"Heute ist mein Tag. Der Tag aller Antworten auf die ewigen Fragen der Menschheit. Man, hört sich das geschwollen an. Aber was solls. Es passiert halt nur einmal im Leben. Irgendwie ironisch, dieser Ausspruch. Klar dass es nur einmal im Leben passiert, dass man sich das Leben nimmt. Aber wie gesagt, was solls. Wenn ich das heute durchziehe werde ich nicht mehr das Nichts sein, das ich die ganze Zeit war. Ich werde endlich das Gesprächsthema No.1 werden, das ich schon immer sein wollte. Und ich werde endlich wissen, was nach dem Tod ist. Irgendwie schon cool. Blöd wäre es halt, wenn es stimmt, was die Nihilisten uns lehren wollten, dass es nach dem Tod aus ist. Ich will es endlich wissen. Was passiert wenn ich die Grenze überschreite. Na ja, jetzt habe ich schon die Briefe abgeschickt, und mich auf meine Weise von der verdammten Welt verabschiedet. Jetzt gehts los."
Mit diesen Worten nahm ich die Pistole, die vor mir blank geputzt auf dem Tisch lag, sah noch mal die Patronenkammer, und überprüfte ob die goldene Kugel auch wirklich am Anfang lag, und schob das Magazin wieder in die Pistole. Ich wollte mir halt sprichwörtlich den goldenen Schuss verpassen. Langsam und fast andächtig kniete ich in der Mitte meines Zimmers, das der Mittelpunkt meiner Welt war, und schob mir zu dem Song "Alles ist eins" von den Toten Hosen langsam den Lauf in den Mund. Dieser schmeckte noch immer nach purer Kotze, aber gleich war ja dieser eklige Geschmack auch vorbei. Und dann war es so weit. Langsam drückte ich den Abzug, hörte den Knall, und fiel um.
Nichts. Kein Gefühl, kein Bild, keine Empfindung durchzuckte meinen Körper. Alles war schwarz. Und obgleich dieser Zustand nur wenige Sekunden anhielt, schien es schier eine Ewigkeit zu dauern. Und dann war es, als würde die Wirklichkeit, sofern man das als Wirklichkeit benennen konnte, einen Riss bekam, und ich befand mich plötzlich in einem großen weißen Raum, der in alle vier Himmelsrichtungen kein Ende zu nehmen schien. Wie in einer Klapsmühle, dachte ich mir leise. "Da hast du vollkommen recht", sagte eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und fragte:" Wo kommst du her? Du warst vorher noch nicht da. Wer bist du überhaupt? Etwa Petrus?" Der Fremde konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen und sagte:"Na ja, fast hättest du es erraten. Nein, ich bin Gott." Ich brach in lautes Gelächter aus, und sagte:" Klar, und ich bin Elvis." Doch der junge Mann antwortete:" Na ja Elvis, dann bist du gut. Niemand der mal sterblich war kann an 2 Orten gleichzeitig sein. Und der King hat grad nen Starauftritt in dem Stadion in der Elmstreet. Also kannst du nur Ash sein. Bin ich nicht gut?", sagte der Mann und lächelte undurchsichtig. "Wenn du wirklich Gott bist, dann beweise es. Als ich 12 Jahre alt war hatte ich eine Katze. Ist sie von einem Auto überfahren worden, oder eines natürlichen Todes gestorben?", fragte ich, und ließ mir meine Überraschung, dass dieser alte Mann meinen Namen kannte nicht anmerken. "Du hattest eine Katze, und zwar als du 8 warst, und die ist an Rattengift gestorben, die sie bei eurem Nachbarn unter der Treppe gefunden hat.", sagte der Mann ernsthaft und in einem überzeugenden Ton. "He, das war nicht schlecht. Du hast wirklich was auf dem Kasten. Vielleicht bist du sogar wirklich Gott. Wenn ja, hab ich mir dich anders vorgestellt.", stellte ich erstaunt fest. "Das haben die meisten. Weil sie nichts über Gott wissen. Du bist ja jetzt tot, also kann ich dich ja in das göttliche Geheimnis einweihen. Also Ash, Gott ist keine Person, sondern ein Amt. So ungefähr wie bei euch ein Präsident. Nur halt wird seine Amtsperiode nach seiner Lebenszeit gemessen. Sollte der Hohe Rat jemanden ins Amt wählen, der vielleicht eine Woche alt geworden ist, so hat dieser nur eine Woche das Recht Gott zu sein. Wenn dieser aber hundert Jahre alt geworden ist, so wird seine Amtsperiode hundert Jahre währen.", antwortete der Mann, und konnte sich ein Lächeln über meinen wahrscheinlich überaus doofen Gesichtsausdruck nicht verwähren. "Aber wir haben doch von der Kirche gelernt, dass es nur einen Gott gibt.", sagte ich verwundert, und glaubte dem Mann seine Geschichte schon jetzt. Aus irgendeinem Grund kam er mir geradezu majestätisch vor. "Tja, die gute alte Kirche. Ich weiß nicht was ich mit ihr machen soll. Wenn ich ehrlich bin weißt du mit deinen Gedanken, die du immer hattest wenn du einsam warst mehr als die Kirche je wissen wird. Das ist auch der Grund warum ich dich persönlich willkommen heiße. Du bist einer der wenigen, die die meisten Geheimnisse von uns hier oben gelöst haben. Am meisten war ich von deiner Art beeindruckt, wie du dir den Himmel vorgestellt hast. Du warst der einzige Mensch, der 100% richtig gelegen ist. Natürlich ist der Himmel nicht voll mit auf Wolken sitzenden Engeln die Harfe spielen. Jeder Mensch bestimmt sein eigenes Paradies.", sagte Gott und schaffte es diesen Satz ohne das geringste Anzeichen von Atemnot auszusprechen. Diese Sätze klangen wie Engelsgesang in meinen Ohren. Endlich konnte ich die größten Abenteuer erleben, die ärgsten Alpträume ausleben, und würde auch bei den weiblichen Wesen nicht mehr abblitzen. "Das ist ja irre.", sagte ich:" Dann möchte ich als erstes in Nightmare on Elmstreet als kleiner Freddy umherrennen." Endlich würden alle meine Träume in Erfüllung gehen. Als Horrorfan musste das mein erster Schritt in die Ewigkeit werden. "Nicht so schnell mein Freund. Ich muss dich leider enttäuschen. Du hast dir das Leben genommen, und dir somit den Zugang zur Ewigkeit verwehrt.", sagte Gott, und seine Güte löste sich schier in Luft auf. In diesem Moment schien ich ein zweites Mal zu sterben. Alle meine Träume sollten sich in Luft auflösen? All das woran ich geglaubt habe war gerade daran zu zerbröckeln. Doch Gott fügte hinzu: "Ich wäre nicht Gott, wenn ich dir nicht noch ne Chance gebe. Du kannst dir dein Anrecht auf das Paradies wieder zurückholen, wenn du zwei göttliche Amtsperioden in der Hölle verbringst. Vergiss dabei nicht, dass die Dauer der Amtsperioden am Lebensalter der Menschen, die im göttlichen Amt sind, gemessen wird. Wenn jetzt zum Beispiel 2 Leute drankommen, die beide nicht mehr als ein paar Wochen gelebt haben, dann wird das nur ein kleiner Solariumsbesuch für dich." Bei den letzten Worten lachte Gott kurz und sprach dann weite: "Sollten aber 2 Leute drankommen die beide jeweils 100 Jahre gelebt haben, dann wird das ne verdammt lange Zeit für dich." Ich war verzweifelt. In meinem Leben hatte ich noch nie Glück, und auch jetzt wo ich tot war schien sich nichts geändert zu haben. Wenn ich in die Hölle gehe, dann werde ich sicher eine lange Zeit bleiben dürfen. "Was ist wenn ich nicht in die Hölle gehe?", fragte ich verzweifelt. "Dann wirst du für 10 Amtsperioden als Geist auf die Erde verbannt. Wenn du dich in den 10 Amtsperioden nicht noch anders entscheidest, und 2 Amtsperioden Hölle in Kauf nimmst, dann wirst du für immer als Geist auf der Erde herumirren. Innerhalb der 10 Amtsperioden hast du das Recht mit 2 Menschen in Kontakt zu treten. Sollten diese Menschen tot sein, bist du alleine. Du kannst sie frei wählen. Nach jeder Amtsperiode musst du dich bei dem neuen Gott melden, und vorbringen, ob du dich für die Hölle entschieden hast, oder auf der Erde bleiben willst. Während einer Amtsperiode hast du nicht das Recht mit Gott oder sonst einem anderen Wesen von uns hier oben in Verbindung zu treten, es sei denn du wirst gerufen. Solltest du einmal nicht zu uns kommen wenn wir dich rufen, ist deine Bewährungszeit, wie wir sie nennen, vorbei, und du wirst für immer ein Geist auf Erden bleiben. Und glaube mir, dass ist schlimmer als die Hölle.", sagte Gott. Ich war nun total verwirrt. Sollte ich die 2 Amtsperioden Hölle in Kauf nehmen? Nein. Ganz bestimmt nicht. Auf jeden Fall jetzt noch nicht. Also sagte ich fest entschlossen: "Ich entscheide mich für 10 Amtsperioden auf der Erde." Gott sah mich enttäuscht an und sagte mit gigantischer Stimme: "Du hast deine Wahl getroffen. So sei es." Und mir wurde schwarz vor Augen, ich stürzte, und bevor mein Körper den Boden des Saales berührte fiel ich in eine tiefe Ohnmacht.
