Joachim K. Feldner

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[Eigentlich wollte ich diese Erzählung mit dem Satz "Ich bin nicht Ishmael" oder dem Satz "Nennt mich Stiller" beginnen; wie bald zu sehen sein wird, habe ich dann aber doch einer von meiner eigenen Fantasie entspringenden Version den Vorzug gegeben]

Wieder einmal war er stundenlang plan- und ziellos durch die Gassen und Straßen dieser Stadt geirrt, bis es ihn schließlich hierher verschlagen hatte, bis es ihn eigentlich hierher getrieben hatte; hierher, wo alles angefangen hat, damals. Jetzt steht er, noch immer überrascht, an welchen Ort ihn seine Beine schließlich geführt haben, vor dem versperrten Eingangstor des Ballsaales, das er scheinbar aufmerksam mustert – in Wirklichkeit sind es aber die sich in seinem Kopf regenden Erinnerungen, die seinen Augen jenen aufgeweckten und musternden Ausdruck verleihen.

Langsam wendet er seinen Blick ab und lässt ihn, noch immer in Gedanken versunken, die breite Straße zum wichtigsten Platz der Stadt (er nennt ihn Hauptplatz) entlang schweifen, wo Menschen gerade auf einem kranartigen Fahrzeug stehend die inzwischen obsolet gewordene Adventbeleuchtung abnehmen.

[Zwei Menschen; der eine männlich, der andere weiblich. Der Männliche sei Er genannt, der weibliche einfach nur Sie. Keine Namen, keine Schubladen; inkognito, austauschbar.]

Er erinnert sich:

Ende Dezember, kurz vor Weihnachten, es ist kalt (daran kann er sich eigentlich nicht mehr erinnern, doch er ergänzt es in Gedanken, weil er merkt, dass er in seiner Erinnerung eine Jacke trägt. Außerdem ist es Dezember). So viele Menschen auf dem Ball, wo ist sie? Die Kameraden fragen, was los sei. Alle amüsieren sich – ein großartiger Ball, ohne Zweifel; gut organisiert, viele junge Leute, die Spaß haben. Doch sie ist nicht da, und um sie zu treffen, ist er gekommen. Kurz vor zwölf, er hat keine Lust, sich die Mitternachtseinlage anzusehen und geht gedankenverloren hinaus auf die nur von einigen wenigen Straßenlichtern erhellte Straße. Es ist wirklich kalt; jetzt erinnert er sich wieder daran.

Dort steht Sie, geht sie, alleine. Dort steht Sie, geht sie, alleine! Sie sieht wunderbar aus in ihrem Kleid, er sagt’s ihr später auch.

"Du siehst wunderbar aus!"

Bevor er jedoch ihr, die sie seine Gedanken schon seit Wochen beherrscht, ihr, die seiner Sehnsucht nach Zuneigung ein Gesicht verliehen hat, diesen Satz sagen kann, muss er zuerst noch in ihre Nähe kommen. Es wird ihm heiß und kalt zugleich, seine Hände beginnen trotz der eisigen Kälte zu schwitzen, und schon ist er kurz davor, sich der unerträglichen Anspannung durch Flucht zu entziehen. Was ihn davon abhält; er weiß es nicht. Sie hat ihn entdeckt, zögert nicht und geht auf ihn zu:

"Du siehst wunderbar aus!"

Der einzige Satz, der ihm einfällt; nicht einmal begrüßt hat er sie. Sie nimmt’s ihm nicht übel, anscheinend.

Sie wollen beide die Mitternachtseinlage nicht sehen; die ist sowieso selten aufregend, beschließen sie. Der Hauptplatz soll schön geschmückt sein im Advent; jedenfalls ist es ein Vorwand, mit ihr alleine zu sein.

Schüchtern ergreift er ihre Hand, sie ist ungewöhnlich warm, obwohl Sie keine Handschuhe trägt. Ob es ihr nicht kalt sei in ihrem kurzen Kleid? Er bietet ihr sein Sakko an, sieht sich selbst die Gasse entlang schlendern, voll Erwartung und Spannung; geladen. Ihr Gesicht glänzt im bunten Schein der Adventlichter wie in einem Traum; sie bleiben stehen, betrachten sich gegenseitig eine endlos scheinende Zeit lang; er sieht ihre Augen, hinter denen sich so viel verbirgt, verliert sich in ihren Augen, lässt sich im Ozean ihrer Augen treiben, übergibt sich vorbehaltlos dem Augenblick und dann, wie von einer übermächtigen Kraft gepackt, umarmen sie sich beide, ohne dass einer den ersten Schritt getan hätte, wie auf eine geheime Absprache hin umschlingen sich die beiden Körper.

