Theresia Töglhofer

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Urlaub in Österreich

 

Sag ja zu A! Dieser Werbeslogan war Heinz schon beim Durchblättern der Prospekte in die Augen gesprungen. Hohe Berge, blaue Seen, einfach dieses alpenländische Flair genießen. Und je mehr er sich die Sache überlegte, desto besser gefiel sie ihm. Nach dem vierten Prospekt hatte er sich dann entschlossen. Er wollte einen Urlaub bei den Nachbarn riskieren. Schnell hatte er sich auch ein Quartier ausgesucht. "Urlaub am Bauernhof" in den Tiroler Alpen. "Pension Edelweiß" – das klang verlockend nach Ruhe und Abgeschiedenheit.

Von diesem Tag an schien Heinz die Arbeit wieder leichter zu fallen. Wenn der Chef mies drauf war und ihn deshalb wieder mal zur Schnecke machte, brauchte er nur an eine Tiroler Almwiese zu denken, und ein Lächeln zauberte sich automatisch auf sein Gesicht. Wenn er wieder einmal im Stau steckte und drauf und dran war, zu spät ins Büro zu kommen, dachte er an Tiroler Speckknödel, und schon summte er fröhlich die Hits aus dem Radio mit.

Und dann war es soweit. Da es in Oberalmendorf keine Bahnstation gab, wollte Heinz mit dem Zug bis nach Innsbruck fahren und von dort mit dem Postbus nach Oberalmendorf. Doch schon in Vinzenzhofen war Endstation für Heinz. Schienenersatzverkehr wegen Reparaturen an der Bahnstrecke. Weiter ging es in einem wackeligen Bus ohne Klimaanlage bei 32 Grad. Im Schweiße seines Angesichts gelang es Heinz, trotzdem einen kühlen Kopf zu bewahren.

Im Busbahnhof von Oberalmendorf wurde er schon von Sepp junior, dem Sohn des Pensionsbesitzers, mit den Worten empfangen: "Sind sie der Piefke, der bei uns am Edelweißhof reserviert hat?"

Zu Heinz’ Enttäuschung war Sepp ganz normal gekleidet und gestylt. Jeans, ausgetragenes T-Shirt, Nikes und Zungenpiercing. Keine Spur von einer traditionellen Lederhose, Kniestutzen oder wenigstens einem Trachtenhemd. Aber was konnte man sich von der heutigen Jugend schon erwarten?

"Ich bringe sie zu meiner Kutsche. Die Pferdestärke ist zwar nicht berauschend, aber dafür ist sie ein original 60er Modell."

Die Aussicht auf eine Kutschenfahrt ließ Heinz gar nicht bemerken, dass er seine Koffer selbst schleppen durfte. Doch schon wurde seine Freude getrübt. Sepp steuerte auf einen rostigen VW-Käfer zu, nahm Heinz die Koffer aus der Hand und vestaute sie im Kofferraum seines Vehikels. "Das ist sie also, meine Kutsche!" meinte Sepp.

Unglücklicherweise war Heinz ein ziemlich großgewachsener Mann. 1.90, zu klein für einen Basketball-Star, zu groß für einen VW-Käfer. Die Fahrt hinterließ wohl keinen so guten Eindruck. Das letzte Stück des Weges zur Pension Edelweiß war nicht mehr asphaltiert, und bei jedem größeren Stein und jedem kleineren Felsbrocken, wurde der Wagen hin- und hergeschleudert, was des öfteren eine Kollision von Heinz’ Schädeldecke mit dem Autodach bewirkte.

Die Wirtin und der Chef der Pension Edelweiß waren, was Kleidung betrifft der völlige Kontrast von ihrem Sprößling Sepp junior. Er in Lederhose und Kniestutzen. Sie mit Schürze und Dirndl.

Zum Abendessen tischte die Wirtin originale Tiroler Speckknödel auf. Es schmeckte zu gut, um wahr zu sein. Nach dem ersten Knödel machte Heinz sich noch Sorgen um seinen Kalorienwert, nach dem dritten waren alle Diätpläne Schnee von gestern, nach dem Fünften musste er feststellen, dass für einen sechsten Knödel kein Platz mehr war.

