesen war. Sie wußte doch, dass ihm von Crunchy keine Gefahr drohte. Das war das Beste, was ihm hätte passieren können!
Es heißt, dass die Sinne nach überstandener Lebensgefahr besonders geschärft sind. Ob das stimmte, konnte Moribald nicht so genau beurteilen. Tatsache war, dass er jetzt, da sein bevorstehende Ende nicht mehr all Gedanken in Anspruch nahm, erst anfing die Welt um ihn herum überhaupt wieder wahrzunehmen. Und jetzt bemerkte er auch den Duft, der intensiv wie eh und je von Rosettardes Taschentuch, das er immer noch in seiner geballten Faust umschlossen hielt, ausströmte. Nüchtern betrachtet, ohne romantische Verklärung und so, war der Duft richtig penetrant. Einer von den Düften, die scheinbar ewig an einem haften, die man erst nach zehn Vollbädern wieder los wird.
Es war das letzte, was er wahrnahm, denn der Duft überdeckte sogar seinen eigenen Körpergeruch. Was irgendwie unvorteilhaft war. Weil Drachen Menschen nämlich am Geruch erkennen.