Ich erwachte auf dem Boden von meinem Zimmer. Hatte ich das alles nur geträumt? Hat mich die Kugel verfehlt? Langsam stand ich auf, und als ich zurück auf den Boden starrte kämpfte ich gegen den aufkommenden Brechreiz, der mich überfiel, als ich meinen Körper auf dem Boden liegen sah. Als ich meinen Blick angeekelt wegdrehte sah ich auf meinem Schreibtisch ein Buch liegen. Das wäre nicht unüblich gewesen, denn auf meinem Schreibtisch lag immer sehr viel. Aber der Titel dieses Buches machte mich stutzig. Er lautet "Tot, aber trotzdem noch auf der Erde". Irgendetwas sagte mir, dass ich einen Blick in dieses Buch werfen sollte. Wie ich schon vermutet hatte stand in diesem Buch alles über das Leben nach dem Tot. Ich steckte es mir ein, weil ich sicher war, das ich es noch mal brauchen würde, und setzte mich in stiller Trauer auf mein Bett. Dort blieb ich auch als meine Eltern nach Hause kamen, mich fanden, und ich fuhr in dem Krankenwagen mit, der meinen Körper in die Leichenhalle brachte.
Die Tage bis zu meiner Beerdigung vergingen wie im Flug. Natürlich wohnte ich auch dieser bei, und war erstaunt wie viele Leute gekommen waren. Meine ganzen Tanten und Onkels, meine Halb-Schwester mit ihrer 3 Jahre alten Tochter, ihr Freund, der tierisch gelangweilt durch die Gegen schaute, mein bester Freund Laesh, der wirklich zutiefst betroffen schien, und natürlich meine Eltern. Beide sahen ziemlich geschafft aus, und ich wusste ja, dass sie seit meinem Tod weder gegessen noch geschlafen hatten. Plötzlich, als ich auf meinem Grabstein saß und mich von meinen Bekannten und Verwandten verabschiedete, überkam mich ein seltsames Gefühl in der Magengegend. Im nächsten Moment schrie ich vor Schmerzen, weil eine Art Blitz durch meinen Körper zu fahren schien. Mir wurde es wieder schwarz vor den Augen, und ich kippte vorwärts in mein Grab hinein.
Als ich meine Augen wieder öffnete fand ich mich in einem hell erleuchteten Raum wieder. Ich richtete mich auf, und mir gegenüber stand ein Mann in einer weißen Robe. Dieser Mann strömte die Weisheit von Gott aus, der er auch ohne Zweifel war, und so fragte ich ihn: "Ist die göttliche Amtsperiode schon wieder vorbei?" "So ist es. Seine Amtsperiode betrug 90 Jahre. Du bist im letzten Jahr zu uns gekommen. Das heißt, du hast die erste deiner 10 Amtsperioden auf der Erde bereits hinter dir. Also, willst du auf der Erde bleiben, oder sitzt du die 2 Jahre Hölle ab? Aber beeil dich bitte. Ich muss noch viele weitere wie dich befragen.", sagte der Mann. "Ich bleibe auf der Erde.", sagte ich entschlossen. "Okay, dein Pech. Du hast unser Buch erhalten? Gut. Lies es. Dort drinnen stehen deine Rechte. Eines wird dir sicher besonders gut gefallen. Wenn Menschen träumen darfst du in ihre Träume, und mit ihnen reden. Viel Spaß dabei", sagte Gott, und schickte mich auf die Erde zurück. Ich fand mich auf meinem Sarg liegend wieder, ich hatte also nichts versäumt. Ich dachte darüber nach, was Gott zu mir gesagt hat, und fand das toll. So konnte ich mich von meinen Eltern verabschieden ohne dass ich mein Recht auf Sprachfreiheit mit 2 Menschen vertun musste. Ich wollte sie nicht noch mehr belasten. Beim Essen nach dem Leichenfest war ich noch dabei, aber dann zog ich mich in mein Zimmer zurück. Cool war, dass ich weite Distanzen ohne Zeit- oder Kraftaufwand hinter mich bringen konnte.
In der darauffolgenden Nacht erschien ich in den Träumen meiner Eltern, und verabschiedete mich von ihnen. Es ging ihnen dadurch nicht besser, aber sie wussten jetzt wenigstens, dass es mir gut geht, und sie sollten den Schmerz wegen meines Todes sowieso hinter sich lassen. Also nahm ich mein Buch, verließ mein Elternhaus und machte mich auf die Reise ins Ungewisse.
Mein erster Weg führte nach Amerika. Zu Lebzeiten wollte ich immer schon dorthin. Und jetzt, da ich tot war, musste ich wenigstens keine Angst mehr haben, einem verrückten Amokläufer in die Hände zu fallen. Mein erster Weg führte mich nach Los Angeles. Genauer gesagt nach Hollywood. Ich wollte immer schon wissen, wie die Filmstars so leben. Jetzt hatte ich die Chance mir diesen Traum zu erfüllen. Doch auf die Dauer machte es mich nicht glücklich zu sehen, dass die glamouröse Filmwelt eigentlich nur Lug und Trug ist. Ich hatte mir alles anders vorgestellt. Ich wusste zwar, dass viele Schauspieler Drogen nehmen, aber gerade die, von dehnen man es am wenigsten erwartet hätte, waren in diesem Milieu bekannt wie bunte Hunde. Viel Geld hätte ich mit dieser Erkenntnis verdienen können, aber ich konnte ja mit niemanden reden, also nutzte mir die Erkenntnis auch nichts.
Ich reiste weiter durch die Lande, besuchte alle sehenswerten Orte, aber dadurch, dass ich ja verdammt schnell reisen konnte, hatte ich in 10 Jahren schon alles gesehen, was es zu sehen gab. Ich sehnte mich auch irgendwie nach dem Heimatland, so beschloss ich nach Hause zu reisen. Als ich zu Hause ankam, erlebte ich einen großen Schreck. Meine Eltern waren aus unserm Haus ausgezogen. Ich suchte meine Halb-Schwester auf, aber auch sie schien ausgezogen zu sein. Aber wohin? Ich konnte ja vieles, aber leider waren mir alle hellseherischen Fähigkeiten versagt. Kleiner Nebeneffekt, wenn man das Existieren auf Erden gewählt hat. Aber okay. Ich reiste bei meiner Oma vorbei. Sie war Gott sei dank noch zu Hause. Da ich ja nichts angreifen konnte, noch ne kleine Nebenwirkung, die sich als sehr problematisch erwies, konnte ich nicht in ihre Unterlagen schauen, auch nicht in ihr Adressbuch, so war es mir unmöglich den Aufenthaltsort meiner Eltern zu finden. Als ich meiner Oma ins Gesicht sah, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Ihr Gesicht war hager und düster, sie schien stark übermüdet zu sein, und auch ihre Haltung war gebückter, als ich sie kannte. Arme Frau. Sie schien viel durchgemacht zu haben. Sie tat mir irgendwie leid. Plötzlich klingelte das Telefon. Sie hob ab, und sagte: "Hallo? - Hallo Julia. Natürlich kannst du vorbei kommen. Nimm die Kleine auch mit. Okay, bis dann." Ah, sie hatte mit meiner Halb-Schwester gesprochen. Wenn die beiden zusammenkommen würden, dann würde ich endlich erfahren, was mit meiner Familie passiert war. Nach circa einer Stunde, die mir so endlos wie sonst nichts auf der Welt vorkam, fuhr endlich das Auto meiner Halb-Schwester vor. Sie stieg mit einem kleinen Mädchen aus. Es war mir ganz recht, dass ihr Freund nicht mitgekommen war, da ich ihn sowieso nicht leiden konnte. Als ich das Mädchen sah, wurde mir ganz warm ums Herz. Ich wusste zwar, dass das meine kleine Nichte war, aber da ich sie vor 10 Jahren das letzte Mal gesehen hatte, war ich erstaunt wie schnell sie sich zu einer wahren Schönheit entwickelt hatte. Auch meine Halb-Schwester hatte sich verändert. Sie war nicht mehr das kleine Mädchen von früher, sondern eine äußerst gut aussehende Frau. Die beiden betraten das Haus, und Julia begrüßte meine Großmutter aufs herzlichste. Während sie sich mit meiner Großmutter ins Wohnzimmer setzte, lief Conny, meine kleine Nichte, in das Zimmer, das schon meinem Vater und später mir gehört hatte. Dort setzte sie sich, wie ich es immer getan hatte, auf den kleinen Sessel, und las meine alten Comics. Ich wäre zwar gerne bei ihr geblieben, da ich liebend gern wieder einmal einen Blick in meine Comics geworfen hätte, aber ich war ja nicht hier um Comics zu lesen, sondern um herauszufinden, was mit meinen Eltern passiert war. Also verließ ich mein altes Zimmer, und begab mich zurück in das Wohnzimmer.
