Richard Groier (16)
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Abschiedsbrief und Erkenntnisse
Mein Kopf ist nicht länger das Zentrum meines Willens, das Herz steuert nicht mehr meine Gefühle.
Wieso zerstört mich Liebe? Wieso spendet nur die Dunkelheit Trost? Habe ich mich dem Bösen zu verpflichten?
Der Schmerz, die Furcht kann nicht wachsen, was habe ich zu verlieren? Alles was mir wichtig war, habe ich bereits verloren.
Die Entscheidung fällt so schwer, der Atem wird flach und schnell, die Arme beginnen zu zittern, vor den Augen beginnen die wesentlichen Dinge hervorzustechen, während alles andere rundherum verschwimmt. Selbst in größtem Lärm tritt plötzlich Ruhe ein, Uhren bewegen sich unendlich langsam und stehen dennoch nicht still - bewegen sich unaufhaltsam dem Ende oder dem Anfang zu.
Welche Bedeutung hat Zeit? Welche Bedeutung hat der Ort an dem ich mich befinde? Was beeinflusst mich und was kann ich beeinflussen?
Wenn der Körper müde und alt ist und schmerzt, dann entfaltet sich der Geist zu unglaublicher Größe und Kraft und alles was man denkt und fühlt überschwemmt den Menschen. Ich kann die Kraft zwingen, bündeln, richten und umwandeln. Energie wird zu Kreativität, egal ob gut oder böse - mit beidem lässt sich ein Problem lösen, oder mit gar nichts. Man muss seine Seite finden, es gibt kein menschliches Wort um die beiden Seiten zu vergleichen. Ist nicht negative Energie um soviel stärker als positive? Besiegt nicht der Tod das Leben letztendlich jedesmal? Ich hoffte immer, dass der Schwache siegt, aber ich bin lieber auf der Seite des Gewinners.
Welche Macht auch von mir Besitz ergreift, ich werde nicht mehr ich sein. Jeder einzelne meiner Muskeln wird gesteuert von fremder Potenz, jeder kleinste meiner Gedanken entspringt einem entfernten Geist. Meine Seele wird frei sein und sich in unendlich weitem Raum in unendlich gedehnter Zeit bewegen, ohne Grenzen.
Ich wollte es wäre anders gekommen, aber die Entscheidung ist gefallen zugunsten der einen alten Macht. Von allem Anfang an hatte ich die Hoffnung und die Chancen gesehen aber mein Wille war zu schwach. Geläutert betrete ich nun ein neues Reich, entspringe meinen Fesseln und neue Zauber treten an die Stelle alter. Die Freiheit, deren Preis so hoch ist, wer will sie erlangen, mich begleitend?
ich gebe alles und selbst mehr würde ich geben. Tränen, Atem, Blut, Schmerz, Trauer; all diesem entledige ich mich und zahle dafür nur mit dem Leben. Doch niemand nimmt mir die unsterbliche Liebe, diese unzerstörbare, nicht zu vernichtende, ewig andauernde Kraft, mehr brauche ich nicht, wenn ich sonst nichts fühle.
Ich zahle mit dem Licht, dem Aroma und der Endlichkeit des Lebens, ein andauerndes Vegetieren erwartet mich, ein simples Sein. Kein Weg führt daran vorbei, und wenn einer existierte, ich würde ihn nicht wählen. Nur wenig Zeit bleibt noch. Alles bewegt sich schneller, was ist mit der Welt geschehen? Wer soll mich noch aufhalten mit all dieser Energie in mir? Gefühle überkommen mich, etwas in meinem Herzen sträubt sich aus so abgrundtiefer Furcht und mit so vernichtender Vehemenz gegen die Wandlung, dass ich zweifle. Aber nicht lange.
Eine letzte Tat, gesetzt am Ende eines Lebens voller Taten. Die größte zwar und dennoch die feigste. Sie flößt mir Furcht ein, und verdient sie nicht dennoch, oder deswegen Respekt?
Warum schneidet sich mein Traum in zwei Hälften? Warum ist die eine weiß und die andere schwarz? Warum kehren all die Dämonen zurück, die ich schon längst besiegt oder verloren glaubte? Sie kämpfen. ich erkenne, sie kämpfen um mich. Ich sehe sie sterben, doch sie erwachen wieder zum Leben und kämpfen erneut. Ein ewiger Kampf um meine Seele? es kann keinen Sieger geben, höchstens in der Unendlichkeit. Kann soviel zeit verrinnen? Existiert soviel Zeit? Meine Zeit ist abgelaufen und wird dennoch niemals verrinnen. Es ist kein Warten sondern ein einziger großer Schmerz, die Strafe ist, dass es erträglich ist. Noch nie hat etwas so geschmerzt, nicht auf diese Art. Ein Riss zieht sich durch meinen Traum, mein Herz, meine Erinnerung. Er wird breiter und unüberwindbar.
Es gibt kein Zurück, es gab nie ein Zurück. Endet nicht jedes Leben in einem Kampf zwischen Weiß und Schwarz? Wer bestimmt den Sieger? Und wann? Gott am jüngsten Tag? Wer glaubt noch an Gott?
Ich glaube an ein Ende der Zeit und auch an einen Beginn. Davor und danach herrscht das Nichts. ich werde von meiner Existenz erlöst, ich werde nichts. Wie ist der Moment, in dem ich aufhöre zu sein? Ich kann mir nicht vorstellen wie es ist nicht zu sein. Wie ein tiefer Schlaf? Nein, wenn am Ende von allem Zeit, Raum, Materie und Energie aufhören zu existieren, wird etwas Neues, Unvorstellbares beginnen und davon ein Teil zu sein ist mehr wert als alle Schuld, aller Schmerz und aller Hass dieser Welt. Ich gebe auf, weil ich nicht hoffen kann und weil ich hoffe. Ich war nicht. Ich bin nicht. Ich werde nie mehr sein.
copyright: richard.groier.2000