Marlene Kelnreiter

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Gelbgrün

Sie lag unbeweglich in dem Sonnenstreifen, der durch den Spalt der beiden Nachbarhäuser quer über den Hof fiel und sich wie ein breites Geschenkband quer über die Wiese legte. "Die Erde ist ein Geschenk", hatte ihr Großvater immer gesagt. "Das Leben ist das eigentliche Geschenk", konterte ihr Großmutter. Konterte. Vergangenheit.

Ihr Kleid hatte sie ausgezogen und achtlos neben sich in die Wiese geworfen, die nackten Beine von sich gestreckt, reglos. Gefallener Engel. Im losen Haar ein paar Ameisen. Ihre geschlossenen Lieder zuckten.

Es war ein heißer Tag. Spätnachmittägliche Hitze lag über dem kleinen Hof, still und schwer. Der Wind, der sich von weit über dem Meer durch die Gassen der Stadt seinen Weg in den Hof hereingeblasen hatte, ließ einen Fensterladen regelmäßig gegen die Hauswand schlagen. Klaviermusik, welche immer wieder abbrach und dann wieder anschwoll – wie die Wellen unten am Strand, mischte sich mit der Stimme eines Fernsehsprechers. Beides leise, weit weg. Sie hörte es nicht. Das nicht.

Ihre Lippen waren rissig, vom heißen Wind, ihr Mund trocken, ohne Speichel. Die Zunge wie Löschpapier in Großvaters Schreibtischlade, bloß mit leichtem Orangengeschmack. Sie liebte Orangen.

Ihre Mutter trat auf den Balkon heraus und wollte ihr schon beinahe zurufen, sie sollte sich doch nicht genau in die pralle Sonne legen, bemerkte aber noch rechtzeitig, dass ihre Tochter wieder einmal weit weg war.

Wie früher. Da lag sie auf dem Balkon und ließ den Kopf runterhängen – bis er knallrot war – um die Welt einmal aus einer anderen Perspektive betrachten zu können. Sie verfolgte einen Tag lang einen Käfer quer durch den Garten, um zu sehen, wohin er denn gehe, oder sie behielt einen ganzen Vormittag ein Stück Frühstückssemmel in der rechten Mundhälfte.

Plötzlich regte sich unten etwas, sie hatte ihre Augen wieder geöffnet, saß nun aufrecht in der Wiese und sah um sich. Sie erblickte ihre Mutter auf dem Balkon. "Mama!" rief sie, "ich höre das Gras wachsen!"