Dort hatte sich eine düstere Stimmung breit gemacht. Das Lächeln auf Julias Lippen war einem Ausdruck der Trauer gewichen, und auch meine Großmutter schien die aufgehende Freude über den Besuch meiner Schwester wieder erstickt zu haben, den sie sah so traurig aus wie eh und je. Plötzlich begann meine Großmutter zu sprechen:" Morgen in einer Woche ist der Geburtstag von meinem Sohn. Nimmst du mich wie jedes Jahr mit?" Julia antwortete:" Klar. Ich habe ihm doch versprochen, dass ich mich um dich kümmere. Jetzt ist es schon fast 5 Jahre her, seitdem er uns verlassen hat." Ich staunte. Mein Vater würde nie das Land verlassen, wenn meine Großmutter ihn brauchen würde. Um ehrlich zu sein würde er nicht einmal ins Ausland ziehen. "Ja, leider. Er hat das mit Ash nie verkraftet. Wenn dann nicht noch seine Frau im darauffolgenden Jahr gestorben wäre, hätte er es vielleicht geschafft. Aber dieser Todesfall hat ihm seine letzte Lebenskraft genommen, und er hat seiner Krankheit nachgegeben, und ohne seinen Lebenswillen konnte er den Tumor nicht überleben.", sagte meine Großmutter, und brach in Tränen aus. Auch meine Schwester konnte sich die Tränen nicht verkneifen, und so saßen beide eng beisammen auf der Bank, und versuchten sich gegenseitig zu trösten. Meine Eltern waren also gestorben. Zum ersten Mal in meinem Existieren als Geist tat mir mein Selbstmord leid. Wenn ich mir nicht das Leben genommen hätte, würden meine Eltern noch leben. Wenn ich noch weinen hätte können, wären mir die Tränen schon aus dem Gesicht geschossen, aber dadurch, dass ich nicht einmal mehr weinen konnte, blieb nur mehr der Schmerz. Er bohrte sich wie tausend Klingen auf einmal in mein Herz, und es schien, als würde eine unsichtbare Hand diese Klingen eine nach der anderen ganz langsam drehen. Das konnte es doch nicht gewesen sein. Und leider hatte ich damit recht. Denn meine Großmutter fing wieder zu reden an:" Und wie geht es Conny? Hat sie schon wieder gesprochen?" "Nein, schon seit das mit Ash passiert ist. Die Psychiater meinten, dass das ihre Art ist mit der Sache fertig zu werden, aber eigentlich hätte sie schon seit Jahren wieder sprechen sollen. Keiner weiß, ob sie überhaupt noch sprechen kann.", sagte Julia, und wurde still, als die Schritte von Conny am Gang zu hören waren. Meine Eltern tot? Das war der einzige Gedanke, den ich noch klar fassen konnte. Warum? Warum nur? Ich würde die eine Woche warten, um an das Grab meiner Eltern kommen zu können, und ihnen die letzte Ehre erweisen. Ich hoffte, dass dies meine Gewissensbisse lindern würde.
Die Woche verging wie im Flug. Ich verbrachte sie damit, meiner Halb-Schwester zu folgen, und fand einiges über sie heraus. Nicht nur das sie sich von ihrem Freund getrennt hatte, er saß im Gefängnis wegen Drogenmissbrauchs und schwerer Körperverletzung, sie hatte auch einen tollen Job als Bürofachfrau bekommen. Und Conny ging auf eine Privatschule, in der sie durch ihre psychische Sprachblockade keine größeren Probleme hatte. Julia sprach mit ihr nie über mich oder meine Eltern, aber sie träumte jede Nacht von schwarz gekleideten Menschen die mich oder meine Eltern töteten. Danach wachte sie jedes Mal schweißgebadet wieder auf. Ich nutzte meine Fähigkeit Träume zu lesen auch dazu, um in Connys Träume zu kommen, aber dort war es, als hätte sie ihre Gedanken hinter einer 2 Tonnen schweren Tür verschlossen, und der Schlüssel war irgendwo in ihr verloren gegangen.
Als die Woche vorbei war, und der anscheinende Todestag meines Vaters war, fuhr Julia zu meiner Großmutter, und beide fuhren zum Friedhof, in dem auch ich begraben worden war. Direkt neben meinem Grab war das Grab meiner Eltern, auf dem viele Arten von Blumen gepflanzt waren. Mein Grab hingegen war durch einen dicken Marmorstein verschlossen. Eine seltsame Stimmung machte sich in mir breit. Schon irgendwie komisch. Ich hatte mich zwar auf diesen Augenblick vorbereitet, aber als ich vor dem Grab meiner Eltern stand, erfüllt mich tiefe Trauer. Auf gewisse Weise war ich für ihren Tod verantwortlich. Ich stieß ein kurzes Gebet zum Himmel hinauf und verließ den Friedhof, um mich auf eine einsame Insel, die ich unlängst im Atlantischen Ozean gefunden hatte, zurückzuziehen, und dort setzte ich mich in den Sand, und versuchte mit meiner Trauer fertig zu werden. Ich war froh, dass ich noch mein Buch hatte. Obwohl ich ihm nie wirkliche Beachtung geschenkt hatte war es das einzige, dass mich vom Tod meiner Eltern ablenken konnte. Jetzt wusste ich, wie sie sich gefühlt haben mussten, als ich mich umgebracht hatte. Nur hatten sie nicht die Gewissheit, an meinem Tod Mitschuld zu haben. Bei mir war das schon so. Als ich Gedankenverloren in meinem Buch blätterte, fiel mir plötzlich ein Artikel auf. In dem stand, dass Hilfeleistung bei Menschen in Not nie verkehrt ist, und wenn man so einen Menschen kennt, sollte man seine Zeit für ihn opfern, und helfen wo man kann. Warum war ich nicht auf die Idee gekommen? Conny kann doch sicher auch Hilfe gebrauchen. Vielleicht konnte ich ihr helfen. Aber das war nicht so einfach. Ihre Träume sind mir verschlossen, und ich darf nur mit 2 Menschen in Kontakt treten. War es wirklich so wichtig, dass ich ihr helfe? Die Antwort konnte ich nur finden, wenn ich einen Tag nicht von ihrer Seite weichen würde. Also reiste ich zurück. Zu Hause angekommen machte ich mich sofort auf den Weg zu der neuen Wohnung meiner Halb-Schwester, um Conny zu finden. Als ich dort ankam saß sie gerade in ihrem Zimmer, und eine Psychiaterin war bei ihr. Um sich mit der Ärztin zu verständigen schrieb sie ihre Antworten auf ein Blatt Papier. Von ihrem Namensschild wusste ich, dass ihr Name Alison war. Sie bemühte sich sehr , und versuchte mit wirklich allen Tricks zu arbeiten, aber Conny ging auf nichts ein. Nur als Alisons Mappe vom Tisch fiel, sie sich bückte, und beim Aufsetzen gegen den Tisch stieß huschte für eine Sekunde ein Lächeln über Connys Lippen. Sie tat mir richtig leid. Als die Ärztin ihr Zimmer verließ schaute sie kurz bei meiner Halb-Schwester vorbei. Sie sagte ihr, dass sie wieder einmal keine Fortschritte erzielt hatte, und dass es langsam unausweichlich sei, dass Conny fix in die Klinik kommen sollte. Aber dem stimmte Julia nicht zu. Sie wollte, dass Conny ein ganz normales Leben führte. "Wenn sie wieder in die Klinik muss", sagte Julia:" dann wird sie sich noch mehr zurückziehen. Vergessen sie nicht, wie sie mit 7 für ein halbes Jahr in der Klink war. Sie hat seit dem keine Fortschritte mehr gemacht." Also war sie schon mal in einer Klinik. Das Problem dürfte schwieriger werden als ich dachte. Sie brauchte wirklich meine Hilfe. Sofern diese nicht zu spät kommen würde. Insgeheim verfluchte ich mich dafür, dass ich sie so lange allein gelassen hatte.
