Marlene Kelnreiter
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Sie lag unbeweglich in dem Sonnenstreifen, der durch den Spalt der beiden Nachbarhäuser quer über den Hof fiel. Ihr Kleid hatte sie ausgezogen und achtlos neben sich in die Wiese geworfen, die nackten Beine von sich gestreckt, im losen Haar ein paar Ameisen. Hol den Ameisenhaarspray! Ihre geschlossenen Lieder zuckten.
Es war ein heißer Tag. Spätnachmittägliche Hitze lag über dem kleinen Hof, still und schwer. Der Wind, der sich von weit über dem Meer durch die Gassen der Stadt seinen Weg in den Hof hereingeblasen hatte, ließ einen Fensterladen regelmäßig im Dreivierteltakt gegen die Hauswand schlagen.
Ihr Mund war trocken, ohne Speichel. Die Zunge wie Löschpapier in Großvaters Schreibtischlade, bloß mit leichtem Orangengeschmack.
Ihre Mutter trat auf den Balkon heraus und wollte ihr schon beinahe zurufen, sie sollte sich doch in den Schatten und nicht genau in die pralle Sonne legen, bemerkte aber noch rechtzeitig, dass ihre Tochter wieder einmal weit weg war.
Wie früher. Da lag sie auf dem Balkon und ließ den Kopf runterhängen, um die Welt einmal aus einer anderen Perspektive beobachten zu können. Sie verfolgte einen Tag lang einen Käfer quer durch den Garten, oder sie behielt einen ganzen Vormittag ein Stück Frühstückssemmel in der rechten Mundhälfte.
Plötzlich regte sich unten etwas, sie hatte ihre Augen wieder geöffnet, saß nun aufrecht in der Wiese und blickte um sich. Sie erblickte ihre Mutter auf dem Balkon. »Mama!« rief sie, »Ich höre das Gras wachsen!«