Am nächsten Tag frühmorgens beschloß Heinz, sich Alpenflair pur reinzuziehen. Also schnürte er seine Riemchensandalen und begann, sich keuchend bergauf zu walzen. Zu irgendeinem Gipfel hin, einfach immer der Nase nach.

Nach etwa fünf Minuten hörte er hinter sich ein Keuchen. Zwei Mountainbiker strampelten flott den Berg hinauf. Heinz begann zu überlegen, warum eigentlich mountainbiken, ja sogar Bergwanderungen, nicht zur Extremsportart erklärt wurden. So hing er seinen Gedanken nach, als er schließlich wieder ein Keuchen hinter sich hörte. Ein Keuchen, oder besser bezeichnet als Schnauben, ein Trampeln, ein Stampfen, ein Muhen.

Hinter Sepp stand der preisgekrönte Zuchtstier des Bergbauern vom Almrauschhof himself. Als Geste der Freundschaft senkte er die Hörner. Diese Geste wurde von Heinz jedoch wohl missverstanden und als Bedrohung empfunden. Es war erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit der sonst etwas schwerfällige Heinz auf einmal dem Gipfel zuhopste, wie eine übermütige Gemse, dicht gefolgt von dem Bullen, der ihm mit einem Hörnertransport den Weg erleichtern wollte. Da Heinz die Rinderbrücke, über die er gerade keuchte, nicht als solche enttarnte, bemerkte er erst 500 Meter weiter, dass er seinen Verfolger abgeschüttelt hatte.

Doch jetzt waren alle Strapazen vergessen, denn der Gipfel winkte. Erleichtert ließ er sich im Schatten der Gipfelkreuzes ins Gras plumpsen und begann, seinen Milchreis zu löffeln. Den hatte er sich jetzt wirklich verdient. Dann durfte er seine poetischen Fähigkeiten walten lassen, die Eintragung ins Gipfelbuch:

"Zum Gipfel ich gekommen,

Vom Almrausch leicht benommen,

Den Hörnern eines Bullen entflohen,

Sah schon den Kreislaufkollaps mir drohen,

Dieser Berg hat seinen Reiz,

Das Heldentum ist meinerseits."

Heinz Schmidt, am 8.8.99

 

Und jetzt musste er noch dreimal um das Gipfelkreuz rennen. Das bringt Glück, so sagt man. In diesem Fall hätte es aber einen 60 Meter-Absturz bedeutet, die Nordwand fiel senkrecht in die Tiefe.

Der Abstieg stand nun kurz bevor, zwar nicht auf der Nordwand, aber er durfte in der Mittagshitze trotzdem sehr schweißtreibend werden. Was hätte Heinz jetzt dafür gegeben, in eine Gondel steigen zu können und ins Tal zu schweben. Normalerweise hätten ihn keine zehn Pferde oder – moderner – ein Lastkran in so eine schwankende Kabine gebracht. Aber diesmal wäre er wohl freiwillig hinein, wenn er sich nur den Abstieg erspart hätte. Da diese Ersparnis ihm jedoch nicht gewährt wurde, machte er sich seufzend auf den Weg zurück. Diesmal auf einem anderen Weg, denn auf eine zweite Begegnung mit dem preisgekrönten Zuchtstier wollte er verzichten.

Abwärts ging es über Stock und Stein. Mittlerweile bereute Heinz es, seine Riemchensandalen angezogen zu haben. Die Sole löste sich langsam, und Blasen kamen zum Vorschein. Immer langsamer kam er vorwärts, die Ausflugsgruppe des Pensionistenheim Oberalmendorfs hätte ihn glatt überholt.

Ein schattiges Wäldchen lud ihn zum Rasten ein, und prompt folgte er dieser Einladung. Nach einer halben Stunde wohlverdienter Pause würde es sicher wieder ein besseres Vorwärtskommen geben. Doch aus dem ursprünglich geplanten halben Stündchen wurde ein Ganzes, und davon folgten noch drei Weitere. Heinz war eingeschlafen.