Ich schlug in meinem Buch nach, um herauszufinden, wie ich mir die Person aussuchen konnte, mit der ich reden wollte. In dem Buch stand, dass ich den Namen der Person auf einen Zettel schreiben, diesen dann zu einem Papierflieger falten, und in Richtung Himmel schicken sollte. Okay, also nahm ich einen der 2 beigelegten Zettel und den Stift, der bis jetzt nutzlos in meinem Buch gehangen war, und schrieb Connys Namen auf das Blatt Papier. Doch bevor ich den Zettel falten konnte spürte ich wieder dass seltsame Gefühl in meinem Bauch. War es wieder mal Zeit für einen Amtswechsel? Also wehrte ich mich nicht gegen die aufkommende Ohnmacht, sondern ließ mich einfach fallen.
Als ich die Augen wieder öffnete stand ich vor Gott. Es war seltsamerweise wieder der alte Gott, der vor 11 Jahren sein Amt angetreten hatte. Also fragte ich ihn:" Warum hast du mich gerufen?" "Weil du gerade dabei bist dein Recht auf Kommunikation an jemanden zu verschenken. Und ich finde, dass du das nicht tun solltest. Eigentlich müsste ich dir nicht helfen, aber ich tu es trotzdem. Warum willst du mit jemandem sprechen, der dir nicht antworten kann?", fragte Gott. "Weil ich ihr helfen möchte zur Sprache zurückzufinden. Ich bin schuld, dass sie sie verloren hat.", sagte ich, und wunderte mich, dass der Allwissende meine Beweggründe nicht kannte. Aber das spielte für mich keine Rolle. Ich wusste, dass Conny mich brauchte. "Okay, du hast deine Wahl getroffen. Also gewähre ich dir deinen Wunsch. Übrigens Ash, ich soll dir von deinen Eltern was ausrichten. Sie befinden sich bereits im Himmel, und ich soll dir sagen, dass sie verdammt enttäuscht von dir sind, weil du dich umgebracht hast. Sie können nicht begreifen, warum so jemanden wie du, zu so etwas schrecklichen im Stande war. Aber sie verzeihen dir, und hoffen, dass du dich bald für die Höllen entscheidest, den sie wären gern wieder mit dir vereint.", sagte Gott, und schien zu hoffen, dass ich mich jetzt für die Hölle entscheide. Aber ich hatte ein Ziel vor Augen. Und das verfolgte ich mit ganzer Kraft. Also sagte ich ihm: "Ich muss erst Conny helfen. Und nicht einmal dann werde ich in der Hölle gehen." "So sei es.", sagte Gott enttäuscht, und schickte mich auf die Erde zurück. Conny feierte gerade mit ihrer Mutter ihren 14 Geburtstag. Sie saß mit Julia am Tisch, und hatte vor ihr eine große Torte. Viele Geschenke lagen um die Torte herum. Außer Julia und Conny war auch meine Großmutter gekommen. Obwohl Julia und meine Großmutter lächelten, merkte ich schnell, dass dieses Lächeln nicht echt war. Connys Lächeln hingegen schien aus dem Herzen zu kommen. Es war anscheinend einer der wenigen glücklichen Augenblicke in ihrem Leben. Voller Freude blies sie die Kerzen aus, schnitt die Torte an, und reichte jedem ein Stück. Dann machte sie sich über die Geschenke her. Am meisten schien sie sich über das neue Buch von Wolfgang Hohlbein zu freuen. Sie fiel meiner Großmutter um den Hals, riss die Plastikhülle auf, nahm das Buch heraus, und fing gleich zu lesen an. Sie war genauso, wie ich zu Lebzeiten gewesen war. Obwohl sie noch einen Pullover und ein paar weitere Geschenke bekam freute sie sich über nichts so sehr wie über das Buch. Mir war auch schon aufgefallen, dass sie in ihrem Zimmer meine ganze Sammlung von Hohlbein Büchern stehen hatte, genauso wie ich es gewollt hatte, und sie hat meine Sammlung weiter geführt. Nachdem meine Großmutter gegangen war, schrieb sie ihrer Mutter auf einen Zettel gute Nacht, und verzog sich in ihr Zimmer. Das fand ich für genau den richtigen Augenblick, mit ihr in Kontakt zu treten.
Sie lag auf ihrem Bett und war in ihr Buch vertieft, als ich das Zimmer betrat. Ich setzte mich zu ihr ans Bett und sah sie lange an. Sie war wirklich bezaubernd. Es tat mir so unendlich um dieses wunderbare Wesen leid. Und ich war fest entschlossen, ihr wenigstens wieder zum Sprechen zu verhelfen. Also dachte ich kurz nach, was ich sagen sollte, und fragte kurz entschlossen:" Gefällt dir das Buch?" Sie nickte gedankenversunken, und las weiter. Doch nach ein paar Sekunden kam sie drauf, dass eigentlich keine männliche Stimme in dieser Wohnung sein dürfte. Schon gar nicht in ihrem Zimmer. Also blickte sie langsam auf. Als sie mich erblickte, zuckte ihr ganzer Körper zusammen und auf ihrem Gesicht sah ich den puren Schrecken. Ich sagte schnell:" Hab keine Angst, ich bins, Ash." Das war ein großer Fehler. Jetzt hatte sie vollends die Fassung verloren, sprang aus ihrem Bett, uns rannte aus dem Zimmer. Ich wusste zwar aus dem Buch, dass die Person mit der ich reden konnte auch meinen Körper sah, und zwar wie er 10 Minuten vor meinem Tod ausgesehen hatte, aber ich rechnete nicht damit, dass ich sie so erschrecken würde. Sie kam mit Julia zurück, doch da sie mich nicht sehen konnte, sagte sie dass da niemand wäre. Und da ich nicht mehr wollte, dass Conny mich sehen konnte, war ich für sie auch nicht mehr vorhanden, und somit schien die Sache erledigt zu sein. Als sie sich wieder zurück ins Bett legte dachte ich, wie ich meinen gescheiterten Versuch wieder gut machen konnte. Da fiel mir was ein. Ich nahm meinen Stift, ging zu Connys Schreibtisch, und schrieb ihr dort einen kurzen Brief. In dem stand: " Liebe Conny. Ich hoffe du bist mir nicht bös wegen vorhin. Ich möchte, dass du weißt, dass ich wieder da bin. Allerdings kannst nur du mich hören und sehen. Ich will dir helfen. Also, wenn ich jetzt gleich wieder sichtbar werde, hör mir bitte zu. Es ist sehr wichtig, was ich dir sagen möchte. Ash." Als nächstes flüsterte ich Conny ins Ohr, dass sie zu ihrem Schreibtisch gehen soll. Sie schlug die Augen auf, aber weil ich nicht wollte, dass sie mich sieht konnte sie niemanden entdecken. Aber sie ging trotzdem zum Schreibtisch, und las meine Nachricht. Sie sah sich fragend um, und ich machte mich wieder sichtbar, und sprach:" Bitte lauf nicht wieder raus. Sonst macht sich Julia noch Sorgen." Sie schrieb auf einen Zettel:" Ash? Bist du es wirklich?" "Ja Conny. Ich bin es.", sagte ich, und lächelte. Connys ernstes Gesicht wich einem Lächeln, das so viel Freude ausstrahlte, wie ich es noch nie gesehen hatte. Sie lief auf mich zu, und wollte mich umarmen, doch sie griff in die Luft. Ich sagte ihr:" Ich bin leider ein Geist. Du kannst mich nicht umarmen. Aber wenn du willst besuch ich dich heute Nacht in deinem Traum, und da kannst du mich auch berühren. Ich kann aber nur kommen, wenn du das möchtest." Conny nickte heftig, und so sagte ich zu ihr:" Gut. Dann schlaf schnell ein, und denk an mich, bevor du einschläfst." Und mit diesen Worten wurde ich wieder unsichtbar. Conny legte sich hin, und schlief sehr schnell ein. Weil sie so sehr wollte, dass ich in ihren Traum komme, bereitete es mir keine Schwierigkeiten das Portal zu durchschreiten, ein Szenario von ihrem Zimmer zu gestalten, und sie dorthin zu holen. Als sie mich sah fiel sie mir um den Hals, und begann zu meiner Überraschung zu sprechen:" Ash, ich freue mich so dich zu sehen. Warum bist du wieder hier? Bist du nicht im Himmel?" "Nein, ich bin leider noch nicht dort. Ich muss noch ein paar Sachen erledigen. Aber das erkläre ich dir später. Warum kannst du plötzlich wieder sprechen?", fragte ich voll Erstaunen. Sie ließ mich los, und setzte sich auf ihr Bett. Ich nahm mir einen Stuhl, und setzte mich ihr gegenüber. Nach einer schier endlosen Minute des Schweigens sagte Conny:" Wieso bist du zurückgekommen. Du bist doch tot, oder?" "Ja, ich bin tot. Aber ich bin wieder auf die Erde zurückgekommen. Ich darf dir leider nichts Näheres erzählen, und dazu bin ich auch nicht da. Ich möchte dir helfen. Warum sprichst du nicht mehr?", fragte ich, und sah sie durchdringend an. "Ich weiß es nicht. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal geredet habe. Und ich will auch nicht mehr.", antwortete Conny. "Aber du musst doch wieder reden. Du weißt doch, wie groß die Sorge deiner Mutter um dich ist.", sagte ich entsetzt. "Klar weiß ich das. Aber ich kann einfach nicht mehr. Immer wenn ich aufwache habe ich das Reden wieder verlernt.", sagte Conny mit einem traurigen Unterton. "Erlaubst du mir, in deinen Gedanken und Erinnerungen nach der Antwort zu suchen? Ich habe in meinem Buch gelesen, dass ich das kann, und zwar seit ich mit dir das erste Wort gewechselt habe.", erklärte ich. "Klar darfst du", sagte Conny überzeugt, und fragte aber:" Welches Buch meinst du?" "Darf ich dir leider nicht sagen. Aber eines Tages wirst du alles erfahren", sagte ich, und begann meine Reise in Connys Unterbewusstsein.