Dieser Moment ist der unwirklichste und wirklichste zugleich in seinem Leben, er ist so real, dass der Verstand dieses unglaublich tiefe Realsein, dieses unmittelbare und wahrhaftige Empfinden des Augenblicks als irreal einstuft, weil es viel zu real ist, um real zu sein; so erklärt er sich diesen Moment jedenfalls später.

Umschlungen stehen sie da, sie vergräbt ihr Gesicht in seinem Körper; es hat zu schneien begonnen, trotz der Kälte (oder bildet er sich das nur ein?). Ewig wollen sie so stehen bleiben, denkt er sich; Liebe ist in diesem Augenblick so greifbar wie sie ihm nachher kaum jemals wieder sein wird. Es bedeutet eine unglaubliche Überwindung, den Kopf zu bewegen, um seinen Mund ihrem langsam zuzuführen; die Lippen beider schreien nach der Berührung durch die geliebten Gegenstücke des Partners, doch zögern beide noch, wie man zögert, eine Verpackung zu öffnen, von der man weiß, dass sie etwas sehr Schönes enthält, um die Vorfreude noch einen einmaligen Atemzug länger genießen zu können. Bald spürt er die erwartete und erhoffte Berührung auf seinen Lippen; die sanfteste, die er je erlebt hat. Zum Glück ist er nicht betrunken.

Er ist glücklich, er ist einfach nur selig; zum ersten Mal in seinem Leben glaubt er zu wissen, was echtes Glück bedeutet. Sie ist jetzt in seinem Zimmer – es ist wie ein Traum, ein bezauberndes Liebeslied; er weiß es, und er weiß auch, dass er nie wieder so glücklich sein wird, nicht morgen und nicht übermorgen. Er ist schüchtern, wunderbar langsam und intensiv ist alles, so neu, so schön. Ihre Brüste sind wunderschön, ihr zarter Körper; er fühlt sich geborgen. Sie ist nackt, er auch, es kann also nicht mehr lang dauern; langsam wird er nervös. Um 3:58 endlich ist es soweit, sie schlafen miteinander; ein digitaler Wecker. Es ist anders, als er es sich vorgestellt hat, körperlicher, tierischer, unmittelbarer. Er kann nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob’s wirklich so schön war, damals war es jedenfalls großartig; großartig wie alles Neue.

Sie reden miteinander; für immer möchte er hier liegen; sie reden über Musik und über ferne Länder; nein, er war noch nie in Guatemala, und auch mit dem Problem der Straßenkinder hat er sich noch nie auseinandergesetzt. Wann die nächsten Wahlen sind, interessiert sie nicht; unmöglich, in dieser Situation über Politik zu reden! Sie erzählen von sich selbst; Ihre Vorlieben. Damals glaubt er, Sie schon zu kennen, er ist naiv. Reine Liebe, Liebe ohne Bedingungen, ohne Erwartungen, ohne Zweifel; ein warmer Fluss, Leidenschaft, die alles im Weg Stehende wegspült, kein Platz für berechtigte Zweifel; eine Kraft stärker als alles andere in ihm. Er ist glücklich, es sind keine Wolken in Sicht, die den freien Blick auf die Sonne trüben könnten.

Soll es doch die Lerche sein, es ist egal!

Eine schöne Erinnerung, wahrlich; es war wirklich sehr schön damals, obwohl er sicher ein bisschen idealisiert, heute, so lange danach (zumindest scheint es lange her zu sein). Er würde alles geben, diese Nacht noch einmal erleben zu dürfen, alleine nur aus Neugier; er ist sich nicht mehr sicher, wie er alles damals wirklich empfunden hat und fragt sich, wieviel später dazugekommen ist, wieviel daran eigentliches Erlebnis, wieviel Bewertung desselben ist. Fraglich, ob das überhaupt relevant ist; es interessiert ihn, was soll’s. Er ist neugierig, wie sie die Geschichte erzählen würde, ihren Freundinnen, ihrem neuen Freund. Wo sie sich damals umarmt haben, steht heute ein Straßenmusiker, der seiner schrottreifen Geige mehr schlechte als rechte Töne entlockt; bei näherem Hinhören dürfte es sich um eine eigenwillige Interpretation eines Stückes von Vivaldi handeln. Er hat es schon einmal irgendwo gehört; den Namen hat er sich nicht gemerkt, er ist nicht von Bedeutung. Er wirft dem Geiger eine Münze in den zerdrückten Hut, der dankend nickt und sich über diese Bewegung schrecklich verspielt. Eigentlich sollte er das Geld wieder zurücknehmen.

Die Fülle an Reizen, die diese Stadt bietet, die vielen Menschen, die die Gassen und Straßen auf und ab hetzen und schlendern, sie lenken ihn nicht ab; im Gegenteil, sie beruhigen ihn, er kann dann befreit denken, es entspannt ihn; ein ähnlicher Effekt eigentlich, wie ihn gleichmäßige Musik, wie ihn das immerwährende Plätschern eines Baches auch bewirken können.