Nina Musil
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Besuch in Wien
Aufgeregt war sie, oder würde nicht eher gespannt passen? Ja, das war es, sie war gespannt, wie er wohl sei, ihr Enkelsohn. Er sollte eigentlich schon da sein. Vielleicht hatte aber auch das Flugzeug Verspätung, das kam ja oft vor bei so langen Flügen. Warum ihre Tochter auch so weit wegziehen musste. Hätte doch auch hier heiraten können. Stattdessen war sie nach Amerika gezogen. So weit weg. Sie hatte ihren Enkelsohn noch nie gesehen. Nur einige Bilder hatte sie von ihm. Toni im Kindergarten, sein erster Schultag, mit der kleinen Schwester an der Hand und Toni bei der Firmung. Richtig erwachsen sah er darauf aus. In einem Anzug, aber nicht schwarz, rot war er. Wer den wohl ausgesucht hat? Trotz allem hatte sie dieses Bild am liebsten von allen. Man sah deutlich die Familienmerkmale. Das schmale Kinn, die großen dunklen Augen und das seidene Haar. Wenigstens etwas hatte er noch von der Familie.
Das war also Wien. Die Stadt der Musik an der schönen blauen Donau. Seine Mutter hatte ihm so viel erzählt, und jetzt war er hier. Pflichtmäßig sozusagen. Um die Großmutter zu besuchen. Nicht gerade freiwillig, welcher Junge fährt schon freiwillig in den großen Ferien weg, wo er doch viel lieber bei seinen Freunden wäre oder im Internet surfte. Er spürte die kantige Pralinenschachtel im Rücken, die ihm die Mutter am Flughafen noch in die Hand gedrückt hatte. Langsam ratterte der Koffer hinter ihm her. Das musste der richtige Ausgang sein. Er zog den Zettel aus der Tasche, auf dem die Adresse des Pensionistenheims stand, in dem seine Großmutter wohnte. Am besten war es wohl, ein Taxi zu nehmen. Dort vorne war ein Taxistand. Der dort war noch frei. Bärenstraße bitte. Langsam fuhr das Taxi an.
Wenn er doch nur schon da wäre. Langsam wurde sie schon wieder müde. Normalerweise hielt sie um diese Zeit ihren Mittagsschlaf. Aber heute würde sie so und so nicht schlafen können. Sie nahm das Foto wieder in die Hand und studierte es wohl schon zum hundertsten Mal. Würde sie ihn erkennen? Wie er wohl so war? In der Schule, hatte ihre Tochter gesagt, war er durchschnittlich. Seinem Großvater kam er also nicht nach. Obwohl, auf diesem Foto hatte er genau die gleichen Züge, die auch ihr Mann hatte, als sie ihn damals kennenlernte. So lange war er schon tot. Nicht einmal kennen lernen durfte er seinen Enkelsohn.
Schön sah es hier ja nicht gerade aus, überall Autos. Er öffnete seinen Rucksack und nahm die Pralinenschachtel heraus. Sie war in einem schönen Papier eingepackt. Eine kleine Karte hatte seine Mutter angehängt: "Viele liebe Grüße, deine Tochter" stand da. Er sollte die Schachtel gleich seiner Großmutter geben und schöne Grüße ausrichten und dass es ja seiner Mutter so leid täte, dass sie nicht selbst kommen konnte, aber die Kleine, man wisse ja ... Das Taxi wurde langsamer.
Sie legte das Bild beiseite und ging zum Fenster. Gerade fuhr ein Taxi vor. Ob er das wohl schon war? Sie nahm das Foto ein letztes Mal in die Hand, um es sich einzuprägen, setzte sich hin und nahm ein Buch. Sie würde nicht nervös sein. Ach, wie sie sich freute. Endlich würde sie ihren Toni sehen.
Er nahm die Pralinenschachtel zur Hand. Das Taxi hielt. Er zahlte und stieg aus. Ein großes weißes Haus. Ein Bauklotz würde es wohl treffender beschreiben. Nun, er musste es hinter sich bringen. Dann würde er ja frei haben und alleine die Stadt erkunden können.
Sie tat, als sei sie in ihr Buch vertieft, als er gemeldet wurde. Dann stand sie auf und sah gespannt zur Tür hin.
Er klopfte an. Nichts rührte sich. Wie ein Trottel kam er sich vor, oder wie ein Bittsteller, obwohl er nichts brauchte.
"Herein!" sagt sie mit fester Stimme. Er sollte ihre Freude nicht merken.
Er öffnete die Tür, und da stand sie. Ihre Augen blitzten.
Sie konnte sich nicht mehr halten, stürzte auf ihn zu und umarmte ihn.
So eine herzliche Begrüßung hatte er nicht gewartet. Er gab ihr die Schachtel, und sie zeigte ihm das Bild, das so gar nicht mehr dem entsprach, der vor ihr stand.
Plötzlich brachen beide in Lachen aus und beschlossen, einen Stadtbummel zu machen.