Ich ging bis an den Tag zurück, an dem ich gestorben war. Ich sah mein Begräbnis in einem schwarz-roten Bild durch die Augen von Conny. Ich merkte, dass es für sie ein sehr schmerzhaftes Erlebnis gewesen war. Das war der Tag, ab dem sie nicht mehr gesprochen hatte. Ihre letzten Worte waren: "Tod? Ash ist wirklich tot?"
Ich durchlief dann noch ein paar wichtige Stadien in ihrem Leben, aber was ich da an meinem Todestag gesehen hatte, erfüllte mich mit Trauer und Schrecken. Also war sie wirklich nur wegen mir stumm geworden! Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich es schaffen konnte, dass sie wieder reden konnte. Aber eine Sache machte mich stutzig. Früher konnte sie in ihren Träumen auch nicht sprechen. Erst seit dem Zeitpunkt, als ich auf gewisse Weise lebendig vor ihr stand. Wenn mein Gedankengang nicht falsch war, musste es also möglich sein, sie auch im wirklichen Leben wieder zum Sprechen zu bringen. Und zwar wenn ich als Mensch wieder vor sie treten würde. Irgendwie verrückt. Ich habe mir als Geist zur Aufgabe gemacht sie zu heilen, aber die einzige Möglichkeit dies zu vollbringen war, dass ich als Mensch wieder auf die Erde zurückkommen könnte. Und genau das war das Einzige, dass mir unmöglich war. Verdammt, das tat weh. Also ging ich aus ihrem Unterbewusstsein heraus, und trat wieder zu ihr in die Traumebene. Dort saß sie wie ich sie verlassen hatte auf dem Bett, und wartete auf mich. Als ich zurückkam fragte sie voller Hoffnung: "Und, weißt du, wie ich wieder zum Sprechen gebracht werden kann?" "Nein, leider nicht.", log ich sie an, und versuchte mit Mühe meinen enttäuschten Gesichtsausdruck zu verstecken. Ich konnte ihr einfach nicht die Wahrheit sagen. Wie hätte ich ihr beibringen sollen, dass ich daran Schuld habe, dass sie nicht reden konnte? Ich wusste die Antwort nicht.
In den nächsten Wochen wich ich nicht von ihrer Seite. Bei Tag unterhielten wir uns per Papier und Stift, in der Nacht sprachen wir über alles mögliche. Nur auf die Fragen über alles was nach meinem Tod passiert war konnte ich mit ihr nicht reden, da es mir verboten war. Aber das machte nichts. Conny war so froh, wenigstens in ihren Träumen wieder reden zu können, dass sie meistens redete, und ich dasaß, und ihren Worten lauschte. Zwischen uns beiden entwickelte sich eine tolle Beziehung, die weniger der von Onkel Halb-Nichte glich, sondern eher der von Freund Freundin. Ich war wirklich dabei, mich in sie zu verlieben. Und ihr schien es nicht anders zu gehen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass das zu einem großen Problem führen würde.
Eines Tages, es war nun schon ein halbes Jahr her, dass ich mit Conny Kontakt aufgenommen hatte, wurde ich wieder zu Gott beordert. Ich sagte Conny, als ich das Gefühl wieder hatte, das Gott mich rufen würde, dass ich für ein paar Tage weg müsste. Sie war sehr traurig darüber. Wir beide hatten im vergangenen halben Jahr eine echte Beziehung zueinander aufgebaut. Ich war der Meinung, da ja die Kirche, wie Gott mir schon versichert hatte, sich sehr oft geirrt hatte, dass es in keiner Weise gegen Gottes Willen war, dass wir eine Beziehung hatten, obwohl wir zwar nur sehr entfernt, aber doch, verwandt waren. Doch genau das war Gottes Grund mich zu rufen. Ich war nicht mehr verwundert, dass es noch der gleiche Gott wie bei meinem letzten Besuch war. Als ich vor ihn trat sagte er: "Ash, du bist mein Problemkind. Was soll diese Geschichte mit deiner Halb-Nichte? Du weißt doch, dass du das nicht tun darfst. Es war gegen den Willen des Gottes der dieses Gesetz erlassen hatte. Und da es eine vernünftige Regel war, haben wir sie beibehalten. Und die gilt auch für dich. Also halte dich daran." Ich antwortete:" Ich habe euer Buch gelesen. Darin steht, dass ich nun kein Mensch mehr bin, sondern nur mehr ein Wesen, dass zwischen der Erde und dem Himmel, zwischen den Sphären existiert . Das heißt, dass diese Regel für mich nicht mehr gilt. Ich bin ja nicht mehr Ash, sondern ein Wesen, das zwischen den Spheren lebt." Gott sah mich etwas überrascht an und sagte:" Du hast das Buch also wirklich gelesen. Hätte ich mir nicht gedacht. Du hast natürlich recht. Nur bedenke, dass eure Liebe, sofern man das so nennen kann, nicht für ewig dauern kann. Denn wenn du dich irgendwann einmal für die Hölle entscheidest, und dann in den Himmel kommst, bist du mit ihr wieder verwandt. Und wenn du für ewig auf der Erde bleibst, aus welchem Grund auch immer, wirst du sie nie mehr sehen, weil dir dann der Himmel für immer verwehrt ist. Also gib es auf." Gott versuchte mich damit einzuschüchtern, aber das schaffte er nicht. Da ich mir sicher war, dass ich in sie verliebt war, konnte ich mich nicht von ihr trennen. Also sagte ich zu ihm:" Auf der Erde gibt es ein Sprichwort. Das lautet "Wahre Liebe findet immer einen Weg". Und so wird das bei uns sein. Ich liebe sie, und sie liebt mich. Wir werden einen Weg finden." Gott schüttelte nur den Kopf und sagte: "Ich wusste zwar, dass du stur bist, aber ich dachte nicht, dass du so stur bist. Aber wenn das dein Wille ist. So sei es." Und mit diesen Worten war ich wieder auf der Erde.