Als er erwachte, war es bereits dämmrig, es war acht Uhr abends. Das Wäldchen entpuppte sich nun als großer Wald. Um halb zehn war es so finster, dass Heinz seine Hand vor den Augen kaum mehr sehen konnte. Ein vernünftiger, erfahrener Wanderer hätte jetzt wohl eingesehen, dass es keinen Sinn hätte weiterzugehen. Aber Heinz war weder das eine noch das andere. Irgendeine bösartige Wurzel, vielleicht war es auch ien Felsbrocken oder eine Kuhflade... wer weiß, jedenfalls irgendetwas brachte Heinz zu Fall. Und er fiel wirklich gut. Die Augen weit aufgerissen, mit den Armen rudernd und den Mund zu einem lauten Schmerzensschrei halb geöffnet. Jeder Shciedsrichter hätte für diesen Fall Heinz´ Gegenspieler mit einer roten Karte vom Platz verwiesen.

Ein heftiger Schmerz durchfuhr seinen Knöchel. Und auch wenn Heinz nie eine besonders große Leuchte gewesen war, so wusste er doch, dass dies der Schmerz eines gebrochenen Knochens war. An ein Weiterkommen war nun nicht mezhr zu denken. Nach einigen Minuten schaffte er es wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Er sah ein, dass es keinen Sinn hatte, weiter zu gehen, er würde sich nur verirren..

"Mein Handy," fiel es ihm ein. Damit konnte er sicher Hilfe holen. Rettung, Polizei, Feuerwehr, irgend jemand musste ihm doch helfen können.

Bald darauf schreckten seine wilden Beschimpfungen alle Wildtiere im Umkreis von fünf Kilometern auf: "Scheiß-Ösis! Hinterwäldler, Alpendösis, kein Empfang, kein Empfang, wozu hat man denn ein Handy?!"

In dieser Nacht tat er kein Auge zu. Seine Liegestätte war unbequem, der Hunger nagte an ihm, es wurde kalt und immer kälter und er bekam Panikattacken, wenn er meinte, ein Knacken oder ein Schnauben zu hören. Er hatte keine Angst vor Wölfen, Füchsen oder Schlangen, einzig und allein vor preisgekrönten Zuchtstieren!

Deshalb war er froh als, die ersten Sonnenstrahlen hinter den Bergspitzen hervorlugten. Er streckte sich und hielt seine blaugefrorene Nase der aufgehenden Sonne entgegen, blinzelte gen Osten. Und was er sah verschlug ihm die Sprache. Taunasse Gräser, wundervolle Wiesenblumen und etwa 200 Meter weiter die Silhouette oder, neumoderner gesagt, die Skyline von Oberalmendorf vor sich.


 

Die Gerichtsverhandlung fand im November statt. Vor Gericht standen die ÖBB wegen unzumutbarer Verhältnisse beim Schienenersatzverkehr, Sepp junior wegen unmöglichem Verhalten gegenüber einem Feriengast, Sepp senior plus Gattin wegen nicht unverzüglich eingeleiteter Suchaktion, der Bergbauer des Almrauschhofes wegen der Gefährdung von Wanderern durch seinen preisgekrönten Zuchtstier und der Tourismusverband Oberalmendorf wegen unausführlicher Beschilderung der Bergwanderwege.

Die Gutachter kamen überein, dass die Verhältnisse beim Schienenersatzverkehr durchaus zumutbar und die Wanderwege ausreichend beschriftet waren und der Bulle des Bergbauern sich in einem offiziellen Weidegebiet befand.

Sepp junior verteidigte sich mit dem Argument, dass er alle Gäste so behandle und niemand sich bis jetzt beschwert hätte. Und Sepp senior und seine Gattin sagten aus, dass es durchaus öfters vorkomme, dass ein Gast zu tief ins Glas schaue und erst im Morgengrauen heimkehre. Deshalb waren sie auch nicht besorgt, als Heinz noch nicht zurückgekehrt war.

Alle Angeklagten wurden freigesprochen. Und da der Kläger die Gerichtskosten übernehmen muss, kann Heinz somit seinen geplanten Mallorca-Urlaub vergessen. Und eines hat Heinz sich ins Hirn graviert:

Sag nö zu Ö!