Im selben Augenblick als ich angekommen war, wünschte ich, dass ich nie weggewesen wäre. Denn die Wohnung stand auf dem Kopf, die Tür sperrangelweit offen, und ein Mann raste gerade durch die Tür. Unter der Hand hatte er neben einer wertvollen Vase auch noch einen Sack, in dem sich wahrscheinlich alles Wertvolle aus dieser Wohnung befand. Doch all das war mir gleichgültig, als ich in die Küche sah. Dort bot sich mir ein Anblick des Grauens. Conny lag mit einer schweren Kopfverletzung in der Küche und bewegte sich nicht mehr. Die Sekunden, die ich brauchte um meinen Schreck zu überwinden, schienen wie endlose Stunden zu vergehen. Im ersten Moment konnte ich mich nicht bewegen. Dann fiel ich auf die Knie, und wollte sie berühren, aber meine Hand glitt durch sie durch, wie durch Luft. Was konnte ich nur tun? Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich stand auf, und reiste blitzschnell zu meiner Halb-Schwester, die gerade in ihrem Büro saß. Ich riss den Zettel aus meinem Buch und ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen schrieb ich den Namen meiner Halbschwester auf das Blatt Papier, faltete dieses und ließ es zu Himmel empor gleiten. Wenige Sekunden später spürte ich, dass ich mit ihr reden konnte. Ich blieb unsichtbar, als ich zu sprechen begann, und sagte zu ihr: "Julia, frag nicht was los ist. Ich bins, Ash. Du musst sofort zu Conny. Sie schwebt in Lebensgefahr." Julia sah sich erschrocken um. Ich fügte noch ein "Vertrau mir" hinzu, und das schien sie endgültig überzeugt zu haben, denn sie sprang auf, packte ihre Sachen und fuhr nach Hause. Inzwischen reiste ich zu Conny zurück, kniete mich neben ihr nieder, und sprach zu ihr: "Halt durch. Deine Mutter kommt schon. Du darfst mich nicht verlassen. Ich brauch dich doch."
Einige Zeit später traf auch Julia ein, und unmittelbar danach auch die Rettung. Julia schien die Rettung per Handy gerufen zu haben. Noch nie konnte ich diese Erfindung so sehr leiden wie jetzt. Julia wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, und von den Ärzten auf die Intensivstation gelegt. Ihre Wunde wurde zwar genäht, aber durch den Schlag auf den Kopf war sie ins Koma gefallen. Sie wurde an alle möglichen Geräte angeschlossen, die ihre Lebensfunktionen überprüfen und stabilisieren sollten. Als die Ärzte Julia und Conny allein im Raum ließen, weil sie im Augenblick nicht mehr für sie machen konnten, setzte sich Julia neben ihre Tochter ans Bett, hielt ihre Hand, und begann mit ihr zu sprechen:" Ich hoffe du kannst mich hören. Die Ärzte haben gesagt, dass du wieder gesund wirst. Du musst nur aus dem Koma aufwachen. Dann wird alles wieder gut. Hörst du mich?" Sie redete noch weiter, aber wiederholte immer die Phrase "Hörst du mich?", und schien auf irgendeine Reaktion zu hoffen. Aber die kam nicht. Ich stand einfach nur regungslos da, und starrte auf den scheinbar leblosen Körper. Plötzlich hörte ich Julia sagen: "Ash, wenn du mich hören kannst, dann hilf bitte meiner Tochter." In meinem Buch hatte ich viel über das Koma gelesen. Wie gesagt, ich dachte nie, dass es mir einmal was nützen würde, aber jetzt machte es sich bezahlt, dass ich mich auf der Insel durch das Buch durchgequält hatte. Also machte ich mich für kurze Zeit sichtbar, und sagte zu meiner Schwester, die mich erstaunt anstarrte:" Ich werde mein Bestes versuchen.", und mit diesen Worten verschwand ich auch. Ich drang auf die Bewusstseins-ebene ein, auf der sich Conny gerade befand. Sie sah wirklich genauso aus, wie sie in meinem Buch beschrieben war. Eine karge Landschaft, die nur auf ein Zentrum hinzuführen schien, das durch eine riesengroße Schlucht dargestellt wurde. Und am Rande dieser Schlucht stand Conny. "Conny. Bleib stehen. Geh nicht weiter.", schrie ich, und rannte auf sie zu. Doch sie bemerkte mich nicht. Sie schritt zwar langsam aber unaufhörlich auf die Schlucht zu. Ich erreichte sie knapp fünf Meter vor der Schlucht, und riss sie an ihrem Arm zurück. Sie schien in Trance gewesen zu sein, die aufhörte, als ich ihren Arm berührte. Als sie mich sah fiel sie mir in die Arme, und erzählte mir was passiert war. Sie hatte kurz die Wohnung verlassen, und war spazieren gegangen. Als sie zurückkam stand ein Mann neben ihrer Wohnung, den sie noch nie gesehen hatte. Aber sie dachte nicht weiter, und sperrte ohne Bedenken ihre Wohnungstür auf. Als sie die Tür zumachen wollte, schlüpfte der Mann zwischen Tür und Türrahmen hindurch, und bedrohte sie mit einer Pistole. Er zwang sie in die Küche, sie musste sich hinknien, und hatte schon Angst, dass der Mann sie erschießen würde. Statt dessen schlug er ihr mit den Griff auf den Kopf, und zertrümmerte ihr dabei den Schädel. Das Letzte was sie noch wusste war, dass sie von einer Stimme gerufen wurde, die ihr sagte, dass sie zur Schlucht kommen sollte. Diese Stimme sagte ihr, dass wenn sie in die Schlucht springen würde, dass sie dann wieder aufwachen würde. Ich kannte diese Geschichte aus meinem Buch. In der Mitte von der Schlucht saß ein Wesen, dass die Seelen der Menschen frisst, die ins Koma fielen. Damit starb dann auch der Körper der betreffenden Personen, und der Weg für die Seelen der Opfer in den Himmel war somit für immer versperrt. Ich war froh, dass ich Conny noch rechtzeitig gefunden hatte.
Doch das Wesen schien sich damit nicht zufrieden zu geben. Plötzlich kam aus der Mitte der Schlucht ein Tentakel, dass sich um Connys Bein schlang. Voller Verzweiflung klammerte Conny sich an mir fest, aber es half ihr nicht viel. Erst als ich sie mit beiden Händen fest hielt war das Kräfteverhältnis fast ausgeglichen. Aber leider nur fast. Das Wesen zog uns erbarmungslos ins Zentrum der Schlucht. Conny schrie vor Angst und Schmerzen. Das Tentakel hatte schon blutige Striemen in Connys Bein geritzt. Plötzlich schoss mir ein Spruch aus meinem Buch durch den Kopf. Ich hatte ihn schon zu Lebzeiten gehört, und es hat mich damals verwundert, ihn in diesem göttlichen Buch zu lesen. Dieser Spruch lautete "Die Feder ist mächtiger als das Schwert". Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, als ich den Sinn dieses Spruches verstand. Ich versuchte Conny so gut wie nur möglich mit einer Hand zu halten, und griff mit der anderen in meine Tasche, wo immer mein Buch steckte, und nahm meinen Stift heraus. Ich schrie voller Aufregung zu Conny vor: "Conny, ich glaub ich weiß, wie wir entkommen können. Halt dich am Boden fest, und lass nicht los. Schaffst du das?" Sie antwortete: "Ja, aber beeil dich. Ich kann nicht mehr lange." Ich wartete bis Conny Halt am Boden gefunden hatte, ließ sie dann los, und lief zu dem Ende des Tentakels, das sich um Connys Bein geschlungen hatte. Ich sah im Augenwinkel das wir uns schon knapp an der Schlucht befanden, aber das war im Moment nur nebensächlich. Ich kniete mich neben ihrem Bein nieder, ergriff das Tentakel, und zeichnete mit dem Stift einen Strich auf das Tentakel. Sofort verwandelte sich der Strich in eine Wunde. Ich hatte recht. Sobald ich es mit den Stift berührte, empfand es Schmerzen, die allzu deutlich durch eine große Wunde sichtbar wurden. Doch das Wesen schien nicht so schnell aufzugeben zu wollen, denn es zog immer stärker an Connys Fuß, und ich sah, dass sie langsam aber unaufhörlich in den Abgrund gezerrt wurde. Also verlor ich keine Zeit und begann auf das Tentakel des Wesens mehrere Striche aufzutragen, die sich in klaffende Wunden verwandelten Ich bildete mir ein, den stummen Schmerzensschrei des Monsters zu hören, als ihm nach einer kurzen Bearbeitung mit meinem Stift das Tentakel einfach abfiel. Doch es hatte Conny schon so weit an den Rand gezogen, dass diese am Rande des Abgrunds lag, und schon im Begriff war abzurutschen. Voller Entsetzen ließ ich meinen Stift fallen, und schenkte dem Tentakel, das gerade seine letzten Zuckungen durchlebte, keine Beachtung, und sprang auf den Abgrund zu. Doch es schien schon alles zu spät gewesen zu sein, den Conny gab den scheinbar hoffnungslosen Kampf auf, und ließ die Klippe los. Am Rand angekommen streckte ich mich, und griff in die Tiefe. Ich schaffte es gerade noch Connys Hand zu ergreifen, aber ich wäre fast selbst in den Abgrund gestürzt, wenn sich mein Fuß nicht in einem Baumstumpf verhangen hätte. Doch das Übel war noch nicht vorbei. Ganz im Gegenteil, denn als ich Connys Hand berührte merkte ich, dass ich zu Gott gerufen wurde. Und diesmal war das Gefühl der Ohnmacht stärker als je zu vor. Aber ich konnte Conny doch nicht im Stich lassen. Ich hatte versprochen sie zu retten, und ich hatte mich ja auch in sie verliebt. Obwohl, wenn ich sie rettete, und somit nicht vor Gott erscheinen würde, würde ich für alle Zeiten ein Geist bleiben. Aber wenn ich mich retten würde, würde sie abstürzen, und ihre Seele wäre für immer verloren. Dies war die schwerste Entscheidung die ich je zu fällen hatte, und obgleich ich nur ein paar Sekunden für die Entscheidung brauchte, war ich hundertprozentig sicher, bei dem was ich tat. Ich erinnerte mich an ein Sprichwort, dass ich auf Erden mal gehört hatte, und zwar " Wenn du die wahre Liebe gefunden hast, dann halte an ihr fest". Und das war was ich tat. Ich schrie, dass ich nicht vor Gott kommen werde, und legte meine Anstrengungen in die Rettung meiner großen Liebe. Unter sehr großen Anstrengungen schaffte ich sie aus der Schlucht zu ziehen, und somit ihr Leben zu retten. Oben angekommen sank sie neben mir zusammen, und blieb vor Erschöpfung reglos liegen. Erst als ich mich weitgehend von der Anstrengung erholt hatte, ich wusste gar nicht, wann ich mich das letzte Mal so angestrengt hatte, war ich imstande sie an ihrer Schulter zu nehmen, und sie sanft zu rütteln. Als sie sich nicht rührte, senkte ich sanft meinen Kopf, und küsste sie zärtlich auf die Lippen. Durch diesen Dornröschenkuss wachte sie auf, Und sah mir in die Augen. Ich sagte zu ihr: "Wir müssen gehen. Ich kenne jemanden, der auf dich wartet." Mit diesen Worten stand ich auf, und half auch Conny. Doch ihr Fuß war zu stark verletzt, und sie war außerstande zu gehen. Also trug ich sie, und wir erreichten den Rand dieser bizarren Traumwelt. Ich sah ihr noch mal kurz in die Augen, sagte ihr, dass ich jetzt gehen müsste, und warf sie über den Rand des Komas in die reale Welt zurück. Sie schrie mir noch etwas zu, aber ich konnte sie nicht mehr verstehen. Das war auch gut so, denn ich wusste, dass ich mich jetzt vor Gott verantworten musste. Und hinsichtlich der Strafe, die mich erwartete, war ich froh, dass der Abschied so kurz wie nur möglich ausfiel.
Obwohl es mir verboten war musste ich von der Ebene des Komas ohne Gottes erneuter Aufforderung in den Himmel. Ich wusste nicht, was Gott jetzt mit mir machen würde, aber es würde sicher dazu führen, dass ich meine geliebte Conny nie mehr sehen würde. Einmal, als ich sie beobachtete, als sie schlief, habe ich sie gezeichnet. Diese Zeichnung befand sich in meinem Buch, das ich mitsamt dem Stift wieder aufhob, und meine Reise antrat. Ich hatte mich darauf vorbereitet auf der Ebene zu landen, auf der ich jedes Mal noch Gott gegenüber gestanden hatte, aber dem war nicht so. Statt dessen landete ich in einem Raum, der nur auf einer Seite durch eine mehrere Meter hohe Tür verschlossen wurde. Dort wartete schon ein Mann auf mich. Als er mich sah kam er auf mich zu und sagte: "Hallo Ash. Ich bin dein Verteidiger. Wir werden gemeinsam vor den Hohen Rat treten." "Warum, ich muss doch vor Gott, damit er über mich richtet.", fragte ich erstaunt. "Nein, so einfach ist das nicht mehr. Du hast dich einem direkten Befehl von Gott widersetzt. Dies hat eine Anzeige nach sich gezogen, die vor den Hohen Rat getragen wird. Du bist bis jetzt erst der 3, der den Hohen Rat zu sehen bekommt. Außer den himmlischen Wesen natürlich.", sagte mein Anwalt. "wer waren die ersten beiden?", fragte ich. "Wieder mal im Religionsunterricht nicht aufgepasst. Das ist wieder einmal typisch für euch Jugendliche. Die ersten beiden waren natürlich Adam und Eva. Seither hat kein Gott mehr direkt mit den Lebenden geredet. Als du zu uns gekommen warst, warst du der Erste seit den beiden, der mit Gott und nicht mit einem seiner Erzengel geredet hat.", sagte der Anwalt und sah mich dabei an, als würde er mir diese Ehre nicht gönnen. Plötzlich öffneten sich die Tore, und ich ging hinter meinem Anwalt in den Saal des Hohen Rates.
Dort erwartete mich ein gigantischer Anblick. Ich wusste sofort, dass der Hohe Rot nicht nur wegen seiner Stellung, sondern auch wegen seiner körperlichen Größe den Namen erhalten hatte. Vor mir saßen 3 Riesen. Ich hatte eigentlich mit alten Männern mit weißen Bärten gerechnet, aber vor mir saßen Leute in ihren besten Jahren, zumindest vom Äußeren. Ich musst direkt neben meinem Anwalt gegenüber von ihnen Platz nehmen. Etwas weiter entfernt von mir auf der rechten Seite hatte Gott Platz genommen. Als er zu mir hinüber sah schienen seine Augen zu sagen: "Ich habe dich gewarnt. Jetzt musst du die Konsequenzen tragen." Der Mittlere der drei fing an zu sprechen: "Wir sind hier heute zusammengekommen, um eine Anhörung im Fall Gott gegen Ash durchzuführen. Der Rat erteilt Gott das Wort." Nachdem sein Name genannt wurde stand Gott auf, und begann zu sprechen: "Vor wenigen Stunden rief ich Ash zu mir. Ich wollte mit ihm ein Gespräch über seine Situation führen, wie es meine Erzengel schon oft mit den ihnen Anvertrauten führten. Er hielt es aber für wichtiger einem Menschen zu helfen, als meiner Aufforderung nachzukommen." Als Gott mit dem Sprechen fertig war setzte er sich wieder hin. Der Hohe Rat sah mich an, und ich stand auf, und begann zu sprechen: "Ja, es stimmt. Ich bin der ausdrücklichen Aufforderung von Gott nicht nachgekommen, weil mir das Leben dieses Menschen wichtiger ist als mein Eigenes...." Doch plötzlich unterbrach mich mein Anwalt und sagte: "Ich bitte vielmals um Entschuldigung euer Ehren. Aber mein Mandant weis nicht was er sagt. In Wirklichkeit war er sich nicht bewusst, dass er zu diesem Zeitpunkt eine von Gott gegebene Anweisung missachtete." "Nein, das ist nicht wahr. Ich wusste es genau. Aber ihr Leben ist mir nun mal wichtiger als alles auf der Welt und darüber hinaus. Wenn ich bestraft werde, weil ich einem Menschen das Leben gerettet habe, so möchte ich bitte nicht nur für die Ewigkeit, sondern sogar darüber hinaus bestraft werden und als Geist auf Erden wandeln. Ich würde sogar dafür durch die schlimmsten Qualen der Hölle gehen. Denn dann wäre alles an das ich geglaubt habe falsch. All das was in eurem Buch steht, über Nächstenliebe, Freundschaft und Vertrauen, all das, an das die Menschen glauben, sich daran klammern, und nie aufgeben, all das wäre dann eine Lüge. Und ich möchte nicht weiter mit einer Lüge leben müssen. Wenn dem wirklich so ist, dann bitte ich euch sogar um Bestrafung, weil ich so dumm war zu glauben, dass es so etwas wie Barmherzigkeit gibt." Mit diesen Worten setzte ich mich nieder, wischte mir eine Träne, die mir durch meinen Enthusiasmus in das Auge gestiegen war, von der Wange, und sah den Hohen Rat fordernd an. Meine drei Richter sahen sich kurz an, nickten, und drehten sich wieder zu Gott. Der Mittlere begann wieder zu sprechen: "Wir geben dem Antrag von Gott statt." Dann drehte er sich zu mir, und ich war bereit meine Strafe zu empfangen. Der Mittlere begann mit erhobener Stimme zu mir zu sprechen: "Du hast das Leben eines Menschen über dein eigenes gestellt. Du hast eine Seele gerettet, und hast dadurch aber deine in Gefahr gebracht, für immer verloren zu sein. Du hast einem Menschen der nicht sprechen kann geholfen, einen wichtigen Schritt in Richtung Heilung zu gehen. Du bist aber nichts desto trotz der ausdrücklichen Aufforderung von Gott nicht nachgekommen. Dies verlangt Bestrafung. Aber wegen deinem selbstlosen Handelns wird dir die Strafe gemildert. Du wirst als Mensch auf Erden zurückkehren. Und zwar als Jugendlicher, als der du die Erde verlassen hast. Du wirst ein ganz normales Leben führen dürfen, und als alter Mann sterben. Aber es werden dir nach deinem Tod alle Rechte genommen, und du wirst dir deinen Himmel nicht selbst aussuchen können, sondern nur in den Wünschen anderer existieren können. Du kannst die Personen zwar frei wählen, aber du darfst ihre Wünsche nicht verändern. Wenn du zum Beispiel bei einer Frau landest, die unbedingt eine Teeparty veranstalten will, wirst du dieser Teeparty beiwohnen. Außerdem wirst du von dem Recht entbunden an den Ausscheidungen für das göttliche Amt teilzunehmen. Doch bevor du in den Himmel darfst, wirst du 5 Jahre in der Hölle verbringen müssen. Nimmst du deine Strafe an, oder willst du lieber als Geist auf Erden wandern, und zwar bis zum Ende aller Tage?" Ich konnte mein Glück nicht fassen. Das würde ja bedeuten, dass ich noch ein ganzes Leben mit Conny verbringen kann. Meine größten Träume gingen in Erfüllung. Also schritt ich vor den Hohen Rat, kniete ehrfürchtig nieder und sagte, dass ich mit der Strafe einverstanden bin, und bedankte mich für ihre Gerechtigkeit mir gegenüber. Als ich aufstand gingen Gott und mein Anwalt nebeneinander aus der Halle, und Gott sagte zu ihm: "Na Michael, diesmal hattest du ja nicht viel zu tun." Und mein Anwalt, der anscheinend einer der Erzengel war, antwortete: "Ja, der Junge hätte das Zeug zu einem guten Nachfolger von dir. Er kann auch so gut reden wie du." Danach verschwanden beide aus der großen Halle. Ich trat noch einmal vor den Rat, und bat: "Ich hätte da noch eine Frage an euch, wenn ihr mir zu sprechen gestattet." Diesmal antwortete der Rechte und sagte: "Wir können dir das Geheimnis des Lebens nicht verraten. Damit musst du warten, bist du tot bist." Doch ich sah sie verdutzt an, und sagte: "Das wollte ich eigentlich gar nicht wissen." Darauf fragte der Linke: "Was willst du dann wissen?" Ich fragte darauf verlegen: "Ist das mit der Teeparty wirklich notwendig?" Diese Frage löste ein lautstarkes Gelächter bei den Dreien aus, das ich noch hörte, als ich schon wieder auf Erden war. Als ich an mir herunterstarrte war ich überrascht. Ich war wieder aus Fleisch und Blut. Nach nunmehr dreizehn Jahren spürte ich meinen Körper wieder. Ich war so glücklich, dass ich fast zu weinen begonnen hätte, und im ersten Moment gar nicht bemerkt hatte, wo ich war. Ich stand mitten am Gang von dem Krankenhaus, in dem Conny lag. Totale Aufregung machte sich in mir breit. Endlich würde ich sie auch außerhalb der Traumwelt berühren können, ich konnte sie in den Arm nehmen, und immer für sie da sein. Leise öffnete ich die Tür. Oh, wie angenehm war es, wieder Gefühle zu haben. Ich wollte den Türgriff gar nicht mehr loslassen. Auf Zehenspitzen schlich ich ins Zimmer. Conny schien immer noch nicht aufgewacht zu sein. Und Julia lag an ihrem Bett und war eingeschlafen. Es schien, als wäre sie nie von der Seite ihrer Tochter gewichen. Ich sah die beiden kurz an, und wusste sofort, was zu tun war. Auf Zehenspitzen schlich ich in Connys Bett, lehnte mich über sie, und küsste sie zärtlich auf die Lippen. Wieder wachte sie durch diesen Dornröschenkuss auf. Als sie die Augen aufschlug, und mich in Fleisch und Blut neben sich stehen sah, strahlte sie mehr Freude aus, als zehn Atomkraftwerke nebeneinander strahlen könnten. Und dann kam etwas, was mich wahrscheinlich am meisten an diesem wundervollen Tag freute. Sie sagte: "Ash. Du lebst. Träum ich? Du lebst!" Sie umarmte mich, und wir beide bemerkten nicht, dass Julia sich bewegt hatte. Als sie aufwachte starrte sie mich verdutzt an. Aber dann lächelte sie, und sagte: "Ich brauch wohl nicht zu fragen, wer du bist, oder?" "Nein Schwesterchen", sagte ich: "Ich bin wieder zurück." "Ich bin so froh. Du hast mir doch gesagt, dass Conny niedergeschlagen wurde, und du hast ihr doch geholfen. Du musst ein Engel sein. Wie kann ich dir je danken.", sagte Julia, und die Tränen stiegen ihr in die Augen. "Es ist lieb von dir, dass du mich für einen Engel hältst. Aber ich habe schon 2 Belohnungen bekommen. Die erste ist das Leben. Ich habe einen neue Chance bekommen, um alles besser zu machen. Schau nicht so. Es stimmt. Ich lebe wieder. Und mein zweites und wahrscheinlich noch größeres ist ein Wunder.", sagte ich, und lächelte breit. Und Conny setzte noch etwas ungeschickt hinzu: "Ash hat mich geheilt. Er hat mir nicht nur mein Leben gerettet, sondern hat mir auch meine Sprache zurückgegeben." Als Julia hörte, dass ihre Tochter wieder sprechen konnte, konnte sie sich nicht mehr halten. Sie riss ihre Tochter aus meinen Armen, und drückte sie fest an sich. In diesem Augenblick kam der Arzt ins Zimmer, sah mich erst verwundert an, da er ja nicht wusste, dass ich auch dazu gekommen war, und sagte, dass Conny jetzt Ruhe brauchte, und wir gehen sollten. Also standen wir beide auf, ich küsste Conny noch zum Abschied, und merkte, wie meine Halb-Schwester Julia etwas verwundert schaute. Mir schien heute würde nicht eine Nacht des Schlafes, sondern eine der Erklärungen folgen.
"Du musst mir jetzt alles ganz genau erklären. Was ist eigentlich passiert?", sagte Julia, und sah mich fragend an. "Das ist eine viel zu lange Geschichte, um sie jetzt zu erzählen. Außerdem ist die Geschichte schier unglaublich.", antwortete ich. Aber Julia behauptete:" Ich werde dir schon glauben." Ich antwortete nicht, sondern lachte nur leise vor mich hin. Ja, sie würde mir glauben, dachte ich, und griff an meine hintere Hosentasche, in der sicher verstaut mein Buch war.
Nun ja, jetzt ist die Geschichte doch noch gut ausgegangen. Als ich im Gerichtssaal stand, da dachte ich schon, dass alles aus sei. Sie wundern sich sicher, warum ich jetzt gerade Sie anspreche. Es ist doch so, dass Bücher unser Leben beeinflussen können. Meine Geschichte, die ich Ihnen gerade erzählt habe, kann leider auch falsch ausgelegt werden. Ich möchte auf keinen Fall behaupten, dass Selbstmord eine Lösung ist. Damals dachte ich es, doch im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, das Selbstmord eigentlich nur noch mehr Probleme bringt, als er bewältigt. Also, lange Rede, kurzer Sinn, ich habe den Tod durchlebt, ich habe den Schmerz der Einsamkeit ertragen, und ich bin vor dem höchsten Gericht gestanden. Also denke ich, dass ich schon genug durchgemacht habe, um mit Sicherheit sagen zu können, dass Selbstmord wahrscheinlich das Dümmste ist, was man machen kann.
Ich danke Ihnen, dass sie so aufmerksam meiner Geschichte gefolgt sind.
ASH